Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Das Lumpengesindel

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Die zwölf Brüder Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
10. Das Lumpengesindel
Brüderchen und Schwesterchen
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Das Lumpengesindel.

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10. Das Lumpengesindel. 1856 S. 20.

1812 nr. 10: aus dem Paderbörnischen von August v. Haxthausen 19. Mai 1812. – Es hat Ähnlichkeit mit dem Märchen von Herrn Korbes (nr. 41) und den Bremer Stadtmusikanten (nr. 27). In andern Fassungen handelt es sich um das Begräbnis des Hühnchens;[1] so in der siebenbürgischen bei Haltrich ⁴ nr. 78, wo zwei Läuschen und zwei Mäuschen vor den Wagen gespannt werden und Bär, Wolf, Fuchs, Krebs, Ei, Nähnadel, Stecknadel und Mühlstein sich mit aufsetzen. Als der grobe Wirt sie abweist, fallen Bär, Wolf und Fuchs in die Ställe der Kühe, Schafe und Gänse ein, der Krebs setzt sich ins Wasserschaff, das Ei in die glühende Asche, die Nähnadel in den Sorgenstuhl, die Stecknadel ins Handtuch, der Mühlstein über die Haustür und der Hahn auf den Balken. Als der gepeinigte Wirt aus dem Hause eilt, erschlägt ihn der herabstürzende Mühlstein, und der Hahn ruft: ‘Recht geschehen’. Statt des Wirtes [76] erscheint ein Habicht (Kükeweih, Schawei, Hoawk, Jeier), der das Hühnchen weggeholt hat, in Fassungen aus Hannover bei Busch S. 27 ‘Kükeweih’ (Nähnadel, Mühlstein), aus Brandenburg bei Engelien-Lahn 1, 166 ‘Der Hahn und die Henne’ (Stecknadel, Ei, Mühlstein), aus Hinterpommern bei Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 1, 91 ‘Vater Hähnchen’ (Stopfnadel, Ei, Ente, Ziegenbock, Hauklotz) und in den Blättern f. pomm. Volkskunde 9, 39 ‘Hahn und Henne’ (Ei, Schlange, Nähnadel, Mühlstein. Ein Wagen ‘von twei Ratte, von twei Katte, von twei Mise, von twei Lise’) und aus Ostpreußen bei Lemke 2, 238 ‘Hahnchen und Hennchen’ (papierner Wagen mit vier Mäusen, Stecknadel, Ente, Ei, Mühlstein), wo die Henne den mitfahren Wollenden erwidert:

Setz dich hinten auf meinen Wagen,
Sieh, ob meine Rädchen tragen,
Hör, ob meine Mäuschen piepen,
Fahr nur immerzu!

Niederländisch in der Genter Zs. Volkskunde 14, 41 ‘Janmainje mit wörtelkoar’ (Bursch mit Mäusewagen, Esel, Hahn, Stopfnadel: Wirt) und 14, 79 ‘Van Katje-matje’ (ein Mädchen, das mit ihrem Ochsenwagen Lehm holt und einer Steck-, einer Näh- und einer Stopfnadel Quartier gewährt, wird vom Lehm geblendet, von den Nadeln gestochen und vom Ochsen gespießt). – Dänisch bei Kamp 2, 26 nr. 2 ‘Rejsen ud i den vide Verden’ (Junge mit Mäusewagen, Hahn, Ente, Gans, Kater, Hund, Widder, Schwein, Ochse, Pferd: Troll). Bei Kristensen, Aeventyr fra Jylland 2, 321 nr. 49 ‘Romerrejsen’ findet der Hahn einen Brief, der ihn nach Rom ruft und ihm die Kaiserwürde verheißt; er besteigt mit der Henne einen Mäusewagen und nimmt Katzen, Hunde, Ochsen, Gänse und Enten mit; diese verscheuchen nachts die heimkehrenden Hausbewohner.[2][77] Schwedisch in Hackmans Register nr. 210. – Im französischen Märchen bei Sébillot, Contes, 2, 325 nr. 63 ‘Les trois petites poules’ geht vorauf die Erbauung von drei Häusern für drei Hühnchen, in die der Wolf einzudringen sucht (vgl. oben S. 40 zu nr. 5); nach dem Tode des Wolfes zieht das dritte Hühnchen mit einem Hammel, Kater, Ochsen und Schneider durch Frankreich; im Hause eines andern Wolfes setzt sich das Huhn auf den Brotschrank, der Kater auf die Schuhe, der Hammel auf die Kleider, der Ochse mitten in die Stube und der Schneider hinter die Tür, und jeder mißhandelt den heimkehrenden Besitzer; dann berauben sie eine alte Frau und zechen im Wirtshause, ohne zu bezahlen. – Im wälschtiroler Märchen bei Schneller nr. 41 ‘Die Gevatter’ ziehen Hahn, Henne, Kuhfladen, Nadel, Besen, Stange, Krebs und Wolf in die Welt, quartieren sich im Hause einer alten Frau ein, peinigen sie, und wie sie sich ins Bett legen will, liegt der Wolf darin und verschlingt sie. Vgl. Imbriani, Novellaja fiorentina 1877 p. 629 ‘El fioeu, che l’ è andaa sul soree’ (aus Mailand) und N. Bolognini, Usi e costumi del Trentino 1888 p. 89. – Spanisch bei Caballero 1878 p. 55 ‘Benibaire’: drei Zicklein schleichen nachts mit einem Hammel, Kater, Hahn, Misthaufen und einer Nähnadel in Benibaires Haus, um ihm Öl zu stehlen, und mißhandeln ihn auf ähnliche Weise. – Slovenisch aus Kirchheim bei Görz im Archiv f. slav. Phil. 8, 113: Hund, Henne, Ei, Krebs und Nadel kehren bei einer Frau ein, die sie vor ihren bösen Manne warnt; wie dieser heimkehrt, läßt ihm die Henne etwas in die Augen fallen, die Nadel im Tischtuch sticht, der Krebs im Bottich kneift, das Ei in der Küche spritzt, der Hund (Hammel) [78] draußen tötet ihn. – Weißrussisch aus dem Gouv. Smolensk bei Dobrovoljskij, Smolenskij etnogr. sbornik 1, 152 nr. 87: ein Greis geht zu dem einfüßigen und einäugigen Unhold Varlivoka, der seine Frau und drei Enkelinnen auf dem Erbsenfelde getötet hat; unterwegs schließen sich ein Enterich, ein Strick und eine Eichel an. Da in der Hütte niemand ist, erwarten sie den Unhold; die Eichel springt ihm aus der kochenden Grütze ins Auge, der Strick wickelt sich um seine Füße, der Enterich und der Alte erschlagen ihn. – Im indischen Märchen bei Bompas p. 325 nr. 114 ‘The jackal punished’ rächen die Hühner, verbündet mit Ei, Reisschäler und Reismörser, die Tötung ihrer Mutter am Schakal. – Auch einige malaiische Märchen gehören hierher. In einer Erzählung der Sangir-Insulaner (Bijdragen tot de Taalkunde van Nederlandsch Indië 42, 423 nr. 10) segeln Maus, Garnele, Tausendfuß, Laufhuhn, Aal, Nadel und Amboß auf Abenteuer aus und leiden Schiffbruch. Die Garnele wird von einer Frau, die ihr Feuer geben soll, versengt, und ihre Genossen schleichen sich, um ihren Tod zu rächen, in das Haus der Alten. Nachts weckt die Maus diese, die Nadel sticht, das Huhn auf dem Herde wirft ihr Asche in die Augen, der Tausendfuß im Wassergefäß beißt, und wie sie auf dem Aal ausgleitet, fällt ihr der Amboß auf den Kopf. Bei den Mentawai auf Si Kobo (Morris, Die Mentawai-Sprache 1900 S. 93) töten Krokodil, Aal, Eidechse, Kalajat-fisch und Feuerstein einen Mann, der seinen Großvater erschlagen hat, in ähnlicher Weise; der Kalajat legt sich auf den Herd, die Eidechse in den Wassereimer, der Aal oben auf die Leiter, der Feuerstein auf deren Mitte und das Krokodil unten hin. Bei den To-Radja auf Celebes (Tijdschrift voor indische Taalkunde 45, 432; vgl. 40, 356; nach Adriani, Leesboekje in de Barée-taal 1900 p. 20) geht das Ei auf die Kopfjagd aus und erlegt mit Hilfe von Schlange, Tausendfuß, Ameise und Ferkelkot nachts eine einsam wohnende alte Frau. Bei den Parigi auf Celebes (Tijdschrift 40, 357) sind die Kopfjäger ein getrockneter Kot, ein Reismörser, ein faules Ei, ein Weichtier, eine Ameise und ein Aal, die von verschiedenen Verstecken aus die alte Frau überfallen. Bei den Tooe-Oensea auf Minahasa (Celebes. Tijdschrift 17, 311) leiden Schleifstein, Nadel, Aal, Tausendfuß und Reiher auf einer Seefahrt ebenso wie in dem Sangiree-Märchen Schiffbruch und überfallen nachts eine alte Frau, doch ohne daß ihnen diese etwas zu leide getan hat. – Ein japanisches, in einem zierlich illustrierten [79] Büchlein verbreitetes Märchen von dem Affen und der Krabbe[3] schildert, wie die vom Affen betrogene und mißhandelte Krabbe ihre Freunde um Hilfe anruft, nämlich das Ei, die Biene, den Seetang, den Reismörser und die Mörserkeule (bei Cassel auch eine Kastanie und eine Schere). Die listige Art, in der diese Gesellen nacheinander den Affen überfallen und umbringen, gleicht völlig den malaiischen Erzählungen; meist aber geschieht dies im eigenen Hause der Krabbe, in das der Affe eindringt.


  1. An den ‘Tod des Hühnchens’ (unten nr. 80) erinnert besonders die zweite hinterpommersche Fassung. In der brandenburgischen und beiden hinterpommerschen Versionen kommen die bedeutungsvollen Namen des heimlich geleerten Topfes (oben nr. 2) vor.
  2. In dem ebenso beginnenden dänischen Märchen von der Romfahrt des Hahns bei Grundtvig, Minder 1, 211 ‘Hanens Romerrejse’ aber ladet der Fuchs Hahn, Henne, Mäuse, Sperling, Krähe, Raben in sein Haus und tötet sie dort; nur der Sperling entrinnt. Grundtvig, Folkeæventyr 3, 21 ‘Kyllerylle’. Kristensen, Dyrefabler S. 103 nr. 177–182. Ebenso pommerisch bei Haas, Rügensche Sagen 1903 nr. 222 ‘Hähnken un Höhnken’ (Krähe, Taube, Sperling, Fuchs); in L. Erks hsl. Nachlaß 29, 543 ‘Das übermütige Hähnchen’ und ostpreußisch bei Lemke 2, 242 ‘Hahnchen und Hennchen’ (Elster, Sperling, Fuchs). Vgl. die zu nr. 27 aufgezählten italienischen Märchen und Crane p. 270. 377. Der Fuchs als hinterlistiger Wirt der wandernden Tiere erscheint auch in englischen Märchen: Chambers, Pop. rhymes p. 211, Halliwell, Pop. rhymes p. 29 ‘Chicken-Licken’ = Brueyre p. 377, Jacobs, Engiish fairy tales p. 112 nr. 20 ‘Henny-Penny’, Kennedy, Fireside stories of Ireland p. 25 ‘The end of the world’, sowie in den unten zu nr. 27 angeführten syrischen Erzählungen. Griechisch: Hahn nr. 90 = Geldart p. 66. In einer finnischen Erzählung (Krohn 1, 25 nr. 13) läuft eine Henne, der ein Blatt auf den Kopf gefallen, davon, weil die Stadt untergehe, mit ihr der Hahn, Hase, Wolf, Fuchs, Bär; wie sie im Walde Hunger leiden, verzehren sie die Henne, den Hahn usw., bis Bär und Fuchs übrig bleiben und der Fuchs davonläuft. In andern Fassungen (Krohn 1, 26 nr. 14 und 1, 36 nr. 20) schließen sich noch andere Tiere der Henne an. – Ein andres Unglück trifft im siebenbürgischen Märchen ‘Die Reise des Enteleins’ (Haltrich⁴ nr. 79) die Wandrer; Mühlstein und Kohle ertrinken beim Übersetzen über den Fluß.
  3. Mitford, Tales 1871 p. 264 = Geschichten 1, 306 (1875). Griffis, The Mikado’s empire 1877 p. 491 und Japanese fairy world 1887 p. 50 nr. 6. Brauns, Japanische Märchen 1885 S. 29. P. Cassel, Aus dem Lande des Sonnenaufgangs 1885 S. 67. Japanische Märchen, Saru kani kassan, deutsch von A. Groth: Der Kampf der Krabbe mit dem Affen (Tokyo o. J.). Netto und Wagener, Japanischer Humor 1901 S. 140.
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