Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Die drei Sprachen

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Der gescheite Hans Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
33. Die drei Sprachen
Der gestiefelte Kater
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Die drei Sprachen.

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33. Die drei Sprachen. 1856 S. 63.

1819 nr. 33 aus Oberwallis, von Hans Truffer aus Visp erzählt; eingesetzt für 1812 nr. 33 ‘Der gestiefelte Kater’ (unten nr. 33a). Übernommen von Sutermeister nr. 33. – Eine Variante bei Jegerlehner, Was die Sennen erzählen S. 11 = Oberwallis 1912 S. 59 ‘Der gescheite Hanse’ stimmt zu den französischen und italienischen Fassungen.

Schwedisch in Hackmans Register nr. 671. – Französisch bei Sébillot, C. de la Haute-Bretagne 2, 132 nr. 25 ‘L’enfant qui entend le langage des bêtes’; Fleury p. 123 ‘Le langage des bêtes’; Orain p. 29 ‘Petit-Jour’. Hier melden die Hunde, daß nachts Räuber ins Haus einbrechen wollen, die Frösche, daß ein Mädchen erkrankt ist, weil es die Hostie fortgeworfen hat,[1] und die Vögel, daß einer der drei Pilger in Rom zum Papst erwählt werden wird. Ebenso italienisch bei Comparetti nr. 56 ‘Il linguaggio degli animali’ (= Crane p. 161 nr. 43), Visentini nr. 23 ‘Bobo’; Nardo-Cibele, Zoologia popolare veneta p. 161. Im griechischen Märchen bei Hahn nr. 33 ‘Von einem, der die Vogelsprache erlernte’, fehlt das Gespräch der Hunde und die Papstwahl; der von seiner Frau gescholtene Mann heilt die Königin, in deren Leib eine Kröte sitzt.

Während in diesen Märchen der Vater den Sohn, der die Sprachen der Tiere gelernt hat, aus Ärger über diese nutzlose Beschäftigung fortjagt oder gar töten lassen will, treibt ihn in einer Erzählung des lateinischen Romans von den sieben weisen Meistern dazu die Eifersucht auf die dem Sohne durch Vögel prophezeite Hoheit. Als der Sohn dem Vater das Geschrei zweier Raben [323] dahin deutet, daß ihm einst die Eltern Waschwasser und Handtuch reichen werden, stößt ihn der Vater vom Schiff ins Meer.[2] Vgl. Johannes Junior, Scala celi = Orient und Occident 3, 420 nr. 15 ‘Vaticinium’; Chauvin 8, 193 und über die zahlreichen Übersetzungen ebd. 8, 22 und K. Campbell, The seven sages of Rome (Boston 1907); Sept sages ed. Keller 1836 S. CCXXIX. 182; ed. G. Paris 1876 p. 47. 162; Seite savj ed. d’Ancona p. 121 nr. 15; Erastus c. 23; Sansovino, Novelle 7, nr. 4; Chapuis, Facétieuses journées 4, nr. 4; Lope de Vega, Novelas 6, 264 ‘El pronostico cumplido’ (Bülow, Novellenbuch 1, 142). Bei Hans von Bühel, Dyocletianus 1841 S. 63 und v. 7215, Simrock, Volksbücher 12, 214, in der dänischen Ballade von Alexander (Grundtvig-Olrik, DgFv. 8, 48 zu nr. 472), in dem um 1550 entstandenen čechischen Volksbuche, im russischen, ungarischen (Teza, La trad. dei sette savi 1864 p. 10) und armenischen Volksbuch schließt sich daran die Sage von den Freunden Amicus und Amelius, hier Alexander und Ludwig genannt. Aus dieser Erzählung sind folgende Märchen hervorgegangen: dänisch bei Etlar S. 271 ‘Nattergalens Varsel’; isländisch bei Rittershaus S. 252 nr. 63 ‘Vom Manne, der die Vogelsprache verstand’ (Hostie). Bretonisch bei Luzel, Légendes 1, 282 ‘Le pape Innocent’ = Mélusine 1, 384, vgl. R. Köhler 1, 145; baskisch bei Webster p. 136 und 137 ‘The son who heard voices’; portugiesisch bei Coelho p. 133 nr. 51 ‘O menino e a lua’; maltesisch bei Ilg 1, 68 nr. 19 ‘Der König und sein Sohn, der Papst wurde’ (der König ersieht das Künftige aus den Karten). Slowenisch aus Görz in Nar. pripov. Sošk. plan. 1, 7 nr. 1 = Gabršček nr. 1 (Papst Gregor) und 3, 13 nr. 1 = Gabršček S. 309 nr. 42; čechisch: Poh. a pov. naš. lidu 1882 S. 42 nr 18, und Mikšíček 1, 231 nr. 35, vgl. Máchal, Národopisný Sborník 3, 9; slovakisch bei Czambel S. 339 § 175 (Šandor und Lajoš, also magyarische Umgestaltung der lateinischen Namen); polnisch bei Töppen S. 150 ‘Die Prophezeiung der Lerche’; großrussisch bei Afanasjev ³ 2, 123 nr. 138 = Leger p. 235 nr. 31 ‘Le langage des oiseaux’ (stimmt zur lateinischen Vorlage; Ždanov S. 156). Živaja Starina 5, 211 nr. 5; kleinrussisch aus Südungarn im Etnogr. Zbirnyk 25, 65 nr. 15 (Peter und Ludwig); weißrussisch bei Federowski 2, 147 nr. 123, hier verbunden mit dem ‘Gaudeif und sinem Meester’ (nr. 68) wie in den großrussischen [324] Fassungen bei Afanasjev ³ 2, 134 nr. 140e und Sadovnikov S. 212 nr. 64 und der litauischen bei Karłowicz S. 13 nr. 9. Lettisch in Zbiór wiadom. 18, 416 nr. 48. Ungarisch bei Klimo p. 226 ‘Le fils du charron’ und Gaal-Stier S. 118 nr. 12 ‘Die sieben weisen Meister’ (Alexander und Ludokius). Türkisch bei Kúnos, Adakale 2, 290 nr. 42; kaukasisch im Sbornik kavkaz. 20, 2, 67; mordwinisch bei Ahlquist, Mokscha-mordwinische Grammatik S. 97; altaisch bei Radloff 1, 208 ‘Der schriftkundige Sohn’; dazu S. XII. In fast all diesen Märchen wird der Knabe später nicht Papst, sondern König.

Für die wahrsagenden Vögel ist in einer andern Gruppe von Märchen ein Traum des Knaben eingetreten. Der Knabe träumt, seine Eltern reichten ihm Waschwasser, und wird, da er den Traum niemandem erzählen will, ins Gefängnis geworfen. Griechisch bei Pio p. 159 = Geldart p. 154 = Mitsotakis S. 71 ‘Der geprüfte Prinz’; rumänisch bei Schott S. 125 nr. 9 ‘Vom weißen und vom roten Kaiser’; Schullerus, Siebenbürg. Archiv 33, 286. 200. 586. 672. Serbokroatisch bei Valjavec, Pripov. S. 54 nr. 17. Krauß 2, 290 nr. 129 = Vuk St. Karadžić nr. 69 = Archiv f. slav. Phil. 2, 638 ‘Der Traum’, vgl. R. Köhler 1, 430. Bos. nar. pripov. S. 23 nr. 6 = Mijatovics p. 248 nr. 22 = Archiv f. slav. Phil. 5, 21. Bosanska Vila 15, 127 (1900). Großrussisch bei Afanasjev 2, 110 nr. 133 = Anna Meyer 2, nr. 1. Afanasjev 2, 114 nr. 134. Chudjakov 3, 159 nr. 120. Čudinskij S. 70 nr. 14, vgl. Ždanov S. 180; auch in einem epischen Liede aus dem Gouv. Olonetz bei Rybnikov 1, 233 nr. 35; kleinrussisch bei Sadok Barącz S. 209; weißrussisch bei Romanov 6, 440 nr. 50. Wotjakisch: Izvěstija Obšč. Archeol. Kazan. 3, 237 nr. 13; tatarisch bei Kondaraki, Universale Beschreibung der Krim 13, 82 (der kluge Knabe); mingrelisch im Sbornik kavkaz. 24, 2, 29; armenisch bei Chalatianz S. 51 ‘Der Traumseher’ und Zs. f. Volkskunde 20, 74; hürkanisch bei Schiefner, Uslars hürkanische Studien 1872 S. 99. Ungarisch bei Erdélyi-Stier nr. 2 ‘Der Traum’ = Jones-Kropf p. 117; Benfey, Kl. Schr. 3, 199; Rona-Sklarek 2, 245 nr. 24; Vikár nr. 17. – Ein weibliches Seitenstück bei Kúnos, Stambul S. 375 ‘Die verjagte Sultanstochter’.

Unter diesen drei Gestaltungen einer an Josephs bedeutungsvolle Träume mahnenden Erzählung scheint die der sieben weisen Meister die älteste und die Quelle für die beiden andern zu sein. Zu der Übertragung des Tiersprachenmärchens auf einen Papst gab vielleicht die Überlieferung über Silvester II. (Gerbert) Anlaß, [325] von dem es im Speculum historiale des Vincentius Bellovacensis 24, 98 heißt: ‘Ibi (zu Sevilla) didicit et cantus avium et volatus mysterium’. Raphael Meyer, Om Gerbert-sagnet (Kopenhagen 1902). Doch auch von der Wahl Innocenz III. im J. 1198 wird erzählt, drei Tauben seien in der Kirche umhergeflogen und zuletzt habe sich eine weiße zu seiner Rechten gesetzt (Raumer, Geschichte der Hohenstaufen 3, 74 = 2. Aufl. 2, 595. Grimm, Mythol.³ S. 135. Wackernagel, Kl. Schriften, 3, 198. 232).

In einem andern Märchen von der Tiersprache wird der Mann vom Hahn gewarnt, um seiner neugierigen Frau willen sein Leben aufs Spiel zu setzen (oben S. 132 zu nr. 17), in einem dritten (R. Köhler 2, 340) muß der Kenner der Vogelsprache die goldhaarige Jungfrau für den König holen.

Daß ein Vogel den zu erwählenden König bezeichnet, kommt noch in vielen Märchen vom Glücksvogel (unten zu nr. 60. 122) vor, z. B. beim Grafen Caylus ‘L’oiseau jaune’, M. Monnier p. 107 ‘Les cornes’, Şăinénu p. 663, Šapkarev S. 256 nr. 137 und S. 444 nr. 259, Zbiór 9, 89 nr. 5, Zs. der morgenld. Ges. 36, 238, Radloff 4, 476; doch auch in andern: arabisch bei Chauvin 5, 94. 6, 75, kaukasisch im Sbornik kavkaz. 19, 2, 178. 20, 2, 75. 21, 2, 19. 24, 2, 258; Radloff 4, 143. 6, 160; bulgarisch im Sbornik min. 6, 162. 14, 130; serbisch im Prosvjeta 4 (Etnograf. Obozr. 18, 187); čechisch bei Menšík, Jemn. S. 75 (Papst erwählt); türkisch bei Kúnos, Stambul S. 14; koptisch bei Basset, Afrique p. 8 nr. 4 (ein Adler trägt in seinen Krallen eine Krone herzu). Als einen Narrenstreich der Dölpelbacher erzählt bereits Waldis, Esopus 4, nr. 90 (1548), daß durch eine herumflatternde Taube ein Bäcker zum Bischof erkoren ward.


  1. Diese Ursache einer geheimnisvollen Krankheit erscheint auch in einigen Fassungen des Teufels mit den drei goldenen Haaren (nr. 29: Pröhle, MfdJ. nr. 8. Sklarek 1, 33) und der beiden Wandrer (nr. 107: Lemke 3, 164. Asbjörnsen-Moe nr. 48); vgl. Sébillot, Folklore de France 3, 294. Zs. f. öst. Vk. 3, 161. Webster p. 66. Polaczek S. 237. Romanov 6, 381. Klimo p. 221.
  2. Eine genauere Untersuchung dieses Märchens gibt Iv. Ždanov, Russkij bylevoj epos (Petersburg 1895) S. 152–192. Vgl. Hartland, The outcast child (Folklore-Journal 4, 334–338. 1886).
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