Ein Straßenbau und die Anlage einer deutschen Colonie in Brasilien (2)

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Autor: Franz Keller-Leuzinger
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Titel: Ein Straßenbau und die Anlage einer deutschen Colonie in Brasilien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 299–302
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bau einer großen Straße durch Minas Gerais und Schilderung der Situation deutscher Aussiedler
Fortsetzung des ersten Teils.
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[299]
Ein Straßenbau und die Anlage einer deutschen Colonie in Brasilien.
Von F. Keller-Leuzinger.
II.
Die Gartenlaube (1884) b 299.jpg

Hütte eines deutschen Colonisten in Brasilien.

Zum Bau der neuen Straße, deren Bedeutung wir im vorigen Artikel besprachen, wurden Ingenieure berufen – zuerst französische, und als binnen Kurzem deren Untauglichkeit sich herausstellte, deutsche, welche, nachdem sich späterhin auch noch ein Brasilianer vorgefunden, die große Arbeit im Laufe von sieben Jahren glücklich zu Ende führten.

Für den Techniker und selbst für den Laien dürfte eine kurze Beschreibung der Procedur, welche bei den Vorarbeiten, den Aufnahmen und Nivellements befolgt wurde, von Interesse sein, da dieselbe von der in Europa üblichen doch in mancher Hinsicht abweicht.

In den Ländern alter Cultur bestehen ja Verkehrswege nach jeder Richtung hin, die in die vorhandenen topographischen Karten mit wünschenswerther Genauigkeit eingetragen sind.

Wir können also hier, wenn es sich um den Entwurf einer neuen Straße handelt, im Studir- und Arbeitszimmer mit Zirkel und Bleifeder die projectirte Straßen- oder Eisenbahntrace in aller Gemächlichkeit wenigstens annähernd auf der Karte einzeichnen, um sie dann draußen in der Natur mit einigen Correcturen endgültig festzulegen.

Es wird im Allgemeinen nicht der geringste Zweifel obwalten, welche Flußthäler zu verfolgen und welches die niedrigsten und günstigsten Uebergänge oder Pässe seien, um von einem in’s andere zu gelangen.

In der neuen Welt aber, und besonders in deren südlicher Hälfte, ist dies anders: der Ingenieur muß sich dort, da genauere, irgendwie umfassende topographische Aufnahmen durchaus nicht vorhanden sind, zuerst selbst seine Karte construiren und sich die nöthige Terrainübersicht durch Kreuz- und Querzüge, flüchtige Croquis, Höhenmessungen etc. auf die mühseligste Art verschaffen, ehe er überhaupt nur daran gehen kann, seine Straßenlinie zu ziehen und zu sagen: hier muß es durchgehen. Erst dann, wenn er darüber möglichst im Klaren ist, wird er, ohne befürchten zu müssen, eine vergebliche Arbeit zu schaffen, zur eigentlichen Vermessung der Linie mit Theodolit (Höhenmesser) und Nivellirinstrument schreiten können.

Es hat dies ohne Zweifel seinen eigenen Reiz; die damit verbundene körperliche und geistige Anstrengung ist jedoch keine geringe.

Im alten Europa und in cultivirter Gegend liegt außerdem die Bodengestaltung in den meisten Fällen klar zu Tage; in den pfadlosen Urwäldern des neuen Continentes aber müssen wir gleichsam mit verbundenen Augen herumtasten, bis es uns gelingt das Richtige zu finden.

Eine Arbeiterschaar von 20 bis 30 Mann, Neger- und Mestizenvolk, begleitet uns, um mit Axt und Machete nach unserer Angabe den Wald zu lichten und einen Durchblick in der gewünschten Richtung zu ermöglichen; es drängt uns die Vermessung in der kürzesten Zeit und mit dem kleinsten Aufwand an Mühe zu vollenden, und doch möchten wir uns nicht das geringste topographische Detail entgehen lassen, um bei der endgültigen Festlegung der Zugslinie Rücksicht darauf nehmen zu können.

Mühsam klettern wir an dem steilen Hange entlang, bei jeder Station befürchtend, der braune Bursche, der unser Instrument trägt, werde das Gleichgewicht verlieren und kopfüber in die Tiefe stürzen. Wir berechnen annähernd das Gefälle aus der uns zur Verfügung stehenden Länge und der schon früher gemessenen Höhe der zu übersteigenden Wasserscheide, um zu sehen, ob wir mit dem zulässigen Steigungsmaximum ausreichen, und siehe da: es geht! wenn wir auch im Geiste schon die Minen krachen hören, die im harten Doleritgestein Platz schaffen sollen für unser Werk – und dem Handel eine Gasse. Aber wir möchten auch die gegenüber [300] liegende Thalwand sehen, die uns von riesigen Baumkronen und von schlanken, aus der Tiefe aufsteigenden Palmenwipfeln verhüllt wird!

Also hinunter in die Schlucht, wo zwischen tausendjährigem Moder und schwarzen Humusschichten, halb verfaultem Wurzelwerk und umgestürzten Stämmen, unter üppigen Baumfarnen, Calladien, Heliconien und anderen Prachtpflanzen der Trupenwelt ein dunkelbraunes Wasser sickert, das wir trotz des brennenden Durstes nicht zu trinken wagen, und jenseits wieder hinauf bis zu einer Höhe, welche dersoeben verlassenen gleichkommt, nur um zu sehen, daß wir doch von vornherein das Richtige getroffen und daß die jenseitige Thalwand noch steiler sei, als die diesseitige, und so klettern wir freudigen Muthes und schweißtriefender Stirn wieder zurück.

So geht es Tag für Tag, bis nach manchen Zwischenfällen glücklich die Endstation erreicht ist, woselbst in einsam gelegener Bauhütte, vielleicht im Zelt oder unter einem mit Palmblättern gedeckten „Rancho“ die Resultate zusammengestellt, Plan und Nivellement definitiv festgelegt und die Kostenanschläge ausgearbeitet werden.

Kostenanschläge! Welchem Techniker, der praktisch thätig gewesen, zieht sich bei diesem Worte nicht das Herz zusammen!

Ich kannte einen alten Baurath, der manche Straße durch unsere heimischen Berge geführt hatte und der jüngeren Leuten auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen folgenden Rath zur Beherzigung für’s Leben mitzugeben pflegte: „Wenn Sie einen Kostenanschlag für eine Straße und Eisenbahn zu machen haben, so rechnen Sie alle Posten so dick wie möglich; dann schlagen Sie 50 Procent dazu und multipliciren das Resultat mit Zwei. Wenn dann die Verhältnisse einigermaßen günstig liegen, wenn Sie thätig und sparsam bei der Ausführung sind, so kann Ihnen eine ‚Belobigung‘ kaum entgehen, und vielleicht springt sogar ein Orden heraus; im entgegengesetzten Falle aber stehe ich für Nichts!“

Welche Norm aber würde der alte Herr für transatlantische Verhältnisse aufgestellt haben, wo bei der dünngesäeten Bevölkerung die Nothwendigkeit, armselige tausend Arbeiter an einem Punkte concentriren zu müssen, nicht nur die Löhne, sondern auch die Preise der Lebensmittel auf eine vorher ungeahnte Weise in die Höhe treibt und alle Berechnungen über den Haufen wirft! Mit allen diesen Schwierigkeiten hatten auch die Erbauer der Minasstraße zu kämpfen, aber nach hartem siebenjährigen Ringen konnten sie mit zufriedenem Blick auf das vollendete Werk schauen. Die Straße ist zum Theil auch ein Werk deutschen Fleißes und darf darum unser Interesse besonders in Anspruch nehmen.

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Beim Straßenbau in Brasilien.
Originalzeichnung von F. Keller-Leuzinger.

An ihrem Bau war der grußherzoglich badische Bau-Inspector Joseph Keller thätig, der in seinem engeren Vaterlande die erste Anlage des Mannheimer Hafens, die Eisenbahn von Mannheim nach Heidelberg, sowie von Karlsruhe nach Rastatt, den größten und wichtigsten Theil der Rheinrectification, sowie verschiedene Straßen im nördlichen Theile des Schwarzwaldes entworfen und ausgeführt hatte. – Er ging mit vierjährigem Urlaub nach Brasilien und quittirte, als die badische Regierung ihm eine weitere, zur Vollendung der Minasstraße dringend nothwendige Verlängerung desselben nicht zugestehen zu können glaubte – den badischen Staatsdienst, in dem er während zwanzig Jahren unermüdlich thätig gewesen. –

Die Straße beginnt in Petropolis, begleitet die Ufer der Piabanha bis nahe vor deren Einmündung in den Parahyba bei Tres Barras, überschreitet auf einer eisernen Gitterbrücke von drei, je 51 Meter langen Spannweiten (also an Ausdehnung ungefähr der Straßburg-Kehler Rheinbrücke zu vergleichen) den Parahyba, ersteigt eine andere Wasserscheide, um in kürzester Linie nach der Parahybuna zu gelangen, deren Thal dann bis nach Juiz de Fóra, dem damaligen Endpunkte der Straße, verfolgt wird.

Die Gesammtlänge zwischen Petropolis und Juiz de Fóra beträgt 147 Kilometer; die Erhebung der genannten Endstationen über den Meeresspiegel ist eine nahezu gleiche, das heißt beiderseits etwa 700 Meter, während der tiefste Punkt, der Parahyba-Uebergang, etwa 100 Meter über dem Meere liegt.

Auf der 7 Meter breiten Straße findet sich alle 10 bis 12 Kilometer eine Station mit entsprechenden Wohn- und Lagerräumen, sowie Stallungen.

Die Baukosten beliefen sich im Ganzen auf 12,000 Contos de Reis, das heißt nach dem damaligen Wechselstande auf etwa 30 Millionen Mark. Bedeutende Schwierigkeiten, respective Kosten, machte das Zusammenbringen der nöthigen Arbeiterzahl, die im Ganzen zwischen 4000 und 6000 Mann schwankte und zur einen Hälfte aus gemietheten Sclaven (für die Erbarbeiten), zur andern aus freien Leuten (Deutschen, Portugiesen und wenigen Brasilianern) für Zimmer-, Stein- und Schmiede-Arbeit bestand.

Ein eigenthümliches, in mehr als einer Hinsicht interessantes Moment bei diesem Straßenbau nach der Provinz Minas-Geraës [301] bildete die Anwerbung von deutschen Colonisten, die bei der Endstation Juiz de Fora angesiedelt werden sollten. Der Gedanke, es diesen Leuten, die in Holstein, am Rhein und in Tirol durch den späteren Director der Liebig’schen Fleischextract-Compagnie in Fray-Bentos zusammen gesucht waren, durch ihre Mithülfe bei dem ihnen in erster Linie zugute kommenden Straßenbau zu ermöglichen, ihre Schulden für Transport und erste Unterhaltungskosten abzutragen, war sicherlich kein schlechter. Man machte nämlich die Erfahrung, daß, da sich auch Frauen und Mädchen dazu verstanden, die Schaufel zu handhaben und Steine zu klopfen, selbst solche Familien sich herausarbeiten konnten, welche, obwohl reich an Köpfen, doch arm an jungen Männern waren.

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Hütte eines Tirolers in Brasilien.
Originalzeichnung von F. Keller-Leuzinger.

Leider wurde jedoch schon drei Jahre nach der Ankunft dieser Colonisten, und ehe sämmtliche Schulden abgetragen werden konnten, der Straßenbau vollendet, und wenn auch ein Theil derselben als Fuhrleute, sowie als Bedienstete der Compagnie auf den einzelnen Stationen oder in ihren betreffenden Handwerken eine lohnende Beschäftigung fand, so war eben doch das Endresultat keineswegs ein allseitig befriedigendes.

Aber, so wird man fragen, hatten denn diese Leute keine Ländereien erhalten, die sie bebauen und von deren Ertrag sie nicht nur leben, sondern auch noch etwas auf die Seite legen konnten? Man erzählt uns doch so Vieles von der Fruchtbarkeit jener Länder, von der Ueppigkeit des Pflanzenwuchses und dem hohen Werthe der dort gezogenen Producte! War die Lage der Colonie eine wenig günstige, der Boden schlecht, oder verstanden es die Neuangekommenen nicht, sich in Verhältnisse zu finden, die von denen der Heimath so gänzlich verschieden waren?

Im Anfange könnte, selbst wenn alle anderen Bedingungen zum Gedeihen einer Ansiedelung wirklich gegeben wären, das letztgenannte Moment allerdings eine Rolle spielen; wenn jedoch, nachdem Jahre darüber hingegangen und die Colonisten eine oft bittere Schule der Erfahrung durchgemacht, der richtige landwirthschaftliche Aufschwung immer noch nicht kommen will, so wird man wohl zu der Annahme berechtigt sein, daß die Schuld an der Bodenbeschaffenheit, an den speciellen klimatischen und schließlich an den Verkehrsverhältnissen liegen müsse. Und in nahezu allen deutschen Colonien in Brasilien hat es mit der einen oder andern dieser Grundbedingungen, wie man zu sagen pflegt, seinen Haken gehabt.

Das oben genannte Petropolis liegt zwischen steilen Bergen, sodaß für den eigentlichen Ackerbau so viel wie kein Land vorhanden ist, und es scheint in Wahrheit unfaßlich, wie man es wagen konnte, mehrere tausend deutsche Colonisten in solche Engthäler und Schluchten zu verweisen.

Petropolis prosperirt heute allerdings, aber nicht als Ackerbaucolonie, sondern als Luftcurort für die eine halbe Million betragende Bevölkerung von Rio de Janeiro, die sich glücklich schätzt, in nächster Nähe ein Plätzchen zu haben, wo sie sich von der Backofenhitze und dem giftigen Qualm der Großstadt erholen kann. Das Einzige, was man heute in Petropolis in größerem Maßstabe baut, ist „Capim d’Angola“, ein meterhohes, aus Afrika stammendes Gras zur Fütterung der Pferde und Maulthiere, sowie einiger Kühe, deren Milch- und Butterertrag von den Badegästen theuer bezahlt wird.

Aehnlich verhält es sich in der am andern Endpunkte der Straße, in Juiz de Fora, angelegten Colonie, die den officiellen Namen Dom Pedro II führt. Das Terrain ist allerdings weniger bergig, aber keineswegs von guter Beschaffenheit, und da es außerdem nahezu 3000 Fuß über dem Meere liegt, die Frucht des Kaffeestrauches jedoch unter jenen Breiten (das heißt unter dem Wendekreise) schon mit 1500 und 1800 Fuß Erhebung nicht mehr gleichmäßig zur Reife gelangt, so ist den dortigen Colonisten auch die Möglichkeit benommen, durch Düngung des mageren Bodens wenigstens kleinere, gartenartige Kaffeepflanzungen zu unterhalten und auszunützen. Es bleibt ihnen nur der Bau der landesüblichen Nahrungsmittel, Bohnen, Mais und Mandioca, die jedoch keinen Ausfuhrartikel bilden und selbstverständlich auf den besser gelegenen, in größerem Maßstabe betriebenen Plantagen der Brasilianer verhältnißmäßig wohlfeiler producirt werden, als auf diesen kleinen, dürftigen Parcellen.

Der Colonist leidet allerdings keinen Mangel, sondern lebt, dank der Hühner- und Schweinezucht, die er nebenbei betreibt, mit seiner Familie derart, daß ihn mancher arme Schlesier und „Hundsrücker“ in Wahrheit beneiden kann, aber von wirklichem Wohlstand, von vollständiger Entfaltung seiner Kräfte, von glänzenden Hoffnungen für die Zukunft seiner Nachkommen, kann heute wenigstens noch nicht die Rede sein. Ist er ein geschickter Schmied, Zimmermann oder Maurer, oder hat er die Mittel, um auf eigne Faust ein Fuhrwerk zu betreiben, gelangt er gar dazu, einen Kram- und Schnapsladen anzulegen, so kann er allerdings wohlhabend werden, besonders wenn ein treues, fleißiges Weib ihm zur Seite steht, aber er ist dann längst kein Ackerbauer mehr.

[302] Es ist bekannt, daß in der Colonie Dona Francisca (Provinz St. Catharina), deren Klima, wenigstens was mittlere Jahrestemperatur anbelangt, mit dem von Juiz de Fora übereinstimmen dürfte, in den fünfziger Jahren, als der Enthusiasmus der Neuankommenden bei dem Anblick der herrlichen Wälder keine Grenzen kannte und man all diese wichtigen Detailfragen der Anlage- und Betriebskosten im Vergleich zu dem Werthe der zu erhoffenden Ernten an Bohnen, Mais und Mandioca übersehen zu können glaubte, Capitalien verloren wurden, die gar nicht unbedeutend waren. Ich selbst kannte einen braven, alten Schleswiger, der im Vertrauen auf die pomphaften Anpreisungen der Hamburger Colonisationsgesellschaft Haus und Hof verkaufte, um in der neuen Welt, wo er für sich und seine Kinder ein neues größeres Heim zu gründen hoffte, schließlich Alles zu verlieren. Er ließ durch in theuerem Tagelohne arbeitende Mestizen und Mulatten den Urwald auf große Strecken niederlegen, Bohnen, Mais und besonders Mandioca in großem Maßstabe pflanzen, um, nachdem er unter Mühen und Entbehrungen von seiner Seite 60,000 Mark, sein ganzes Vermögen, ausgegeben, die Erfahrung zu machen, daß der Werth seiner Ernte deren Productionskosten nicht decke, da der Markt überfüllt und an überseeischen Export nicht zu denken war. –

Da Kaffee und selbst Zuckerrohr in jenen Breiten nicht mehr recht gedeihen, so machte man sich an den Bau jenes andern Krautes, dessen Absatzbezirk heutzutage ein womöglich noch größerer ist, als jener der obengenannten: ich meine den Tabak. Aber die Nicotiana ist ein ebenso heikles und eigensinniges Gewächs, wie die Rebe, und wie in Grüneberg kein Hochheimer, so wachsen auch in Dona Francisca keine Habana, und doch sind es nur diese, mit welchen man dem in der Provinz Bahia gezogenen vorzüglichen Tabak hätte Concurrenz machen können; so brachte auch dieser Versuch nur Aerger und Enttäuschung.

Man wäre beinahe versucht zu behaupten, daß diejenigen Klimate, welche keinen bestimmt ausgesprochenen Charakter zeigen, das heißt weder den echt tropischen, noch den der gemäßigten Zone, sondern den Uebergang von einem zum andern vermitteln (wie dies in der Provinz St. Catharina der Fall ist), dem Colonisten in dieser Hinsicht besondere Schwierigkeiten bieten. Er hat allerdings die Wahl, aber auch die Qual, welche Culturpflanzen er bauen soll.

In den noch weiter südlich gelegenen Colonien, woselbst, wie in der ganzen Provinz Rio Grande do Sul, Klima und Producte ganz entschieden der gemäßigten Zone angehören, ist wenigstens ein solcher Zwiespalt in Bezug auf die Wahl der vortheilhaftesten Culturpflanzen nicht mehr in diesem Maße vorhanden. Auf eine wirkliche, auf größeren Export gegründete Prosperität der dortigen, in den äußersten Ausläufern der Waldregion gelegenen Colonien wird aber auch da vorerst nicht zu rechnen sein, und nur diejenigen Niederlassungen von Deutschen, die sich im Süden und Westen der Provinz und auf Campland gebildet haben und noch bilden werden, können bei richtiger Leitung durch den Betrieb der Viehzucht und den Export der dabei erzielten werthvollen Producte unter den jetzigen Verhältnissen etwas Anderes werden, als idyllische Winkel, woselbst ein Paar tausend Deutsche still und zufrieden vegetiren. –

Man sieht, die Gründung und erfolgreiche Durchführung einer deutschen Colonie ist in Brasilien ein ebenso schwieriges und heikles Unternehmen, wie anderwärts, und ich für meinen Theil habe vor den Männern, die, wie Dr. Blumenau und Andere, unter unsäglichen Opfern und Anstrengungen diese riesige, ein Menschenleben füllende Aufgabe soweit glücklich zu Ende geführt haben, als es die Umstände erlauben, eine unbegrenzte Achtung; haben sie doch thatkräftig dazu beigetragen das alte, übervölkerte Europa zu entlasten, und wäre es auch in noch so minimaler Weise, haben sie doch gewußt, einigen tausend strebsamer, aber auf fremder Erde der Führung dringend bedürftiger Menschen den Weg zur Gründung eines neuen Heims zu zeigen und die brachliegenden Schätze eines jungen, dünnbevölkerten Landes für dieses selbst, wie für andere, mehr und mehr nutzbar zu machen.

Leider kommt Deutschland, seit Jahrhunderten zersplittert und machtlos, nachdem es ihm endlich gelungen durch wunderbare Fügungen die ihm gebührende Stellung wieder zu erlangen, zu spät, um ohne Weiteres eigene Colonien zu erwerben.

Es ist müßig, darüber zu planen, was und wie es gekommen wäre, wenn Preußen die an der Küste El-Mina vom großen Kurfürsten in einem kühnen Anlaufe gegründete Colonie behalten hätte; jedenfalls aber gereicht es dem Andenken jenes ausgezeichneten Fürsten zu hohem Ruhme, in so früher Zeit, da im eigenen, an den Nachwehen des Dreißigjährigen, wie des Schwedenkrieges, leidenden Reiche noch Alles zu thun war, die Wichtigkeit eigener Handels-Stationen und Factoreien mit scharfem Blick erkannt zu haben, und bleibt es ewig zu bedauern, daß es die Kräfte des kleinen Staates in der Folge nicht erlaubten, diese erste überseeische Colonie unter deutscher Flagge zu behaupten.[1]

Die Gartenlaube (1884) b 302.jpg

Anmerkungen

  1. Obiger Aufsatz wurde niedergeschrieben zu einer Zeit, da die Erwerbung von Angra pequena (zu deutsch: kleine Bucht) von Seiten der unternehmenden Bremer Firma Lüderitz weder die heutige Bedeutung erreicht, noch den mächtigen Schutz der deutschen Reichsregierung erlangt hatte – wie dies nun erfreulicher Weise der Fall zu sein scheint. – Aus jener entlegenen südafrikanischen Bucht, die zuerst von portugiesischen Entdeckern angelaufen und getauft worden, weht also die deutsche Tricolore, und wenn es gelingen sollte, den Bestrebungen des deutschen Colonialvereins jene weite Verbreitung und jenen sichern Rückhalt zu geben, den sie in jeder Hinsicht verdienen, so wird sie im Laufe der Zeiten auch von andern Küsten wehen, ein Stolz für unser Volk, ein Hort und eine Stütze für dessen Handel.
    Der Verfasser.