Adam Riese

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Moritz Lilie
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Adam Riese
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 343–344
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Ries.PNG
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[343]

Adam Riese.

Von Moritz Lilie.
Die Gartenlaube (1892) b 343.jpg

Gelten die nachstehenden Zeilen auch keinem gewaltigen Helden des Schwertes, keinem bahnbrechenden Erfinder oder hochgelahrten Manne der Wissenschaft, so ist sein Name doch in aller Munde, soweit die deutsche Zunge klingt. Wer hätte das geflügelte Wort: „Nach Adam Riese“ nicht schon gebraucht, wenn es sich um die Bekräftigung irgend einer für unumstößlich richtig geltenden Rechnung handelte! Und für so untrüglich gilt die mathematische Beweisführung des großen Rechenmeisters, daß die Berufung auf ihn jeden Zweifel ausschließt. Vier Jahrhunderte haben nicht vermocht, den Ruhm des in seiner Art einzigen Mannes zu verwischen, und je mehr seine Wissenschaft alle Schichten des Volkes durchdrang, desto rückhaltloser wurden seine Verdienste gewürdigt.

Adam Riese, wie die jetzt gebräuchliche Schreibweise lautet, während er selbst in handschriftlichen Ueberlieferungen sich auch Ries, Ris und Ryse nennt, war im Jahre 1492 zu Staffelstein bei Bamberg geboren. Der Umstand, daß er sich zuweilen „Riese von Staffelstein“ unterschrieb, hat zu dem Irrthum geführt, er entstamme einem fränkischen Adelsgeschlecht, während er wahrscheinlich einer Bauern- oder Handwerkerfamilie angehörte, denn der Name ist noch jetzt in den Dörfern der Umgebung Staffelsteins ziemlich häufig anzutreffen. Etwas Genaues darüber ist nicht zu ermitteln gewesen, wie die Jugendzeit des berühmten Rechenmeisters überhaupt in undurchdringliches Dunkel gehüllt ist. Erst 1522, als er bereits im dreißigsten Lebensjahre stand, wird sein Name das erste Mal öffentlich genannt, als zu Erfurt sein kleines Rechenbuch unter dem Titel: „Rechenung auff der Linien vnd Federn“ erschien.

Drei Jahre später finden wir ihn in der sächsischen Bergstadt Annaberg im Erzgebirge, wo er eine Anstellung als Bergbeamter gefunden hatte. Auf welche Weise er dorthin gelangte, ob durch Berufung oder aus eigenem Antrieb, ist ebenfalls nicht festzustellen, jedenfalls aber gab ihm seine Thätigkeit als Receßschreiber die Anregung, sich eingehender mit der Rechenkunst zu beschäftigen und als Lehrer derselben aufzutreten. Richters „Chronik von Annaberg“ berichtet: „Außer der Schule hatten auch andere gelehrte Schulmänner zu Annaberg Schulen in ihren Häusern“, und mit besonderem Nachdruck wird „Adam Rieße, der berühmte und vortreffliche Rechenmeister, welcher eine sehr große und beruffene Schule hatte“, hervorgehoben.

Die zweite Auflage des gedachten Rechenbuches erschien 1525, aber erst elf Jahre später gelangte eine zweite Schrift von Riese zur Ausgabe, eine Anleitung, den Preis des Brotes nach der Höhe des Getreidepreises zu berechnen. Der Chronist Jenisius erwähnt diese Arbeit mit folgenden Worten: „Man hat auch den Bäcken im Brodkauf gewisses Gebot und Maaß gegeben. Derhalben auch die Brodordnung, wie schwer dasselbe nach Gelegenheit des Getraidekaufs sein sollte, von Adam Risen, Rechenmeistern, 1536 in offenen Druck gegeben ist.“

Nun tritt abermals eine längere Pause in der schriftstellerischen Thätigkeit des vielbeschäftigten Mannes ein, dessen Zeit offenbar von seiner amtlichen Stellung und seinem Lehrberuf fast ganz in Ansprnch genommen war. Gerade seine Lehrthätigkeit aber ließ ihn immer mehr erkennen, wie kläglich es um die litterarischen Hilfmittel seiner Kunst bestellt war und wie schwer infolgedessen ein geordneter Unterricht wurde. Sein kleines Rechenbuch genügte ihm nicht mehr, und er schrieb daher seine „Practica“, ein Werk, das auch die höheren Stufen des Rechnens ins Auge faßte. Dieses Buch soll schon im Jahre 1525 fertig gewesen sein, erschien aber erst 1550 in Leipzig. „Den Schlüssel zu dieser späten Herausgabe“ – sagt Bruno Berlet in einer sehr fleißig gearbeiteten Untersuchung, welche in einem Jahresbericht über die Realschule zu Annaberg enthalten ist – „liefert uns Riese selbst in der ehrfurchtsvollen Widmung des Buches an Kurfürst Moritz, indem er darin offen gesteht, daß er ‚zur edirunge solchs buchs die gnedigst vorstreckung durch Euer Chur-Fürstlichen Gnaden gnedigst gefordert.‘“ Es fehlte Riese also an Geld, um die zu jener Zeit allerdings nicht geringen Kosten für den Druck seiner Schriften aus eigenen Mitteln bestreiten zu können. Darum ist wohl auch sein drittes Werk, die „Coss“ (von dem italienischen regola de la cosa, Algebra) betitelt, nicht gedruckt worden. Die interessante, 534 Seiten umfassende Handschrift befindet sich in der Kirchen- und Schulbibliothek zu Marienberg im Erzgebirge. Einige andere Handschriften des berühmten Rechenmeisters enthält die Königliche öffentliche Bibliothek zu Dresden.

Ganz unbemittelt kann Adam Riese übrigens nicht gewesen sein, denn nach dem Gerichtsbuch für Wiesa bei Annaberg erwarb er einen nicht unbedeutenden Grundbesitz, wie aus dem verhältnißmäßig hohen Kaufpreis ersichtlich ist. Der betreffende Eintrag lautet: „Im Jahre 1539 kaufte Adam Riesen, Gegenschreiber auf St. Annaberg, als Schwager von Anna, der nachgelassenen Wittfrau des Seligen Endressen von der strassen, das Gut mit Behausung, Aeckern, Wisen, Hölzern und Teichen für 1200 fl. Rheinischer Landeswerung und so, daß er zu Michaelis 100 fl. und dann alle halbe Jahre 30 fl. bezahlen soll, bis die ganze Kaufsumme entrichtet.“ Dieses Gut erhielt vom Volksmund die Bezeichnung „Riesenburg“, und noch heute führt die Besitzung diesen Namen. Freilich haben die Gebäude mancherlei Veränderungen erfahren, denn nach Richters Chronik wurden sie schon im Jahre 1641 durch die Schweden zerstört und die nach dem Dreißigjährigen Kriege wieder aufgebauten Wohn- und Wirthschaftsräume 1861 durch Blitzschlag in Brand gesteckt, aber der Name ist dem Vorwerk erhalten geblieben.

Riese muß eine zahlreiche Familie besessen haben. In der Vorrede zu einem seiner Werke führt er nicht weniger als fünf Söhne mit Namen auf, von denen Abraham, der zweite, den Scharfsinn des Vaters geerbt hat; denn auch er war, wie es in der Chronik heißt, „in der edlen Rechenkunst wohl erfahren“, so daß er als Rechenmeister zu Annaberg der Nachfolger seines Vaters wurde. Ein anderer, Isaak, erhielt eine Beamtenstelle in Leipzig, wo er auch starb.

Am 30. März 1559 verschied der große Mathematiker, seine Grabstätte aber ist unbekannt geblieben, denn eigenthümlicherweise findet sich weder in den Kirchenbüchern von Annaberg noch in denen von Schönbrunn, wohin die Riesenburg damals eingepfarrt war, der geringste Vermerk über seinen Tod.

Das nicht hoch genug zu schätzende Verdienst Rieses besteht darin, die Rechenkunst, ohne welche Handel und Industrie, Haus und Staat nicht zu bestehen vermögen, in ein bestimmtes System gebracht, ihr feste Grundlagen geschaffen und sie in einer Weise vereinfacht zu haben, daß sie nicht mehr bloß die Sonderwissenschaft weniger Fachgelehrten bildet, sondern Gemeingut aller Bevölkerungsklassen geworden ist.

Dieses Ziel erreicht er nach der Darstellung Berlets dadurch, daß er in seinen Rechenbüchern „dogmatisch“ verfuhr, d. h., er beginnt jede Rechnungsart mit der bei ihr zu beobachtenden Regel und läßt dann zahlreiche Aufgaben folgen, um dem Schüler die Handhabung der Regel geläufig zu machen. Von Begründung und Ableitung der Regel ist niemals die Rede; der Meister sagt: „So wird es gemacht!“ und diesem Gebot hat der Schüler ohne weiteres zu folgen. Warum der Schüler so und nicht anders zu rechnen hat, das erfährt er nicht; genug, daß er auf die gestellte Frage die zugehörige Antwort erhält. Und sollte jemand die Richtigkeit der letzteren bezweifeln, so wird die Aufgabe umgekehrt und das gefundene Ergebniß durch die Probe erhärtet. Ist es nun auch nicht zu bezweifeln, daß der Schüler bei diesem Verfahren innerhalb der gegebenen Regeln eine schätzenswerthe Sicherheit und Gewandtheit erlangen kann, so ist doch dagegen zu bemerken, daß seine Rechenkunst meist zu Ende sein wird, wenn er eine Aufgabe bekommt, die sich nach keiner ihm bekannten Regel lösen läßt. Es wird dabei die eigene Denkthätigkeit des Schülers so sehr zurückgedrängt, daß sein Rechnen einer mechanischen Beschäftigung fast gleichkommt. Aus diesem Grunde haben die Schulen in neuerer Zeit beim Rechenunterricht statt der dogmatischen Methode die „genetische“, die entwickelnde, eingeführt, bei welcher der Schüler stets Bescheid über den von ihm eingeschlagenen Weg geben kann. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten aber wurde ausschließlich die von Riese eingeführte Lehrweise angewandt.

Die Vervollkommnung des Einmaleins, auf dessen Erlernung der Annaberger Rechenmeister mit Recht großen Werth legte, soll ebenfalls [344] sein Verdienst sein; seinem Scharfblick konnte es nicht entgehen, daß dasselbe eine der wichtigsten Grundlagen seiner Kunst bildete. In der Benennung und Aufeinanderfolge der einzelnen Rechnungsgattungen ist das System Rieses noch heute maßgebend: er beginnt mit dem Numerieren, läßt darauf die „vier Spezies“ in ganzen und gebrochenen Zahlen folgen und schließt daran die Regeldetri (Ansatzrechnung), Gewinn- und Verlustrechnung, Gold- und Silber- sowie endlich die Gesellschaftsrechnung.

Das alles aber wäre nicht möglich gewesen, wenn er sich nicht zu einer That aufgerafft hätte, die ihm erst ermöglichte, auf dem von ihm angebauten Gebiet so Hervorragendes zu leisten. Zu Rieses Zeit waren fast ausschließlich römische Zahlen im Gebrauch, welche bekanntlich durch Buchstaben des großen lateinischen Alphabets dargestellt werden, und nur die Jahreszahlen wurden mit unseren jetzigen deutschen oder richtiger arabischen Ziffern geschrieben. Die Schwerfälligkeit der römischen Zahlen aber veranlaßte Riese, mit dem alten Herkommen zu brechen und sich ausschließlich der arabischen Ziffern zu bedienen, unbekümmert um das Zetern derjenigen Kreise, welche darin einen unerhörten Eingriff in geheiligte pädagogische Rechte erblickten. Und bald erkannte man auch die Richtigkeit seines Vorgehens; schon im Jahre 1553 wurde eine Bergrechnung der Stadt Buchholz bei Annaberg mit den neuen Ziffern ausgestellt. Man versuche einmal, sich auszudenken, daß auf einmal wieder mit lauter römischen Zahlzeichen gerechnet werden müßte, und man wird ermessen, welche Bedeutung dem kühnen Schritte des Annaberger Rechenmeisters zukommt.

Rieses Verdienste sind denn auch nicht vergessen worden. Schon im Jahre 1875 hat man am Rathhaus zu Staffelstein ihm zu Ehren eine Gedenktafel angebracht, und in Annaberg rüstet man sich, in diesem Jahre die vierhundertjährige Wiederkehr seines Geburtstags würdig zu begehen. In diesem Jahre! Denn wie die Umschrift des in unsere Anfangsvignette verwobenen gleichzeitigen Porträtmedaillons bezeugt, stand der Mann Anno 1550 „seins Alters im achtundfünfzigsten“, also ist er geboren 1492 – „nach Adam Riese“!