Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Die zwölf Brüder

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Die Hand mit dem Messer Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
9. Die zwölf Brüder
Das Lumpengesindel
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Die zwölf Brüder.

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9. Die zwölf Brüder. 1856 S. 20.

1812 nr. 9: aus Zwehrn. Doch fehlte dort der Zug, daß das Mädchen durch die zwölf Kinderhemden aufmerksam wird und nach seinen Brüdern fragt, der aus einer andern, sonst dürftigern Erzählung, gleichfalls aus Hessen, hereingekommen ist. Ähnlich ist eine bei dem Märchen von den sechs Schwänen (nr. 49) mitgeteilte Aufzeichnung aus Deutschböhmen.

Manche Züge dieses Märchens, die nur mit wenigen Strichen angedeutet sind, wie die Verwendung der Hemden, die Zauberkraft der Lilien und die Verleumdung der argen Schwieger, werden uns durch die Vergleichung andrer Fassungen klarer. Den Grundgedanken, die Erlösung der in Tiergestalt verwandelten Brüder durch deren junge Schwester, hat es mit den Märchen von den sechs Schwänen (nr. 49) und von den sieben Raben (nr. 25) gemeinsam; verschieden aber werden Ursprung und Aufhebung des Zaubers dargestellt. [71] Entweder verwünscht der Vater selber im Unmut die Söhne zu Raben (nr. 25), oder eine böse Stiefmutter verhext die Kinder aus erster Ehe (nr. 49), oder die Schwester bringt unbewußt das Unheil über die im Waldhaus einsam lebenden Brüder (nr. 9), die der Vater zu töten gelobt hatte, falls ihm die ersehnte Tochter geboren würde.[1] Ein Unhold (Hexe, Vogel), der das Mädchen bedroht oder ihr Blut aus dem kleinen Finger saugt, wird zwar von den Brüdern erschlagen, aber aus dem Grabe wachsen Blumen oder Kräuter, die vom Mädchen gepflückt die Brüder in Tiere verwandeln.[2] Um die Brüder zu entzaubern, darf die Schwester mehrere Jahre weder ein Wort reden noch lachen;[3] und das wird ihr noch schwerer, weil ein Prinz sie im Walde findet und als seine Gattin heimführt, sie aber sich gegen die Verleumdungen der Schwieger, sie habe ihre eben geborenen Kinder gefressen oder Hunde geboren,[4] mit keiner Silbe wehren kann; endlich in der höchsten Not erscheinen ihre Brüder, und ihr wird verstattet zu reden, weil die gesetzte Frist abgelaufen ist. Für diese Art der Erlösung tritt im Pentamerone eine Wallfahrt des Mädchens zur Mutter der Zeit ein, für die ihr verschiedene Leute Fragen mitgeben. Endlich gibt es auch Märchen, bei denen wie in unsrer nr. 11 ‘Brüderchen und Schwesterchen’ das Mädchen der Werbung des Prinzen folgt, ohne das Gebot der Stummheit erhalten zu haben, und die verwandelten Brüder mit sich führt. Da wird sie durch eine Hexe in den Abgrund gestoßen, und diese nimmt ihren Platz ein.

Eine Fassung aus Ostpreußen bei Lemke 2, 185 ‘Die zwölf Raben’ stimmt ganz zu der obigen. In einer österreichischen bei Vernaleken nr. 4 ‘Der schwarze Vogel’ saugt ein Rabe dem [72] Mädchen Blut aus der Hand und wird erschlagen; aus der Stelle, wo er eingegraben war, sprießt ein Apfelbaum auf, dessen Früchte die zwölf Brüder in ebensolche Vögel verwandelt. Zum Schlusse soll die Gräfin nicht verbrannt, sondern im Walde getötet werden. In der schweizerischen Erzählung bei Wyß, Schwyzerdütsch 1863 S. 59 = Sutermeister nr. 49 ‘S einzig Töchterli’ erscheint statt des blutsaugenden Vogels ein Drache, mit dessen Tötung das Geisterschloß, in dem die sieben Brüder leben, entzaubert ist; eine Verwandlung in Tiergestalt kommt nicht vor. Vollständig dagegen stimmen in der zweiten Hälfte mit dem Grimmschen eine kärntische Aufzeichnung von Pogatschnigg nr. 2 ‘Von den drei Hirschen und der Königin’ (Carinthia 1865, 307) und eine aus dem badischen Schwarzwalde ‘Die drei Hirsche’ (Pfaff, Festschrift 1896 S. 79); nur ist in jener der Blutsauger ein Riese, in dieser die Stiefmutter der Brüder, und die Brüder werden zu Hirschen. – Dänisch bei M. Winther S. 7 ‘De elleve Svaner’, Berntsen 2, 169 nr. 24 ‘Söster og Brödre’ und Kristensen 4, 14 nr. 4 ‘De tolv Brödre’ (sehr ähnlich Grimm). In der Erzählung ‘Den stumme Dronning’ bei Kristensen 4, 10 nr. 3 kämmt die Schwester die zwölf Brüder mit dem Goldkamm des von ihnen erschlagenen Riesen, da werden sie zu Hirschen. Bei der Entzauberung fehlt dem einen ein Auge, weil ihr angesichts des Scheiterhaufens eine Träne entfallen ist. Grundtvigs hsl. Register nr. 40 ‘Ravneprinserne’. – Schwedisch bei Åberg nr. 75 ‘Om blummšórtona’, Hackmans Register nr. 451. – Norwegisch bei Asbjörnsen nr. 33 = Bresemann 2, 19 ‘Die zwölf wilden Enten’ = Dasent p. 59 (Die Königin will ihre zwölf Söhne hingeben für eine Tochter weiß wie Schnee und rot wie Blut. Das Mädchen kann die Brüder nur erlösen, wenn sie zwölf Hemden, Mützen und Halstücher aus Butterblumen spinnt und webt und stumm bleibt). – Isländisch bei Rittershaus S. 61 nr. 14 ‘Die zwölf Brüder’ (ähnlich Grimm. Hemden aus Eichenblättern für die zwölf Raben). – Irisch bei Kennedy, Fireside stories p. 14 ‘The twelve wild geese’ (wie Asbjörnsen). – Französisch bei Sébillot, Contes 1, 170 nr. 26 ‘La fille et ses sept frères’ (ohne Tierverwandlung)[5] = Revue celtique 4, 434 und Sébillot [73] 2, 150 nr. 27 ‘Les sept garçons et leur soeur’ (Ein wilder Mann als Blutsauger; Blätter von seinem Grabe verwandeln die Jünglinge in Hirsche, die durch übergeworfene Tücher von der Schwester erlöst werden; kein Schweigegebot) und 2, 158 nr. 27 bis (durch Genuß des Lauchs vom Grabe des Sarazenen werden die Brüder gleichfalls Sarazenen; eine Entzauberung fehlt). Luzel, Revue celtique 4, 437 ‘Les trois frères métamorphosés en corbeaux et leur soeur’ (Riese als Blutsauger; seine Mutter wirft ein Zauberpulver in die Suppe der Brüder. Marie, die ein Jahr und einen Tag lang nichts sagen darf als Ja, wird als Kammermädchen der Königin der Ermordung des kleinen Prinzen beschuldigt und soll, da sie Ja sagt, gehängt werden; aber ihre Brüder erscheinen, und ihre Unschuld wird offenbar. Nach dem Tode seiner Frau heiratet sie der König). Revue 23, 236 ‘Les sept frères et leur soeur’. Mélusine 1, 419 ‘Les neuf frères métamorphosés en moutons et leur soeur’ (die Hexe verwandelt die Brüder, ihre Tochter stößt die Schwester in den Brunnen und legt sich in ihr Bett, der Gatte hört die Geschwister klagen). – Italienisch bei Basile 4, 8 ‘Die sieben Tauben’ (Die Brüder wünschen sich eine Schwester, werden aber getäuscht und ziehen in den Wald zu einem blinden Menschenfresser. Bei diesem will sich ihre Schwester Cianna später Feuer holen, er verfolgt sie, aber die Brüder eilen herbei und bringen ihn um; sie werden, als Cianna von seinem Grabe Rosmarin bricht, in Tauben verwandelt. Das folgende weicht ab), ferner bei Andrews nr. 19 ‘Les onze cygnes’ (Die Stiefmutter verwandelt die elf Knaben in Schwäne und verstößt gleichzeitig das Mädchen. Dies flicht zwölf Decken aus Schilfgras und bleibt während der ganzen Zeit stumm) und nr. 62 ‘Les sept frères’ (Die Brüder töten die blutsaugende Nachbarin nicht und werden erst nach der Heirat ihrer Schwester durch die alte Königin in Schweine verwandelt, die Schwester aber ins Meer geworfen und von einem Schwertfisch verschluckt) und Comparetti nr. 47 ‘I dodici buoi’ aus Monferrato (die Blutsaugerin wird enthauptet, lebt aber wieder auf, verwandelt die Brüder durch eine Suppe in Ochsen, stürzt die junge Königin in eine Zisterne und verlangt von dem Fleische des Kalbes zu essen. Der Diener belauscht wie in der voraufgehenden Fassung das Gespräch von Bruder und Schwester). Ortoli p. 31 ‘L’anneau enchanté’ (Milia befreit ihre sechs von einer Hexe in Böcke verwandelten Brüder, indem sie auf den Rat eines Vogels der Hexe im Schlafe den Hals abschneidet und ihr Zauberhemd [74] anlegt). – Maltesisch bei Ilg 1, 137 nr. 38 ‘Die dreizehn Räuber’ (Eingang fehlt: auch tut die Schwester, die von der Hexe einen Apfel erhält, durch dessen Genuß ihre Brüder zu Ochsen werden, nichts zu ihrer Entzauberung). – Mallorkinisch bei Alcover 1, 150 ‘Die sieben Hirsche’. – Baskisch bei Webster p. 187 ‘The sister und her seven brothers’ (ähnlich dem italienischen Märchen bei Comparetti; statt der Suppe wird das Fußwasser vergiftet). – Kroatisch aus Karlstadt bei Strohal 2, 42 nr. 14 (Ganz wie Grimm; ein altes Weib nimmt die Brüder und erlaubt ihnen alles im Garten zu nehmen, nur die zwölf Lilien nicht). – Bulgarisch aus Macedonien bei Šapkarev, Blgar. prik. nr. 78 = Sb. 8, 189 nr. 114 (Zeichen der Geburt vertauscht. Das Mädchen nimmt eiserne Stiefel und einen eisernen Stock. Dann lenkt die Erzählung über in die von Sneewittchen). – Slovakisch bei Škultety-Dobšinský nr. 8 = 2. Aufl. nr. 9 und Czambel S. 439 § 220 (Das Mädchen kommt in das Schloß, wo ihre zwölf Brüder leben; der jüngste Bruder löst den auf der Familie und dem Lande ruhenden Fluch, indem er den feindseligen Oheim enthauptet). – Eine eigenartige Einleitung hat die polnische Fassung aus dem Krakauer Lande bei Kolberg 8, 35 nr. 15. Die vier Brüder ziehen in die Wildnis, weil ihr Vater ihre Mutter mißhandelt. Die Schwester sucht sie auf und führt ihren Haushalt. Die Brüder erschießen den Zauberer, der zu ihrer Tür fliegt und aus der Schwester Daumen Blut saugt, werden aber durch die auf seinem Grabe gewachsenen Lilien in Löwen verwandelt. Der älteste Bruder, dem die Schwester die abgepflückten Lilien gereicht hatte, sagt ihr, daß sie zu ihrer Erlösung stumm bleiben und vier Hemden nähen müsse. – Kleinrussisch aus dem Gouvernement Poltawa im Etnograf. Zbirnyk 14, 102 nr. 12 (ähnlich der Grimmschen Fassung. Die zwölf Brüder werden zu Schwänen, als die Schwester ihre Hemden ins Meer fallen läßt. Da sie auf dem Scheiterhaufen das zwölfte Hemd noch nicht fertig hat, behält der jüngste Bruder einen Flügel). – Lettisch aus Livland bei Treuland S. 171 nr. 107 (wie bei Grimm. Statt der alten Königin eine Hexe). – Finnisch bei Salmelainen 1, nr. 11 = Schreck S. 107 nr. 13 ‘Von dem Mädchen, das ausging ihre Brüder zu suchen’. Ghudjakov, Materialy S. 77 nr. 11. Aarnes Register nr. 451. – Ungarisch bei Sklarek 1, nr. 8 ‘Die zehn Geschwister’ (die neun Brüder wandern infolge eines Mißverständnisses fort, werden und bleiben Raben, erretten aber ihre [75] Schwester vom Scheiterhaufen). – Armenisch aus dem Gouvernement Jelisawetpol im Sbornik kavkaz. 19, 2, 199 (der Anfang wie im bulgarischen, dann ein andrer Stoff).

In einem griechischen Märchen bei Hahn nr. 96 ‘Ljelje Kurwe’ und in einem kabylischen bei Rivière p. 45 ‘Les sept frères’ zwingt eine Magd, die das Mädchen zu ihren fernen Brüdern geleitet, unterwegs dieses, vom Pferde zu steigen und mit ihm die Rolle zu tauschen, wie in den Erzählungen von der falschen Braut (nr. 11. 135. 198). In einem litauischen bei Schleicher S. 35 ‘Von den neun Brüdern’ = Wiener SB 11, 109 hüllt sich eine Laume (Albgeist), nachdem sie den warnenden Hasen erschlagen, in die Kleider des Mädchens und steigt statt ihrer auf den Wagen; in dem schon angeführten finnischen bei Schreck nr. 13 tötet die Hexe ebenso das begleitende Hündchen, ladet das Mädchen zum Bade ein und nimmt ihre Gestalt an.


  1. So in unsrer Erzählung, bei Sutermeister nr. 49, bei Berntsen, Kristensen 4, nr. 4, Sébillot 2, 158, Alcover; im norwegischen und irischen Märchen will die Mutter alle Söhne hingeben, wenn sie nur eine Tochter erhält. Bei Basile wünschen sich die Knaben eine Schwester, aber die Amme vertauscht die Zeichen am Fenster, Spindel und Rocken, die auch bei Andrews nr. 62 wiederkehren. Die rote Fahne, die in Wirnts Wigalois v. 6163 den Kampf auf Leben und Tod bezeichnet, erscheint auch bei Berntsen und Kristensen 4, nr. 4, eine schwarze im schweizerischen und ungarischen Märchen; die Zeichenvertauschung auch im bulgarischen und armenischen Märchen.
  2. Dieselbe Wirkung hat das Gift, das die Hexe dem Mädchen im maltesischen, baskischen und im italienischen Märchen aufschwatzt.
  3. Dazu kommt bisweilen das Nähen von Hemden wie in nr. 49.
  4. Vgl. oben S. 20 zu nr. 3.
  5. Wie hier ein Hündchen die Schwester zum Waldhause führt, so auch im finnischen Märchen. Im litauischen leistet ein Hase diesen Dienst, im französischen bei Sébillot 2, 158 eine Elster, im mallorkinischen und im italienischen bei Comparetti ein Rabe. Vgl. das Knäuel in nr. 49.
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