Adams Traum und Erwachen

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Adams Traum und Erwachen
Untertitel:
aus: Zwei Feine Gleichnisse von der Weisheit dieser Zeiten, S. 3 - 7
Herausgeber: Abteilung II der Gesellschaft für innere Mission im Sinne der lutherischen Kirche
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Gottfr. Löhe
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: Commons, MDZ München = Google
Kurzbeschreibung:
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[3]
I.
Adams Traum und Erwachen.

 Als Adam in der Fremde Bann** Als er, aus dem Paradies verjagt, im Elend saß
Einst trüb an einem Abend sann,
Auf seinem Lager einsam wachte,
Sein und der Seinen Loos bedachte
Und in das Dunkel sah hinaus,
Das mehr und mehr umfloß das Haus,
Beschlich ihn unter einem Dach
Ein tiefer Schlummer allgemach,
Da – wie gelöst von Leibesbanden –
Der Seele Kraft und Sinnen schwanden.

 Die Nacht sank nieder stumm und schwer;
Nur eine Schlange kroch umher,
Die an der Lager statt auftauchte
Und in des Schläfers Ohren hauchte,** Verstehe! die alte Schlange haucht ihm jetzt den Traum ein.
Indessen draußen auf dem Gras
Ein muntrer Affe schweigsam saß,
Der mit gar pfiffigem Gesicht,
Als gieng ihm auf ein neues Licht,
Nach einem Ast mit Steinen zielte
Und mit gestohlnen Aepfeln spielte.** Die verbotene Frucht, die Sünde achtet er für Spiel und Spott: das ist das neue Licht!

 Und drinnen in der Hütte Raum
Umspann den Schläfer bald ein Traum,
Der unter wunderlicher Hülle
Ihm zeigte der Gesichte Fülle:
Wie aus des Kerkers Bann und Acht** Von des göttlichen Worts Schranke und Drohung.
Sich eine Enkel frei gemacht,
Und seiner Nachgebornen Brust
Erschlossen sich zu frischer Luft,
Weil sie – der Schmach und Nacht entwunden** Weil sie sich durch die Aufklärung von der schimpflichen Dummheit losgemacht, noch an Himmel und Hölle zu glauben.
Ein neues Paradies gefunden.

 Es war ein Garten wundersam,
Darein im Traume Adam kam,
Mocht’ immer er auch Abends lauschen,
Man hört’ nicht Gottes Stimme rauschen,** Wie weiland im Paradiese.
Man hörte nichts als Wiederhall
Von Thier und Menschenstimmenschall,

[4]

Ein Grunzen hier, dort ein Gequick,
Als gälts, mit Schick und Ungeschick –
Doch immer eifrig – Mensch wie Thieren,
Ein Harmoniestück zu probieren.

 Es pries der Sang, daß man zur Frist
Im Garten nichts bedürf als Mist,** Keinen Gottessegen mehr.
Wo dann in dem Culturbezirke
So Mensch wie Thier einträchtig wirke,
Und also wandelnd auf der Spur
Der „süßen, heiligen Natur“,** Wie sie die Aufgeklärten als ihre Göttin rühmen und ansingen.
Entsteh ein wahrer Kunstverein
Von menschlichem und thier’schem Schwein,
Bestrebt, daß diese alte Erde
Ein Paradies von neuem werde.

 Dem Menschen schien der Gegensatz
Von Mensch und Thier nicht mehr am Platz;
Gleich ehrend beiden Teils Gehirne
Beküßte er die Bruderstirne,** Vom Vieh.
Glückwünschte sich, daß endlich frei
Er von dem Traum der Freiheit sei,** Verstehe: wenn Mensch und Schwein Brüder sind, dann hat der Mensch so wenig einen freien Willen mehr wie das Schwein, sondern thut eben, wozu ihn der Instinkt, die Lust treibt und drängt, und was man sonst von einem Gewissen geredet hat, ist nichts als Einbildung und Mährlein; da gibts dann auch keine Schuld und Sünde mehr.
Und schwur mit feinem Bruderkuß,
Daß er nur thue, was er muß,
Und mit der Fabel vom Gewissen
Das alte Schuldbuch sei zerrissen.

 Zwar nicht so brüderlich und gleich
Die Thiere hieltens in dem Reich;
Sie dachten, besser sei’s, der Ehren
Sich eine Zeit lang noch zu wehren,
Und statt zu stehn auf Du und Du,
Vor Bruder Mensch zu sein in Ruh;
Und da vom neuen Blutsverband
Das Thier kein Titelchen verstand,
Konnt auch der Mensch sich nur so eben
Zu Protokoll als Vetter geben.** Merke: die neue Wissenschaft hats zu Protokoll genommen, daß der Mensch vom Affen her in Vetterschaft mit dem lieben Vieh stehe.

 Auch hieng noch eine Klausel klein –
Um etwas nobler doch zu sein –
An seinen Stammbaum Adams Sprößling,
Des echten Stamms geschäm’ger Schößling,** Wohlverstanden! wer noch ein wenig [5] Ehre im Leib hat schämt sich doch geradezu für einen Affensohn gelten zu wollen; darum muß das jetzt ihre Ehre sein, daß sie eben doch eine ganz besondere Art von Affensöhnen sind, die es durch Kunst und Bildung bis zum Menschen gebracht!
Und proklamierte feierlich,
Wie er durch Kunst und Bildung sich

[5]

Von einer thier’schen Vetterschaft
Zu höherm Stand emporgerafft,
Dem Affenvater sich entrungen
Und sich zur Menschheit aufgeschwungen.

 An Pavians Lenden seh’ man nur
Des kolossalen Aufschwungs Spur,
Dieweil der Mensch enthaart vom Pelze,
In glatter Haut einher nun stelze
Vom Blau der Hinterseite frei,
Schön weiß und rot zu schauen sei,
Sich leicht ergeh’ in Rededunst
Nach Papagaienart und Kunst,
Ja, allbereits Gedankenblitze
Aus altem Affenhirne schwitze.** Denn die neue Wissenschaft lehrt, daß die Gedanken nichts anderes seien als Ausschwitzungen des Gehirns, wie der Urin eine Absonderung aus den Nieren.

 Nur Eines hätten wol auch sie
Gemein noch mit dem lieben Vieh,
Daß nämlich sie unsterblich Leben
Sich könnten nicht zum Erbtheil geben,** Daß sie auch wie das Vieh keinen Anspruch mehr auf ein ewiges Leben machen könnten noch wollten.
Doch schiene ihnen fast bequem,
Daß ihnen dies zu Sinn nicht käm’,
Und daß sie unbeschwert zur Zeit
Verblieben von der Ewigkeit,
Die sich bei gutem Trunk und Essen** „Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir todt“, wir wollen keine Anweisung auf ein anderes Leben!“ So lautet ihr Geschrei.
Auf Erden lasse leicht vergessen.

 Als Adam von dem Traum erwacht,
Hat dem Gesicht er nachgedacht,
Und dann geblickt durchs Hüttenfenster,
Ob er denn etwa schau Gespenster;
Allein da draußen auf dem Gras
Am Morgen noch der Affe saß,
Der mit gar pfiffigem Gesicht –
Als gieng ihm auf ein neues Licht –
Nach einem Ast mit Steinen zielte
Und mit gestohlnen Aepfeln spielte.

 Und Adam sah den Pavian
Sich lang in tiefem Sinnen an;
Doch endlich that er auf die Pforte,
Trat hin zu ihm und sprach die Worte:
Mein Freund, zur Zeit erfährst du nicht,
Was mir da zeigte ein Gesicht;

[6]

Mag später werden dir bekannt,
Daß ich (wie’s scheint) dich falsch benannt;
Jetzt könnte dein Hirn selbst verrücken,** Gewiß! die neue Weisheit ist so hirnlos, daß selbst ein Affe darüber verrückt werden könnte.
Womit man einst dich will beglücken.

 Doch reißt der Mensch von mir sich los,
Und sucht statt Abrams deinen Schoß,
So möchte fast schon jetzt ich wagen,
Ein Glückwunschwörtlein leis zu sagen,
Das mir gilt; denn mir wärs Gewinn,
Wenn Schuld und Vorwurf fiele hin,** Nämlich, daß ich an Sünde, Elend und Tod meines Geschlechts schuld wäre.
Und meine Enkel selbst, statt mich,
Für ihren Vater hielten dich;
Ja bessers könnt’ sich nicht eräugnen,
Als wenn die Kerle mich verläugnen.

 Dann käm ihr Erbteil über sie –
Ohn’ meine Schuld – vom lieben Vieh;
Und wollen damit die gloriieren,** prahlen.
Laß ich sie gern emancipieren;** sich von mir lossagen.
Mir ist sogar vollkommen recht,
Nennt nicht nach mir sich dies Geschlecht,
Und thut, so wie auf mein Gericht,
Auf meine Hoffnung auch Verzicht;** Daß es vom Sündenfluch und von der Hoffnung des ewigen Lebens nichts mehr wissen will.
Sie können dann auch mir nicht fluchen,
Wenn sie einst finden, was sie suchen.

 Doch wie aus fernster Ferne rollt
Ein Donnerwort zu mir und grollt
Gleich eines Menschensohnes Stimme,
Die uns bedräut mit Gottes Grimme** Im Geist hört er schon die Stimme des, der zukünftig ist zu richten die Lebendigen und die Todten.
Und spricht: Euch würde besser sein,
Hieng euch am Hals ein Mühlenstein,
Ersäufte euch zu dieser Frist
Im Meer, wo es am tiefsten ist,
Denn daß ihr ärgert von den Kleinen,
Die an mich glauben, auch nur Einen.

 Und Adam schwieg, ging heim und schloß
Ins Herz, den ihm verheißnen Sproß,** den Weibesamen.
Und Dorn und Distel** die Zeichen des Fluchs. vor der Hütten
Ein zarter Thau** Gnadenthau. thät überschütten,
Und Palmen** die Sinnbilder des Himmelsfriedens. ragten hoch und hehr
Empor aus niederm Nebelmeer,

[7]

Beglänzt von Wetterschein und Licht,
Wie es nach Sturm aus Wolken bricht,
Und aus den Zweigen rauschten Lieder
Weissagungsvoll, doch tröstlich, nieder.** Luc. 21., 27., 28. Offb. 19, 6 u. 7.