Anna Ottendorfer

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Textdaten
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Autor: Theodor Hermann Lange
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Titel: Anna Ottendorfer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 302-303
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf die langjährige Verlegerin der „New-Yorker Staats-Zeitung“
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Anna Ottendorfer.

Deutsch-amerikanisches Frauenbild von Th. Herm. Lange.

Am Nachmittage des 4. April bewegte sich ein Trauerzug in New-York von Nr. 7 Ost 17. Straße zunächst nach Union Square, dann die vierte Avenue hinab bis zur Bowery und durch die Centrestreet und über die Hängebrücke hinüber nach Brooklyn dem Greenwood-Friedhofe zu. Es war die Leiche einer Frau, welche als arme und völlig mittellose deutsche Einwanderin im Jahre 1839 hier landete und an deren Sarge nunmehr Exminister Schurz, Oberst Richard M. Hoe, Supremecourt-Richter Charles P. Daly und andere hervorragende Bürger als Bahrtuchträger fungirten. Ein echter Frühlingstag war hereingebrochen, den man um so freudiger begrüßte, als Orkane, Schneestürme und Regengüsse seit Ende März abwechselnd gewüthet hatten.

Tausende gaben der Verblichenen das letzte Geleit, Hunderttausende standen auf den Plätzen und an den Straßenecken, welche der imposante Conduct passirte.

Schon seit zwei Tagen wußte es jeder Deutsch-Amerikaner von der Küste des Atlantischen Meeres bis hinüber zu den Gestaden des Stillen Oceans, daß seine größte Landsmännin, daß die beliebteste Frau der Vereinigten Staaten gestorben war.

Als ich am Morgen des 2. April wie gewöhnlich von Gree-Point mit dem „Ferry-Boote“ nach New-York hinüberfuhr, standen neben mir zwei einfach, aber sauber gekleidete ältliche Arbeiterinnen. „Ich kannte sie schon vor mehr als vierzig Jahren, als sie unten kaum ausgeschifft war und noch nicht einmal zwanzig [303] Thaler ihr Eigen nennen konnte,“ sagte die eine derselben, indem sie mit der Hand in der Richtung nach Castle Garden zeigte.

„Ja,“ erwiderte die Andere, „damals mag es ihr oft recht trüb gegangen sein, selbst für fremde Familien mußte sie bisweilen waschen und nähen …“

Eine halbe Stunde später befand ich mich an „City Hall“ in New-York. Von einem der stolzesten Paläste, die diesen Platz, den commerciellen Brennpunkt der Millionenstadt, krönen – von dem Thurme des Staatszeitung-Gebäudes herab wehte das Sternenbanner halbmast als Trauerflagge, denn die Eigenthümerin der genannten Zeitung, Frau Anna Ottendorfer, war den Abend zuvor in einem Alter von neunundsechszig Jähren verschieden. Vor wenig mehr denn drei Decennien kämpfte Anna Ottendorfer noch den schweren Kampf um’s Dasein. Mit Sorgen stand sie am frühen Morgen auf, mit Sorgen ging sie Abends zur Ruhe. Aber als sie starb, da weinten Tausende und Abertausende, denn die Helferin der Bedrängten war nicht mehr, die Frau hatte ihre irdische Laufbahn beendet, welche allein im Jahre 1882 außer zahlreichen anderen Spenden 350,000 Mark für das deutsche Hospital gab, um eine eigene Abtheilung zur ausschließlichen Aufnahme von weiblichen Kranken errichten zu lassen. Und doch hatte Anna Ottendorfer, die begeistertste Vorkämpferin des Deutschthums in der Union, erst das Jahr zuvor, in dem ihr Lieblingssohn Hermann in blühendster Jugendkraft vom Tode dahingerafft worden war, nicht weniger als 220,000 Mark als Fonds für deutsche Schulen und das deutsche Lehrerseminar in Milwaukee gestiftet. Und vor acht Jahren (1873), als sie ihre erstgeborene Tochter Isabella verlor, schuf sie mit einem Kostenaufwande von zunächst 130,000 Mark die „Isabella-Heimath“ in Astoria, zur Unterkunft betagter Frauen bestimmt, die ohne Familie und Freunde in der Welt hülflos dastehen.

Trotz alledem waren diese hochherzigen Thaten nur die letzten Glieder einer Kette des Wohlthuns und der aufopferndsten Mildthätigkeit, die bis etwa 1859 zurückreicht. Denn erst vor fünfundzwanzig Jahren war aus der armen Schriftsetzersfrau eine mehrfache Millionärin geworden, die Besitzerin einer der größten täglichen deutschen Zeitungen nicht nur Amerikas, sondern überhaupt auf beiden Continenten.

Anna Ottendorfer war von armer Familie zu Würzburg in Baiern geboren. Noch vor ihrer Uebersiedelung nach Amerika heirathete sie einen Buchdrucker Namens Uhl, mit dem sie sich 1839 in New-York niederließ. Drüben in Deutschland war es dem jungen Ehepaare recht schwer geworden, sich das Nöthige zum Lebensunterhalte zu erwerben, und die ersten Jahre wollte es in dem gepriesenen Amerika auch nicht besser gehen. Doch wenn auch der Gatte Uhl bisweilen den Muth verlor, die Frau Uhl ließ ihn nicht sinken. Sie führte den Haushalt so sparsam wie möglich; sie las Correcturen, sie arbeitete abwechselnd in fremden Häusern und 1844 konnten die jungen Leute eine kleine Buchdruckerei in Nr. 11 Frankfortstreet kaufen. Das Geschäft hob sich rasch, die junge neunundzwanzigjährige Frau war unermüdlich in demselben thätig, und wieder ein Jahr später erstand das strebsame Ehepaar die „New-Yorker Staatszeitung“. Damals war dieses Preßorgan nur ein Wochenblättchen von sehr geringer Bedeutung, in Format und Ausstattung den kleinen preußischen „Kreisblättern“ sehr ähnlich, wie sie noch heutzutage an der deutsch-russischen Grenze in den Provinzen Posen, Schlesien etc. angetroffen werden.

„Die ‚Staatszeitung‘,“ so sagte mir einmal Frau Ottendorfer lächelnd, „hatte auch damals schon Abonnenten, aber ‚die geehrten Leser‘ zahlten schlecht oder gar nicht. Wir hatten auch Annoncen,“ fuhr die edle Verblichene fort, „aber wir nahmen sie meist unentgeltlich von unsern Freunden auf. Unser Schuhmacher lieferte meinem Manne ein paar Stiefeln, die dieser nicht zu bezahlen brauchte, wogegen er gezwungen war, dem Handwerker ein Vierteljahr lang ein Gratis-Inserat in unserer Zeitung zu gestatten. In ähnlicher Weise bezogen wir unsere Waaren vom Grocer (Specereienhändler), vom Schneider etc. Das waren ganz dieselben Zustände, wie man sie noch heute in kleinen westlichen, soeben erst gegründeten Städten bei neuen Zeitungen vorfinden kann.“

Aber bereits 1846 gestalteten Herr und Frau Uhl ihr „Wochenblättchen“ zu einer täglichen Zeitung und führten dasselbe bei stets wachsendem Erfolge gemeinschaftlich bis zum Jahre 1852 fort. Da starb Jacob Uhl und hinterließ seine Frau als Wittwe mit sechs Kindern. Der plötzlich Alleinstehenden wurden höchst vortheilhafte Anerbietungen im Falle des Verkaufes ihrer Zeitung gemacht, welche die meisten Frauen unbedingt angenommen hätten. Nicht so die Wittwe Jacob Uhl’s. Ihrem Scharfblicke entzog sich die große Zukunft des deutschen Elements in den Vereinigten Staaten nicht, und sie fühlte die Fähigkeit in sich, das Ihrige zur Erhaltung und zum Wachsthum des Blattes beizutragen, das sich als Organ jenes Elements erst zu entfalten begonnen hatte. Um diese Zeit entwickelte Frau Ottendorfer (damals eigentlich immer noch Frau Uhl) eine Thätigkeit, die ihre Umgebung in’s höchste Erstaunen versetzte. Von früh bis in die Nacht hinein war sie auf dem Platze und überwachte alle Zweige des sich ständig vergrößernden Geschäftes. Die Einnahmen desselben verwandte sie auf Verbesserungen aller Art, und hierbei bewährte sich vornehmlich ihre Einsicht und ihr Unternehmungsgeist. Zwei wichtige Schritte, die von großem Einfluß auf das Emporkommen der „Staatszeitung“ waren, erfolgten in der Zeit, als Anna Ottendorfer als Herausgeberin waltete: der Beitritt zur „associirten Presse“ (1854) und die Errichtung eines eigenen Zeitungspalastes (1858). Die Einweihung dieses Gebäudes ist bis zu ihrem Tode eine ihrer Lieblingserinnerungen geblieben. Es gipfelte darin der Erfolg ihrer persönlichen Bemühungen um den Aufschwung der „Staatszeitung“.

Ein Jahr später trat sie die Leitung an Oswald Ottendorfer ab, den sie im Januar 1859 geheirathet hatte und der seit einer Reihe von Jahren schon als Redacteur bei ihr beschäftigt gewesen war. Ottendorfer, ein ehemaliger österreichischer Officier und späterer Journalist, war 1848 nach Amerika gekommen. Dennoch nahm sie bis zum October 1881 den regsten Antheil an der geschäftlichen Leitung der „Staatszeitung“, und erst als ihre Leiden ihr eine solche Wirksamkeit nicht mehr gestatteten, gab sie den Platz an dem Pulte auf, den sie über dreißig Jahre lang eingenommen.

Wahr und ergreifend sagte an ihrem Sarge Chefredacteur Dr. Paul Loeser:

„… … Sie besaß vor Allem jenes tiefinnige Gemüth, das wir für unsere deutschen Frauen, gewiß nicht mit Unrecht, vorzugsweise beanspruchen; dann den ernsten Trieb, mitzuschaffen an der Entwickelung der menschlichen Gesellschaft. In dieser Beziehung gehörte sie entschieden zu den Vorkämpferinnen der Frauenrechte, so widerlich ihr die Ausdehnung der Ansprüche von Frauen auf Rechte und Pflichten war, deren Erfüllung sie physisch nicht gewachsen sein können. Sie ist trotz ihrer exceptionellen Stellung niemals aus der Sphäre der edelsten Weiblichkeit herausgetreten und wußte den Muth, mit dem sie die Stelle des ihr durch den Tod entrissenen ersten Gatten einnahm und dessen eben erst begonnenes Werk fortsetzte, mit der zärtlichsten Mutterliebe und den wärmsten Empfindungen, mit denen ein liebevolles Frauenherz in die Sorgen und Freuden des Familienlebens eingreift, wohl zu vereinigen. Sie hat ihr reiches Theil an diesen Sorgen und Freuden erlebt. Von den sechs Kindern, die sie ihrem ersten Gatten geboren, überleben sie vier in den glücklichsten Verhältnissen: ein Sohn und drei Töchter, welche letzteren ihr eine muntere Enkelschaar zubrachten, die, nebst den Kindern des ihr im Tode vorausgegangenen ältesten Sohnes, zur Erheiteruug ihres Lebensabendes beitrug .... So ist denn die in Hinsicht auf ihre Schicksale, ihr Wirken und Walten bedeutendste deutsche Frau in den Vereinigten Staaten uns für immer entrissen worden. Sie ist in dem Lande, das ihr eine so große Lebensstellung bot, stets eine deutsche Frau geblieben, wenn sie auch eine warme amerikanische Patriotin war. Sie war durchdrungen von der Zukunft des deutschen Elements in unserem Lande und in manchen Punkten, z. B. hinsichtlich der Erhaltung der deutschen Sprache, geradezu eine Enthusiastin.……“

Jetzt hat sich die Erde über dem geschlossen, was sterblich war an Anna Ottendorfer. Ihr Leben aber möge den Hunderttausenden, welche alljährlich europamüde die neue Welt betreten, gewöhnlich mit einem Herzen voll von Hoffnungen und einem Beutel leer an Geld – ein Evangelium und eine Gewißheit sein, daß nur ernste Arbeit, gepaart mit klugem Sinn, Rechtschaffenheit und Sparsamkeit, in dieser Republik zu Wohlstand und Reichthum führen können.