Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Marienkind

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Katze und Maus in Gesellschaft Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I (1913) von Johannes Bolte, Jiří Polívka
3. Marienkind
Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Marienkind.

[13]

3. Marienkind. 1856 S. 7.

1812 Nr. 3: aus Hessen, von Gretchen Wild in Kassel 1807.

Nach einer andern Erzählung (1812 S. V) geht der arme Mann, da er seine Kinder nicht ernähren kann, in den Wald und will sich erhenken. Da kommt ein schwarzer Wagen mit vier schwarzen Pferden; eine schöne, schwarzgekleidete Jungfrau steigt aus und sagt ihm, er werde in einem Busch vor seinem Haus einen Sack mit Geld finden, dafür solle er ihr geben, was im Hause verborgen sei. Der Mann willigt ein, findet das Geld, das Verborgene aber ist das Kind im Mutterleib. Als es geboren ist, kommt die Jungfrau und will es abholen, doch weil die Mutter so viel bittet, läßt sie es noch bis zum zwölften Jahr. Dann führt sie es fort zu einem schwarzen Schloß; alles ist prächtig darin, es darf an alle Orte hin, nur nicht in eine Kammer. Vier Jahre gehorcht das Mädchen, da kann es der Qual der Neugierde nicht länger widerstehen und guckt durch einen Ritz hinein. Es sieht vier schwarze Jungfrauen, die, in Bücherlesen vertieft, in dem Augenblick zu erschrecken scheinen; seine Pflegemutter aber kommt heraus und sagt: ‘Ich muß dich verstoßen; was willst du am liebsten verlieren?’ ‘Die Sprache’, antwortet das Mädchen. Sie schlägt ihm auf den Mund, daß das Blut hervorquillt, und treibt es fort. Es muß unter einem Baum übernachten, da findet es am Morgen der Königssohn, führt es mit sich fort und vermählt sich, gegen seiner Mutter Willen, mit der stummen Schönheit. Als das erste Kind zur Welt kommt, nimmt es die böse Schwiegermutter, wirft es ins Wasser, bespritzt die kranke Königin mit Blut und gibt vor, sie habe ihr eigen Kind gefressen. So geht es noch zweimal, da soll die Unschuldige, die sich nicht verteidigen [14] kann, verbrannt werden. Schon steht sie in dem Feuer, da kommt der schwarze Wagen, die Jungfrau tritt heraus, geht durch die Flammen, die sich gleich niederlegen und erlöschen, hin zu der Königin, schlägt ihr auf den Mund und gibt ihr damit die Sprache wieder. Die drei andern Jungfrauen bringen die drei Kinder, die sie aus dem Wasser gerettet haben. Der Verrat kommt an den Tag, und die böse Schwiegermutter wird in ein Faß getan, das mit Schlangen und giftigen Nattern ausgeschlagen ist, und wird einen Berg herabgerollt.

In diesen und den verwandten Märchen handelt es sich teils um eine dem Mädchen auferlegte Prüfung des Gehorsams oder der Geduld im Leiden, teils um die Erlösung eines verzauberten Wesens durch standhaftes Schweigen, obwohl der Grundgedanke nicht immer klar entwickelt ist. Wir können drei Gruppen unterscheiden; entweder ist es die Jungfrau Maria, die ihrem Paten- oder Pflegekinde die Probe des verbotenen Zimmers (oder des verbotenen Rosenstockes oder das Hühnleinhüten) auferlegt, oder wie in unsrer zweiten Erzählung eine geheimnisvolle schwarze Frau, die wie Melusine zu gewissen Zeiten Tiergestalt annehmen muß oder der Erlösung harrt, oder drittens ein Mann.

Zur ersten Gruppe gehören neben Benedicte Nauberts ‘Ottilie’ (Neue Volksmärchen der Deutschen 1. 1789 = 1839 3, 1–66) und Aurbachers Volksbüchlein für die Jugend 1834 S. 282 die oberpfälzischen Märchen bei Schönwerth 3, 317 ‘Von unsrer lieben Frau’ (Huhnleinhüten) und 311 (verbotenes Zimmer. Der zweite Teil weicht ab), die ostpreußischen bei Lemke 2, 180 und 183 ‘Marie und die Mutter Gottes’, das norwegische bei Asbjörnsen nr. 8 ‘Die Jungfrau Maria als Gevatterin’ = Dasent p. 216 ‘The lassie and her godmother’, das färöische bei Jakobsen S. 619 nr. 66 ‘Das Mädchen, das die Jungfrau Maria zu sich nahm’, das lothringische bei Cosquin nr. 38 ‘Le bénitier d’or’, das rumänische bei Schott S. 90 nr. 2 ‘Die eingemauerte Tochter’, vgl. Şăinénu p. 334, das wendische bei Haupt-Schmaler 2, 179 nr. 16 ‘Die Patenschaft der h. Maria’ = Haupt 2, 219 = Erben, Slov. čit. S. 80 (kein Geständnis zum Schlusse), das polnische aus dem Gouv. Płock bei Chełchowski 2, 66 (der zweite Teil fehlt), bei Kozłowski S. 317, das kleinrussische aus Nordungarn im Etnograf. Zbirnyk 3, 52 (Eingang fehlt. Der verbotene Brunnen vergoldet den Finger), das slovenische aus Görz in Nar. pripov. v Soških plan. 1, 18 = [15] Gabršček S. 28 nr. 3 (im verbotenen Zimmer sieht Mariechen ihre Patin Jesu Füße waschen. Später wird sie in einen Kalkofen geworfen und von Maria befreit), das weißrussische bei Federowski, Lud białoruski 2, nr. 334 (das Mädchen bekommt von der Mutter Gottes die Schlüssel zu allen himmlischen Zimmern und öffnet die Tür zum Fegefeuer), das großrussische in Zap. Krasnojarsk. 2, 23 nr. 8, das litauische bei Leskien-Brugman S. 498 nr. 44 ‘Mariechen und die h. Jungfrau’, teilweise das lettische bei Weryho 1892 p. 225 nr. 32 (hinter der Tür ein Käfig mit drei Schlangen), das ungarische bei Mailand nr. 8 ‘Jungfrau Maria und ihr Patenkind’. Finnische Varianten erwähnt Aarne in seinem Register nr. 710.

Zur zweiten Gruppe rechnen wir zunächst vier niedersächsische Märchen bei Colshorn nr. 32 ‘Die kleine schwarze Frau’ und nr. 14 ‘Aschenpöling’ (geht über in die Erzählung von Aschenputtel, unten nr. 21), bei Ey S. 176 ‘Die grüne Jungfer’ und Schambach-Müller S. 274 ‘Die grüne Gans’, und eine heanzische bei Bunker nr. 54 ‘T Frau Goudl’. Vlämisch und französisch bei Van Heurck et Boekenoogen p. 323 ‘Maria het kind der toovergodin’. Dänisch bei Kristensen, Danske folkeæventyr p. 155 nr. 23 ‘Sudiane’. Schwedisch bei Wigström, Folkdigtning 1, 269 ‘Svarta fröken’. Isländisch bei Rittershaus nr. 2 ‘Blákápa’ (abweichend). Als eine grüne Eidechse tritt im italienischen Märchen bei Basile 1, 8 die Fee auf; da das von ihr erzogene arme Mädchen nach ihrer Erhebung zur Königsbraut ihrer Pflegerin undankbar begegnet, verwandelt sie ihr Antlitz in das einer Ziege; der König setzt sie mit einer Magd in eine Kammer und heißt sie spinnen und einen Hund pflegen; erst als sie die Fee um Verzeihung gebeten, gibt ihr diese ihre Schönheit zurück. Ähnlich Schneller nr. 40 ‘Die Schlange’. In der Erzählung aus den Abruzzen bei Finamore 1, 235 nr. 49 verbietet die Fee der Pflegetochter, einen Granatapfel zu pflücken. In der aus Pisa bei Comparetti nr. 38 ‘Il macchiaiolo’ (= Folk-lore review 1, 196 = Crane p. 84) bekennen die älteren Töchter des Holzhauers der Fee, die verbotene Tür geöffnet zu haben, und werden getötet; die dritte leugnet standhaft ihre Tat. Im čechischen Märchen bei Nĕmcová 1, 136 nr. 12 = Waldau S. 600 erblickt Mariška im verbotenen Zimmer ihrer Patin ein nickendes Gerippe und verliert, da sie leugnet, die Sprache; da sie aber auch auf dem Scheiterhaufen hartnäckig bleibt, erklärt die Patin, sie sei jetzt durch sie erlöst. [16] Ähnlich Václavek 1894 S. 103. Bei Kubín 2, 202 nr. 60 sieht das Mädchen durch das Schlüsselloch, daß ihre Gevatterin halb Weib, halb Fisch ist. Bei Mikšíček 1, 31 befreit Karolinka durch ihren Ungehorsam zwölf Greise, diese bringen zum Scheiterhaufen die Kinder, die ‘weiße Frau’ wird ins Feuer geworfen. Bei Kulda 3, 82 gerät Pepinka in ein Räuberhaus, betritt das von der alten Frau verbotene Zimmer und wird von dem Kruzifix beschworen, nie zu gestehen, daß sie dort gewesen; durch eine Granatenschnur in Zauberschlaf versenkt, wird sie vom König gefunden und erweckt; das übrige wie bei Nĕmcová. Ebenso flehen bei Rimanskí p. 96 = Dobšinský 1, 8 = Nĕmcová, Slov. pohádky a povĕsti 2, 48 nr. 4 (aus Nordungarn) zwölf verwünschte Menschen im hundertsten Zimmer das Mädchen um Schweigen an, und dieses befreit durch Standhaftigkeit sie und ihre Pflegemutter. Bei Czambel p. 301 § 156 erblickt Mariechen in der verbotenen dreizehnten Stube die Zauberin selbst; ebenso schaukelt sich ebd. p. 349 § 179 die Gevatterin, ‘Jungfrau Maria die Verwünschte’, in der 13. Stube auf einer feurigen Schaukel. Dieselbe Einleitung haben zwei polnische Märchen aus der Gegend von Krakau und Radom bei Kolberg 8, 17 und 21, 177; zu Nĕmcová stimmt das polnische aus Österreichisch-Schlesien bei Malinowski 1, 55 und das kleinrussische aus Nordungarn im Etnograf. Zbirnyk 9, 59 (zuletzt zerfließt die Zauberin in Wagenschmiere). Zigeunerisch aus Wales bei Groome p. 256 nr. 63 ‘The black lady’. In einer Geschichte der westindischen Neger bei Dasent p. 504 (Anancy stories nr. 12 ‘Nancy Fairy’) führt die Kinderfresserin, als sie von ihrer Pflegetochter belauscht worden ist, diese in den Wald, wo der Prinz sie findet.

Dritte Gruppe. Ein schwarzes Männlein erscheint im schwäbischen Märchen bei Meier nr. 36 (Rosenstock nicht berühren). Ein schwedisches Märchen vom Graumantel, das auch mit dem vom Löweneckerchen (unten nr. 88) zusammenhängt, hat H. R. v. Schröter in Ostgotland aus dem Munde des Volkes für die Brüder Grimm aufgezeichnet (1822 S. 324): Ein König hat drei Töchter und liebt vorzüglich die jüngste. Einmal verirrt er sich im Wald; wo er hinaus will, immer tritt ihm ein Mann in grauem Mantel entgegen. ‘Wenn du fort willst’, sagt er, ‘so gib mir das erste lebende Wesen, was dir bei deiner Ankunft begegnet.’ Der König denkt ‘Das wird wie immer mein Windspiel sein’, und sagt ja. Es ist aber seine jüngste und liebste [17] Tochter. Er schickt die beiden ältesten dem Graumantel nacheinander in den Wald hinaus, aber dieser sendet jede reich beschenkt zurück. Graumantel erhält nun die jüngste, führt sie in ein prächtiges Schloß und schenkt ihr alle Herrlichkeiten darin, nur verbietet er ihr, eine einzige Luke im Fußboden des Zimmers zu öffnen. Er zeigt sich nur beim Essen, wo er sie bedient; nachts im Traum erscheint ihr ein schöner Jüngling. Einmal, als Graumantel abwesend ist, überwältigt sie die Neugierde, sie öffnet die Luke und sieht darunter gerade den Graumantel stehen. Indem kommt er auch aus der Ferne daher gegangen und fragt zornig: ‘Was hast du unter der Luke gesehen?’ Sie kann vor Schrecken nicht antworten und fällt wie tot zur Erde nieder; beim Erwachen ist das Schloß mit allen Herrlichkeiten verschwunden, und sie befindet sich in einer Wildnis. Hier erblickt sie auf der Jagd ein König und nimmt sie mit, und wegen ihrer Schönheit macht er sie zu seiner Gemahlin. Wie sie aber bei der Trauung ja gesagt hat, vergeht ihr die Sprache, und sie wird stumm. Sie bringt einen Sohn zur Welt, Graumantel erscheint und fragt, was sie unter der Luke gesehen habe; und da sie vor Schrecken nicht antwortet, so nimmt er das Kind mit und macht ihr den Mund blutig. Ebenso beim zweiten Knaben; das läßt der König noch hingehen, als aber beim dritten Mal sich dasselbe ereignet, so soll sie als Hexe verbrannt werden. Schon steht sie auf dem Scheiterhaufen, da erscheint der Graumantel und fragt abermals: ‘Was hast du in der Luke gesehen?’ Sie überwindet da ihre Angst und sagt: ‘Dich sah ich, du abscheulicher Graumantel’. In demselben Augenblick fällt der graue Mantel wie Asche zusammen, und der schöne Jüngling, den sie im Traum gesehen, steht vor ihr. Er nimmt sie mit auf sein Schloß, wo sie ihre drei Kinder findet, und erzählt ihr, eine Waldfrau, deren Liebe er verschmäht, habe ihn so verwandelt, daß sein Leib unsichtbar, nur der graue Mantel sichtbar sein solle; und erlöst könne er nur werden, wenn eine Königstochter mit ihm getraut würde, ihn liebe und drei Söhne mit ihm zeuge, ihn gleichwohl so hasse, daß sie vor seinem Anblick erschrecke und sich abwende.[1]

[18] Im sicilianischen Märchen vom Patenkind des h. Franz von Paula (Gonzenbach nr. 20 = Crane p. 83 f.) fehlt ein Verbot, und die Leiden des Mädchens sind eine läuternde Prüfung, die durch die Frage eingeleitet werden, ob es besser sei, in der Jugend zu leiden oder im Alter. Im türkischen Märchen vom Kummervogel (Kúnos S. 181) verlangt die Sultanstochter zu wissen, was Kummer sei, und wird von einem Vogel, der sich nachher in einen Sklaven verwandelt, in derselben Weise gepeinigt.

Ein zweites sicilianisches Märchen ‘Das Kind der Mutter Gottes’ (Gonzenbach nr. 25) zeigt Vermischung mit einer andern Erzählung: die Jungfrau flieht vor einem verbrecherischen Vater oder Lehrer, der ihr, auch nachdem sie Gemahlin eines Königs geworden, nachstellt und sie des Kindermordes verdächtigt.[2] Hier greift die Mutter Gottes rettend ein und überliefert den Übeltäter dem Feuertode; anderwärts aber wird der Frau das Leugnen, etwas von jenem Verbrechen zu wissen, als Verdienst angerechnet, so daß ihr Verfolger von ihr abläßt; vgl. Pitrè 3, 15 nr. 114 ‘Lu tradimentu’ (Priester). Grisanti 2, 216 ‘La trovatella’. Finamore 1, 58 nr. 13 ‘La bbella Marije’ (Priester). Busk p. 208 ‘The pilgrims’ = Crane p. 364 (Heldin vom Priester und vom Vizekönig verleumdet). Nerucci nr. 51 ‘Caterina’ (Lehrer). Bernoni nr. 15 ‘Sipro, Candia e Morea’ (Leonora belauscht die Zauberkünste der Lehrerin). Visentini nr. 14 ‘La maestra scellerata’ (Elisa). – Slowakisch bei J. Hanush, Zs. f. d. Mythol. 4, 224–228 = Nĕmcová, Slov. poh. 1, 93 nr. 8: ‘Der Werwolf’ tötet im Walde acht seiner Töchter, die jüngste entrinnt. – Mingrelisch im Sbornik mater. Kavkaz. 18, 3, 33 f.: Ein böser Mann verstößt seine unschuldige Frau und schleicht sich, als sie in einem reichen Hause Unterkunft als Kinderwärterin gefunden hat, nachts in ihr Zimmer und ermordet das Kind in der Wiege. Als Mörderin zum Galgen verurteilt, betet sie unterwegs in einer Kirche. Wie sie das Schaffot betritt, erscheint die Jungfrau Maria mit dem Jesuskinde, erweckt das tote Kind und fragt es nach seinem Mörder; das Kind zeigt auf den unter der Menge befindlichen Mann der Wärterin. – Armenisch [19] bei Chalatianz S. 42 nr. 4: ‘Nachapets Tochter’, die vom Vormunde und später vom Feldherrn ihres Gatten verleumdet wird, offenbart verkleidet ihre Geschichte. Ebenso in Marokko bei Stumme, M. der Schluh nr. 3 ‘Das Mädchen, das mit den Gazellen lebt’. – In einer ägyptischen Erzählung bei Artin-Pascha nr. 4 wird die Prinzessin Tag-el-agem gewahr, wie ihr Lehrer eine Schülerin totschlägt,[3] leugnet dies aber, so oft er sie später danach fragt; sie klagt indes ihr Leid dem Kästchen der Bitternis und dem Aloebecher,[4] wobei ihr Gatte sie belauscht, und erhält vom Lehrer ihre Kinder zurück. – Aus Algier bei Desparmet 1, 342 ‘La femme qui se sauva de chez un ghoul’. Wie im schwedischen Märchen vom Graumantel belauscht die Heldin den Dämon, welcher Eselfleisch kocht, und wird von ihm, weil sie beständig leugnet, etwas von seinem Tun gesehen zu haben, in ein fernes Land getragen und überall, wo sie Aufnahme findet, verfolgt. Die Kaufleute, die ihr Barmherzigkeit erweisen, finden morgens ihre Waren vernichtet; der Königssohn, der sie heiratet, sperrt sie in den Hühnerstall, weil er glaubt, sie habe ihre beiden Kinder nachts gefressen. Da klagt sie einer hölzernen Schüssel und einem Dolche ihr Leid; der Ghul erscheint, bringt ihre Kinder zurück und verkündet das Ende ihrer Nöte, und der Gatte, welcher die Szene belauscht hat, nimmt sie voller Freude auf. Auch in einem südarabischen Märchen der Mehri ‘Weibergeduld’ (A. Jahn 1902 S. 62 nr. 11) hält die Verfolgte ein Gespräch mit Tasse, Kern und Messer.

Die ältere Form, nach welcher der eigene Vater (wie in der Geschichte vom Mädchen ohne Hände, unten nr. 31) die Tochter zur Ehe begehrt, ist erhalten in zwei isländischen Märchen von Ingibjörg und von Björn Bragðastakkur (Árnason 2, 375 und 407 = Powell-Magnusson 2, 366 = Poestion nr. 19 = Rittershaus S. 133 [20] nr. 31), wo ein Rindsmagen und eine einbeinige Frau rettend eingreifen, und bei Straparola 1, 4, wo schließlich die alte Amme die Schandtaten des als Astrolog verkappten Vaters aufdeckt. Doch schon die alte Lebensbeschreibung des fabelhaften Angelnkönigs Offa, Warmunds Sohnes,[5] berichtet ähnliches. Auf der Jagd traf der König im Dickicht ein wunderschönes Mädchen, das ihm erzählte, es sei die Tochter des Königs von York und vor der unzüchtigen Liebe ihres Vaters geflüchtet. Von Liebe ergriffen, führte Offa die Jungfrau mit sich und machte sie zu seiner Gattin. Als er einst gegen die Schotten zu Felde lag und Botschaft an seine Fürsten daheim sandte, traf es sich, daß der Bote auf der Burg des Königs von York übernachtete. Der benutzte die Gelegenheit zur Rache und vertauschte den Brief Offas mit einem falschen, in dem geboten war, die Königin und ihre beiden Kinder in die Wildnis zu führen und ihnen Hände und Füße abzuhauen. Die Fürsten vollführten den Auftrag; doch verschonten die Diener die Königin, und ein Einsiedler, der schon einmal der Königin Hilfe erwiesen, nahm die Verstoßene auf und belebte durch Gebete die Leichen ihrer Kinder wieder. Dort fand sie endlich der heimgekehrte König.[6]

Die Leiden der im Kindbett liegenden Königin, die von der bösen Schwieger oder andern beim Gatten verleumdet wird, als habe sie ihre Kinder gefressen[7] oder Hunde geboren, kehren in vielen mittelalterlichen Erzählungen von unschuldig verfolgten Frauen wieder. In einigen dänischen Märchen geht ihnen eine Einleitung über die wunderbare Empfängnis und Geburt der Heldin vorauf: Grundtvig 1878 nr. 9 ‘Den stumme Dronning’ = Leo-Strodtmann [21] 2, 147. Grundtvigs hsl. Register nr. 46. Kamp 1, 63 ‘Den onde stifmodern’. Kristensen, Aev. fra Jylland 3, 90 nr. 18 ‘Dronningens mörke tale’; 4, 31 nr. 5 ‘Prinsen og tigerbarnet’. Kristensen, Fra Mindebo p. 64 nr. 10 ‘Den forskudte dronning’. Ebenso bei den Eskimos (Rink 1, 196 nr. 66 ‘Om manden, som gjerne vilde have børn’). – Im dänischen Märchen ‘Börnene i slotsgraven’ (Skattegraveren 5, 185. 7, 161) dient das vom Prinzen belauschte Gespräch der drei heiratslustigen Mädchen (nr. 96 ‘De drei Vügelkens’) als Eingang. – Über das ebenfalls als Einleitung vorkommende Motiv des dem Dämon verkauften oder unwissend versprochenen Kindes s. das Mädchen ohne Hände (nr. 31) und das Löweneckerchen (nr. 88). – Der Grundgedanke von vielen erlaubten, aber einer verbotenen Tür kehrt vielmal und mit verschiedener Einleitung wieder; so im Märchen von Fitchers Vogel (nr. 46), bei Asbjörnsen nr. 14 ‘Des Sohn der Witwe’, Hahn 2, 197 zu nr. 6; vgl. R. Köhler 1, 129. 312, Cox, Cinderella p. 484, Hartland, The forbidden chamber (Folk-lore Journal 3, 193–242. 5, 112–124), Macculloch p. 306–324, Chauvin 5, 203. – Zu dem vergoldeten Finger vgl. den Eisenhans (nr. 136), Zingerle, M. 1, 195 = 2. Aufl. 1, 159, Cosquin 1, 146. 2, 63.

Wenn in der ersten hessischen Fassung jeder Apostel in einer glänzenden Wohnung sitzt, so ist das Lied vom h. Anno zu vergleichen, wo es v. 720 (nach Ev. Matth. 13, 43) heißt, daß die Bischöfe im Himmel wie Sterne zusammensäßen. – Die dem Mädchen als Strafe auferlegte Stummheit erinnert daran, wie in den zwölf Brüdern (nr. 9) und in den sechs Schwänen (nr. 49) die Heldin auf gleiche Weise ihre Brüder von der Verzauberung erlöst.

Daß endlich Jungfrauen, ihrer Kleider beraubt, sich mit ihren langen Haaren bedecken, ist ein alter Zug. Von der h. Agnes erzählen es die Acta Sanctorum 2, 716a zum 21. Januar, von der h. Magdalena Petrarca in lateinischen Versen; eine Abbildung von dieser im Magasin pittoresque 1, 21. In der altspanischen Romanze ‘La infantina’ (Wolf-Hofmann, Primavera 2, 74. Diez, Altspanische Romanzen 1821 S. 177. Eichendorff, Werke 1, 125. Geibel-Schack, Romanzero 1860 S. 391) sitzt eine Königstochter auf einer Eiche, und ihre langen Haare bedecken den ganzen Baum.


  1. In einer etwas süßlichen Bearbeitung gedruckt: ‘Grå Kappan, eller en bedröflig och mycket angenäm Historia om den däjelige Prinsen Rosimandro’, Nyköping 1818 u. ö. (Bäckström, Svenska folkböcker 2, 132–143. 1848), aber gut erzählt bei Molbech 1843 S. 54 ‘Graakappen’ = 1882 S. 33 nr. 12. Åberg nr. 227 ‘Gråkappan’. Allardt nr. 120 ‘Gråkappan’. Hackmans Register nr. 710.
  2. Vgl. dazu das Mädchen ohne Hände (nr. 31). – So legt in der Crescentia-legende ein verschmähter Liebhaber der schlafenden Heldin das blutige Messer, mit dem er das Kind getötet, zur Seite (Mussafia, Sb. der Wiener Akad. 41, 589. 1865); vgl. Straparola 1, nr. 4, Sarnelli p. 26 und 152 ‘La pietà remmorata’, Pitrè 2, 142 nr. 73.
  3. Vgl. Gonzenbach nr. 11 ‚Der böse Schulmeister und die wandernde Königstochter‘ und Zs. f. Volkskunde 6, 62.
  4. Ähnlich klagt bei Artin-Pascha nr. 3 die tscherkessische Prinzeß dem Kästchen der Geduld, dem des Schmerzes und dem blutigen Säbel. Vgl. Kúnos S. 215 nr. 28 (Geduldstein und Messer); Basile 2, 8 (Pappe, Messer, Bimstein); Gonzenbach nr. 11 (Messer und Geduldstein); Hahn nr. 12 (Mordmesser, Wetzstein der Geduld, nicht schmelzende Kerze); Ludwig Salvator, Mallorca S. 78 ‘Das Schloß der Rosen’ (Myrtenzweig, Messer, steinernes Herz). – Diese Klage an den Stein erinnert an die Ofenbeichte (unten nr. 89. 127) und die Unterhaltung mit dem Flachs (Bladé, Gascogne 2, 126).
  5. Matthaei Paris Historia maior ed. W. Wats 1684 p. 965–968 aus dem Cotton Ms. Nero D 1 = Originals and analogues of some of Chaucer’s Canterbury tales 2. ser. 7, 73; mit Unrecht dem Matthaeus Paris zugeschrieben (Dictionary of national biography 43, 212); vgl. Müllenhoff, Sagen nr. 3. Suchier, Paul-Braunes Beiträge 4, 512. Rickert in Modern Philology 2, 29. 321. Grüner, Mathel Parisiensis Vitae duorum Offarum (Diss. München 1907) S. 62.
  6. Vgl. auch bulgarisch: Šapkarev 9, 523; Sbornik za nar. umotvor. 18, 3, 218, serbisch: Nikolić p. 109, weißrussisch: Federowski, Lud białorus. 2, nr. 78, kaukasisch: Sbornik mater. kavkaz 18, 3, 42 ‘Der abgewiesene Bräutigam’.
  7. Vgl. das gälische Mabinogi Pwyll (Stephens, Geschichte der wälschen Literatur 1864 S. 440) und ein Märchen der Masai (Merker 1904 S. 219. Hollis 1905 S. 177).
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