Alte Schauspielerbilder

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Textdaten
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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Alte Schauspielerbilder
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aus: Das Lächeln der Mona Lisa, S. 198–199
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1929
Verlag: Rowohlt
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck in: Weltbühne, 23. März 1926
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Alte Schauspielerbilder

Manchmal findet man alte Schauspielerphotographien. Illustrierte Zeitschriften von gestern gehören bekanntlich zum Rührendsten und Vergnüglichsten, wo man hat – und unter ihnen sind es wieder die Bilder von den Bühnen, die das Herz schmelzen. So:

Der gute Schauspieler weiß eine Maske zu machen, die sich von den Masken auf der Straße gar sehr unterscheidet. Sein König Lear blickt wild; dergleichen kommt auf der Untergrundbahn nicht vor. Sein Kaiser Napoleon leuchtet ein wenig fett und geschichtsbedeutend; das erhabene Gefühl, später auswendig gelernt zu werden, gibt ihm eine Aura kalt-dünner Unterschiedlichkeit; so ein Kerl ist auf keinem Postamt zu finden. Gygesse und Holofernesse, Ophelias und Falstaffs, sie alle blicken uns heute so oder so an, aber immer unalltäglich, besonderlich, anders als … „Rechts oben: der Künstler in Zivil.“

Wenn aber zwanzig Jahre ins Land gegangen sind, hat sich auch der Mensch des Alltags verändert, und nun geht eine seltsame Veränderung mit diesen Bildern vor. Schlag auf, und du siehst:

Der Komiker ist ein albern geschminkter Hanswurst, der recht gewöhnlich aussieht; der Shakespeare-König Heinrich ein höchst braver Bürger jener Tage, mit geklebtem Bart und mühselig funkelnden Augen, er sieht recht gewöhnlich aus; Boris Godunow scheint zu sagen: „Da hinten ist noch ein Tisch frei, Amalie!“ – und Napoleon ist ein Statist mit zu engen Hosen. Allen hängt die Verkleidung um die Beine wie ein leerer Sack, sie ist ihnen nicht konform, man glaubt sie ihnen nicht.

Und man begreift nicht, wie sich die damalige Menschheit [199] von solchen Schießbudenfiguren hat täuschen lassen, obgleich sie hat getäuscht werden wollen. Denn uns ist der Klang der Stimmen verhallt, die Namen sagen uns wenig oder gar nichts mehr, das Mysterium um den Künstler ist verflogen, und selbst, wenn es ein anerkannt Großer war, mit Gedenktafel, Rede des Regierungsvertreters im Gehrock und Benutzung des Namens im Silbenrätsel: Maske hat er nicht machen können, sagen die neuen Beschauer.

Denn weil sich auch die Gesichter der Generationen wandeln und weil man vor alten Photographien stets sagen darf: „So sieht man nicht mehr aus!“ – so ist jener für uns nur noch ein alter Tepp und jene eine dumme Zuckernaive, denn der Unterschied zu den Alltagsbürgern fällt weg: der Schauspieler ist selber einer geworden. Moden wachsen nach innen, verwandeln den Geist und kehren als Ausdruckssymptom wieder; in schwarzgefärbten Augenwinkeln schluchzt ein Zigeunerwalzer, den die Jazzleute verlachen, und ich möchte nicht dabei sein, wenn sie uns in zwanzig Jahren beim Zahnarzt durchblättern, alle miteinander.

Die Mode von gestern ist lächerlich. Selig, wer das Übermorgen erlebt. Seiner ist das Klassische, ein ewiger Wert ist er geworden, und so geht er ein in die Unsterblichkeit: Fritz v. Unruh, die bekannte Schöpfung des Berliner Tageblatts; Paul v. Hindenburg, der Vater der Republik; und Kukirol, der Erfinder der schwarzen Füße. Ihrer ist das Himmelreich.