Am Postschalter

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Titel: Am Postschalter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 811, 812
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[811] Am Postschalter. Unter dieser Ueberschrift veröffentlichten die „Dresdener Nachrichten“ eine Belehrung so klarer und packender Art über alltägliche Vorkommnisse am Schalter, daß wir von unserem Grundsatze, Fremdes uns nicht anzueignen, sehr gern abweichen, um auch unsererseits zur größtmöglichen Verbreitung dieser postalischen Aufklärung in allen Volkskreisen beizutragen. Wir glauben, unseren Lesern damit einen sehr einträglichen Führer zur Post mitzugeben, dessen guter Rath an Deutlichkeit und zahlenfester Ueberzeugung nichts zu wünschen übrig läßt.

Nachdem der Verfasser in wenigen einleitenden Worten dargethan, wie ganz vergeblich im Generalpostamte zu Berlin des Reiches Generalpostdirector sitze und schwitze, um den lieben Deutschen die Postbenutzung immer leichter, bequemer und billiger zu machen, vergeblich, weil die meisten deutschen Menschen sich um Belehrungen und Anordnungen der Postbehörden gar nicht bekümmerten und fort und fort den alten Gewohnheiten fröhnten und gleichwohl über die Theuerniß der Post raisonnirten – ladet er uns zu einem Stündchen Gesellschaft am Schalter ein, und nun sehen wir, was die Stunde uns bringt.

Sieh, da kommt eine Bauersfrau, hat einen Brief in der Hand, an den Sohn in der Fremde gerichtet. Briefpapier kennt oder hat sie wenigstens nicht, darum hat sie einen ganzen Bogen Schreibpapier genommen, und weil der Brief weit gehen soll, ist sie mit dem Siegellack nicht allzu sparsam gewesen. – „Kostet zwei Groschen! Wiegt über 15 Gramm!“ – Nun wundert sie sich: „Aber so war’s doch am letzten Male nicht!“ – „Ja, gute Frau,“ schallt’s hinter dem Fenster hervor, „seit Neujahr haben wir neues Gewicht, da darf ein Brief nur 9/10 altes Loth wiegen und Euer vieler Siegellack kostet nun einen Groschen mehr. Wenn Ihr den Groschen nicht zulegen wollt, so muß ihn der Empfänger zahlen und einen Groschen Strafporto obendrein. Ein ander Mal kauft Euch lieber beim Kaufmann einen Bogen Briefpapier und ein Couvert mit Klebstoff (könnt das Couvert auch gleich hier auf der Post bekommen), da kommt Ihr billiger weg.“

Da kommt Einer mit einem Briefe mit fünf Siegeln, darauf steht: „Inliegend 15 Ngr.“, er ist bestimmt von Dresden nach Hamburg zu gehen. – „Kostet 7 Groschen!“ – Nicht möglich. – Doch, es ist richtig. Aber hättest Du eine Postanweisung, dann konntest Du Geld bis 25 Thaler bis an das Ende des deutschen Reichs schicken für 2 Groschen, und hattest Du mehr, oder Geheimnißvolleres zu schreiben, als was auf den Rand der Postanweisung sich verzeichnen läßt, so konntest Du ja für 1 Groschen einen Brief extra dazu schreiben, und hattest immer noch 4 Groschen profitirt – „Gut, ich will mir’s merken! Also Postanweisung ist billiger!“

Gemach, gemach! Keine Regel ohne Ausnahme! Sieh, hier bringt ein Mann eine Postanweisung über 36 Thaler von Dresden nach Freiberg, welche 4 Groschen kostet. Hätte er seine 36 Thaler diesmal in den Brief gelegt, hätte es ihm nur 2 Groschen gekostet, und er konnte noch einen ausführlichen Brief dazu schreiben. Denn die Geldbrieftaxe springt von 50 zu 50 Thaler, während die Postanweisung von 25 zu 25 Thaler steigt.

Also merke Dir: Postanweisung bis 25 Thaler kostet 2 Groschen, bis 50 Thaler 4 Groschen, gleichviel ob’s nach dem etwa eine Stunde von Dresden entfernten Blasewitz, nach Köln oder Königsberg geht Dagegen Geldbriefe, welche – was gleichfalls noch viel zu wenig bekannt ist – bis ½ Pfund wiegen dürfen, ohne deshalb mehr zu kosten, haben folgenden Preis:

  bis 5, bis 15, bis 25, bis 50, über 50 Meilen:
bis 150 Thaler 2½ Groschen, 12½  Gr., 4, Gr., 5, Gr., 7 Gr.
bis 100 13½  ., 5, 6, b 8 b

Als Regel gilt also kurz: Für wenig Geld und kurze Entfernung ist Postanweisung billiger; für größere Summen und kurze Entfernung ist Briefsendung vorzuziehen. Wie bequem ist aber doch die Postanweisung gemacht! Kein Briefbogen, kein Kreuzcouvert, kein Siegellack, keine großen Höflichkeitsformen sind nöthig, die so viel Zeit und Tinte kosten; knapp und kurz kannst Du Dich fassen, wie in einer telegraphischen Depesche! Kein Ausreden giebt’s, daß das Geld nicht richtig angekommen sei, daß Du Dich verzählt haben müßtest beim Einpacken, oder daß Du gar wilde Cassenscheine geschickt hättest! – Das haben nun auch andere Länder eingesehen, darum haben sie auch Stephan’s Erfindung [812] angenommen, nur Oesterreich, Italien und die Türkei nicht, weil diese über den Werth von Silber und Papier ihr Lebtag nicht in’s Klare kommen können. Willst Du aber eine kleine Summe nach Oesterreich oder Rußland, oder überhaupt über die Reichsgrenze hinaus schicken, so wirst Du am besten thun, sie in gutem Papiergeld in einen recommandirten Brief zu legen, der immer nur 2 Groschen mehr kostet als ein gewöhnlicher Brief und auch nicht fünf Siegel bedarf, doch darfst Du den Inhalt nicht auf der Adresse declariren. Geht solch ein Brief verloren, so vergütet Dir die Post 14 Thaler.

Es sind mir auch – fährt der freundliche Beamte am Schalter fort – sehr oft Leute vorgekommen, welche irriger Weise meinten, einen Brief, der recht schnell gehen solle, müsse man recommandiren. Das Recommandiren (Empfehlen) aber dient nur zur erhöhten Sicherheit des Briefes; zur schnelleren Beförderung dagegen dient der Vermerk „durch Expressen zu bestellen“ oder „sofort zu bestellen“. Die Bemerkungen „eilig“, „cito“ oder „pressant“ helfen gar nichts. Ja, ein recommandirter Brief, der mehrmals sorgfältig kartirt oder gebucht wird, geht oft sogar langsamer, als ein gewöhnlicher Brief.

Siehe, da bringt ein Kind einen Brief, beschwert mit einem Schlüssel, der die Reisetasche oder die Wäschkiste des Bruders begleiten soll. Ja, aber auch der Begleitbrief darf nur 15 Gramm wiegen, der Schlüssel macht aber doch Uebergewicht, so daß dafür noch ein Groschen mehr gezahlt werden muß! Kannst Du da nicht sparen? Gewiß, nimm nur ein Stückchen Pappe, nähe den Schlüssel darauf und schreibe außer der Adresse noch darauf: „Muster“ oder „Probe“ – dann befördert Dir die Post den Schlüssel für ⅓ Groschen bis an’s Ende von Deutschland, ja bis an die türkische Grenze.

Noch Eins ist wichtig zu wissen und kann nicht oft genug eingeschärft werden: Ein Brief von 15 bis 250 Gramm (= ½ Pfund) kostet im ganzen deutschen Reiche sammt der österreichisch-ungarischen Monarchie 2 Groschen. Du hast vielleicht ein kleines Schächtelchen mit Handschuhen oder Kragen, oder ein Messer, oder ein Notizbuch, oder eine Tafel Chocolade von Dresden nach Hamburg, Berlin oder Leipzig zu schicken. Machst Du ein Paketchen daraus und schreibst einen Brief dazu, so kostet Dich die Sendung nach Hamburg 6 Groschen, nach Berlin 4 Groschen, nach Leipzig 3 Groschen. Schreibst Du aber die Adresse gleich darauf und giebst es als Brief auf, so kostet sie Dich nach Leipzig, Berlin oder Hamburg nur 2 Groschen.

Der gute Generalpostdirector Stephan ist aber auch ein heimlicher Feind aller Siegellackverschwendung. Darum hat er den alten Zopf abgeschnitten, wonach jedes Paket und jeder Begleitbrief versiegelt sein mußte. Wozu auch siegeln? Nimmt die Eisenbahn Güter ohne Siegel an, warum soll’s bei der Post nicht ebenso gut sich machen lassen? Also in Zukunft nur einen soliden Bindfaden um’s Paket, oder ein Schloß vor die Kiste, oder einen Nagel in den Deckel – fürchte nichts! Selbst wenn unsere deutschen Reichspostbeamten nicht alle so ehrlich wären, wie sie sind – so hätten sie ja keine Zeit dazu, Dein Paket zu öffnen, und wenn es ein rechter Pfifficus ist, so kann er’s schließlich auch öffnen trotz Deines Siegels.

Und weiter, lieber Freund, will ich Dir einen Wink geben für Tage der Freude und des Leides. Du hast vielleicht ein Töchterlein zu Haus, die hat Den gefunden, der mit ihr durch’s Leben gehen will; sie möchte nun aller Welt das Glück verkünden: Ich bin verlobt! Du lässest ihr Verlobungsbriefe drucken, die sie an Freunde und Bekannte schicken soll. Halt, Bräutchen, Sparsamkeit ist in der Ehe eine der ersten Tugenden! Stecke nicht jedes Briefchen in ein Couvert, sondern schicke alle offen, nur zusammengefaltet und adressirt (aber nichts hineingeschrieben!), so kostet Dich jeder Brief ⅓ Groschen. Und wenn auch der Briefträger oder ein Unberufener hineinschaut, was thut’s? Dann weiß ja Einer mehr von Deinem Glücke, das die Zeitungen so wie so bald aller Welt verkünden. – Und das gilt ja auch Dir, der Du Briefe mit schwarzem Rande schicken mußt! In solchen Tagen giebt’s so genug zu arbeiten und zu bezahlen, deshalb spare Dir die Mühe und das Geld! Oder Du, Gastwirth oder Gesellschaftsvorstand, der Du zum Balle oder Karpfenschmaus einladest, laß Dir Karten drucken auf Vorrath, das Datum und die Adresse darfst Du mit Tinte nachtragen, und nun brauchst Du nicht mehr die Botenfrau für theures Geld durch Wind und Wetter zu jagen; die Post besorgt dies besser und billiger, und jeder Empfänger steckt sich die Karte, die Dir nur ⅓ Groschen kostet, hinter den Spiegel und vergißt nicht, auf welchen Tag Du ihn geladen hast. – Oder wenn Du nicht so Viele laden willst, daß sich die Druckkosten lohnen, und Du etwa gern Deine schöne Handschrift zeigst, so kaufe Dir – Stephan’s neueste Einrichtung – eine Anzahl Postkarten, die seit dem 1. Juli nur ½ Groschen kosten. Du kennst sie vielleicht schon als Correspondenzkarten von Anno 70 her, wo Dir Dein August aus Frankreich welche schickte, die freilich größer, dafür aber mit Feldpost auch noch umsonst waren. Wie viel kannst Du darauf schreiben, das Jeder wissen kann und darf, z. B. wenn Du nach B. kommen und gern im Hôtel ein Zimmer haben willst, oder was für Waaren der Kaufmann Dir schicken soll, oder Du kannst auch solch eine Karte als Begleitbrief zu einem Paket nehmen, kannst Vorschuß darauf erheben, was den besondern Vortheil hat, daß der Empfänger gleich auf der Karte lesen kann, wofür der Vorschuß erhoben worden ist. Aber vor Einem muß ich Dich warnen: Gebrauche keine Karte als Mahnbrief, denn schon mehr als einmal haben Gerichte solche Mahner wegen Beleidigung und Ehrverletzung verurtheilt, weil eine solche Karte in unberufene Hände, z. B. von Dienstboten, kommen kann.

Nun, lieber Freund, die Expeditionsstunde ist abgelaufen; aber ehe der Schalter geschlossen wird, kaufe Dir noch flugs eine sogenannte Postnachricht für 1 Groschen. Diese nimm Dir zum Studium mit nach Hause, dort kannst Du kurz und deutlich lesen, was erlaubt und nicht erlaubt ist auf der Post. Dann aber wirst Du lernen zu bewundern die Weisheit und dankbar anerkennen die Fürsorge des kaiserlich deutschen Reichsgeneralpostdirectors Stephan.