Auf dem Bodensee 11ten August 1849

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Johannes Scherr
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Auf dem Bodensee 11ten August 1849
Untertitel:
aus: Sonntags-Beilage zum Schwäbischen Merkur Nr. 578
Herausgeber: Ernst Kapff
Auflage:
Entstehungsdatum: 1849
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Vorlage:none
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Gedicht anlässlich der Flucht über den Bodensee in die Schweiz
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Schwaebischer Merkur 1929, Sonntagsbeilage 578.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]

[I]
Auf dem Bodensee 11ten August 1849


Wende einmal noch den Blick
Von des raschen Dampfers Bord
Nach dem Heimatstrand zurück,
Mählig schon verblauend dort!

5
Noch ein letztes Grüßen laß

An das teure Ufer schwellen,
Einer Abschiedsträne Naß
Darf dir wohl im Auge quellen.

Oft schon zog ich fremdenwärts,

10
Aber stets auf Wiederkehr,

Jetzo, ahnt dies bange Herz,
Wiederkehrst du nimmermehr.

Sei’s: im Leide wie in Lust
U. verstoßen u. verbannt

15
Rufe ich aus voller Brust:

Heil sei dir, mein Vaterland!

Ob du meine Lieb’ mit Haß
U. mit Spott u. Hohn vergolten,
Ob du ohne Unterlaß

20
Mich verleumdet und gescholten,


Meines Wollens Lauterkeit
Weggeleugnet u. verkannt,
Dennoch, jetzt u. allezeit,
Heil sei dir, mein Vaterland!

25
Aus der Wetterwolken Nacht,

Die, geliebtes, dich verdunkeln,
Mögen bald in heller Pracht
Freiheitsblitze zündend funkeln.

U. darauf wie Donnerhall

30
An der Trone morsche Stützen

Brause unsres Liedes Schall –
Bebt auf euren goldnen Sitzen.

Bebe, Brut der Tyrannei,
Bebt, Meineidige u. Verräter!

35
O, der dumpfe Schmerzensschrei,

Welchen Mütter, Schwester, Väter

Ueberall auf deutscher Erde
Auf den blassen Lippen tragen,
Er muß künden euch, es werde

40
Der Vergeltung Stunde schlagen.


Schlagen wird die Stunde, ihr
Herrn von Blei’s u. Pulvers Gnaden,
Wo das Volk euch für u. für
Wird zum Strafgerichte laden.

45
Unterdessen treten wir

Still der Fremde harte Treppen,
Folgen unserem Panier
Stolz durch des Exiles Steppen.

Der Verbannten Busen ist

50
Stets der Freiheit Bundeslade,

Ihrer Sehnsucht Aug’ bemißt
Scharf der Prüfung Wüstenpfade.

Sieht die Pharaonen winken
Grimm herbei ihr zahllos Heer,

55
Sieht sie sinken u. ertrinken

In der Rache rotem Meer.

Seht ihr grünen in der Ferne
Deutscher Zukunft Kanaan?
Traut, Gefährten, traut dem Sterne,

60
Der geleuchtet uns voran,


Der einst der Begeistrung Gluten
Fracht in unsern Söhnen an,
Wenn wir unterwegs verbluten,
Treten frisch sie auf den Plan.

65
Aber horch! der Anker fällt

Und das Schiff stößt an den Strand.
Sei gegrüßt, o Alpenwelt,
Sei gegrüßt, o freies Land!

Gönn’ dem kranken Flüchtigen,

70
Wie du pflegst, ein mild Asyl,

Um sich zu ertüchtigen
Bald zu neuem Kampfesspiel!

Sieh, die Abendsonne malt
Rings die Höh’n mit Zukunftsfarbe,

75
Daß der alte Säntis strahlt

Eine Purpurflammengarbe!

Welch ein glücklich Vorbedeuten!
Zuversicht u. Mut im Blick
Will die Fremde ich beschreiten

Anmerkungen (Wikisource)

Der freiheitsgesinnte Autor Scherr konnte im August 1849 aus Württemberg über den Bodensee in die freie Schweiz fliehen (siehe auch Ein „unentwegter“ Kämpfer und Mählys Nekrolog in: Letzte Gänge). In Abwesenheit wurde er zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt (so Mähly). Zur Aufnahme in der Schweiz: Alfred Stern 1919 (mit Wiedergabe des Steckbriefs).