Amerikanische Schlaf-Waggons

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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Amerikanische Schlaf-Waggons
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 519–521
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Amerikanische Schlaf-Waggons.
Von Fr. Gerstäcker.

Die Amerikaner sind uns in vielen Stücken, besonders was die Bequemlichkeit des Reisens betrifft, weit voraus, und das zeigt sich namentlich an ihren ganz vortrefflichen Schlafwaggons auf den Eisenbahnen, einer der wohlthätigsten Erfindungen der Neuzeit, zumal für die ungeheueren Strecken, welche die Züge dort durchfliegen. Doch selbst für uns wäre es angenehm und nützlich, wenn diese Schlafwagen eingeführt würden, und da ich mir wenigstens, ehe ich sie selber benutzte, nie ein rechtes Bild von ihnen machen konnte, so glaube ich, daß es den Leser vielleicht interessiren wird, eine kurze Beschreibung von denselben zu erhalten. Ich muß vorausschicken, daß sämmtliche Waggons auf den amerikanischen Bahnen ziemlich genau so eingerichtet sind, wie wir sie auf den würtembergischen Zügen finden, d. h. mit Doppelsitzen an beiden Seiten, während ein offener Gang zwischen diesen hinläuft und es den Reisenden ermöglicht, von einem Wagen in den andern hinüberzugehen und Freunde oder Bekannte aufzusuchen. Jeder Waggon hat dabei sein Cabinet.

Das non plus ultra aller Bequemlichkeit sind aber die Schlafwagen; dabei sind sie mit großer Eleganz, als Salonwagen, gebaut. Sowie man die Absicht hat, die Nacht durch zu fahren und einen solchen Waggon zu benützen, der fast immer hinten angehangen und schon von außen leicht kenntlich, auch mit der gehörigen Devise versehen ist, so steigt man gleich in denselben ein und nimmt sich einen Sitz. Der Schlafwagen ist höher als die übrigen, reich mit Farben und Gold bemalt, oben mit Fenstern ausgestattet und mit gewissermaßen etwas gewölbten Seitenwänden. Die Sitze sind weich und elegant gepolstert und vorn ist ebenfalls noch ein kleines Waschcabinet, mit einem großen Blechgefäß und Hahn daran und darunter ein Marmorwaschbecken, neben welchem Seife, Kamm und Bürste liegen, während reine Handtücher ebenfalls dabei hängen; rechts in der Ecke steht ein anderer Behälter mit Wasser zum beliebigen Gebrauch.

Ueber Tag verräth übrigens nichts weiter den Schlafwagen; man sieht keine Spur von Betten oder Vorhängen und begreift eigentlich nicht recht, wie man sich hier bequem ausstrecken können und ein wirkliches Bett hergestellt bekommen soll. Indessen fragt ein für diesen Wagen eigens bestimmter Beamter bei den Reisenden an, ob sie für die Nacht ein „bunk“ oder Bett benutzen wollen. Wer das verneint, kann in den Fall kommen, daß man ihn – besonders wenn der Schlafwaggon sehr besetzt ist – höflich ersucht, seinen Sitz in einem der übrigen Wagen erster Classe zu nehmen. Ist der Waggon nicht sehr gefüllt, so wird man ihn unbelästigt lassen, denn es geschieht nur, um später Verwirrung zu vermeiden.

Solche, die ein Bett wünschen, erhalten eine Marke oder ein besonderes Billet und zahlen dafür, wenn sie ein Doppel- oder zweischläfriges Bett benutzen wollen, anderthalb Dollar Papiergeld. Sind zwei Bekannte zusammen, die sich wegen Ueberfüllung des Wagens für die Nacht zusammenbetten wollen, so zahlen sie ebenfalls nicht mehr, also nur drei Viertel Dollar die Person. Auf dem Billet steht die Nummer des erworbenen Lagers, und die mit diesen Fahrten Vertrauten suchen sich stets gleich beim Eintritt in den Waggon einen Platz zu sichern, damit sie ein unteres Bett erhalten. Die oberen sind allerdings ebenso [520] bequem zum Schlafen, aber man kommt nicht bequem hinein, und Damen können sie überhaupt nicht benutzen.

Jetzt bricht der Abend an, der Salonbeamte meldet, daß der Zug alsbald auf zwanzig Minuten an der nächsten Station halten werde, um den Reisenden Gelegenheit zu geben, dort ihr Abendbrod zu verzehren. Jetzt pfeift die Locomotive, die Wagen werden eingebremst, und gleich darauf erhebt sich dicht davor ein Heidenlärm. Es befinden sich dort nämlich zwei Oppositions-Restaurationen dicht nebeneinander, und während der Besitzer der einen einen großen chinesischen Gong aus Leibeskräften bearbeitet, daß die ganze Luft von den Schlägen dröhnt, bläst sein Nachbar mit kaum geringerer Kraft ein altes Horn, welche Musik dann andeuten soll, daß eine vortreffliche Mahlzeit in den geöffneten und erleuchteten Räumen für die Reisenden bereit steht.

Hat man nun, gewöhnlich ziemlich mittelmäßig und je nach der Gegend, in der man sich befindet, manchmal für drei Viertel, manchmal bis fünf Viertel Dollar, zu Nacht gegessen, so steht der Wirth an der Thür, kleine Papierscheine zum Wechseln schon in der Hand, und Jeder, der das Zimmer verläßt, muß seine Mahlzeit zahlen. Wie viel oder wie wenig er von den auf dem Tisch befindlichen Speisen benutzt, wie viel Tassen Kaffee er dazu getrunken hat, bleibt sich völlig gleich.

Sowie wir aber den Waggon wieder besteigen, sehen wir schon, daß indessen eine Aenderung damit vorgegangen ist. Der Aufseher ist allerdings ebenfalls drüben zum Essen gewesen, allein er macht das sehr rasch ab, denn er benutzt gern die Zeit, wo sich die Passagiere entfernt haben, um wenigstens einige Betten herzurichten und so einen Anfang damit zu haben. Die Besitzer derselben bekommt er jedenfalls aus dem Wege.

Jetzt enthüllen sich uns auch die Geheimnisse des Schlafwagens, und ich muß gestehen, daß es kaum etwas Einfacheres und doch diesem Zweck besser Entsprechendes auf der Welt geben kann.

Die gewöhnlichen sich gegenüber stehenden Sitze, die so weit von einander entfernt angebracht sind, daß sich ein ziemlich großer Mann bequem zwischen ihnen ausstrecken kann, werden emporgehoben, einige Stützen ausgeschoben und dann andere ähnliche Sitzkissen derart dazwischen geschoben, daß sie jetzt eine vollständige Matratze bilden. Aber das ist nur die Unterlage. Nun öffnet der Mann oben über den Sitzen das, was wir für die schräg zulaufende Wand hielten und was sich jetzt als ein großer, wenigstens langer Bettschrank zeigt, der breite Matratzen, Kopfkissen, Decken und frisches Leinenzeug für zwei große Doppelbetten enthält. Diese werden zuerst auf das untere Bett gelegt, und die Klappe schließt sich dann wieder; zugleich entwickeln sich aus der Seitenwand bis dahin vollkommen verdeckte Stützen, die das obere Bett halten sollen, eine kurze Brettwand wird vorgezogen – man begreift gar nicht recht, woher sie kommt – damit die Fuß an Fuß stehenden Betten ebenfalls von einander geschieden werden, und jetzt sind im Handumdrehen zwei so bequeme und reinlich überzogene Lagerstätten hergerichtet, wie sie sich selbst der verwöhnteste Mensch nur wünschen kann.

Das genügt aber noch nicht. Der Waggon, der eine ganze Menge geheimer Schubfächer haben muß, denn er ist völlig unabhängig von den übrigen, bringt auch noch große Messingstangen mit schweren rothwollenen und eleganten Gardinen zum Vorschein, die so geschickt geordnet werden, daß sie immer eine Abtheilung, oberes und unteres Belt, von den anderen scheiden und dadurch einen verhangenen Gang in der Mitte herstellen, von dem man weder nach rechts noch links in eines der Betten hineinsehen kann.

Amerikanische Ladies sind gewöhnlich etwas überprüde, und es mag vielleicht auch anfangs Mühe gekostet haben, sie in einen solchen doch immer allgemeinen Schlafsalon zu bringen. Es ist aber hier wahrlich jede Rücksicht genommen, die sich in dem engen Raume eines Eisenbahnwaggons nur möglicherweise nehmen läßt, und nach und nach scheinen sie sich doch der Nothwendigkeit gefügt zu haben, denn jetzt benutzen sie diese große Annehmlichkeit für eine längere Tour fast so zahlreich, wie die Herren selber.

Diese Betten bleiben aufgeschlagen, bis die Passagiere Morgens zum Frühstück gehen, was gewöhnlich etwa zwischen sechs und sieben Uhr geschieht; dann wird rasch Alles wieder fortgepackt.

Reisenden in einem solchen Waggon möchte ich aber die wohlmeinende Warnung geben, daß sie sich, ehe sie Morgens den Waggon verlassen, genau erkundigen, ob der Schlafwagen mitgeht oder an der Frühstückstation abgehangen wird. Gewöhnlich ist das Letztere der Fallt, und dann kann es geschehen daß die Reisenden, wenn sie, vom Frühstück wieder herauskommen, den Schlafwaggon weit ab vom Zug geschoben und noch dazu verschlossen finden, so daß sie ihr Handgepäck gar nicht bekommen können, während der Aufseher des Waggons, der in dem Falle mit dem Zug nicht weiter geht, irgendwo hinaus in die Stadt, vielleicht zu seiner eigenen Wohnung geschlendert ist und den Schlüssel natürlich mitgenommen hat. Er ist ja für das Inventar verantwortlich. Sehr häufig kommt es vor, daß Reisende in einem solchen Fall, wenn sie nicht Handgepäck zurücklassen wollen, den gleich darauf ohne den Schlafwagen abgehenden Zug versäumen müssen.

Einen sehr komischen Zwischenfall hatte ich in einem solchen Waggon. Da ich die Bahn von früh Morgens benutzt, sicherte ich mir gleich eines der unteren Betten und konnte nun mit Ruhe zusehen, wie sich der Salonwagen allmählich füllte. Unmittelbar nach dem Abendessen, wo der Zug an einem kleinen Städtchen gehalten, kam aber der Conducteur oder mayor domo, wie er, glaub’ ich, genannt wird, zu mir und bat mich, ob ich nicht mein unteres Bett einer Lady abtreten wolle, die eben mit ihrem Gemahl und einem kleinen Kind „an Bord“ gekommen sei. Ich könne ja dann das obere nehmen, das letzte, was unbesetzt war.

Gern that ich’s nicht, aber was wollte ich machen? In das obere konnte eine Dame allerdings nicht gut hineinklettern, und so gab ich achselzuckend meine Einwilligung und trat dann noch etwa eine Stunde hinaus auf den Vorbau des Waggons, um dort in freier Luft – im Inneren war es natürlich nicht gestattet – eine Cigarre oder auch zwei zu rauchen, denn der scharfe Luftzug bläst sie zu schnell weg.

Es mochte halb zehn Uhr sein, als ich endlich zu Bett ging; der Raum war durch verschiedene Lampen genügend erhellt, und ich suchte auch so wenig als möglich den unteren Theil der Gardinen zu öffnen, obgleich dies mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da ich oben dazwischen durch mußte.

Meine Einquartierung, die ich aber noch gar nicht zu Gesicht bekommen, hatte es sich schon bequem gemacht. Oben an der Messingquerstange, vor meinem Bett, hing erstlich ein grauer, niedriger Männerhut, ein Kinderhut mit einem ganzen Gewächshaus darauf und ein runder, einfacher Damenstrohhut, nur mit einer einzelnen rothen Rose und zwei sehr langen, blauseidenen Bändern geschmückt, die gerade an der Coje herunterhingen.

Da war nicht viel zu machen; ich arbeitete mich, so gut es gehen wollte, an dem Hutlager vorüber, auf meinen Platz und war nur froh, daß der mayor domo die oberen Fenster geöffnet und dadurch eine angenehme und frische Zugluft erzeugt hatte, ich würde es sonst in der Hitze gar nicht ausgehalten haben. Ich schlief auch bald sanft und süß ein. Da wurde ich plötzlich – wie ich später erfuhr, schon dicht vor Tagesanbruch, wie ich aber damals glaubte, noch mitten in der Nacht – geweckt, und als ich erstaunt aufsah – denn ich war natürlich noch halb im Schlaf – erblickte ich bei der ziemlich hellen Beleuchtung der uns nächsten Lampe einen wildfremden Menschen, der mit den Augen gerade über den Bettrand guckte, und eine tiefe Stimme frug mich:

„Wissen Sie nicht, wo meiner Frau ihr Hut ist?“

„Meiner Frau ihr Hut –?“ Ich muß ein furchtbar dummes Gesicht gemacht haben, denn der Mann wartete einen Augenblick, und als er keine Antwort bekam, änderte er seine Frage und sagte:

„Haben Sie hier, als Sie zu Bett gingen, keinen Damenhut hängen sehen?“

Ich erinnerte mich jetzt, denn ich wußte im ersten Moment gar nicht, wo ich war, noch viel weniger, was man von mir wolle.

„Ja wohl,“ sagte ich, „ich glaube, es hing einer da draußen mit langen blauen Bändern.“

„Aber er hängt nicht mehr hier –“

Ich wurde jetzt ordentlich wach und damit ärgerlich. Was zum Henker ging mich denn der Hut an, daß ich deshalb aus dem besten Schlaf geweckt wurde?

„Mir hat Niemand ’was zum Aufheben gegeben, er wird hinunter gefallen sein,“ sagte ich mürrisch.

Der Mann hatte bis dahin gerade bis zur Nasenspitze an das Bettbrett gereicht. Jetzt so er sich plötzlich mit den Händen höher empor und rief entsetzt aus:

[521] „Herr du meine Güte,“ oder im Englischen: „Lord Almighty! Sie liegen ja drauf!“

Ich drehte mich rasch auf die Seite und konnte die Thatsache nicht leugnen – die blauen Bänder verriethen das Unglück. Ob sie die Schuld trugen, ob sie durch den Luftzug hineingeweht waren und der Hut ihnen so nach und nach folgen mußte, ich weiß es nicht, aber da war er, an der ungünstigsten Stelle, die ein Damenhut möglicher Weise einnehmen kann, und dabei so flach, wie ein Pfannenkuchen.

„Oh good gracious!“ hörte ich die Dame ausrufen, als ihr Gatte den Verunglückten bei den Bändern an die freie Luft zog und den mißhandelten Kopfputz in die Höhe hob. In dem Moment aber pfiff glücklicherweise der Zug – es war die Station, auf welcher die Familie aussteigen mußte. Das Kind machte ihnen überhaupt Umstände, und sie durften nicht zögern. Das Letzte, was ich von ihnen sah, war, daß die unglückliche Frau, indem sie meiner Gardine noch einen Wuthblick zuwarf (das die Dankbarkeit, daß ich ihr das untere Bett überlassen!), im bloßen Kopf ausstieg, während ihr Mann, das Kind auf dem linken Arm, den mißhandelten Hut in der rechten Hand hoch an den Bändern haltend, folgte. Kaum zwei Minuten später rasselte der Zug wieder in die Nacht hinaus, und ich war gerettet.