An meinen Sohn

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Textdaten
Autor: Percy Bysshe Shelley
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Titel: An meinen Sohn
Untertitel:
aus: Percy Bysshe Shelley’s ausgewählte Dichtungen, Zweiter Theil, S. 150–151
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1819
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag des Bibliographischen Institus
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Erscheinungsort: Hildburghausen
Übersetzer: Adolf Strodtmann
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Quelle: Google
Kurzbeschreibung:
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[150]

An meinen Sohn[1].

Die Wogen schäumen und tosen am Strand,
     Schwach ist und klein der Kahn,
Schwarz grollt das Meer, und am Himmelsrand
     Schon dunkelt des Sturmes Nahn.

5
O komm mit mir, geliebter Sohn,

Komm mit mir! ob die Wellen drohn
Und die Winde heulen, wir müssen an Bord,
Sonst reißen die Schergen der Macht dich fort!

Sie raubten dir Bruder und Schwesterlein,

10
     Und ihr Herz entfremden sie dir;

Ihres Lächelns Reiz, ihrer Thränen Schein,
     Der heil’gen, verlöschten sie mir.
Ein todter Glaube, ein Schmachgesetz
Warf um ihr jugendlich Haupt sein Netz,

15
Und fluchen werden sie mir und dir,

Weil freie Menschen und furchtlos wir,

So komm mit mir, geliebtes Kind!
     An deiner Mutter Brust
Schläft noch, gewiegt im Schlummer lind,

20
     Ein zweites unbewußt.

Das lacht dich an so süß und lieb,
Und freut sich dessen, was uns blieb,
Und wird auf ferner Lande Rain
Dein liebster Spielgenosse sein

[151]

25
Nicht ewig herrscht der Tyrannen Wort

     Und der Priester schmählich Gebot.
Sie stehn an des wüthenden Stromes Bord,
     Und besudeln sein Wasser mit Tod.
Aus tausend Thälern ihm Zufluß quillt,

30
Rings um sie schäumt er und tobt und schwillt,

Und Schwert und Scepter entfluthen weit,
Zerknickt, auf den Wogen der Ewigkeit.

Still! weine nicht, du theures Kind!
     Du fürchtest den schaukelnden Kahn,

35
Und den kalten Schaum und den pfeifenden Wind?

     Wir wollen dich schützend umfahn.
Deine Mutter und ich, wir kennen die Macht
Des Sturmes wohl, der dich zittern macht,
Mit all’ seiner schaurigen Gräber Hut,

40
Die so schaurig nicht, wie der Schergen Wuth,

Die dich forthetzt über die schirmende Fluth.

Gedenken wirst du an diesen Tag
     Wie an Träume von altem Weh;
Bald wird uns umrauschen der Wellenschlag

45
     Der blauen italischen See;

Oder Hellas umfängt uns, die Mutter der Frein,
Und ich will Lehrer und Freund dir sein,
Daß du rufen lernst ihre Helden all’
In ihrer eigenen Sprache Schall,

50
Und, ganz von hellenischem Geist durchloht,

Dort fordern mögest in Noth und Tod
Dein Heimatsrecht als Patriot.


  1. * Shelley schrieb dies Gedicht im Jahre 1819, als der Lordkanzler von England
    dem Dichter seine beiden Kinder aus erster Ehe unter dem Vorwande vorenthielt, daß
    er als „Atheist“ nicht im Stande sei, dieselben moralisch zu erziehen. Shelley
    fürchtete damals, daß man ihm auch seinen jüngsten Sohn, William, entreißen werde,
    der übrigens bald darauf in Rom starb.