Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 124-128
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[124]
36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein.

Es war einmal ein armer Mann, der hatte sehr viele Kinder und nichts zu eßen für sie. Da wußte er sich endlich gar nicht mehr zu helfen, und nahm einen Strick und steckte ihn ein und sagte zu seinen Kindern: „ich will fort und sehn, daß ich euch Brod schaffe.“ In seinem Herzen [125] aber hatte er den Gedanken, sich zu erhängen. – Als er nun in den Wald kam, band er den Strick an eine Eiche und wollte sich wirklich aufhängen, sah sich aber erst noch einmal um, ob auch Niemand in der Nähe sei, der ihn sehen könne. Und wie er eben sich umwandte, so stand ein schwarzes Männlein hinter ihm und fragte: „was willst Du da machen?“ Darauf erzählte ihm der arme Mann, daß er viele Kinder habe und die müßten Hunger leiden; diesen Jammer könne er nicht länger mehr mitansehen, und weil er doch nicht helfen könne und die Noth nur noch vermehre, so habe er lieber seinem Leben selbst ein Ende machen wollen.

Darauf sagte das schwarze Männlein: „da hast Du nichts Gutes im Sinn; es wäre Dir wohl sonst noch zu helfen. Wenn Du mir deine zwölfjährige Tochter geben willst, so sollst Du so viel Geld haben, daß ihr Alle mit einander reichlich davon leben könnt.“ Ja, die Tochter wollte der arme Mann ihm wohl geben, da sie es gewiß gut bei ihm habe, und darauf sagte das Männlein weiter: „nun, so will ich Morgen in einer Kutsche zu Dir kommen und das Geld bringen; das mußt Du aber, ohne ein Wort zu reden, hinnehmen und deine Tochter dafür in den Wagen setzen!“

Alsdann gieng der Arme wieder gutes Muthes nach Haus und sprach zu seiner Tochter: „morgen wird ein vornehmer Herr in einer Kutsche kommen und Dich abholen.“ Da freute sich das Mädchen und meinte, daß es glücklich sei. Und als der fremde Herr am folgenden Tage wirklich ankam und das Geld brachte, da setzte die Tochter sich vergnügt [126] zu ihm in den Wagen und fuhr mit ihm davon, bis daß sie vor ein Schloß kamen. Da führte der Mann sie hinein, und sagte ihr, daß sie ihn erlösen könne. Dann gieng er mit ihr in einen schönen Garten, der war ganz voll von Rosen und sagte zu ihr: „morgen werde ich verreisen; dann mußt Du an drei Morgen nach einander in dem Garten spazieren gehn und darfst von allen Rosen Dir abbrechen, so viele als Du haben willst; nur den Einen Stock mußt Du unberührt stehn laßen und mußt auch an mich nicht denken, wenn Du daran vorübergehst. Wenn Du das thust, dann werde ich erlöst werden; sieh, und dann will ich dieß Schloß mit allen Schätzen, die darin verborgen sind, Dir schenken.“

Da versprach ihm das Mädchen, daß es gewiß Alles so machen wollte, wie er es gesagt hatte, und gieng gleich an den beiden nächsten Morgen in den Rosengarten und pflückte sich Rosen, aber keine von dem verbotenen Stocke. Als sie aber am dritten Morgen wiederkam, da waren gerade an diesem Einen Stocke so viele und so prächtige Rosen aufgeblüht, daß sie dabei stehn bleiben mußte und sie nicht genug betrachten konnte und dachte: „das sind einmal schöne Rosen! von denen möchte ich wohl eine haben! wenn es nur das schwarze Männlein nicht sähe!“ Und dabei kam es ihr vor, als ob Jemand ihre Hand an den Rosenstock hinzöge, und dann dachte sie: „was kann denn das schaden, wenn ich ein paar abpflücke! das Männlein wird’s nicht merken; es ist ja nicht einmal hier!“ Und alsbald langte sie zu und brach sich ein paar Rosen von dem verbotenen Stocke.

[127] Als sie darauf in das Schloß zurückgieng, kam ihr sogleich das schwarze Männlein entgegen und sagte: „ach, was hast Du gethan! was hast Du gethan! – aber erlösen mußt Du mich dennoch!“ Und dabei griff er ihr in den Mund und faßte ihre Zunge und ratsch! war sie abgeschnitten. Da versank plötzlich das Schloß in die Erde, und das Mädchen stand ganz allein und verlaßen da und hatte viele Schmerzen. Dann lief sie überall umher und kam in einen Wald und mußte von Kräutern leben, weil sie keine andere Nahrung finden konnte.

Da geschah es eines Tags, daß ein Graf in dem Walde Jagd anstellte und das Mädchen fand und es fragte: wo es her sei? Allein es konnte auf alle Fragen nicht ein einziges Wort erwiedern und nur durch Zeichen andeuten, daß es nicht reden könne; dem Grafen aber gefiel es so gut, daß er es mit auf sein Schloß nahm. Da schrieb es nun Alles auf, was ihm von Anfang an begegnet war, worüber der Graf ein großes Mitleid bezeigte und das junge Mädchen, das alle Tage schöner wurde, endlich so lieb gewann, daß er es zu seiner Frau nahm.

Da stand es kaum ein Jahr an, da gebar sie ihm ihr erstes Kind. Bevor das Kind aber getauft werden konnte, ließ der Graf jede Nacht wachen und ließ Lichter brennen, damit nicht etwa böse Geister es stehlen oder einen Wechselbalg dafür einlegen möchten. Aber dennoch kam das schwarze Männlein und holte das Kind, ohne daß die Wächter es hindern konnten. Darüber wurde der Graf sehr zornig und gab sich erst einigermaßen zufrieden, als seine Frau bald [128] darauf neue Hoffnung hatte, wieder ein Kind zu bekommen. So wie sie es aber zur Welt gebracht hatte, wurde es ihr abermals, trotz aller Vorsicht, von dem schwarzen Männlein gestohlen.

Die junge Gräfin wurde endlich zum dritten Male guter Hoffnung und kam glücklich mit ihrem Kinde nieder. Da ließ der Graf ein ganzes Regiment Soldaten vor dem Schloße aufstellen und alle Thüren wohl verwahren; das schwarze Männlein erschien aber doch wieder und gieng mitten durch die Wache, die es nicht abhalten konnte, hindurch und begab sich in das Schloß. – Allein dießmal war es nicht gekommen, um auch das dritte Kind zu holen, sondern es brachte vielmehr die ersten beiden frisch und gesund mit und stellte sie der Mutter wieder zu; gab ihr auch die abgeschnittene Zunge zurück und sagte: „Jetzt bin ich erlöst!“ und war alsbald verschwunden. – Da war die Freude groß, daß die Gräfin wieder reden konnte und daß sie auch ihre Kinder wieder bekommen hatte, und von da an lebte sie noch lange vergnügt und glücklich mit ihrem Manne und mit ihren lieben Kindern.

Anmerkung des Herausgebers

[309] 36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein. Mündlich aus Derendingen. Verwandt ist in Grimm’s Kinder-Märchen Nr. 3, das Marienkind, besonders die Erzählung in den Anmerkungen. In den norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe 1. Bd. Nr. 8, die Jungfrau Maria als Gevatterin. Hier wird das Mädchen aus dem Himmel verstoßen und wird stumm, weil sie drei verbotene Thüren geöffnet und einen Stern nebst Sonne und Mond hatte herausschlüpfen laßen. Wegen ihrer Schönheit heirathet sie ein Prinz. Ihre drei Kinder holt aber die Gevatterin. Doch als sie deshalb verbrannt werden soll, gibt Maria ihr die Kinder nebst der Sprache wieder.