Amerikanische Skizzen. II. Ein Kinder-Friedhof

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: B. Dalei
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Amerikanische Skizzen. II. Ein Kinder-Friedhof
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 181–183
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[181]
Amerikanische Skizzen.
Von B. Dalei.
II. Ein Kinder Friedhof.

Schon in der Zeit meines Aufenthalts in New-York wurde mir da und dort, wenn von Lustpartieen in’s Freie, Ausflügen in die schönsten Umgebungen New-Yorks die Rede war, der Name „Greenwood“ (wie die gewöhnliche Abkürzung lautet) mit besonderer Auszeichnung genannt, und die meisten, die den Ort von eigener Anschauung kannten, sprachen mit wahrer Begeisterung von dessen Herrlichkeiten. Kein Wunder daher, wenn sowohl der denkende Naturfreund, wie der bloße Müßiggänger, gleich lüstern gemacht wurden, und in überraschend verstärktem Grade, wenn sie auf einmal vernehmen mußten, der in Rede stehende Ort sei im Grunde kein Lustgarten, sondern ein – Kirchhof.

Selbst die Urtheile viel- und weitgereister Personen, Schriftsteller und Künstler, die auch die Begräbnißstätten fremder Länder gesehen, wo der Todtencultus sich als ein wichtiger Theil der Volksreligion entfaltet und die Gräberpoesie einheimisch ist, stimmen sämmtlich darin überein, daß an harmonischer Einheit des Planes wie in der Großartigkeit der Ausführung das amerikanische Greenwood nicht seines Gleichen habe.

Weil der Zutritt in Greenwood kein unbedingt freier ist, so hat sich Jeder, der die Partie zu machen gedenkt, vorerst nach einem sogenannten „Ticket“ (Karte) umzusehen, oder an eine Familie anzuschließen, die in Greenwood bereits ein: Art Heimathsrecht, d. h. ein einzelnes Grab oder einen ganzen Familienbegräbnißplatz eigenthümlich besitzt, und sich durch ein förmliches Zeugniß als solche auszuweisen im Stande ist. Wer eine solche Familie nicht kennt, die ihm die Karte borgt oder mit welcher er zugleich den Spaziergang machen kann, der verschafft sich ein Ticket gewöhnlich erst in Brooklyn (das am Wege liegt), und zwar einfach dadurch, daß er in den nächsten besten Sargladen an der Straße tritt, und für so und so viele Personen sich eine Karte erbittet, die er gewöhnlich unentgeltlich und zuvorkommend erhält, weil er ja möglicherweise durch diese Gelegenheit einmal selbst ein Kunde für den Sarghändler werden, oder eine andere Kundschaft ihm zusenden kann. Die Kärtchen, die blos die Gültigkeit des Besuches für so und so viele Personen, ohne Namen enthalten, sind alle von grauer Farbe, und müssen in Greenwood an den Thorhüter abgeliefert werden.

Der deutschen Familie R. war im Winter 1853 ein gar liebliches, kaum einjähriges Knäblein gestorben, das der Vater und etliche Bekannte bei Regen und Schnee in einer eigenen Miethkutsche nach Greenwood gebracht und dort beigesetzt hatten. Das Kind war ein Liebling der Mutter, die zur Zeit durch Krankheit gehindert war, es zur Ruhestätte zu begleiten. Sie sprach darum öfter davon, im nächsten Frühling an einem schönen Maitag das Grab des Kindes besuchen zu wollen, um ihm vorläufig, bis ein passendes Denkmal gefertigt sei, ein Rosenstöckchen zu pflanzen. Dies gab mir die beste Gelegenheit, dem Ziel eines lange genährten Wunsches nahe zu kommen, und im Interesse des Lesers beginne ich mit der Abfahrt von New-York.

Der berühmte Friedhof liegt weit außerhalb der Stadt über dem Hudson, etliche Meilen hinter Brooklyn, auf der Insel Long-Island, und um dahin zu gelangen, muß man über’s Wasser, wozu man sich beliebig der Fultonfähre, oder jener an der sogenannten [182] Battery, am obern Ende des Castle-Gardens (eines anmuthigen Parks an der New-Yorker Bai) bedienen kann.

Vater und Mutter R., ein etwa achtjähriges Töchterlein, das einen frischen Rosenschößling in einem weißen Handkörbchen verwahrte, und ich setzten uns an einem schönen Maitage gegen zehn Uhr Vormittags in einen Omnibus, der uns von der Zweiten Straße aus durch die Bowery, Chathamstreet, am freundlich gelegenen Park der City-Hall vorüber, auf die New-Yorker Paradestraße, den Broadway, brachte, und von da an die Brooklyner Fähre in der Nähe von Castle-Garden.

Nahe am Landungsplatz in Brooklyn stehen gleich ganze Reihen Omnibus, die, extra für die Greenwood-Passagiere bestimmt, ihren Fahrplan etc. an beiden Seiten des Dachgesimses mit großen Buchstaben in Oelfarben aufgeschrieben haben. Wir waren bald eingestiegen und fuhren in Gesellschaft von Amerikanern, Männern, Frauen und Kindern, theils schon durch Trauergewänder, mitgeführte Blumenkränze, Blumenscherben etc. als Wallfahrer der Gräber bezeichnet, theils mit andern, die blos zu ihrem Vergnügen denselben Weg zu machen schienen. Auf der schönen breiten Straße, die rechts an niederem etwas ödem Sumpfland des nahen Hudsons über etliche Holzbrücken, und links an grünem Garten- oder Hügelland vorüberführt, rauscht und wogt ein frisches Leben von Wagen, Reitern und Lustgängern; ein Omnibus begegnete dem andern, oft vollgeladen bis auf’s Dach, und die meisten im Hinweg Blumen und Blumengefäße, Baum- und Strauchsetzlinge mit sich führend, zum Schmucke irgend eines geliebten Grabes bestimmt.

Angekommen am Standplatz der rückfahrenden Omnibus, steigt weitaus die Mehrzahl aus dem Wagen, um die kurze Strecke bis zum wirklichen Eingang des Friedhofs zu Fuß zu machen, vorerst aber, nach einer allgemeinen Sitte der Greenwood-Wallfahrer, sich an der frischen krystallreinen Quelle in der Nähe der Straße zu laben, im Schatten der Bäume und des auf Säulen ruhenden Brunnendaches etwas zu rasten.

Ganz nahe sind Restaurationen geöffnet; aber selten gibt ihnen ein Pilger den Vorzug vor der luft- und kostenfreien Naturbewirthung am Brunnen, als stände diese Quelle und der Trank daraus in irgend einer geheimnißvollen Beziehung zum heiligen Gang auf den Friedhof. Es führen offene Stufen zum Brunnenstock, und fortwährend stehen Gläser bereit für die Gäste, wo Einer dem Andern, namentlich Frauen und Kindern gegenüber, gern gefällig ist zu dienen durch etliche Züge am leichtbeweglichen Pumpwerk.

Die Straße links leitet zum Friedhof, und im Vorüberwandeln erblickt man am rechten Stand des Weges eine Werkstätte mit etlichen Steinmetzhütten, wo gleichsam ein offener Markt von Grabsteinen in allen möglichen Formen, je nach Bedürfniß und Geschmack, die Vorübergehenden zum Kaufe ladet. Noch wenige Schritte an ein paar Gärten und Gartenhäusern vorüber, so stehen wir am eigentlichen Eingang zum Friedhof. Hier erhebt sich ein dunkelbraunes massives Gebäude, das in der Mitte seines unteren Theiles von einer Durchfahrtshalle gleichsam durchbrochen ist, zur Passage für Wagen und Reiter.

Das Erste, was uns in die Augen fiel, nachdem wir den Thorweg durchschritten und dabei unsere Karte abgegeben, waren rechts frische Grasflächen und sanft ansteigende laubgrüne Hügel, und hoch auf einer hervorstechenden Waldhöhe eine Art Villa, das Wohnhaus des Inspectors; links eine Thalfläche, in deren Mitte ein klares, stilles, kaum merklich fließendes Wasser, an dessen Ufer das an ein Kirchengebäude mahnende Maschinenhaus, um zeitweise die zerstreuten Springbrunnen zu speisen. Ganze Schaaren von weißen Tauben flogen hin und wieder, und fielen wie große glänzende Schneeflocken oder fliegende Lilienkelche zwischen das Laub- oder Wiesengrün, zum kurzen Rasten und Spielen.

Wir hielten uns links und passirten etliche Ueberbrückungen, und je weiter wir vordrangen, öffnete sich unsern erstaunten Augen, die immer den „Kirchhof“ suchten, eine wunderbare Parkanlage der mannichfaltigsten An- und Aussichten, im lieblichsten Wechsel von Thal und Hügel, Gras- und Blumenoasen, Bächlein und Seeteichen. Sonnenfreie und dunkelschattige Stellen, Fernsichten und heimliche Blätterklausen, offene Lustwäldchen und labyrinthische Baumgänge, Rosen- und Fliederbüsche, Trauerweiden und Cypressen, Linden und Cedern mischten ihr reizendes Formenspiel, tauschten ihre erfreuenden Lichter und erquickenden Schatten, und mitten aus dem Baum» und Blumengewimmel, bald von der Höhe herab, bald von der Tiefe herauf, zerstreut oder dichter aneinander gereiht, schimmerten und glänzten die blendendweißen Marmordenkmale mit ihren Spitzen und Kuppelformen, mit ihren vielfarbigen Glaskugeln und Goldkreuzen, gleich den Gebilden eines Feentraums.

Gelbsandige Fahr- und Reitwege, Lustpfade laufen nach allen Richtungen, auf und ab, in allen denkbaren Schlangenwindungen, bald in düsteres Waldesdunkel, bald auf sonnenbestrahlte Grasflächen, zu versteckten geheimnißvollen Flüsterstellen, zu freien weiten Aussichtspunkten führend; und von diesen wieder herab in’s engfriedliche Thal, wo Grabstätten der Menschen wie ewige Blumengärten und die Schrecken des Todes alle, in der Wirklichkeit wie im Gedanken, unter tausend Rosen und poetischen Zauberlichtern so wunderbar verhüllet liegen.

Der in Amerika sonst so seltene Vogelgesang, hier in den stillen Räumen des Friedhofs ist auch er wieder heimisch, und die hellen wie die zwitschernden Stimmen fließen doppelt lieblich in’s deutsche Herzohr, das sie besonders im Anfang des fremdgestalteten Lebens, in den Stunden des Heimwehs oft schmerzlich vermißt.

Die mich begleitende Familie hatte vor Allem ein Interesse, die Kindergräber zu besuchen, und so stiegen wir mit dem Vorhaben, Alles nur flüchtig Gesehene und bei Seite Gelassene, auf dem Rückwege um so besser zu genießen, links eine Anhöhe hinan, an deren Fuß ein silberner Wasserspiegel ausgebreitet lag, zu dem sich eine ganze Allee von Trauerweiden hinab und unten im Kranz um das Ufer des Teiches zog. Ruhesitze, im Schatten der Trauerweiden zerstreut, luden zur Rast, zu elegischen Betrachtungen und Stimmungen unwillkürlich ein. Doch wir weilten nur flüchtigen Blickes darauf.

Angelangt auf einer großen Hügelfläche, nach den Seiten etwas dachförmig sich neigend, standen wir vor den unzähligen Reihen der Kindergräber, eins an’s andere, wie Pflanzen- und Blumenbeete in einem weiten Gartenfelde, sich anschließend. Wo keine vorragenden Grabzeichen oder leicht unterscheidbare Merkmale zu dem gesuchten Grabe leiten, kann allein die Lotnummer, die einen ganzen District umfaßt, neben der einzelnen Grabnummer zum Ziele führen. Und doch hat man oft lange zu suchen, denn die Nummern steigen in die Tausende. Neben den alten Abtheilungen entstehen immer wieder neue und erschweren das Suchen, so lange weiter Nichts als kleine Nummerpfähle oder Nummerbretchen die einzelne Schlummerstätte bezeichnen. Das Grab, das wir suchten, lag innerhalb der Lotnummer 45S8 und seine Reihennummer in einer ganz neuangelegten Gräberreihe war 148. Der Vater hatte sich die Stelle wohl gemerkt und bald war das Rosenstöckchen auf dem kleinen Hügel dem tobten Liebling zu seinen Häupten gepflanzt, und es fehlte ihm, dem ersten Opfer aus der Familie in der fremden Erde, zur ersten Weihe nicht an Thränen der Mutter und des Schwesterleins.

Allgemein gelten die Kindergräber, die doch äußerst selten mit Denktafeln und Grabschriften verziert sind, für das Interessanteste und Schönste in der meilenweiten Todtenstadt, und wer blos das gewöhnliche amerikanische Marktleben aus der täglichen Erfahrung kennt, fühlt sich über alle Maßen überrascht, hier auf den Kindergräbern soviel Herzwärme und Phantasie, ein tiefpoetisches Gemüthsleben entwickelt zu sehen. Mancher findet es fast unglaublich und möchte gern an bloße Nachäffung einzelner seltener Beispiele denken, oder sieht sich auf einmal in eine Welt versetzt, von der er schwören wollte, sie könne Alles, nur nicht amerikanischen Ursprungs sein. Aber was wir sehen, ist ja hauptsächlich ein Ausdruck des Muttergemüths, und die nähere Erwägung dieses Umstandes mag allmählich auch den Ungläubigsten auf die Spur einer natürlichen Erklärung führen. Abgesehen von der kranken Sectenschwärmerei, die wie eine Art religiöser Hektik das amerikanische Volk und namentlich seine Frauen beherrscht, – oft bis zum Grade einer wehthuenden Entstellung eines sonst verständigen und liebenswürdigen Weibes, – hat Amerika ausgezeichnete Mütter, wie ganz besonders im wohlhabenden Farmerstande, so wie auch in mittleren Bürgerkreisen der Handwerker, Kaufleute und Geistlichen, namentlich Quäker, Unitarier, bis hinauf in die höchsten Regionen der Großhändler und Staatsmänner. Es ist eine bekannte Thatsache, daß in Amerika im Allgemeinen, wie verkehrt es auch in mancher Hinsicht geschehen mag, bei Weitem mehr Geld, Zeit und Sorgfalt auf die geistige und sittliche Ausbildung der Mädchen verwendet wird, als auf jene der Knaben, wo schon früher das einseitige, praktisch geschäftliche Interesse jedes andere absorbirt.

[183] Halten wir eine flüchtige Musterung und heben nur einige zur näheren Betrachtung besonders hervor.

Hier ein Kindergrab mit einem Blumenrasen bedeckt, wo zwischen Gras und Blumen eine ganze kleine Heerde weidet, schneeweiße Lämmlein, von knieenden, sitzenden oder stehenden Engeln und Genien bewacht, die blendendweiß aus den flüsternden Gräsern und den nickenden Blumen ragen, von goldenen Bienen umschwärmt, von farbigen Schmetterlingen umgaukelt. Es sind Figürchen aus Gyps, wie wir sie oft bei Hausirenden Italienern sehen, nicht selten wirkliche Kunstwerke der edelsten Formen und Stellungen und nehmen sich im dunkeln Grün und Blumenlicht allerliebst als Grabfiguren aus, die entweder betend die schön gebildeten Händchen falten oder Hirtenstäbe, verschiedene Attribute und Symbole tragen. Hier ein die Fackel senkender Genius, dort ein Engel, der ein Täubchen an’s Herz drückt; ein anderer, der eine Weiheschale ausgießt; dieser einen Kranz oder eine Krone niederlegend, jener ein ganzes Nest voll zappliger Vögelchen mit dem niedlichen Fingerlein ätzend oder mit Seifenblasen spielend. Nebenan eine für jedes zarte Menschenherz fast hörbare Himmelsmusik auf dem Blumengrab: Harfen und Flöten spielende Engel, während ein holdes Kinderpärchen sich küssend einander in den schön gerundeten Armen liegt. – Wie sinnvoll Alles, nicht auszusprechen auf so mildschöne und dennoch so tief eindringliche Weise durch die kostbarsten Mausoleen und Goldschriften!

Dort ein anderes Grab. Das bunte Spielzeug des Kindes, womit es in den kurzen Rosentagen seines Lebens sowohl sich selber, als das Auge der zartliebenden Mutter, des treusorglichen Vaters, der theilnehmenden Verwandten und Bekannten spielend erquickte, ist rings auf dem grünsammetnen und blumengestickten Hügelchen zerstreut. Fast will es unser Herz gemahnen, als ob das kein Grab, sondern der frühlingshelle Spielplatz des Kindes sei, das eben kurz vorher denselben heiter verlassen hätte, um in Bälde und noch heiterer wiederzukehren zur Fortsetzung seiner unendlichen Freuden im engsten und doch so himmelweiten Räume der Kinderstube, worin die Mutterliebe die erste Gottheit und der schönste Engel in tausend Verwandlungen ist, unter immer neuen Hüllen immer himmlischer strahlend. Die Art der Spielsachen verräth es sogleich, daß der kleine Todte ein Knäblein gewesen. Die kleine Trommel, roth und weiß im Zickzack bemalt, die winzigen, in zierlicher Rundung gedrechselten Schlägelchen daneben gestreut. Wem schweben dabei nicht augenblicklich auch die noch zierlicher gerundeten Aermchen und Händchen des Mutter- und Vaterlieblings vor den Augen, der einst mit diesen Schlägelchen die Trommel gerührt und das einsame Stubenleben der Mutter mit einem lebendigen Wiederhall des Markt- und Straßenlebens unterbrochen, und es manchmal vielleicht nur zu lebendig betrieben hat? Das feuerfarbene Uhlanenmützchen mit dem blutrothen Lanzenfähnlein, ein gelbglänzendes Waldhörnchen und eine mit baumelnden Quasten verzierte Kriegstrompete liegen durch- und übereinander gewürfelt, während etliche Miniaturen von Sternenbannern in aufrechter Stellung eine Art Fahnenwache halten. Das braunröthliche Flintchen mit weißem Blechrohr, das Säbelchen in der Messingscheide sind an den Sattelknopf des federbuschigen Schaukelpferdchens gehängt, dessen niedliches silberhelles Halsgeschell man mitten aus dem Freudenlärm heraus noch zu hören glaubt, als der kleine Republikaner sein wildes Schlachtroß in der Parade getummelt vor den Augen seiner Lieben und Mitgespielen. Die gelben Steigbügelchen an rothen Lederriemen hängen noch immer blank herab, in gespannter Erwartung, dem muthigen Reiter zu einem neuen Ritte in’s Paradies der Kindheit zu dienen.

Neben diesem, in ein eigenes Rosen- und Liliengärtchen mit silberweißen Stacketen eingeschlossen, hebt sich ein anderes Grabhügelchen, auf dem uns das umhergestreute Spielzeug sogleich beim ersten Anblick das Bild eines etwa dreijährigen Mädchen? vor die Seele zaubert. Auf einem Spieltischchen ist das Nürnberger Küchengeräth in allerliebster Unordnung zur Schau gestellt: ganze und zerbrochene Porzellantellerchen und Täßlein, mit Blumen und Goldrändern verziert; buntfarbige Schälchen und Schüsselchen, ein blaukrystallenes, gold- und rosengeschmücktes Trinkgläschen, in dessen Mitte ein geflügeltes Engelsköpfchen schwebt, aus strahlendem Lichtgewölk selig lächelnd. – Auf einem winzigen Küchenkästchen in Reihe und Glied gestellt paradiren Zuckerhütchen, aus ihren blauen Packpapieren wie halbvermummte silberhaarige Zwerglein aus blauen Mäntelchen lugend oder als fernblaue Miniaturalpen mit beschneiten Gipfeln. – Die hübsche Puppe, mit einem schimmernden Brautkränzchen geschmückt, als wäre sie des Hochzeitsfestes eben gewärtig oder mitten darin unterbrochen worden, ruht einsam und traurig in der Ecke ihres rothsammetnen Sopha’s. Ersehnt sie vielleicht mit Ungeduld den Anfang oder die Fortsetzung der Feier, die holde Rückkehr der Brautmutter erwartend, ihre Gespielin und Herrin, Mütterlein und Mitpuppe in einer Person? – Zu ihren Füßen sammelt eine Gluckhenne mit rundgebauschten Flügeln ihre trippelnden Hühnchen um ein niedliches Porzellanfigürchen, ein allerliebstes, rundgegliedertes Kind im kurzem Silberhemdchen, mit einem Händchen lockend, mit dem anderen Futter streuend.

Ueber ein himmelblaugepolstertes Tabouretstühlchen ist ein Rosakleidchen geworfen, ein Paar schneeweiße Strümpflein darüber gestreut und daneben am Boden stehen zwei rothsaffianene Schühlein, als wären sie so eben durch Mutterhand vom runden Kinderfüßlein abgelöst und zur Seite gestellt, bis auf morgen, wenn der Liebling, den sie so eben mit Muttersegen in’s Wiegenbettchen gelegt, an ihrem Herzen wieder auf’s Neue zum Licht erwacht. – Auf einem zweiten Tischchen neben einer Kinderhaube mit Rosaband liegt eine lange, reiche Locke goldenen Haares, eine Naturblüthe des Kinderhauptes.

Und blicken wir länger und länger in brütenden Gedanken auf diese Denkzeichen der Kinderwelt, so füllt sich das leere Röcklein und sichtbar wächst die ganze liebliche Kindesgestalt, wie sie leibte und lebte, aus den rothen Saffianschühlein bis zum blühenden Lockenhaupt vor unseren Augen empor.

Ich sah eine Mutter an dem Grabe ihres Kindes knieen, sie hatte die Puppe ihres unter dem Rasen ruhenden Lieblings in der Hand, und legte ihr unter zahllosen Thränen ein neues Kleidchen und neue Strümpfe an, als könnte in der nächsten Minute der blonde Lockenkopf ihr entgegenspringen, und beim Anblick der neugeputzten Puppe das so oft gehörte liebe Wort flüstern: „Danke Mama – meine gute liebe Mama!“

Diese eben geschilderten Reliquien ruhen unter Schutzdächern von Glas, in Form von etwa drei bis vier Fuß hohen Zelthütten. Manche – augenscheinlich die Kindheitsschätze der Aermeren – liegen völlig frei, der Unbill jeder Witterung ausgesetzt, und bieten natürlich nach einiger Zeit einen traurigen Anblick: Tod unter dem Hügel und auch Tod über demselben im Erbleichen und Verwittern all’ der Symbole und Zeichen, die an ein Liebes und Theures auf freundschaftliche Weise noch für längere Zeit erinnern sollten. Die von Gypsfigürchen belebten Gräber können gar leicht von Zeit zu Zeit wieder auf’s Neue bevölkert werden, so lange noch ein lebendiges Herz daran hängt, sie geschmückt zu sehen. Andere sind wieder, statt durch geschlossene Glashüllen, blos durch offene Schirmdächer geschützt, aus Holz oder Blech verfertigt, mit dunkler oder lichter Farbe bemalt.

So in der größten Mannichfaltigkeit geziert, reihen sich zu Tausenden die Kindergräber, manche mit geschmackvollen Holz- und Eisengittern eingefaßt oder ganz frei zwischen Blumen- und Grasrabatten ruhend; in Rahmen von Wintergrün, Rosen- oder Hollunderhecken, von Trauerweiden, Cypressen u. s. w. beschattet. Einige haben neben der Reliquienzier auch noch andere Denkzeichen, meist aus blendend weißem Marmorstein gebildet, in Kreuz-, Pyramiden-, Säulenform u. s. w. mit kurzen und langen Inschriften. Jene Gräber mit Glasgehäusen, denen weitere Denkmäler fehlen, haben mitunter innen an den Glaswänden auf lange und breite Papierstreifen Sprüche oder Nachrichten aufgeschrieben, die mehr oder weniger interessiren.

Bei einigen zeigt der Spielmarkt neben Katze und Pudelhündchen sehr niedliche und künstlich gearbeitete Eisenbahn- und Dampfschiffmodelle; dort ein schnäbelndes Taubenpaar, hier ein volles Lerchennest und die sorgliche Lerchenmutter eben bemüht, die kleinen Schreihälse mit Leckerbissen zu stillen. In dem einen und andern der Glaskästen waren sogar die Lichtbilder der Verblichenen aufbewahrt: also die ganze Kinderseele im offenen Angesicht. Ein Blick in ein liebes Menschenantlitz, überhaupt das Bild eines Geliebten: gewiß das schönste und umfassendste Denkmal, das in: Reiche der Erinnerung ein liebender Mensch dem andern, sogar der Todte noch bieten kann!