Amerika und Europa

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Textdaten
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Autor: Alexander von Humboldt
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Titel: Amerika und Europa
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 10, S. 37–38
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: Alexander von Humboldt: Essai politique sur l’île de Cuba. Paris 1826
Quelle: Scans bei Commons
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Amerika und Europa.
Nach Alex. v. Humboldt.

Das Festland von Amerika findet sich gegenwärtig unter drei Völker europäischen Ursprungs vertheilt, wovon das eine und mächstigste germanischen Stammes, die beiden andern aber durch Sprache, Literatur und Sitte dem romanischen Europa angehören. Die am meisten gegen Westen liegenden Theile der alten Welt, die iberische Halbinsel und Großbritannien, sind auch diejenigen, deren Kolonien sich am weitesten in der neuen Welt ausgedehnt haben; aber eine Küstenstrecke von viertausend Meilen, allein bewohnt von den Abkömmlingen der Spanier und Portugiesen, beweist das Uebergewicht, welches im 15. und 16. Jahrhundert die Völker der Halbinsel über alle andern seefahrenden Nationen erlangt hatten. Ihre von Californien bis zum Rio de la Plata, auf dem Rücken der Cordilleras und in den Wäldern des Amazonenstroms verbreiteten Sprachen sind die, alle politischen Revolutionen überdauernden, Denkmale ihres Nationalruhms.

In diesem Augenblicke bilden die Einwohner des spanischen Amerika’s eine zweimal größere Bevölkerung, als die des englischen Stammes. Die französischen, holländischen und dänischen transatlantischen Besitzungen sind von geringer Ausdehnung; um aber das Rundgemälde der Völker, die auf das Schicksal Amerika’s Einfluß üben, zu vollenden, dürfen wir weder die Kolonisten slavischen Ursprungs vergessen, welche sich von der Halbinsel Alaska bis nach Californien anzusiedeln versuchten, noch jene freien Neger Haity’s, durch welche die im J. 1545 gemachte Prophezeiung des italienischen Reisenden Benzoni erfüllt ist. Die Stellung dieser Afrikaner auf einer Insel, zwei ein halb mal so groß als Sicilien, mitten in dem Meere der Antillen, vermehrt noch ihre politische Wichtigkeit. Alle Freunde der Menschheit theilen die Wünsche für die Entwickelung einer Civilisation, welche, nach so vielen Scenen des entfesselten Grimmes und des Mords, unerwartet schnell vorwärts schreitet. Das russische Amerika gleicht bis jetzt weniger einer ackerbauenden Kolonie, als jenen Factoreien, welche die Europäer, zum Unglück der Eingebornen, an den Küsten Afrika’s gegründet haben. Es sind nur Militairposten und Stationen für Fischer und sibirische Jäger. Gewiß ist es eine interessante Erscheinung, den Ritus der griechischen Kirche in einem Theile Amerika’s gegründet, und zwei, den äußersten Osten und den äußersten Westen bewohnende Nationen als Nachbarn auf einem Kontinente zu erblicken, zu dem sie auf entgegengesetzten Wegen gelangten. Indessen bildet der beinahe völlig wilde Zustand der unbevölkerten Küsten von Ochotsk und Kamtschatka, der Mangel an Zufuhren von den Häfen Asiens, so wie das bis jetzt in diesen slavischen Kolonien angenommene Verwaltungssystem, Hindernisse, wodurch dieselben noch lange werden in der Kindheit gehalten werden.

Aus Allem diesen ergibt sich, daß wenn man, in der politischen Oekonomie, gewöhnt ist, nur die Massen im Ganzen in Betrachtung zu ziehen, das amerikanische Festland eigentlich nur unter drei großen Nationen, von englischem, spanischem und portugiesischem Stamme, vertheilt ist. Die erste dieser drei Nationen, die englisch-amerikanische, ist zugleich diejenige, welche, nach den Engländern Europa’s, mit ihrer Flagge den ausgebreitetsten Umfang des Meeres bedeckt. Ohne fernliegende Kolonien, hat ihr Handel eine Ausdehnung erhalten, wie kein Volk der alten Welt sie erreichen konnte, außer eben das, welches dem Norden Amerika’s seine Sprache, den Ruhm seiner Literatur, seinen Trieb zur Thätigkeit, seine Liebe für Freiheit und einen großen Theil seiner bürgerlichen Institutionen mitgetheilt hat.

Die englischen und portugiesischen Ansiedler bevölkerten bloß die Europa gegenüber liegenden Küstenländer; die Spanier hingegen überschritten gleich beim Beginn ihrer Eroberungen die Kette der Anden, und verbreiteten ihre Niederlassungen bis an die fernsten Gestade der Westküste. Nur hier, in Mexiko, Cudinamarca, Quito und Peru fanden sie die Spuren einer alten Civilisation, ackerbauende Völker, blühende Reiche. Dieser Umstand, die Zunahme einer eingebornen Gebirgsbevölkerung, der fast ausschließliche Besitz großen Metallreichthums, so wie die seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts mit dem indischen Archipelagus angeknüpften Handelsverbindungen gaben den spanischen Besitzungen der amerikanischen Aequinoktialländer einen ihnen ganz eigenthümlichen Charakter. In den Ländern des Ostens, welche in die Gewalt der Engländer und Portugiesen fielen, bestanden die Eingebornen aus herumstreifenden Jägerstämmen. Weit entfernt, einen Theil der ackerbauenden und arbeitsamen Bevölkerung zu bilden, wie auf dem Plateau von Anahuac, in Guatimala und Oberperu, zogen sie sich vielmehr bei der Annäherung der Weißen stets weiter zurück. So geschah es denn, daß das Bedürfniß arbeitender Hände, der vermehrte Anbau des Zuckerrohrs, des Indigo’s und der Baumwolle, und endlich [38] die Habgier, welche so oft die Industrie begleitet und entwürdigt, hier jenen schändlichen Negerhandel herbeiführten, der für beide Welten gleich traurige Früchte trug. Glücklicher Weise ist dagegen auf dem spanisch-amerikanischen Festlande die Zahl der Negersklaven so unbedeutend, daß sie im Vergleich mit der Sklavenbevölkerung Brasiliens oder des südlichen Theiles der Vereinigten Staaten sich nur wie 1 zu 5 verhält. Die sämmtlichen spanischen Kolonien, Cuba und Portorico mit eingeschlossen, haben, auf einer Flächenausdehnung welche die von Europa wenigstens um ein Fünftheil übersteigt, nicht so viel Neger als der einzige nordamerikanische Staat Virginien. Die spanischen Amerikaner in der Union von Neu-Spanien und Guatimala bieten, unter der heißen Zone, das einzige Beispiel einer Nation dar, von acht Millionen Einwohnern, welche nach europäischen Gesetzen und Institutionen regiert werden, Zucker, Cacao und Wein bauen, und dennoch fast gar keinen dem afrikanischen Boden entrissenen Sklaven haben.

Die Bevölkerung der neuen Welt ist gegenwärtig nur um etwas weniges größer, als die von Frankreich oder Deutschland. Sie verdoppelt sich in den Vereinigten Staaten in 23 oder 25 Jahren. In Mexiko verdoppelte sie sich, selbst unter der Herrschaft des Mutterlandes, in 40 oder 45 Jahren. Ohne sich übertriebenen Hoffnungen über die Zukunft hinzugeben, kann man daher rechnen, daß in weniger als anderthalb Jahrhunderten die Bevölkerung Amerika’s der von Europa gleich kommen wird. Der edle Wettstreit der Civilisation, der Industrie und des Handels wird, statt den alten Kontinent arm zu machen, wie man so oft zu prophezeien sich gefällt, vielmehr, auf Kosten des neuen, den Verbrauch der Lebensbedürfnisse, die Masse der produktiven Arbeit und das rege Leben des gegenseitigen Austausches befördern. Freilich muß nach den großen Revolutionen, welche die Verfassungen der Staaten erlitten haben, der öffentliche Wohlstand, das gemeinsame Erbtheil der Civilisation, unter den Völkern der beiden Welten verschieden vertheilt sich finden; aber allmählig stellt sich das Gleichgewicht wieder her, und es ist ein trauriges, ich möchte fast sagen gottloses, Vorurtheil, wenn man das wachsende Glück irgend eines andern Theiles unsers Planeten als ein Unglück für das alte Europa betrachtet. Die Unabhängigkeit der Kolonien wird sie nicht von uns absondern; sie wird sie vielmehr den längst gebildeten Völkern näher bringen. Der Handel wird vereinen, was eine eifersüchtige Politik so lange getrennt hatte. Außerdem liegt es in der Natur der Civilisation, daß sie vorwärts schreiten kann, ohne deßhalb nothwendig da, wo sie entstand, zu verschwinden. Ihr fortschreitender Gang von Osten nach Westen, von Asien nach Europa, beweist nichts gegen diesen Grundsatz. Ein helles Licht behält seinen Glanz, selbst wenn es einen größern Kreis beleuchtet. Die geistige Bildung theilt sich stets auf vielfachern und nähern Wegen mit; sie breitet sich aus, ohne die Stelle zu wechseln. Ihre Bewegung ist keine Wanderung. Wenn letzteres uns im Oriente der Fall zu seyn schien: so geschah dieß, weil barbarische Horden sich Aegyptens, Kleinasiens, und jenes jetzt entfesselten Griechenlands, der Wiege der Civilisation unserer Väter, bemächtigt hatten.

Die Abstumpfung der Völker ist die Folge der Unterdrückung, welche entweder innerer Despotismus oder ein fremder Eroberer ausübt; stets ist sie von zunehmender Verarmung begleitet. Freie, kräftige Institutionen, im Interesse Aller gegründet entfernen diese Gefahren; und die wachsende Civilisation der Welt, die Konkurrenz der Thätigkeit und des Austausches, kann den Staaten nicht gefährlich werden, deren Wohlstand aus natürlichen Quellen fließt. Das produktive und handelnde Europa wird bei der im spanischen Amerika eintretenden neuen Ordnung der Dinge gewinnen, wie es, in Folge vermehrter Konsumtion, durch die Befreiung der Halbinsel des Hämus, der Nordküste Afrika’s und anderer dem Despotismus der Ottomannen unterworfenen Länder, gewinnen würde. Im spanischen Amerika ist der Kampf beendigt. Schon sehen wir, rings an den Gestaden des atlantischen Oceans, unabhängige Staaten erblühen, nach sehr verschiedenen Verfassungsformen regiert, vereint aber durch die Erinnerung des gemeinsamen Ursprungs, durch die Gleichheit der Sprache und durch die Bedürfnisse, welche die Civilisation hervorruft. Die Fortschritte der Schifffahrt haben die unermeßliche Fläche des Meeres in einen schnell durchschnittenen Raum verwandelt. Der atlantische Ocean erscheint uns nur noch wie ein Kanal, der die Länder der neuen Welt von den Handelsstaaten Europa’s in keiner größern Trennung hält, als einst, in der Kindheit der Schifffahrt, das Mittelmeer die Griechen des Peloponneses von denen Ioniens, Siciliens und Cyrenes trennte.

(Essai pol. sur l’île de Cuba.)