Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer/Der Katzenkrieg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Wie Anastasius Zauberer wurde Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer
von Rudolf Slawitschek
Das stumme Dorf
{{{ANMERKUNG}}}
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

[[13]] 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000

Der Katzenkrieg

000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 [15] [A]ls Anastasius am nächsten Morgen aufwachte, zauberte er sich zunächst ein feines Frühstück herbei, dann noch einen seidenen Schlafrock, türkische Pantoffeln und eine lange Pfeife mit dem besten Tabak der Welt. Dann begann er in aller Ruhe nachzudenken, was nun zu tun sei. Sollte er sich einen Berg von Gold, ein prächtiges Schloß, Wagen und Pferde wünschen? Im Augenblick konnte das alles da sein! Aber nein, dachte er, das hat alles für später Zeit. Vor allem wollte er seinen Mitbürgern zeigen, was für ein mächtiger Mann der geschmähte Anastasius Katzenschlucker über Nacht geworden war; und ärgern sollten sie sich, bis sie blau und grün wären!

Ja, aber wie das anfangen? Drei ganze Stunden dachte er nach und es wollte ihm nichts Rechtes einfallen. Aber dann sprang er auf einmal mit munterem Gekicher auf, schwang seinen Zauberstab und sprach dazu:

„Alle Katzen in der ganzen Stadt sollen sich augenblicklich in Hasen verwandeln!“

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da hörte er ein Geschrei vom Marktplatz her; er blickte zum Fenster hinaus und sah einen feisten Hasen quer über den Markt rennen, zwei junge Stadtbürger und eine Menge Kinder hinter ihm her. Ganz rückwärts kam der dicke Stadtarzt und schwang keuchend seinen Ebenholzstock mit der Elfenbeinkugel.

Anastasius nickte vergnügt und sagte zu sich selbst: „So ist es recht, nur immer so weiter!“

Und es ging wirklich so weiter, denn bald hub in allen Straßen und Häusern der Stadt ein Jagen an, wie man seinesgleichen noch nicht erlebt hatte. Mit Spießen und Schwertern, mit Feuerwaffen [16] aller Art, mit Stangen und Schaufeln, mit Mistgabeln und Besen ging man den armen Langohren zu Leibe. Ja, die drei Stadtsoldaten, welche die Wache am Prager Tor hielten, hatten gar die alte Feldschlange geladen und ihre Ladung hinter einem Hasen hergeschossen, der sich vor seinen Verfolgern durch die Flucht zum offenen Stadttor hinaus zu retten suchte.

Es war ein besonders großer Hase mit einem ganz dunklen Fell. Und wenn ihn die Kanonenkugel wirklich getroffen hätte, so würde diese Geschichte ganz anders ausfallen. Denn, daß ihr es nur gleich wißt, dieser Hase war niemand anderer als der schwarze Kater des Herrn Bürgermeisters. Und mit dem war nicht zu spassen, weder mit dem Bürgermeister noch mit dem Kater.

Vorläufig ging aber die fröhliche Jagd in den Gassen und Häusern weiter und in den nächsten Tagen duftete es überall nach Hasenbraten. Die Felle der zahlreichen Opfer der letzten Jagdtage hingen an allen Küchenfenstern zum Trocknen.

Auf diesen Augenblick hatte Anastasius gewartet, denn jetzt erst sollte sich seine Rache erfüllen. Die braven Bürger sollten nicht nur wirkliche Katzenschlucker geworden sein, sie sollten es auch wissen! Und darum schwang er wieder seinen Zauberstab und sprach:

„Was von den Hasen noch da ist, soll wieder zu Katzen werden!“

Und siehe da! Wo immer an einem Fenster der Stadt vor einem Augenblick noch ein Hasenbalg gehangen war, da hing nun [17] ein Katzenfell, das eine schön weiß, das andere schwarz, das dritte gefleckt, aber doch eben immer ein richtiges Katzenfell!

Was bei diesem Anblick in den Köpfen der erstaunten Bürger vorging, läßt sich nicht so in ein paar Worten schildern! Aber als sie endlich das Wunderbare begriffen hatten, als sie sich darüber klar geworden waren, daß sie mit soviel Behagen statt Hasen Katzen geschmaust hätten, da wurde ihnen allen so eigen im Magen. Es wurde viel Tausendguldenkrauttee in der Stadt gekocht an diesem Tag und auch viel Kräuterschnaps getrunken. Mancher aber fühlte sich von dieser Entdeckung so krank, daß er sich ins Bett bequemen und eine heiße Küchenstürze auf den Leib legen mußte, um sich durch solche Vorsichtsmaßnahmen vor einem bösen Fieber und vielleicht gar vor einem plötzlichen Tode zu retten!

Zu dieser Not des Körpers kam aber noch der seelische Jammer! So manche alte Jungfer und einsame Witwe erkannte mit Entsetzen, daß sie ihre innigstgeliebte Freundin und Zimmergenossin ahnungslos und mit Behagen verzehrt hatte, und so mancher Ratsherr und Würdenträger bangte um Stellung und Ansehen, wenn es bekannt würde, daß er einmal in seinem Leben von einem duftigen Katzenbraten genascht hätte!

Freilich, für diese Sorgen gab es ja einen Trost, daß nämlich alle Standesgenossen, alle höher sowie niedriger Gestellten in der Stadt, es nicht anders gemacht hätten! Nur den Herrn Bürgermeister hatte eine dienstliche Reise glücklich vor dem allgemeinen Schicksal bewahrt. Der würde zwar nach seiner Rückkehr in der nächsten Ratssitzung die versammelten Herren recht höhnisch anlachen, aber das war schließlich zu ertragen. Wenn nur die Sache nicht außerhalb der Stadt ruchbar würde, sonst gab es einen Spitznamen für die guten Bürger in alle Ewigkeit! Und so nahm man denn rasch die ganze Bevölkerung in Eid, auf daß kein Ortsfremder jemals von der Sache erfahre. Sie haben auch ihren Schwur alle redlich gehalten und niemals hätte jemand von dieser ganzen Geschichte erfahren, wenn ich sie nicht in einer alten Urkunde gefunden [18] hätte, die in einem geheimen Schrank verwahrt war, vor dem sieben kunstreiche Schlösser lagen.


Während nun solche Dinge in der Stadt geschahen, war auch draußen in freiem Felde etwas Wichtiges vor sich gegangen. Im selben Augenblick, da Anastasius seinen Zauberspruch sagte und alles, was von den falschen Hasen noch übrig war, wieder in Katzen zurückverwandelt wurde, fühlte ein Hase, der gerade in langen Sätzen über einen Krautacker flüchtete, wie seine Ohren und Hinterbeine plötzlich kürzer wurden. Sein graues Fell wurde mit einem Male schwarz, und wo gerade noch ein Hase gelaufen war, lief nun ein schöner großer Kater.

Mit freudigem Schreck fühlte er den Zauber auf sich wirken, verlangsamte darüber seine Eile und blieb schließlich am Waldrande sitzen, um zu überlegen: Was war geschehen und was war jetzt zu tun? Daß an dem ganzen Unglück niemand anderer als der Zuckerbäcker mit dem bösen Namen (nicht einmal in Gedanken wollte ihn der Kater wiederholen) schuld war, das war gewiß. Denn der Kater hatte in jener Vollmondnacht hoch oben vom Dache des Rathauses her als einziger Zeuge die Vorgänge am Marktbrunnen verfolgt. Der Zuckerbäcker war von da an kein Bäcker mehr sondern ein Zauberer, das war gewiß; und daß er sich dann für all den Hohn und Spott an seinen Mitbürgern hatte rächen wollen, das begriff der zu allen Bosheiten geneigte Katzenverstand vollkommen! Nur hätte er sich ein anderes Mittel aussuchen können als eines, das Hunderten von Katzen das Leben gekostet hatte! Eine Schandtat war es, und die Strafe dafür durfte nicht ausbleiben! Und er, der Kater des hochwohlgeborenen Herrn Bürgermeisters, also der Höchstgestellte in der ganzen Katzengemeinde, würde die Sache schon in die Pfote nehmen! Ein gütiges Schicksal hatte ihn scheinbar gerade zu diesem Zwecke am Leben erhalten.

Aber wie diese große Aufgabe erfüllen? Wenn sein Herr nicht verreist wäre oder wenn er wenigstens wüßte, wohin, so wäre die [19] Geschichte nicht so schwer gewesen. Denn der Herr Bürgermeister verstand sich mit seinem Kater sehr gut und hatte schon manches wichtige Gespräch mit ihm geführt.

Er pflegte ihm auch sonst regelmäßig zu sagen: „Mein lieber Schnurr-murr, daß du es weißt, ich verreise morgen dahin oder dorthin!“ Aber gerade diesmal hatte es das Pech gewollt, daß der Kater zur Zeit, da sein Herr sich zur Abreise entschloß, in wichtigen Geschäften außerhalb des Hauses gewesen war. Da war nun nichts zu wollen und nichts zu richten. Von dieser Seite war, zumindest vorläufig, keine Hilfe zu erwarten und man mußte an etwas anderes denken.

Lange saß der Kater auf seinem Platze unbeweglich, die Augen fest geschlossen. Es war schon dämmerig geworden, als er sich endlich aufrichtete. Und als es ganz finster war und die Menschen schon alle schliefen, da konnte mancher Bauer in den umliegenden Dörfern, wenn er keinen allzufesten Schlaf hatte, auf einmal einen schrillen Schrei von der Straße hören. Und wenn er schlaftrunken und erschrocken zum Fenster eilte, so konnte er sehen, wie im hellen Mondenschein ein großer schwarzer Kater rasch die Dorfstraße entlang fegte. Wenn er aber die Katzensprache verstanden hätte, dann wäre ihm auch der Sinn jenes Schreies aufgegangen: Es war die Einladung zu einer großen Katzentagung für die nächste Mitternacht auf der Wiese im Stadtwald.


[20] Ein schöner Tag verging, die Sonne neigte sich gegen Westen, es wurde dämmerig, es wurde dunkel. Da konnte man von weit und breit die Feldraine entlang ungezählte Katzen einem Ziel zustreben sehen. Und als es fernher vom Stadtturm die zwölfte Stunde schlug, da scholl vom Walde her ein vielstimmiger Katzenschrei weit hinaus durch die stille Nacht. Dann wurde es wieder ruhig, denn nun lauschten sie alle den Worten Schnurr-murrs, der auf einem Baumstrunk in ihrer Mitte saß und ihnen von dem schrecklichen Massenmord erzählte, der in der Stadt vorgefallen war.

Wieder hallte ein Schrei durch die Nacht, diesmal aber länger und verworrener, denn es war ein Ruf der Entrüstung über das grausige Ereignis. Doch Schnurr-murr mahnte zur Ruhe, denn jetzt wollte er ihnen erst das Wichtigste sagen, wie man nämlich die schwere Schandtat bestrafen würde: Sie alle müßten gegen die Stadt ziehen, im Schutze der Nacht die Mauern erklimmen und dann durch die menschenleeren Gassen bis auf den Marktplatz vor das Haus des Verbrechers eilen, es erstürmen und den Missetäter in tausend Stücke reißen.

Stürmischer Beifall lohnte den Redner. Nur eine alte Katze hatte Bedenken:

„Wenn der Mann ein Zauberer ist, dann wird er uns, sobald er unser ansichtig wird, alle in Steine oder Fliegen verzaubern oder vielleicht gar in Mäuse. Und er selbst wird dann gar die Gestalt eines riesigen Katers annehmen und uns alle auffressen!“

„Ja, das könnte uns wohl geschehen,“ gab der schwarze Kater zurück, „wenn wir nicht entsprechend vorsichtig wären. Wenn man so etwas vornimmt, muß man sich eben fest machen gegen jeden Zauber. Und das ist für uns Katzen nicht schwer, denn der gute Mond dort oben ist ja schon immer unser Freund gewesen. Und daß der große Macht besitzt in allen Zauber- und Hexensachen, das weiß das jüngste Kätzchen, das noch kaum miauen kann. Man muß aber die 29 Sprüchlein kennen, die für jeden Tag des Mondwechsels passen, dann kann es an seiner Hilfe nicht fehlen. Heute ist die dritte [21] Nacht nach dem Vollmond und auch für diese gibt es einen besonderen Spruch. Den sprecht mir nun alle nach:

Letzthin noch in voller Pracht
hast am Himmel du gewacht;
mußt du jetzt auch kleiner werden,
wird nicht kleiner deine Macht.
Was da kreucht und fleucht auf Erden,
weiß von dir sich gut bewacht.
Schütz’ uns Katzen Tag und Nacht
vor Zauberkraft und Niedertracht!

So, und jetzt macht noch dem Monde drei schöne Verbeugungen und dann kann euch bis zum nächsten Sonnenuntergang kein Zauberer oder Hexenmeister etwas anhaben. Wer sich aber noch immer fürchtet, der mag auf der Landstraße von den Ebereschen drei rote Beeren naschen, das ist auch ein gutes Mittel gegen alle Zauberei. Und jetzt auf gegen den Feind!“

Mit großem Geschrei brachen die Katzen auf; aber der schwarze Kater gebot Ruhe und so näherten sie sich ganz lautlos auf richtigen Katzenpfötchen der schlafenden Stadt. Dort war schon längst alles zur Ruhe gegangen. Nur die Schritte des Nachtwächters hallten noch durch die stillen Gassen und nicht einmal sein Stundenruf weckte die guten Bürger auf, denn er war schon so rücksichtsvoll, den Leuten nicht gerade in die Fenster hinein zu schreien.

Nur als er um zwölf Uhr am Marktplatze stand, da ging er gerade bis an das Haus des Anastasius heran, tutete zu dessen Fenster hinauf, daß die Butzenscheiben klirrten, und sang dann mit dröhnendem Baß:

[22]

„Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen,
die Uhr hat eben zwölf geschlagen;
bewahrt das Feuer und das Licht
und esset gebratene Katzen nicht!“

Anastasius war von dem Hornruf und dem nachfolgenden Gesang jäh aus dem Schlaf gefahren und hatte sich zornig den letzten Schlummer aus den Augen gerieben. Das war doch die höhere Bosheit von diesem Nachtwächter! Freilich war von dem nichts mehr zu hören und Anastasius hätte sich ruhig nach der anderen Seite umdrehen und weiterschlafen können, aber der Ärger hatte ihm den Schlummer gründlich verscheucht. Nun hätte er sich ja leicht einen neuen Schlaf herbeizaubern können; aber er war von Natur aus etwas rachsüchtig und darum schien es ihm wichtiger, den Nachtwächter sogleich zu bestrafen als weiter der Ruhe zu pflegen.

Ohne viel nachzudenken, war er gleich auf das Richtige gekommen. Und so schwang er denn sofort seinen Zauberstab und sagte sein Sprüchlein her. Dann riß er das Fenster auf, um sich an seinem Werke zu freuen: Richtig, dort hopste der Nachtwächter und schrie, daß ihm der Boden unter den Füßen versinke; und der Marktbrunnen überfloß in Strömen und rasch breitete sich sein Wasser über den ganzen Platz, der im Handumdrehen ein einziger großer Teich war. Nur mit großer Mühe hatte sich der Wächter der Nacht vor dem sicheren Ertrinkungstode gerettet.

Anastasius aber stand am Fenster und betrachtete zufrieden die im Mondschein glitzernde Wasserfläche. Dabei fiel ihm ein, wie er als kleiner Bub so gerne Fische gefangen hatte. Und wie das so geht, mit der Erinnerung kam der heiße Wunsch, wieder einmal zu fischen. Viele Jahre hatte er es ja nicht getan, denn hier in der Stadt hatte es ihm immer an der Zeit wie an der Gelegenheit dazu gefehlt.

[23] Ein Zauberer hat es sehr leicht, wenn ihn irgendein Verlangen überkommt. Im nächsten Augenblick wimmelte es in dem Wasser dort unten von Fischen aller Art; Anastasius aber hielt eine Angel in der Hand, ein Fischlegel stand neben ihm und an einer eisernen Kette hing vom Hausgiebel eine Pfanne mit brennendem Pech bis an den Wasserspiegel herunter.

In aller Behaglichkeit konnte nun Anastasius vom Fenster aus Fische fangen. Das tat er denn auch und ließ sich durch das Geschrei der durch den Nachtwächter aufgescheuchten Bürger nicht weiter stören. Aus allen Fenstern der Häuser am Marktplatze schauten verschlafene, weißbemützte Gesichter und dort, wo die Gassen in den Platz mündeten, standen ganze Scharen am Ufer des neuentstandenen Teiches.

Sie staunten alle mächtig über das Wunder; als sie aber des Fischers am Fenster ansichtig wurden, da ging ihnen mit einem Male ein Kirchenlicht auf: Jetzt wußten sie, wer ihnen den Katzenbraten beschert und den Marktplatz in einen See verwandelt [24] hatte. Das war der Anastasius Katzenschlucker, der vor kurzem noch ein braver Zuckerbäcker gewesen und jetzt ein gefährlicher Zauberer geworden war. Zuerst schimpften sie gewaltig auf ihn und schüttelten die Fäuste. Aber dann besannen sie sich, daß es nicht ungefährlich sei, ihn so zu reizen. Wenn er die Macht hatte, solche Wunderdinge zu vollbringen, so war ihm noch mehr zuzutrauen. Man mußte schließlich noch froh sein, daß er nur die Katzen und nicht die ganze Bürgerschaft in Hasen verwandelt oder die ganze Stadt auf den Grund eines großen Wassers versetzt hatte.

So verstummten denn die Schimpfworte und Vorwürfe und man steckte lieber die Köpfe zusammen und beriet, was zu machen sei. Wenn nur der Bürgermeister schon von seiner Reise nach Freistadt zurückgewesen wäre, der hätte sicher einen Rat gewußt! So aber standen sie hilflos da und wußten nicht, was beginnen. Sie hatten nicht einmal bemerkt, daß sie bei ihrem Hin- und Herreden belauscht wurden, daß des Bürgermeisters schwarzer Kater, der seit gestern verschwunden schien, zwischen ihnen herumschlich. Der war nämlich an der Spitze des Katzenheeres in die Stadt eingezogen, hatte aber seine Scharen wieder auf die Stadtmauer zurückgeschickt, als er Lärm in den Gassen hörte und die vielen Menschen erblickte. Allein war er auf Kundschaft gegangen und hatte genug gehört und gesehen.

Rasch fing er sich eine vorwitzige Maus, die sich trotz des Lärmes zum Kellerloch hinaus auf die Gasse gewagt hatte, setzte sich in einen dunklen Winkel und überlegte: Da war zunächst der große Teich, der den Zugang zum Hause des Bösewichtes wehrte. Gewiß, man konnte auch über die Dächer zu ihm gelangen; aber ob das jetzt noch notwendig war, jetzt, wo er wußte, wo sein Herr zu finden war? Und die Sache mit dem Mond war schließlich doch nicht ganz so sicher; wie, wenn an dem Spruch, den sie alle über seinen Rat hergesagt hatten, auch nur ein Wort falsch war? Dann war er wirkungslos und der Zauberer hatte Macht über sie. Da war es schon besser, sich auf seinen Herrn zu verlassen; der hatte [25] alle Bücher gelesen von der Bibel bis zum Höllenbann und wußte daher gewiß auch, wie man so einem Zauberer beikommen konnte. Der würde mit dem bösen Anastasius gewiß kurzen Prozeß machen! Am Galgenberg draußen würde er ihn aufhängen lassen, das war doch selbstverständlich. Also konnte man sich alle Mühe sparen. Und darum bestieg Schnurr-murr die Stadtmauer und schickte seine Genossen kurzerhand nach Hause. Widerwillig folgten sie, denn sie hatten sich schon sehr darauf gefreut, einmal auf einen Menschen und noch dazu auf einen Zauberer losgelassen zu werden. Aber gegen den Befehl des schwarzen Katers wagte keines zu murren.

Er selbst aber lief über die Stadtmauer bis zum Linzertore. Dort setzte er sich hin und wartete. Hier ging ja die Straße gegen Freistadt hinaus, hier mußte also der reitende Bote heraus, den die Budweiser noch in der Nacht ihrem Bürgermeister nachschicken wollten.

Und richtig! Kaum eine Stunde hatte er gewartet, da hörte er durch die nun wieder still gewordenen Gassen ein Roß dem Stadttore zutraben, hörte, wie die Zugbrücke herabgelassen wurde und knarrend das Tor sich öffnete. Und schon war er mit einem Satz von der Mauer herunter rückwärts auf das Pferd des Boten gesprungen. Das scheute vor Schreck und jagte davon. Der Reiter [26] gab ihm noch die Sporen dazu, denn er glaubte, daß der leibhaftige Satan hinter ihm aufgesessen sei.

So ging die tolle Jagd durch Felder und Wälder und schlafende Dörfer bis in den grauenden Morgen hinein. Der tapfere Bote hätte sein Pferd auf solche Art sicher zuschanden geritten, wenn er nicht, gerade als die Sonne aufging, förmlich in eine Kalesche hineingerannt wäre, die ihm auf der Straße entgegenkam. Und wer darin saß, war niemand anderer als der Herr Bürgermeister.

Der Mann mußte wirklich mehr können als Brot essen. Denn er hatte in Freistadt von der Hasengeschichte irgendwie Wind bekommen und hatte sich gleich auf den Weg gemacht, um seinen Bürgern in solchen schweren Seiten hilfreich zur Seite zu stehen. Neben ihm im Wagen aber saß ein Mann mit langem, weißen Bart. Das war niemand anderer als der wirkliche geheime Oberstadtzauberer von Freistadt, Herr Habakuk Löwenlippe, und die Zeichen seiner Würde, eine spitze rote Mütze, mit wirren goldenen Zickzacklinien bestickt, und ein gewaltiger Regenschirm von gleicher Farbe lagen auf der freien Sitzbank ihm gegenüber.

Mit einem einzigen Satz war Schnurr-murr seinem Herrn auf den Schoß gesprungen. Jetzt, da der Bote den vermeintlichen Bösen von seinem Rücken weg hatte, fand er sogar Worte und stammelte seinen Bericht in den Wagen. Aber der Herr Bürgermeister winkte ungnädig ab. Er wußte, daß sein Kater ihm das alles besser und ausführlicher erzählen werde. Und so geschah es auch, sobald der Bote außer Hörweite war und, stolz auf die von ihm vollbrachte Rettung der Stadt, hinter dem Wagen herritt.


Zu der Stunde, wo das alles geschah, schlief Anastasius noch den Schlaf des Gerechten. Er hatte mit der Fischerei die besten Nachtstunden verpaßt, das mußte jetzt nachgeholt werden. Als er endlich erwachte, schien ihm schon die helle Sonne ins Zimmer. Einen Augenblick mußte er sich auf die Abenteuer der verflossenen [27] Nacht besinnen, dann beschloß er, den Fischfang gleich wieder fortzusetzen.

Aber was war denn das? Man hörte ganz deutlich vom Platze her viele Menschenstimmen. Ach, wahrscheinlich hatten sie sich Kähne und Flöße geholt und besorgten jetzt ihre Marktgeschäfte auf diese Art. Das mußte spaßig anzusehen sein, wenn die Gemüsehändler und die Obst- und Butterweiblein auf diese Art über den Marktplatz ruderten! Mit beiden Füßen zugleich sprang Anastasius aus dem Bette, um sich an diesem köstlichen Anblick zu erfreuen, und blieb im nächsten Augenblicke mit offenem Munde am Fenster stehen: Der Marktplatz war jetzt so staubtrocken wie vordem und die Bürger spazierten behaglich darauf herum, als ob gar nichts geschehen wäre.

Also, da sollte doch gleich das Donnerwetter dreinschlagen! Das mußte sofort wieder in Ordnung gebracht werden, denn die Fische so zum Fenster heraus fangen war doch ein gar zu schönes Vergnügen! Und schon schwang er den Zauberstab und wollte sein Sprüchlein sagen, da merkte er mit Schrecken, daß eine unsichtbare Hand ihm den Stab aus der Hand zu nehmen schien, sodaß er die Bewegung nicht zu Ende führen konnte. Der Zauberstab blieb in der Luft hängen und fiel dann nach einer kleinen Weile langsam zur Erde. Wie betäubt starrte Anastasius das Geschehnis an. War das schon das Ende seiner Kraft oder war es nur eine vorübergehende Hemmung, die überwunden werden konnte?

Ein starkes Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken. Da stand der Ratsdiener vor ihm und übergab ihm einen Brief, der mit einem großen roten Siegel verschlossen war. Darin war zu [28] lesen, daß Bürgermeister und Rat der Stadt Budweis beschlossen hätten, ihn als einen gefährlichen Mann aus der Stadt zu verbannen und ihm für alle Zeiten die Rückkehr zu verbieten. Er habe alsogleich das Weichbild der Stadt zu verlassen und nichts mitzunehmen, als was er gerade am Leibe trug und einen warmen Mantel gegen die Unbilden der Witterung. Sein ganzes Vermögen aber samt Haus und Laden sei der Bürgerschaft verfallen und werde zum Ankauf von Katzen verwendet werden, damit jedes Haus, das durch seine Schuld dieser nützlichen Mäusejäger beraubt worden sei, wieder seine Hauskatze erhalte.

So, nun wußte er es, und den Rest sagte ihm der Ratsdiener mit einer Stimme, die etwas Angst, aber noch mehr Bewußtsein seiner Würde und Bedeutung verriet:

„In einer Stunde werde ich Euch über Auftrag des Herrn Bürgermeisters mit der großen Ratskutscbe abholen und Euch persönlich einen halben Tag weit von der Stadt wegbringen. Und damit Ihr mir nicht erst Eure Künste versucht, Herr Zauberer, so sage ich es Euch gleich, daß das ganz umsonst wäre; denn der Herr Oberzauberer Löwenlippe, den sich der Herr Bürgermeister von Freistadt mitgebracht bat, ist stärker und geschickter als Ihr, und der hat Euch das Handwerk bis auf weiteres gelegt. Aber er ist Euch, um es im Vertrauen zu sagen, trotzdem nicht übel gesinnt und behandelt Euch sozusagen als seinen Kollegen. Denn eigentlich solltet Ihr wirklich und wahrhaftig aufgeknüpft werden. Die alte Kathrine, was des Herrn Bürgermeisters Köchin ist, behauptet, daß der Kater Schnurr-murr das ausdrücklich verlangt und seinem Herrn einen großen Tanz gemacht habe, als der nicht gleich zustimmen wollte. Das ist natürlich nur ein dummes Gerede von der alten Kathrine, denn ein unvernünftiges Tier kann natürlich nicht reden. Aber soviel ist sicher, daß der geheime Oberstadtzauberer aus Freistadt darauf bestanden hat, daß Ihr nur verbannt werdet. Ja noch mehr, er hat es durchgesetzt, daß Euch die große Stadtkutsche zur Abreise beigestellt werde, weil sie gut zu verschließen [29] und fast so fest ist wie ein steinernes Haus, denn man fürchtet nicht mit Unrecht, daß Euch die erzürnten Bürger bei Eurer Wegfahrt noch übel mitspielen könnten. Darum sollten auch eigentlich vier Stadtsoldaten zu Pferde als Bedeckung den Wagen bis vor das Stadttor begleiten. Aber der Herr Oberstadtzauberer scheint nicht zu viel Fiduz[1] in unsere Stadtpolizei zu haben, denn er hat gesagt, daß es besser wäre, wenn er über den Wagen ein Sprüchlein sagen würde; das wäre stärker und schütze besser denn tausend Mann in Wehr und Waffen.“

Aufmerksam hatte Anastasius zugehört. Also so war die Geschichte! Darum war sein Zauberstab in der Luft stecken geblieben! Nun, wenn die Sache nicht ärger war, als daß ihm seine Kunst für diese Stadt und ihre Umgebung genommen war, so ließ sich das noch ertragen. Freilich: es war unerhört, daß es jemanden gab, der besser zaubern konnte als er und der ihm gar seine Kraft nach Belieben nehmen konnte; aber das war eine Sache für sich, die konnte er sich später noch in Ruhe überlegen. Für jetzt beschloß er, sich dem Befehle des Bürgermeisters ruhig zu fügen und die Stadt zu verlassen. Einen dicken alten Pelz, der noch von seinem Onkel da war, zog er sich für die Reise an und steckte den Zauberstab in die innere Rocktasche, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob er dies nach dem strengen Wortsinne des ihm zugestellten obrigkeitlichen Erlasses eigentlich tun durfte.

Eine Weile später kam über das holperige Straßenpflaster die große Ratskutsche daher und Anastasius stieg rasch ein, während die Gassenjungen um den Wagen herumjohlten und eine dichtgedrängte Menge aufgeregt seine Abreise beobachtete. Dann gab der Ratsdiener, der sich auf den Kutschbock geschwungen hatte, gravitätisch das Zeichen zur Abfahrt, der Ratskutscher strich mit der Peitsche über den Rücken der Braunen und fort ging es. Am Stadttor überzeugten sich noch ein Ratsherr und [30] der Herr Stadthauptmann in eigener Person, ob Anastasius auch wirklich im Wagen saß und beide probierten, ob der Wagenschlag auch gut verschlossen war, dann polterte die Kutsche über die Zugbrücke hinaus auf die Landstraße.

Doch was war denn das? Kaum war man einen Büchsenschuß von der Straße entfernt, da wurden auf einmal die braunen Ackerfurchen links und rechts der Straße lebendig! Und ein Geschrei durchschrillte die Luft, daß man sich fast die Ohren zuhalten mußte! Ja, was war denn los? Katzen waren es, lauter Katzen, die in hellen Haufen von beiden Seiten gegen den Wagen heranstürmten. Aber merkwürdig! So kühne Sätze sie auch machten, um Kutsche oder Pferde anzuspringen, eine unsichtbare Hand hielt sie mitten im Sprunge auf und warf sie zurück. Der Kutscher aber hieb auf die Pferde ein, daß sie sich in raschen Lauf setzten und den sausenden Katzenhaufen bald weit zurück ließen.


  1. Vertrauen.