Auf der Eisenbahn (Temme)

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Autor: J. D. H. Temme
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Titel: Auf der Eisenbahn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 185–188
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzungsroman // Hefte 14–17
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[185]
Auf der Eisenbahn.
Vom Verfasser der „Neuen deutschen Zeitbilder.“

Im vorigen Sommer besuchte mich ein alter, langjähriger Freund aus Deutschland. Dieser Freund ist noch ein ausgezeichneter Polizeibeamter in einer großen deutschen Residenz.

Wie? höre ich manchen Leser ausrufen, ein deutscher Polizeibeamter besuchte den Verfasser der neuen deutschen Zeitbilder? Ich antworte für heute nur mit der Frage: Warum nicht? – In der Schweiz erlaubt man sich Manches, was man in königlichen oder kaiserlichen Staaten unterläßt, und in der Nähe der freien Alpen wird man auch offener, freier in seinen Mittheilungen. Mein Freund erzählte mir Mancherlei und darunter viel Interessantes, so auch die nachfolgende Begebenheit. – Er spielt selbst eine nicht unbedeutende Rolle darin; um so mehr führe ich ihn redend ein.

Im verflossenen Sommer, so erzählte er mir, kam eines Tages ein Bekannter, der Kaufmann B., mit sehr verstörtem Gesichte zu mir. Er müsse meinen Rath, wo möglich meine Hülfe in Anspruch nehmen, er fürchte, er sei ein verlorner Mann, wenn ich ihm nicht helfen könne. Vor acht Tagen habe er seinen Reisenden mit der Summe von zwanzigtausend Thalern in Cassenscheinen und Banknoten nach der Provinz P. geschickt, um Landesproducte – B. hatte ein Productengeschäft en gros – einzukaufen und sofort baar zu bezahlen. So eben erhalte er durch den Telegraphen die Nachricht von seinem Reisenden, daß diesem auf der Eisenbahn zwischen den Stationen R. und K. die ganze Summe mit der Brieftasche, worin er sie gehabt, während er im Coupé geschlafen, gestohlen worden sei. Er habe den Diebstahl in K. entdeckt und sofort den Behörden Anzeige davon gemacht; es seien auch alle Schritte zur Ermittelung und Verfolgung des Thäters eingeleitet, allein bis jetzt völlig vergeblich.

Das war die kurze, aber inhaltschwere Mittheilung. B. war ein noch junger Mann, der vor wenigen Jahren sein Geschäft mit einem nur mäßigen Capital, aber mit desto größerem Geschick und Fleiße begonnen, und der in der That seitdem mit Glück operirt hatte. Allein er hatte Recht, die Summe von zwanzigtausend Thalern war ein zu großer Verlust für ihn und er war ruinirt, wenn er nicht wieder zu dem Seinigen kam. Er war ein braver, junger Mann und stand im Begriffe sich zu verheirathen, seine Braut war ein liebenswürdiges Mädchen, die Tochter eines meiner Freunde. Das Alles war eine unabweisliche Aufforderung für mich, ihm mit allen meinen Kräften zu helfen. Doch wie? Die Nachrichten waren sehr dürftig; nur die nackte Thatsache lag vor; alle Nebenumstände fehlten, an welche allein Maßregeln zur weiteren Verfolgung anzuknüpfen waren. Durch den Telegraphen waren speciellere Mittheilungen, die nur einigermaßen ausreichen konnten, nicht zu erhalten. Durch Hin- und Hercorrespondiren wurde Zeit verloren, und Zeit verloren hieß hier beinahe Alles verloren. Andererseits war ich in K. und der ganzen Umgegend völlig unbekannt.

Es blieb zunächst, wenn ich helfen wollte, nur ein Weg übrig. Ich mußte mich, und zwar sofort, an Ort und Stelle nach K. begeben, um dort selbst genau den Thatbestand zu untersuchen und danach einen ferneren Operationsplan zu entwerfen und auszuführen. B. war auf das Dankbarste damit einverstanden. Er konnte mich nicht begleiten, denn es stand zu erwarten, daß der Unfall morgen oder übermorgen der Handelswelt bekannt wurde, und war Herr B. nicht zugegen, um auf allerlei Anfragen Auskunft zu geben, so konnten nur zu leicht mancherlei ihm nachtheilige, selbst die böswilligsten Muthmaßungen entstehen.

Ich fragte ihn nur noch näher nach seinem Reisenden, nach dessen Charakter und Verhältnissen, ob etwa – man müsse doch, zumal in einer so wichtigen Angelegenheit, alle Seiten erwägen – an eine Unterschlagung, an eine Vorspiegelung der ganzen Diebstahlsgeschichte zu denken sei. B. wies den Gedanken völlig zurück. Der Reisende, Rudolph Hertel, sei ein durchaus redlicher und unbescholtener junger Mann, der schon seit drei Jahren in seinem Geschäft sei und sich immer nicht nur treu und brav und seinem Herrn anhänglich, sondern auch außerdem in seinem Lebenswandel still, ordentlich und streng sittlich bewiesen habe.

Meine amtliche Wirksamkeit erstreckte sich nicht bis nach K. Ich begab mich daher zunächst zum Minister, um mir Urlaub und Befehle an alle Behörden des Landes, so wie selbst offene Requisitionen in das Ausland hinein zu jeder Verfolgung des Verbrechers zu erbitten. Der Minister ertheilte sie mir bereitwillig, und mit dem nächsten Eisenbahnzuge fuhr ich nach K. ab.

Ich traf in dem kleinen Landstädtchen am folgenden Morgen ein. In der Nähe des Eisenbahnhofes sah ich einen dem Anscheine nach neuen Gasthof. Ich vermuthete dort den Reisenden, den ich zunächst aufzusuchen hatte, jedenfalls konnte ich dort Nachricht über ihn erhalten. Ich begab mich dahin und fragte nach dem Herrn Rudolph Hertel. Er war da. Ich erkundigte mich, wie es ihm gehe. Der junge Mann, antwortete mir der Wirth, sei seit seinem gestrigen Unfalle wie vernichtet. Außer zum Zweck der mit ihm angestellten amtlichen Verhöre habe er sein Zimmer nicht verlassen, wo er, ohne mit Jemanden zu sprechen, ja fast [186] ohne etwas zu genießen, in ein dumpfes Hinbrüten versunken sei. Er sei geblieben, theils um den Ortsbehörden noch etwa weiter erforderliche Auskunft zu geben, theils um Befehle von seinem Principal zu erwarten. Ich ließ mich zu ihm führen, und zwar ohne daß ihm vorher meine Ankunft bekannt wurde. Allerdings konnte Alles, was ich sowohl von seinem Principal über ihn erfahren hatte, als was ich hier hörte, mir nicht den geringsten Anhalt zu einem Verdachte gegen ihn geben; gleichwohl durfte ich keine einzige Rücksicht, auch nicht die entfernteste Ahnung eines Verdachts aus den Augen verlieren, wenn ich mit Sicherheit, mit irgend einer Hoffnung auf einen Erfolg weiter verfahren wollte.

Ich traf einen jungen Mann von etwa vier bis fünf und zwanzig Jahren. Sein Aeußeres entsprach dem Bilde, das ich mir, nach der erhaltenen verschiedenen Auskunft über ihn, von ihm gemacht hatte. Er war ein hübscher Mensch mit einem Gesichte, in welchem sich Verstand, aber auch ein stilles bescheidenes Wesen, und zugleich, wie es mir schien, eine für seine Jugend seltene Festigkeit des Willens aussprach. Er war in seinem Zimmer allein, mit Schreiben beschäftigt; sein Aussehen war das großer Niedergeschlagenheit. Er machte nur einen vortheilhaften Eindruck auf mich, und der Gedanke eines Verbrechens von seiner Seite entfernte sich immer mehr von mir. Ganz aufgeben durfte ich ihn auch jetzt nicht; allein ich mußte mir beinahe Mühe geben, ihn noch weiter festzuhalten.

Ich nannte mich ihm. Er sprang rasch auf, als er meinen Namen hörte. Ein Strahl von Freude leuchtete aus seinen Augen.

„Gottlob!“ rief er, „Sie kommen auf Veranlassung von Herrn B. Ich hatte es erwartet, da ich weiß, daß Sie mit ihm befreundet sind. Er hat mir nicht geantwortet. Ich war in einer entsetzlichen Angst. Er ist unglücklich geworden, durch mich! Er wird es werden, ich weiß es; wenn Sie keine Hülfe bringen können. Aber Sie werden gewiß helfen.“

Ich hatte ihn absichtlich nicht unterbrochen. Aber auch in seinen Worten lag nichts, was Verdacht gegen ihn erregen konnte. Es schien mir im Gegentheil natürlich zu sein, daß er gerade den geäußerten Gefühlen und in solcher Weise Luft machte, nachdem er seit vier und zwanzig Stunden sein Herz gegen Niemanden über den schweren Unfall und dessen Folgen vollständig hatte ausschütten können. Ich forderte ihn auf, mir vor allen Dingen genau den Hergang der Sache zu erzählen, mit allen, auch dem Anscheine nach unbedeutendsten Einzelnheiten. Er erzählte.

Er hatte, nachdem er vor etwa acht Tagen die Residenz verlassen, anfangs nur kurze Tagereisen gemacht, indem er in der benachbarten Gegend zu beiden Seiten der Eisenbahn mehrere Geschäfte zu besorgen hatte. So war er vorgestern Abend bis R. gekommen, und hatte dort die Nacht im Gasthofe logirt, um am nächsten Morgen mit dem ersten Eisenbahnzuge nach K. abzureisen. Von K. aus hatte er dann die Eisenbahn ganz zu verlassen, und zum Zweck seiner bedeutenden Einkäufe sich tiefer in das Land hinein, zu den zerstreut wohnenden großen Gutsbesitzern zu begeben. Erst da hatte er von der für diese Ankäufe von seinem Herrn ihm anvertrauten Summe von zwanzigtausend Thalern Gebrauch zu machen. Er trug deshalb bis dahin diese Summen, die in Cassenscheinen und Banknoten bestand, in seiner Brieftasche in der Art vorsichtig und wohlverwahrt bei sich, daß er die Brieftasche zuerst in Leinwand eingenähet und sie dann wieder inwendig unter den Brustlatz seines Rockes festgenähet hatte. So konnte sie ihm, ohne daß er es vorher gewahren mußte, gar nicht entzogen, ja, sie konnte ihm nur unter Anwendung einer Gewalt entrissen werden, welcher er immer, schlimmstenfalls durch Herbeirufen von Hülfe, begegnen konnte. Er hatte das gemeint. Der Zug, mit dem er von R. abfahren wollte, traf dort um 8 Uhr Morgens ein und fuhr nach einem Aufenthalte von zehn Minuten weiter. Hertel hatte sich, um ihn nicht zu versäumen, zeitig auf den Bahnhof begeben, war dort zehn Minuten vor acht Uhr angekommen und hatte sich, nachdem er das Fahrbillet gelöset, zu der Stelle begeben, wo der Zug hielt und wo eingestiegen wurde. Dort warteten schon mehrere Fremde, die gleich ihm der Ankunft des Zuges entgegensahen. Ohne mit Jemandem zu sprechen, hatte er nur sehr flüchtig auf sie geachtet und erinnerte sich nur, daß es etwa acht bis neun Personen gewesen waren, Männer und Frauen, dem Anscheine nach Bürger aus dem Städtchen und Landleute aus der Gegend.

Der Zug war pünktlich um acht Uhr angekommen. Hertel, ein Fahrbillet zweiter Classe in der Tasche, hatte sofort ein Coupé aufgesucht. Der Zug war schwach besetzt; nur in einigen Coupés zweiter Classe befanden sich Personen, mehrere waren ganz leer. Er hatte sich in eins der letzteren begeben, theils weil er in den andern entweder Familien mit Kindern oder Personen traf, von denen er sich keine angenehme Unterhaltung versprach, theils weil er aus Abneigung gegen fremde Bekanntschaften gern allein sein wollte. Er war indeß nicht allein geblieben. Kurz vor dem Abgange des Zuges hatte ein Bahnwärter noch einen Reisenden zu ihm in das Coupé einsteigen lassen. Gleich darauf war der Zug abgefahren.

Dieser Reisende spielte die Hauptrolle in der Angelegenheit, die ich bis auf ihren letzten Grund zu erforschen hatte. Hertel mußte mir ihn daher ganz genau beschreiben. Es war ein ziemlich großer, noch junger Mann gewesen, etwa in dem Alter Hertel’s. Sein Gesicht war blaß gewesen, die Gesichtszüge ziemlich regelmäßig, wie Hertel hatte bemerken können, trotzdem daß ein großer schwarzer Bart fast den ganzen untern Theil des Gesichts bedeckte und der Fremde eine Mütze von dunkler Farbe mit einem großen Schilde tief in die Stirn gedrückt hatte. Die Kleidung konnte der junge Kaufmann im Uebrigen nicht näher bezeichnen. Er glaubte nur, sich zu erinnern, daß er unter dem grauen Staubmantel einen Rock von heller Farbe bemerkt habe. Der Fremde hatte einen kleinen Nachtsack bei sich getragen. Sein ganzes Aeußere war ein durchaus anständiges.

Er war schweigend eingestiegen und hatte Hertel, den er schon antraf, nicht einmal begrüßt, war auch an dem Schlage, durch welchen er eingestiegen, sitzen geblieben, und hatte, so lange der Zug noch hielt, still vor sich nieder geblickt, nachdem sich aber die Wagen in Bewegung gesetzt, hatte er sich eine andere Lage gegeben. Das Coupé war, wie die Coupés zweiter Classe auf den meisten norddeutschen Eisenbahnen, schmal und bestand nur aus zwei langen, einander gegenüber befindlichen Polsterbänken, die nur durch einen engen Zwischenraum getrennt waren. Hertel hatte auf der einen Bank gesessen; der Fremde aber seinen Platz auf der Bank gegenüber genommen. Beide befanden sich jedoch nicht einander unmittelbar gegenüber, jeder saß vielmehr an dem entgegengesetzten Schlage. Gleich nach der Abfahrt des Zuges nun hatte der Fremde es sich bequemer gemacht, sich der Länge nach auf seiner Bank ausgestreckt, seinen Reisesack unter seinen Kopf gelegt, und so wie auf einem Ruhebette gelegen. Dem Anscheine nach war der Fremde auch bald eingeschlafen, denn er bewegte sich nicht, und Hertel hatte tiefere Athemzüge, wie die eines Schlafenden gehört; von dem Gesichte aber hatte er nichts mehr sehen können; der Fremde hatte die Mütze mit dem langen Schirme tiefer hineingezogen, so daß Schirm und Bart es jetzt ganz verdeckten.

Die Station von R. nach K. ist eine lange; sie hat einige bedenkliche Strecken, auf denen man nur langsam fahren kann; man fährt beinahe eine Stunde darüber.

Es war ein heißer Junimorgen; Hertel hatte in R. noch bis in die Nacht hinein seine Geschäfte geordnet; ich fand in der That sein Tagebuch bis zu dem Moment, wo er in R. angekommen, auf das vollständigste abgeschlossen; er hatte unruhig geschlafen und war am Morgen früh aufgestanden. Es konnte nicht Wunder nehmen, daß er unter der einförmigen Bewegung des Wagens gegenüber dem Schlafenden ebenfalls einschlief. Er hatte sich gleichwohl nicht ohne Vorsicht dem Schlafe hingegeben. Nicht nur hatte er sich vorher überzeugt, daß er seine Brieftasche mit ihrem werthvollen Inhalte noch unberührt und fest angenähet an ihrer Stelle trage; er hatte auch, bevor er sich auf der Bank zurücklegte, seinen Rock vollständig zugeknöpft und außerdem die Arme über der Brust fest verschränkt. So glaubte er, als er dem Schlummer nicht ferner widerstand, seinen Schatz unter einem dreifachen sicheren Schutze. Wer ihn finden wollte, mußte ihm zuerst die gekreuzten Arme auseinander winden, dann den Rock aufknöpfen, und endlich die festen Näthe trennen, mit welchen die Brieftasche eingenähet war. Das Alles konnte er sich kaum möglich denken, ohne daß er dabei aufwachen müßte. Dazu kam, daß er den einzigen Menschen, der mit ihm in dem Coupé war, und der zudem ein vollkommen unverdächtiges Aeußere hatte, für fest [187] schlafend halten mußte, und daß ein anderes lebendes Wesen während der Fahrt gar nicht zu ihm einsteigen konnte. Eben so wenig konnte überdies der Fremde neben ihm aussteigen, bevor der Zug auf der nächsten Station hielt; bei dem Halten auf einer Station entsteht aber sofort so viel Veränderung und Geräusch, daß auch der festeste Schlaf dadurch unterbrochen werden mußte; dann war auch für den schlimmsten Fall der Verlust der Brieftasche das Erste, was bemerkt werden mußte, und zwar zu einer Zeit, wo der Dieb noch keinen Schritt weit sich hatte entfernen können.

Hertel war eingeschlafen, fest eingeschlafen; er konnte, als er erwachte, sich keiner Störung, keiner Unterbrechung, nicht einmal der geringsten Unruhe erinnern, keines Gefühls wie auch nur von irgend einer noch so leisen Berührung. Er erwachte, wovon, wußte er nicht; aber er hörte in der Nähe Menschenstimmen durcheinander sprechen; er fühlte, daß der Zug langsamer ging, etwa als wenn er gleich darauf anhalten werde. Die erste Bewegung des Reisenden war, aus dem Coupéfenster zu blicken, an dem er saß. Der Zug war auf dem Stationshofe angelangt, er war im Begriff zu halten; an dem Haltplatze standen viele Leute, die ihn erwarteten, namentlich eine Menge Rekruten, die weiter befördert werden sollten; sie sprachen vielfach und laut mit einander. Der Reisende wandte sich in das Innere des Coupés zurück und in diesem Augenblicke merkte er erst, daß er allein war. Der Fremde, der in R. zu ihm eingestiegen, war mit Sack und Pack verschwunden.

Hertel erbleichte. Er griff nach seiner Brust, nach seiner Brieftasche. Sie war fort. Er fühlte sein Herz nicht mehr schlagen, und griff noch einmal nach der Stelle, wo die Brieftasche, wo die zwanzigtausend Thaler sein mußten. Sein Rock stand offen, alle Knöpfe waren aufgeknöpft. Unter dem offenen Rocke fühlte er nur eine leere Stelle und ein paar lose Fäden, mit denen die Brieftasche angenähet gewesen war. Der Fremde war fort; der Zug bewegte sich noch und konnte während der Zeit, daß Hertel geschlafen hatte, nicht einmal auf eine Secunde angehalten haben. Der Unglückliche fühlte sein Herz wieder schlagen; das Blut drang ihm gewaltsam zum Kopfe; aber eines klaren Gedankens war er nicht mächtig.

Der Zug hielt; die Schaffner und Wärter sprangen an die Schläge der Coupés, rissen sie auf und riefen ihr: „Station K., fünfzehn Minuten Aufenthalt!“ In den jungen Kaufmann kehrte das Bewußtsein zurück.

„Wärter,“ rief er dem Beamten zu, der seinen Schlag öffnete, „hat der Zug unterwegs seit R. angehalten?“

„Nein, mein Herr. Aber was ist Ihnen? Sie sehen ja aus, wie eine Leiche.“

„Der Zug hat nicht gehalten, Wärter? Sie waren immer dabei?“

„Immer, mein Herr. Sie müssen sich erinnern. Ich forderte Ihnen in R. das Billet ab; ich ließ dort den zweiten Passagier zu Ihnen ein.“

„Dieser zweite Passagier, Wärter –“

„Er ist nicht mehr da. – Teufel – er kann noch nicht ausgestiegen sein. Der Zug hält ja erst in diesem Augenblicke. Wo ist er geblieben?“

„Ich bin verloren,“ rief Hertel, dem jetzt kein Zweifel mehr darüber sein konnte, daß die zwanzigtausend Thaler in der That verloren waren. Er erzählte, was ihm begegnet war.

Der Wärter hatte den Zug von R. nach K. begleitet, speciell auch den Waggon beaufsichtigt, in welchem Hertel mit dem verschwundenen Fremden gefahren war. Er hatte seinen Sitz oben auf dem Waggon gehabt, fast unmittelbar über dem Coupé Hertel’s. Er hatte auf dem ganzen Wege in dem Coupé nichts gehört; er hatte Niemanden aus demselben aussteigen, Niemanden von dem Zuge sich entfernen sehen; er hätte es sehen müssen, oben auf seinem hohen Sitze, auf welchem er den ganzen Zug übersehen konnte. Der Zug hatte keine Secunde gehalten; schon darum war ein Aussteigen kaum denkbar gewesen. Andererseits war Hertel noch vor dem Anhalten des Zuges in K. erwacht, und in dem Momente des Anhaltens, noch bevor der Zug völlig still stand, war der Wärter schon zum Aufschließen an dem Schlosse gewesen und hatte die Abwesenheit des Fremden bemerkt.

Wie, wo und wann war der Fremde fortgekommen? Das war das unauflösliche Räthsel. Andere Wärter und Beamte des Zuges kamen herbei. Niemand vermochte es zu lösen. Alle bestätigten: der Zug hatte seit R. keine Secunde angehalten; kein Mensch war gesehen worden, der von dem Zuge sich entfernt hätte. Mehrere hatten dagegen den Fremden mit dem großen schwarzen Barte und in dem grauen Staubmantel in das Coupé zu Hertel einsteigen sehen. Von den Reisenden wußte gleichfalls Keiner eine Auskunft zu ertheilen. Von dem Inspector des Bahnhofs zu K. wurden sofort sämmtliche Waggons einer Recherche unterworfen, unter Zuziehung der auf dem Bahnhöfe fungirenden Gensd’armen wurde eine genaue Musterung aller Reisenden des Zuges und aller anderen, auf dem Bahnhofe anzutreffenden Personen veranstaltet; es war nichts zu ermitteln, was über das Verschwinden des Diebes hätte Aufklärung geben oder auf seine Spur hätte leiten können. Den Dieb selbst kannte Niemand. Auch Hertel hatte ihn nie vorher gesehen.

Hertel hatte der Polizei, diese dem Staatsanwalte Anzeige gemacht. Er war sofort vernommen worden, es war vom Gerichte Alles geschehen, um den Thatbestand des verübten Verbrechens festzustellen; die Ortsbehörden hatten auch noch an demselben Tage Anstalten zur weiteren Verfolgung des Thäters getroffen. Indeß waren alle Schritte vergeblich gewesen.

Das Alles erzählte mir der junge Mann in einer einfachen, natürlichen, überzeugenden Weise. Keine meiner Kreuz- und Querfragen hatte eine Lücke, einen Widerspruch hervorbringen können. Ich konnte keinen Zweifel mehr haben, daß ihn wirklich das Unglück, in der angegebenen Art bestohlen zu sein, betroffen habe, wie unerklärlich auch das Verschwinden des Diebes war; ich konnte aber auch nicht zweifeln, daß er die Beute eines eben so verwegenen, als gewandten Spitzbuben geworden war.

Ich hatte nur geringe Hoffnung für Wiederherbeischaffung des Gestohlenen, für Rettung des armen B.; und das war mir zunächst die Hauptsache. Mit um so größerem Eifer glaubte ich meine Maßregeln ergreifen zu müssen.

Ich begab mich zuerst zu dem Polizeibeamten und dem Gerichtsassessor des Orts. Beide waren recht tüchtige Beamte, aber auch nichts mehr. Bei Vorzeigung meines Ministerialbefehls fand ich sehr zuvorkommende Aufnahme bei ihnen. Ich erkundigte mich näher nach den Schritten, die sie gethan hatten. Es war Alles geschehen, was gewöhnlicher Weise für den Fall hatte geschehen können. Durch Vernehmung Hertel’s war der verübte Diebstahl festgestellt; eine gerichtliche Besichtigung seiner Bekleidung hatte noch die losen Fäden an der innern Seite seines Rockes vorgefunden, mit denen die Brieftasche dort festgenäht war; sie waren, dem Anscheine nach, mit einem Messer oder einem andern scharfen Instrumente durchschnitten. Hertel hatte auch den speciellen Betrag der Kassenscheine und der Banknoten angegeben, von letzteren sogar einzelne Nummern; sein Geschäftsnotizbuch hatte seine Angaben bestätigt. Diese stimmten auch mit den Notizen, die B. mir in der Eile noch mitgegeben hatte. Durch Vernehmung der Eisenbahnbeamten war festgestellt, daß der von Hertel beschriebene Mensch in R. zu ihm in das Coupé gestiegen und bei der Ankunft des Zuges in K. nicht mehr da gewesen, auch nirgends anderswo ausfindig gemacht worden sei; daß ferner der Zug unterwegs kein einziges Mal angehalten oder langsamer als gewöhnlich gefahren habe; endlich, daß nach der übereinstimmenden Aussage aller Beamten, welche den Zug begleitet, während der Fahrt Niemand den Zug verlassen habe, oder ihn nur habe verlassen können, indem, wenn dies wirklich geschehen sei, nothwendig wenigstens Einer der Beamten es habe gewahren müssen. Das Verschwinden des Diebes war also auch hiernach unerklärlich geblieben. Zum Ueberfluß war sofort eine Locomotive von K. nach R. zurückgeschickt, um auf der ganzen Tour genau nachsuchen zu lassen, ob der Verschwundene nicht etwa bei einem – allerdings jedenfalls halsbrechenden Versuche des Entspringend aus dem Coupé unter den Zug gekommen sei. Auch das hatte zu keinem Resultate geführt; man hatte auf der Bahn weder einen Leichnam, noch eine Blut- oder andere Spur gefunden.

Gleichwohl hatten die Behörden mit Recht die sämmtlichen am Ort und in der Gegend stationirten Gensd’armen und Polizeibeamten in allen Richtungen nach dem Entflohenen ausgesandt, sowie Steckbriefe hinter ihm erlassen, die namentlich sofort durch den Telegraphen auf alle Eisenbahnstationen befördert waren. Gensd’armen und Polizeibeamte waren bereits unverrichteter Sache zurückgekehrt. Das Resultat der übrigen Schritte wurde noch erwartet; ohne große Hoffnung. Auch ich hatte sie nicht.

[188] Eins hatte man allerdings übersehen: eine öffentliche Bekanntmachung der Nummern der entwendeten Banknoten, sowie der Beschaffenheit der Brieftasche Hertel’s. Ich veranlaßte, daß sie sofort erfolgte und zwar durch den Telegraphen an alle Bank- und Börsenorte Deutschlands. Ich versprach mir freilich, nach so manchen Erfahrungen, auch davon keinen Erfolg.

Im Uebrigen war von den Behörden des Städtchens mit Geschick und Umsicht verfahren. Und dennoch konnte und mußte noch Manches vorgenommen werden, um einerseits dem Verbrechen näher auf den Grund, und andererseits denn Verschwundenen auf die Spur zu kommen. Ich leitete es ein.

Zuvörderst nach der Seite der näheren Feststellung des Verbrechens. Ich hatte für meine Person keinen Zweifel gegen die Angaben des Bestohlenen. Aber als Beamter, zugleich als Freund B.’s, hielt ich es für meine Pflicht, die Wahrheit so weit als möglich zu ermitteln. Ich ersuchte den Richter des Orts, den Bestohlenen auf der Stelle zu sich vorladen zu lassen, um ihn noch über einige Punkte, die ich als möglicherweise erheblich darstellte, zu vernehmen.

Nachdem Hertel am Gerichte erschienen war, kehrte ich in den Gasthof zurück, ließ mir unter dem ersten besten Vorwande das Zimmer Hertel’s aufschließen, und durchsuchte hier seine Sachen.

Zum Teufel, Mensch, wenn Du mich hier verwundert ansiehst und gar das Gesicht der sittlichen Entrüstung aufsetzest, wofür gibt es denn eine Polizei?

Also – ich durchsuchte Alles, Schrank, Kommode, Ofen, Bett, die Ritzen zwischen den Dielen. Ich fand nichts, keine Brieftasche, keinen Cassenschein, keine Banknote. Der Reisesack des jungen Mannes stand offen im Zimmer; ich nahm seinen Inhalt Stück für Stück heraus; ich nahm jedes Stück auseinander. Vergeblich. Der Reisekoffer war noch da. Er war verschlossen. Der Schlüssel war nicht da. Aber was wäre die Welt ohne eine gute Polizei? Und wie könnte es eine gute Polizei geben ohne Nachschlüssel? Ich schloß den Koffer auf, durchsuchte ihn, wie alles Andere, noch sorgfältiger, noch genauer. Ich fand nichts, weder eine unmittelbare, noch eine mittelbare Spur, die auf den Verdacht hätte hinleiten können, daß Hertel den Diebstahl vorgespiegelt, daß er das Geld seinem Herrn unterschlagen habe. Auch seine Correspondenz, die ich genau durchsah, ergab nichts. Es waren nur Briefe seines Principals da, die blos Geschäftliches betrafen, und außerdem nur ein Brief seiner Mutter, die ihm zu seinem Geburtstage Glück gewünscht, ihm aber sonst nichts von Interesse geschrieben hatte. Der Ton des Briefes zeugte von einem schönen Verhältnisse zwischen Mutter und Sohn.

Ich beendete meine Untersuchung mit der Beruhigung – zum Teufel, wieder dieser verwunderte Blick! Ich sollte wohl die Unruhe der Scham oder gar heftige Gewissensbisse verspüren! Und im Ernst, der Polizeibeamte muß nun einmal über Manches sich hinwegsetzen, und er darf es, ja er muß es, wenn es zu einem guten Zwecke geschieht, und die Mittel nicht an sich verwerflich sind. Eine Durchsuchung fremder Papiere aber machen unter ähnlichen Umständen manche Gesetze und, wo nicht geradezu die Gesetze, manche beamtliche Instructionen sogar zur Pflicht. Ich schloß meine Untersuchung mit der Beruhigung der von Neuem bestärkten Ueberzeugung, daß Hertel wirklich bestohlen sei, und daß ich es mit einem sehr ordentlichen, seinem Herrn treu ergebenen redlichen jungen Mann zu thun habe.

Desto eifriger und sorgfältiger hatte ich nun die Spuren des frechen Diebes zu ermitteln. In K. war hierfür nichts mehr zu thun. Gericht und Polizei hatten vernommen, was zu vernehmen war. Aber in R., wo der Dieb eingestiegen, mußte eine Spur von ihm zu ermitteln sein. Irgend Einer mußte ihn dort gesehen haben. Vielleicht war er gar dort bekannt. Wenn das nicht, so hatte er dort wahrscheinlich in einem Wirthshause übernachtet.

Die leiseste Spur von ihm, einmal gefunden, mußte weitere Spuren ergeben. Ich fuhr mit dem nächsten Zuge nach R., Hertel mußte mich begleiten. Ich erkundigte mich zuerst auf dem Bahnhofe nach dem Fremden; Hertel beschrieb ihn auf das Genaueste.

Nur der Billetverkäufer und ein Bahnwärter hatten ihn gesehen, und nur erst unmittelbar vor dem Abgange des Zuges. Sie hatten ihn nicht gekannt, nicht einmal bemerkt, woher er gekommen war; sie konnten sich nicht erinnern, ihn jemals vorher gesehen zu haben. Ich begab mich in die Stadt; ich fragte mit Hülfe der Polizei in allen Gasthöfen und Krügen nach, von dem ersten und besten bis zu dem letzten und schlechtesten. Keine Spur. Nachfragen in den Krügen und Wirthschaften der Nachbarschaft blieben eben so erfolglos. Niemand kannte den Fremden, Niemand hatte ihn gesehen, keinem Gensd’armen, keinem Polizeibeamten war sein Signalement bekannt. Uebrigens war er erst in R. auf die Eisenbahn gekommen; die Beamten, die den Zug nach R. gefahren hatten, wußten nichts von ihm. Allein auch mit keiner Post war er in R. angekommen, und kein Lohnkutscher hatte ihn gefahren.

Das war eine verzweifelte Lage für einen Polizeibeamten, der etwas ermitteln wollte. Ich fuhr gleichwohl noch eine Station weiter zurück auf der Eisenbahn. Auch dort waren jedoch alle Nachforschungen vergeblich. Von dem Diebe keine Spur. Er war in R. plötzlich erschienen, Niemand wußte, woher. Er war von K. plötzlich verschwunden, Niemand wußte, wohin.

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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf der Eisenbahn
aus: Die Gartenlaube 1857, Heft 15, S. 201–204
Fortsetzungsroman – Teil 2

[201] Hertel und ich kehrten nach K. zurück. Ersterer, den meine Ankunft und meine Bemühungen sichtlich aufgerichtet hatten, war wieder niedergeschlagener geworden. Mir wurden meine wenigen Hoffnungen immer geringer. Die Wahrheit zu sagen, ich hatte gar keine mehr, als auf irgend einen Zufall, auf mein Glück, das allerdings so oft in ähnlicher Lage mich begünstigt hatte.

Es sollte in der That mich auch jetzt nicht verlassen; es kam in der Gestalt eines hübschen, freundlichen Kindes zu mir. Ich saß conjecturirend, combinirend, träumend auf einer Bank vor dem Wirthshause in K., wo ich die Nacht geblieben war. Ich konnte hier nichts mehr machen, und wollte nach Hause zurückkehren. Ich wartete auf den Eisenbahnzug, der mich zurückführen sollte. Zu meinen Füßen spielte das siebenjährige Töchterchen des Gastwirths; es versuchte, eine große schwarze Haarnadel mit einem Knopfe von glänzender schwarzer Kohle in seinem lockigen Haare zu befestigen, konnte aber nicht damit fertig werden, und ich half ihm dabei. Ohne irgend eine Absicht, mechanisch, wie man mit einem freundlichen Kinde zu plaudern pflegt, fragte ich es, woher es die große, glänzende Nadel habe. Von einer schönen jungen Dame, antwortete es mir, und wie auch Kinder zu plaudern pflegen, erzählte es nun:

Vorgestern hatten zwei Damen in dem Gasthofe logirt; sie waren in dem Wagen des Gastwirths zur Eisenbahn gefahren, hatten die freundliche Kleine, mit der sie viel gespielt, in dem Wagen mit sich genommen, und diese auch auf dem Bahnhofe bis zur Ankunft des Zuges bei sich behalten. Als der Zug angekommen, waren die Damen mit dem Kinde ihm entgegengegangen, und als er gehalten, hatten sie sich nach allen Eisenbahnwagen umgesehen. Auf einmal hatte aus dem Fenster eines Wagens eine junge Dame gerufen: Tante! Tante! – Da ist sie! hatten die beiden Damen erwidert, und waren an den Wagen, wo der Ruf hergekommen, geeilt. In demselben Augenblicke war aus dem nämlichen Coupé, aus welchem die junge Dame gerufen, ein schöner junger Herr gesprungen und hatte sich eilig entfernt. Auch die Erstere hatte den Wagen verlassen und sich laut weinend in die Arme der Tante gestürzt. Diese war sehr erschrocken und hatte gefragt: Aber was fehlt Dir denn, mein Kind? Du siehst ja so sehr blaß aus. Die junge Dame hatte lange vor Weinen nicht antworten können; sie war auch wirklich sehr blaß gewesen und hatte gezittert, so daß die Tante sie kaum hatte halten können. Zuletzt hatte sie der letzteren leise in’s Ohr gesprochen, und nun war die Tante noch mehr erschrocken, daß sie nicht weniger gezittert, wie die junge schöne Dame, die aus dem Eisenbahnwagen gekommen war. Das Kind hatte auch ein paar Worte der jungen Dame verstanden. Kleine Kinder pflegen schärfer zu horchen, als die Polizei. Denke Dir, Tante, hatte sie gesagt, als ich da so allein sitze, kommt auf einmal ein fremder Mensch durch das Fenster. – Allmächtiger Gott, armes Kind! hatte die Tante ausgerufen. Darauf aber schnell die Andere erwidert: Still, still, Tante, um Gotteswillen. Das war Alles, was das Kind gehört hatte. Gleich darauf ward das Zeichen zum Weiterfahren gegeben. Die Tante und ihre Begleiterin waren mit der blassen jungen Dame zusammen eingestiegen, und hatten beinahe vergessen, von dem freundlichen Kinde Abschied zu nehmen. Während sie nun eingestiegen waren, hatte die junge Dame die schwarze Nadel mit dem Knopfe von glänzender Kohle aus ihrem Haar verloren; das Kind hatte sie aufgehoben und ihr zureichen wollen; in dem Augenblicke war aber der Zug abgegangen, und die blasse Dame hatte ihr zugerufen: Behalte sie, mein Kind. – Das war die Erzählung des plaudernden Kindes.

Diese Erzählung hatte eine Ahnung in mir geweckt, die ich anfangs selbst als eine widersinnige, tolle belachte, aber doch nicht los werden konnte, und die mich mehr und mehr, zuletzt fast gespensterhaft packte.

„Wie sah der Herr aus, der aus dem Wagen sprang?“ fragte ich das Kind.

„Es war ein hübscher junger Herr.“

„Trug er einen Bart?“

„Nein, er war ganz glatt im Gesichte.“

Das schlug meine Ahnung nieder; aber nur für einen Moment. Mit neuer Kraft, unwiderstehlich, kehrte sie zurück.

„Wie war er gekleidet?“

„Er trug einen grünen Rock.“

„Keinen Staubmantel?“

„Nein, keinen Mantel.“

„Einen Hut oder eine Mütze?“

„Einen großen, schwarzen, runden Hut.“

Das Alles paßte nicht. Allein je weniger es paßte, desto mehr, desto kräftiger wuchs meine Ahnung, die mir immer weniger toll, weniger widersinnig vorkam.

„Wo blieb der fremde Herr?“ fragte ich weiter.

Das Kind wußte es nicht und hatte nicht weiter auf ihn geachtet. Ich eilte darauf zu dem Vater des Kindes, dem Wirthe.

„Haben in der Nacht von vorgestern auf gestern zwei Damen bei ihnen logirt?“ redete ich diesen an.

„Ja.“

[202] „Wer waren sie?“

„Eine Madame Meier aus Hamburg, mit einer Verwandten oder Gesellschafterin.“

„Erwarteten sie hier Jemanden?“

„Eine Nichte.“

„Der Name der Nichte?“

„Ich habe ihn nicht gehört. Sie wollten hier auf der Eisenbahn mit ihr zusammentreffen, um sofort weiter mit ihr zu fahren.“

„Wohin?“

„Sie wollten in ein Bad.“

„In welches?“ fragte ich beinahe fieberhaft.

„Ich weiß es nicht genau. Ich glaube, nach Baden-Baden.“

„Besinnen Sie sich.“

„Ich kann es nicht bestimmter sagen.“

Der Kellner und die Stubenmagd wurden herbeigerufen. Diese wußten aber gleichfalls nichts Näheres, nichts Bestimmtes.

Nun hatte ich doch einen Anhalt; ich machte mir wenigstens einen. Die junge Dame, die Nichte der Madame Meier aus Hamburg, war noch beim Aussteigen aus dem Coupé in hohem Grade erschrocken gewesen; das Kind hatte so einfach aber doch so wahr ihr Erschrecken bezeichnet. Sie hatte gesagt, daß sie allein gesessen, daß auf einmal ein fremder Mensch zu ihr durch das Fenster gekommen sei; darüber hatte sie sich erschreckt, mit ihr noch hinterher die Tante. Das konnte nur auf der Eisenbahn geschehen sein. –

Ich eilte zum Bahnhofe, und ließ die Beamten um mich versammeln, die am vorgestrigen Tage den Morgenzug von R. nach K. begleitet hatten; zum Glück waren sie fast sämmtlich da. Anfangs wußte Keiner etwas; aber auf einmal kam Einem von ihnen eine Erinnerung. Es war derselbe, der auf der Fahrt den Waggon beaufsichtigt hatte, in welchem Hertel war.

„Wie bin ich gedankenlos gewesen!“ rief der Mann, und er erzählte nun: In R. hatte ein Mann eine sehr junge, blasse, leidend aussehende Dame auf den Bahnhof geführt und für sie ein Coupé erster Classe gesucht. Der Beamte hatte ihm eins anweisen wollen, in welchem schon ein paar Herren saßen. Der Herr hatte aber um ein Coupé gebeten, worin die junge Dame entweder allein oder in Damengesellschaft sei. Ein Coupé erster Classe, worin Damen fuhren, war nicht da. Der gefällige Beamte, – wahrscheinlich, er sagte es nicht, durch ein Trinkgeld gefällig gemacht – hatte der jungen Dame ein Coupé für sich allein gegeben, auch ihr sowohl, die sehr ängstlich, als dem Herrn, der sehr besorgt für sie gewesen, versprochen, unterwegs bis K., wo die Dame Gesellschaft erhalten werde, Niemanden zu ihr in das Coupé zu lassen. Der Beamte hatte sein Versprechen gehalten; gleichwohl besann er sich jetzt plötzlich, wie in K. aus dem Coupé der jungen Dame ein Herr gestiegen sei. Es war gerade in dem Momente geschehen, als Hertel ihm seinen Verlust mitgetheilt; er hatte deshalb nicht darauf geachtet, und es war ihm deshalb auch später in das Gedächtniß nicht zurückgekommen.

„Wie sah der Reisende aus?“ fragte ich den Beamten.

Er hatte ihn nur sehr flüchtig gesehen; die Gestalt hatte auf ihn den Eindruck eines elegant gekleideten Herrn gemacht, wie sie in den Coupés erster Classe zu reisen pflegen. Einen grauen Staubmantel und einen Bart hatte auch er nicht gesehen.

„War das Coupé der Dame weit von dem Coupé Hertel’s entfernt?“ fragte ich wieder.

Dem Beamten ging ein neues Licht auf.

„Beide Coupé’s hingen unmittelbar an einander. Der Waggon bestand aus vier Coupés zweiter, und einem Coupé erster Classe. Dieses befand sich hinten, an dem vierten Coupé zweiter Classe; in dem letzteren hatte Hertel gesessen.“

„Ist der Waggon hier?“

„Die ganze Wagenreihe ist in R.“

Auf der Stelle war mein Vorsatz gefaßt. Ich kehrte nicht nach Hause zurück, sondern fuhr zunächst mit dem ersten Zuge nach R. Hertel und der Bahnbeamte mußten mich begleiten. In R. führte der Beamte mich zu dem Waggon, in welchem Hertel gefahren war, und dieser erkannte ihn auch gleich wieder. In dem vierten Coupé zweiter Classe hatte Hertel gesessen; unmittelbar dahinter befand sich das Coupé erster Classe, in welchem die junge Dame gewesen war. Ich besichtigte sie genau. Die Thüren beider waren fünf Fuß von einander entfernt, und konnten auch von innen geöffnet werden, namentlich die des Hertel’schen Coupés. Zur Noth war in diesem das Fenster so groß, daß ein schlanker Mensch, ohne die Thür zu öffnen, hindurchsteigen konnte. War er draußen, so konnte er an dem Rande des Fensters, wie an dem festen Griff der Thür sich schwebend halten; er brauchte nicht einmal frei zu schweben, eine messingene Querstange unten an dem Wagen gab auch seinen Füßen einigen, wenn gleich geringen Halt. Hielt er sich einmal so, so konnte er, halb kletternd, halb sich schwingend, den Griff und den Rand der Thür des Coupés der Dame erreichen. Er hatte hier nicht nur einen ähnlichen Halt, wie an dem Coupé, das er verlassen, sondern auch, da er am Ende des Waggons war, den Vortheil, daß er an dem mit Stangen versehenen Rande desselben sich festhalten konnte. Er konnte dann von außen die Thür des Coupés öffnen, zur Noth auch hier wieder durch das Fenster steigen, das, wie der Beamte sich erinnere, bei dem warmen Wetter offen gelassen war.

Ich ließ einen gewandten Arbeitsburschen des Bahnhofes herbeikommen. Er mußte das Manoeuvre versuchen, aus dem Hertel’schen Coupé in das der Dame zu steigen, ohne die Erde zu berühren. Ich ließ Alles in den Stand setzen, wie es auf der Reise gewesen war, und der Bursch löste auch wirklich die Aufgabe. Er stieg durch die Fenster der beiden Coupés aus und ein, ohne daß die Thüren geöffnet waren; er konnte auch in seiner Lage beide Thüren öffnen. Ich ließ ihn das Manoeuvre wiederholen, während der Wagen auf den Schienen in Bewegung gesetzt wurde. Freilich wurde er nur langsam geschoben und alle Vorsichtsmaßregeln gegen ein Unglück getroffen. Der Bursch kam auch so aus dem einen Coupé in das andere; allerdings nur mühsam und ohne die Vorsichtsmaßregeln nur mit Gefahr. Auf der regelmäßigen Fahrt des Zuges war das Wagniß erst recht ein halsbrechendes; aber ein verwegener und gewandter Spitzbube kann für zwanzigtausend Thaler schon etwas wagen.

Das Räthsel des Verschwindens des Diebes war gelöst; wäre nur eben so leicht der Weg zu seinem Ergreifen aufzufinden gewesen. Zu allererst war die junge Dame zu ermitteln, zu welcher der freche Gesell in das Coupé eingedrungen war; sie mußte nothwendig nähere Auskunft über ihn geben können. In einem grauen Staubkittel, mit einem großen Barte war er in das Coupé eingestiegen; als eleganter Tourist, in grünem knappen Rock und mit glattem Gesichte hatte er es wieder verlassen. Das setzte Momente während seines Alleinseins mit der Dame voraus, die unzweifelhaft zu weiteren Spuren führen mußten; dabei war noch der Umstand bemerkenswerth, daß die junge Dame, von der man freilich nicht wußte, ob sie den Diebstahl erfahren, das Eindringen des Fremden zu ihr nicht bekannt gemacht, sogar geheim gehalten und selbst ihrer Tante nur als ein Geheimniß anvertraut hatte.

Die Ermittelung der jungen Dame aber hatte ihre Schwierigkeiten. Ihr Name, ihr Wohnort war unbekannt; sie war die Nichte der Madame Meier aus Hamburg, aber in Hamburg gibt es zwei- bis dreihundert Meier. Daß die Dame nach Baden-Baden gewollt, war nur sehr unbestimmt; doch ich hoffte in R. Nachricht zu erhalten, und erhielt sie auch, aber ohne dadurch weiter zu kommen. Die Sache schien sich im Gegentheile mehr zu verwickeln. Am vorgestrigen Morgen, ungefähr eine halbe Stunde vor Ankunft des Eisenbahnzuges, war auf den Bahnhof eine elegante Equipage mit zwei braunen Pferden gefahren. Ein schon etwas ältlicher Herr und eine sehr junge, blasse, kränklich aussehende Dame waren ausgestiegen. Der Herr hatte ein Billet, nur eins, für die erste Classe auf die ganze Tour des Zuges gelöst. Er hatte sich dann mit der Dame bis zur Ankunft des Zuges in den Wartesaal begeben, und sie dann zu den Wagen geführt, besorgt, daß sie ein Coupé für sich allein erhielt, sie in den Wagen gehoben, einen sehr zärtlichen Abschied von ihr genommen und an dem Wagen gestanden, bis der Zug abgefahren war. Darauf war er zu seinem Wagen zurückgekehrt, an welchem die Pferde nicht ausgespannt, und war sofort wieder abgefahren. Niemand hatte den Herrn, die Dame, den Kutscher, den Wagen und die Pferde gekannt oder sich erinnert, sie vorher gesehen zu haben. Weder der Herr noch die Dame hatten mit Jemandem gesprochen; auch der Kutscher nicht, und andere Bedienung hatte man bei dem Wagen nicht gesehen. Ich forschte zwar weiter, woher der Wagen gekommen und wohin er gefahren sei. Ueber jenes war sonderbarer Weise gar nichts zu ermitteln, wenigstens nicht sogleich. Nicht viel mehr ergab sich für das Wohin. Der Wagen hatte eine Seitenchaussee eingeschlagen, auf dieser war er aber nur bis zur zweiten Station geblieben; von da an war seine Spur verloren.

Ich selbst hatte sie bis dahin verfolgt; eine weitere Verfolgung [203] mußte mich von meinem eigentlichen Ziele zu weit entfernen. Ich hatte den Damen zu folgen, die in ein Bad, hoffentlich nach Baden-Baden gegangen waren. Ich requirirte die Polizeibehörde in R., nach dem Wagen fortgesetzte Erkundigungen einzuziehen, und das Resultat mir nach Hause mitzutheilen. Ich telegraphirte dann an die Polizei in Hamburg, mir, gleichfalls nach Hause, Nachricht zu geben, welche Madame Meier einen Paß nach einem Bade, und nach welchem erhalten habe, eventuell bei allen zwei- bis dreihundert Familien Meier in Hamburg deshalb Nachfrage zu halten. Ich reiste darauf mit Hertel nach Hause zurück. Erkundigungen, die ich noch unterwegs nach der Madame Meier und ihrer Nichte einzog - sie waren denselben Weg gefahren – blieben fruchtlos.

Hertel wurde, je näher wir der Heimath und seinem Principale kamen, immer niedergeschlagener. Der arme B. drohete unter dem furchtbaren Schlage zusammenzubrechen, denn sein Verlust war schon bekannt geworden, und unter seinen Gläubigern waren ein paar hartherzige; sie sahen nur den ruinirten Mann, nicht die Art und Weise, wie er ruinirt worden war. Sie wollten ihn in seinem Abgrunde liegen lassen. Nun wollten oder konnten auch die Anderen ihm nicht helfen. Ich hatte alle meine Autorität, alle meine viele Bekanntschaft in der Kaufmannswelt aufzubieten, um wenigstens ein vorläufiges Arrangement für ihn zu Stande zu bringen. Es gelang mir; aber dennoch sah ich ein, daß B. nie wieder ganz aufzurichten war, wenn ihm sein Geld nicht wieder verschafft wurde. Ich war entschlossen, jedes Mittel dafür bis zum letzten möglichen Schritte fortzusetzen. Ich wartete die vorbehaltenen Nachrichten aus R. und Hamburg ab; ich mußte mich ohnehin, um jenes Arrangements für B. willen, mehrere Tage in der Heimath aufhalten. Die Nachrichten kamen, waren aber völlig werthlos. Von R. wurde mir gemeldet, daß man eine frühere Spur des Wagens gar nicht aufgefunden; daß man die spätere zwar wieder entdeckt habe, aber erst nahe an der polnischen Grenze; dort sei sie völlig wieder verschwunden; der Wagen müsse über die Grenze gefahren sein, die polnischen Grenzbehörden wollten aber von nichts wissen. In Hamburg waren allerdings über zweihundert Damen Meier festgestellt; allein von diesen waren über dreißig in die Bäder gereist, und zwar in alle möglichen renommirten Bäder Deutschlands, freilich darunter auch fünf bis sechs oder noch mehr nach Baden-Baden. Ich beschloß, nach Baden zu reisen, denn es kam hier auf rasches und entschiedenes Handeln, vielleicht gar hin und wieder auf ein Wagniß an. Untergeordnete, unselbstständige Beamte hatten dazu nicht den Muth oder, was noch schlimmer war, nicht das Geschick; ich mußte deshalb selbst die Fäden der Sache in der Hand behalten. Hertel mußte mich begleiten, um, wenn der Dieb gefunden wurde, diesen sogleich recognosciren zu können. Der Minister gab mir gern weiteren Urlaub und neue Beglaubigungs- und Empfehlungsschreiben. So reiste ich mit Hertel nach Baden-Baden ab. Leider hatte ich mich nicht so sehr beeilen können, daß nicht schon beinahe drei Wochen nach dem Diebstahle verflossen waren.

Wir kamen in Baden-Baden an. Mein Erstes war, daß ich mir die Badeliste geben ließ, um darin die Madame Meier aus Hamburg aufzusuchen. Der Name Herr und Madame Meier kam ein paar Dutzend Mal darin vor; aus Hamburg waren sie fünf oder sechs Mal da, und alle waren seit acht bis vierzehn Tagen eingetroffen. Ihnen allen, soweit sie aus Hamburg waren, mußte ich meinen Besuch machen, wenn mir das Glück nicht so wohl wollte, schon bei den ersten Besuchen die rechte Familie zu treffen. Das war ein schwerer Gang; ich trat ihn nicht ohne Resignation an, und hatte in der That auch nicht das erwähnte Glück. Meine Bemühungen waren sogar völlig erfolglos, wenn ich nicht den Erfolg in Anrechnung bringen will, daß ich am zweiten Tage nach meiner Ankunft in ganz Baden als ein Narr bekannt geworden war und den Spottnamen „der Meiernarr“ davon getragen hatte. Ich hatte nämlich, wenn ich nicht meinen Plan verderben und meinen Zweck vereiteln wollte, einerseits nur unter einem fremden Namen, als der Particulier Menzel aus – in Baden erscheinen, und andererseits bei den verschiedenen Familien Meier nur unter irgend einem Vorwände mich einführen dürfen. Das mußte denn, bei der Erfolglosigkeit meiner Besuche, zu mancherlei Mißverständnissen und Conflicten Veranlassung geben, die eben so natürlich bald in der Badegesellschaft, wenigstens in einzelnen Classen und Coterien derselben, bekannt wurden.

„Ich habe die Ehre, Madame Meier aus Hamburg zu sprechen?“ fragte ich eine Dame.

„Was gibt mir die Ehre Ihres Besuches, mein Herr?“ fragte diese zurück.

Es war eine angenehme, sanft und mild aussehende Vierzigerin. Mein Signalement der Madame Meier, die in gewesen war, paßte auf sie. Ich glaubte daher, bei ihr nicht auf einem gar zu weiten Umwege vorangehen zu müssen.

„Madame, entschuldigen Sie eine Frage; waren Sie vor etwa drei Wochen in der Provinz P.?“

Sie antwortete mir zwar mit Bestimmtheit: „Nein, mein Herr!“ ich glaubte aber doch, einen leisen Zug von Verlegenheit in ihrem Gesichte wahrzunehmen, und fragte daher weiter.

„Mit einer Verwandten oder Gesellschafterin, Madame?“

Die sanfte Dame schien etwas ungeduldig zu sein.

„Aber nein, mein Herr!“

„Sie trafen dort mit einer jungen Dame, einer Nichte, zusammen?“

„Mein Gott, mein Herr, ich habe Ihnen doch nein gesagt!“

„Madame, es ist in einer sehr wichtigen Angelegenheit, daß ich mir diese Fragen an Sie erlaube.“

Die milde Dame wurde grob.

„Mein Herr, ich weiß nichts von Ihrer Provinz P. und will nichts von Ihnen und Ihren Fragen wissen! Genügt Ihnen diese Antwort?“

Sie mußte mir genügen.

Auch die Polizei muß noch lernen, auch die –sche. Du mußt höflicher werden, nahm ich mir vor. So kam ich zu der zweiten Madame Meier aus Hamburg. Mit Nichte und Gesellschafterin war sie ausdrücklich in der Badeliste aufgeführt, Ich ging deshalb mit großen Hoffnungen zu ihr, und wurde in ein Zimmer geführt, dessen Fenster sehr dicht mit Vorhängen verhüllt waren. Ich trat in eine Finsterniß, in der ich kaum die Figur einer Frau, die auf einer Ottomane lag, unterscheiden konnte.

„Was steht zu ihren Diensten, Herr Menzel?“ fragte eine unterdrückte dünne, aber freundliche Stimme.

„Sie kommen aus Hamburg, meine gnädige Frau?“

„Ja, mein Herr,“ antwortete die Stimme noch freundliche, und zugleich richtete die Dame sich auf.

O weh, das war ein Koloß. Ich meinte, Fallstaff in den lustigen Weibern von Windsor, als Frau verkleidet, vor mir sich erheben zu sehen. Sie war so fett, daß sie kaum einen Raum für ihre dünne Stimme hatte. Das war unmöglich die Dame, die ich suchte. Aber wie von ihr wieder loskommen? Sie hielt mich fest. Ich war wahrscheinlich der Erste, der diese fette Madame Meier, eine gnädige Frau genannt hatte. Sie wollte meine Höflichkeit belohnen, und erzählte mir mit ihrer unterdrückten, dünnen Stimme, daß und wie sie an den Augen litt, daß und wie ihre Nichte ein leichtfertiges Ding sei, die sie immer allein lasse, und ihr auch noch ihre Gesellschafterin entführe, die sie doch bezahle u. s. w. Endlich kam sie auf ihre Frage zurück, was zu meinen Diensten stehe.

Ich antwortete ihr, daß ich mich nur nach meinem Freunde, dem Doctor A. in Hamburg, bei ihr habe erkundigen wollen.

„Den kennen Sie auch? Ach, ein lieber charmanter Herr!“

Erst nach einer Stunde gelang es mir, mich loszureißen. Der Abend nahete schon. Dennoch, um meine Zeit nicht zu verlieren, machte ich meinen Besuch noch bei einer dritten Madame Meier aus Hamburg. Diese war eine schöne und feine Dame. Mein Signalement aus R. paßte vortrefflich auf sie. Sie hatte etwas Geistreiches in ihrem Gesichte; das mußte mir schnell den Vorwand geben, unter dem ich mich bei ihr einzuführen hatte.

„Gnädige Frau, der Buchhändler R. in Hamburg, mein Freund, hat mir viel von der geistreichsten Dame Hamburgs gesagt. Madame Meier ist ihr Name. Leider kenne ich den Namen nicht näher. Ich komme heute hier an, lese Ihren Namen in der Badeliste und fühle das Bedürfniß, zu versuchen, ob ich das Glück haben kann, die von meinem Freunde so hoch verehrte Dame kennen zu lernen.“

Das Gesicht der Dame erglänzte bei dem Complimente so geistlos, daß ich in einem Punkte sicher mich bei ihr geirrt hatte. Sie konnte deshalb aber noch immer meine Dame aus K. sein.

„Ich kenne Herrn K.,“ antwortete sie, „und ich bin ihm sehr dankbar für die gütige Meinung, die er über mich ausgesprochen hat. Ach, ich liebe die Literatur sehr, und ich mache, auch selbst einige Gedichte, freilich nur schwache Versuche.“

„Die Bescheidenheit, meine Gnädige, ist dem wahren Talent und dem wahren Berufe eigen. Sie widmen sich der lyrischen Dichtung?“

[204] „Ich mache Sonnette.“

„Ein ausgezeichnetes Genre.“

„Und so ganz geschaffen für das weiche und tiefe Gemüth des Weibes.“

„Sie dichten gewiß auch Reisesonnette?“

„O gewiß; es wirft sich jetzt ja Alles auf die Reiseliteratur. Ach, ich muß mir gleich erlauben, Ihnen von meinen neuesten Sonnetten einige vorzulesen.“

„Sie werden mir eine große Ehre erzeigen. Darf ich fragen, ob Sie direct von Hamburg hierher gereiset sind?“

„Gott bewahre, ich habe viele poetische Streifereien gemacht und nenne meine Sonnetten Kreuz- und Querzüge.“

„Welche Gegenden besuchten Sie vorzüglich?“

„Meine Lieblingsgegenden sind die Torfmoore; es ist eine so tiefe Poesie darin.“

„Ah, Sie waren in denen der Provinz –?“

„Nein, mein Herr, dort war ich nie.“

Sie sagte das so offen und aufrichtig, daß ich nicht zweifeln konnte. Gleichwohl mußte ich auch noch über eine Stunde bei der geistreichen Dame ausharren und ihre Sonnetten-Kreuz- und Querzüge anhören.

Am andern Tage erging es mir noch schlimmer. Ich kam wieder zu einer Madame Meier aus Hamburg, die ihrem Aeußeren nach die Gesuchte sein konnte, obwohl sie sehr vornehm und strenge aussah.

„Was wäre Ihnen gefällig, mein Herr?“

„Meine Gnädige, ich habe erfahren, daß Sie vor Kurzem in der Provinz – waren.“

„Wer hat Ihnen das gesagt, mein Herr?“

„Sie waren also dort?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Einer meiner Freunde.“

„Wenn es Sie interessirt, mein Herr, ich war dort.“

„Und wann, meine gnädige Frau?“

„Sie sind der Herr Menzel aus –?“

„Ja, meine Gnädige.“

„Hat die Polizei zu – etwa auch mit mir zu schaffen?“

„Teufel! Kannte mich diese Madame Meier aus Hamburg? Oder schlug sie in ihrer Strenge auf das Gerathewohl los? Ich war in der That in Verlegenheit, was ich weiter thun sollte. Allein die Dame überhob mich aller weiteren Mühe, sie wandte mir kurz den Rücken zu und ließ mich stehen. Sie kannte mich übrigens nicht, wie ich später erfuhr.

Ich kam zu der fünften Madame Meier aus Hamburg.

„Ach, Herr Menzel aus –?“ sagte mit einem boshaft spöttischen Lächeln der Bediente, als ich meinen Namen genannt hatte. „Madame Meier ist für Sie nicht zu sprechen.“

Da war ich also schon früher angemeldet, zum Glück ebenfalls nur als Herr Menzel.

„Der Meiernarr!“ rief mir der Bediente nach, als ich eilig ging, und ich sah ein, daß ich auf dem betretenen Wege nicht weiter gehen könne. Die Polizei kann doch noch nicht Alles.

Aber was nun weiter anfangen? Ich war in halber Verzweiflung, und auf einmal so heruntergekommen, wie der ordinärste Verbrecher, der in jedem Polizeibeamten einen Häscher erblickt, der ihm sein Verbrechen ansieht und ihn einfangen will. So war mir, daß jeder Mensch mir den –schen Polizeimenschen ansehen müsse.

Indeß was anfangen? Vorläufig ein paar Tage gar nichts. Dann weiter nachdenken: auch etwa wieder auf einen glücklichen Zufall warten, unterdeß mich zerstreuen, so gut wie möglich. Ich setzte diesen Entschluß sofort in’s Werk.

In der Badeliste hatte ich den Namen der Oberstin von Wüsthof aus der Residenz gefunden, die ich kannte. Ich suchte sie auf; es war Nachmittags. Sie war nicht zu Hause. Sie machte eine Promenade und in einer Stunde werde sie zurück sein, sagte mir der Bediente.

Ich machte bis dahin gleichfalls eine Promenade, und ging um das alte Schloß Badens herum, in eines jener wundervollen Thäler, die sich nach der Murg hinziehen. Es war einsam und still in dem Schatten der riesigen Eichen und Tannen. Ich ließ mich unter einem der Bäume hinter einem kleinen niedrigen Gebüsch auf dem Moose nieder und wollte mich in Gedanken und Gefühle versetzen, die dem schönen, stillen, einsamen, schattigen Thale entsprachen. Der Teufel treibt andere Spiele mit einer Polizeiseele. Ich konnte nur an Madame Meier aus Hamburg denken; dennoch sollte bald etwas Romantisches in meinem Innern Platz finden. Ich hörte Stimmen nahen, und durch das Gebüsch sah ich nach ihnen. Ein junger Mann und eine junge Dame gingen zärtlich Arm in Arm. Es war ein großer hübscher Mann mit einem stolzen, kühnen Blick, die Dame ein sehr zartes, leidend aussehendes Wesen, mit einem außerordentlich innigen, frommen Ausdrucke des Gesichts. Ich hatte Freude an dem stolzen, kräftigen Mann, und die Dame hätte ich als meine Tochter lieben mögen, sie hegen und pflegen, daß sie in rother, frischer Gesundheit blühe, um dann – Teufel, wie war ich plötzlich so sentimental geworden – um sie dann zur Frau des jungen Mannes zu machen.

Sie ließen sich auf einen Baumstamm an der andern Seite des Gebüsches nieder, etwa fünfzehn bis zwanzig Schritte von mir. Ich war trotz meiner Sentimentalität Polizeimensch genug geblieben, um mich nicht zu verrathen, wohl aber zu horchen. Ich habe manches Liebesgespräch behorcht, behorchen müssen, heilige und unheilige. Ich wurde jetzt Zeuge eines sehr heiligen. Es wurde mir so recht klar, daß es auf Erden doch nun einmal nichts Heiligeres gibt, als die reine Liebe zweier junger Herzen. Und doch steht vielleicht die Mutterliebe noch höher.

Mit ihren Herzen waren die jungen Leute im Klaren, auch schon gegenseitig; sie hatten es sich wahrscheinlich schon hundertmal, immer mit dem süßesten Reize des ersten Geständnisses, gesagt, wie unaussprechlich, wie unendlich sie sich liebten. Aber es war noch ein anderes Bedenken da, eigentlich, wie im Laufe ihrer Unterredung sich ergab, gar zwei.

„Ach, Eduard,“ sagte das junge Mädchen, „heute kann die Antwort meines Vaters eintreffen. Wie wird sie lauten? Der Athem will mir ausgehen, wenn ich daran denke.“

„Aber Dein Vater liebt Dich, er will nur Dein Glück,“ suchte der junge Mann sie zu beruhigen.

„Und ich habe ihm geschrieben, daß ich ohne Dich sterben müsse, und auch die Tante hat es ihm geschrieben. Und ich würde und müßte ohne Dich sterben, Eduard. Schon in dem Augenblicke, als Du mich damals verließest, fühlte ich es klar, daß ich Dich wiederfinden müsse, oder nur den Tod finden könne.“

„Auch ich, auch ich,“ rief der junge Mann, „hatte seit unserer Trennung nur den einen Gedanken, Dich wieder zu sehen, nur das eine Gefühl, daß ich ohne Dich nicht leben könne!“

„Und Du hast Dein Leben gewagt, mich wieder zu sehen, und Du wagst es noch, täglich, stündlich. O, mein Gott, und ich leide das, ich lasse Dich nicht von mir, ich halte Dich. Aber ich kann ja nicht von Dir lassen. Ich kann mich nicht noch einmal von Dir trennen. Es wäre mein plötzlicher, augenblicklicher Tod; auch die Tante sieht es ein, auch Du, darum eben, nur für mich, setzest Du ja Dein Leben ein.“ –

Das waren interessante Enthüllungen für einen Beamten der Polizei. Ich sah mir durch das Gebüsch den jungen Mann genauer an. Ich verglich seine Gestalt, sein Gesicht, sein Benehmen mit allen möglichen Verbrechersignalements, die jemals durch meine Hände gegangen waren, besonders mit den fast zahllosen der politischen Flüchtlinge von 1848. Aber ich mochte deren eben wohl zu viele im Kopfe haben, und darum vielleicht fand ich kein einziges, das zutraf. Ich horchte mit einer gewissen Spannung weiter. Bald kam denn auch das zweite Bedenken zum Vorschein.

„Ich habe die Ahnung, meine gute Ottilie,“ sagte der junge Mann, „daß Dein Vater einwilligen wird. Nach seinen Grundsätzen, nach Allem, was Du mir von ihm sagst, wird er nichts gegen mich einzuwenden haben. Aber ein anderer Gedanke beunruhigt mich.“

„Und der wäre, mein Theurer?“

„Dein Glück, Ottilie. Ottilie, es gibt kein elenderes Leben, als das eines Flüchtlings!“

„Aber wir sind reich, Eduard,“ warf das Mädchen ein. „Du, ich. Du hast schon Dein eigenes Vermögen; ich bin die einzige Tochter eines reichen Vaters. Wir können uns auch im Auslande das Leben so angenehm wie möglich machen. Die Aerzte sagen ohnehin, daß ich schon mit dem nächsten Herbste in den Süden müsse. Wir gehen nach Italien, in das südliche Frankreich, nach Spanien. Die schönsten Länder stehen uns offen für unsere Liebe, für unser Glück.

Textdaten
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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf der Eisenbahn
aus: Die Gartenlaube 1857, Heft 16, S. 218–221
Fortsetzungsroman – Teil 3

[218] „Aber nicht die Heimath, mein theures Kind, nicht die schöne Heimath. Sie müssen wir, sie mußt Du, wenn Du Dein Schicksal an das meinige schließest, verlassen und meiden für immer. Sie ist uns verschlossen mit allen ihren süßen Erinnerungen der Vergangenheit, der Kindheit, der Jugend, mit allen schönen und stolzen Plänen der Zukunft. Wir haben keine Heimath, kein Vaterland mehr; keine Freunde, keine Verwandten, keine Geschwister. – O, meine Mutter, meine arme Mutter!“

Der junge Mann sprach diese letzten Worte mit einem plötzlichen, sehr heftigen Schmerz. Das Mädchen nahm seine beiden Hände und drückte sie an ihr Herz.

„Nein, nein, Eduard,“ sagte sie mit der innigsten, süßesten Stimme. „Schlage Dir den traurigen Gedanken aus dem Sinne. Sei glücklich an meiner Seite, ich bin es ja auch. Wir werden ganz glücklich werden; wir haben ja uns. Und wer weiß, diese Verfolgungen können doch nicht ewig dauern. Gewiß, vielleicht schon bald, wird uns die Heimath wieder offen stehen.“

„Nie, nie! Der Haß ist zu groß; noch größer ist die Furcht.“

Zum Teufel, wer war dieser Mensch, der mit solchem Selbstbewußtsein von dem Hasse der Fürsten gegen ihn, sogar von einer Furcht vor ihm sprechen konnte? Ich suchte nochmals alle meine Steckbriefregister, alle meine übrigen politischen und nicht politischen Erinnerungen der letzten Jahre durch. Vergeblich. Aber ein anderer Gedanke stieg plötzlich in mir auf. Wie, wenn hier ein blutjunges, unerfahrenes, kränkliches, leichtgläubiges Mädchen die Beute eines nichtswürdigen Abenteurers werden sollte? Wir befanden uns in einem Bade. Das Mädchen war die einzige Tochter eines reichen Vaters, der nach ihren eigenen Worten sie mit ungewöhnlicher, väterlicher Zärtlichkeit liebte. Der Bursch hatte sich hier unter der Maske eines verfolgten, unglücklichen, edlen und natürlich nebenbei reichen, politischen Flüchtlings in das reine und arglose Herz hineingestohlen.

Ich wurde unruhig. Es war mir, als wenn ich zuspringen, den Menschen ergreifen und der Polizei überliefern müsse. Aber wenn ich mir dann das schöne, zarte, leidende Kind an seiner Seite, mit ihrer innigen, tiefen, ihr ganzes Herz erfüllenden Liebe ansah – mein plötzlicher Anblick schon hätte ihr den Tod geben können; ein Ergreifen, ein Entlarven des Geliebten hätte ihr das Herz nothwendig brechen müssen. Teufel, Sentimentalität hat nie meine schwache Seite sein dürfen, aber ich hatte dem armen Wesen gegenüber nicht einmal den Muth, mich zu rühren. War der Bursch ein Betrüger, so erfuhr sie es noch immer zu früh und sie lebte und liebte dann doch bis dahin. –

Eine ältere Dame nahete sich den Liebenden. Ich hatte sie bisher nicht gesehen.

„Es ist Zeit, daß wir aufbrechen,“ sagte sie. „Es fängt schon an, frisch im Thale zu werden, und Ottilie darf sich der Abendkühle nicht aussetzen.“

„Schon?“ rief das Mädchen traurig.

Und der junge Mann sprach dasselbe Wort ebenso herzlich und traurig aus. Das war entweder ein wirklich unglücklicher und edler Mensch, oder ein vollendeter, heuchlerischer Schuft, der seine Sache aus dem Fundamente verstand.

Sie kehrten nach der Stadt zurück. Ich folgte ihnen, nicht ohne Neugierde, aber nur von weitem, kannte ich auch den jungen Menschen nicht, so konnte er doch mich kennen, und dann mußte er, den die Fürsten fürchteten, den gefürchteten Polizeimann mehr fürchten, als es mir – für das Kind an seiner Seite lieb war. Als sie die Nähe der Stadt erreicht hatten, schlugen sie einen schmalen, menschenleeren Seitenweg ein, wie es schien, absichtlich, um dem Gewühle der Badewelt auszuweichen. Ich schwankte, ob ich ihnen folgen solle. Ich interessirte mich für die jungen Leute; aber ich wollte nicht von ihnen gesehen werden. Und am Ende, was gingen sie mich an?

Ich ließ sie gehen, warf mich mitten in das Gewühl der Badegäste hinein, begegnete der vornehmen und strengen Madame Meier aus Hamburg, die mir einen verächtlichen, dann der Sonnette dichtenden Madame Meier, die mir einen zärtlichen Blick zuwarf, hörte darauf einen jungen Herrn mit großem Augenkneifer hinter mir lachen: der Meiernarr, enteilte dem Gewühl und zog nach einiger Zeit, während es schon dämmerte, an der Hausglocke bei der Oberstin Wüsthof. Sie war zu Hause; ich ließ mich unter meinem richtigen Namen bei ihr anmelden.

Die Oberstin, seit mehreren Jahren Wittwe, war eine sehr liebenswürdige, gebildete und herzlich brave Frau. Ich kannte sie lange und war schon mit ihrem Manne befreundet gewesen. Nach seinem Tode war ich noch näher mit ihr bekannt geworden durch manchen Dienst, den ich ihr erweisen konnte. Um so mehr mußte es mich verwundern, daß sie mich mit einer Unruhe und Zurückhaltung empfing, die sie vergebens zu verbergen suchte.

„Sind Sie schon lange hier?“

„Seit vorgestern.“

„Ich habe doch Ihren Namen nicht in der Badeliste gefunden.“

„Ich bin unter einem fremden Namen hier.“

„Ha, in geheimen Angelegenheiten!“

Sie wurde auffallend unruhiger, sie sah mich mißtrauisch von der Seite an. Was war das?

„Gewissermaßen,“ bejahete ich. „Zugleich in einer recht unangenehmen.“

Sie wurde auf einmal fast leichenblaß. Ich sann vergebens über einen Grund dieser Beunruhigung und selbst Angst nach, und glaubte in der That zuletzt, sie müsse körperlich unwohl sein.

„Sind sie nicht wohl, gnädige Frau?“

„Nicht ganz.“

„Befehlen Sie, daß ich Sie verlasse?“

„Nein, nein!“ rief sie fast heftig. „Bleiben Sie.“

Sie that sich dann Gewalt an, um ruhiger zu erscheinen.

„Sie sind in einer geheimen politischen Mission hier,“ sagte sie scherzend.

Aber der Scherz war so erzwungen und hörte sich so ängstlich an, daß die brave Frau mir leid that. Mochte sie auf dem Herzen haben, was sie wollte, ich mußte sie wenigstens in Beziehung auf mich beruhigen. Wie sehr sollte ich das Gegentheil erreichen! In welche Unruhe sollte ich zugleich mich selbst versetzen!

„Meine Mission ist durchaus keine politische,“ erwiderte ich ihr. „Ich suche nur einen Spitzbuben, freilich einen sehr gefährlichen, wie es scheint.“

Ihr wurde leichter um das Herz.

„Wie es scheint, sagen Sie?“ fragte sie. „Sie kennen ihn also noch nicht?“

„Ich weiß noch nichts von ihm; ich suche hier erst zu erfahren, wer er ist.“

„Das klingt ja beinahe räthselhaft. Darf man Näheres, über das Räthsel erfahren?“

„Sie kennen den Kaufmann B.?“

„Gewiß, ein tüchtiger junger Mann.“

„Ihm ist sein ganzes Vermögen gestohlen, zwanzigtausend Thaler. Er ist ruinirt, wenn er das Seinige nicht wieder erhält.“

„Mein, Gott, wie hat er können so bestohlen werden?“

„Er hatte seinen Geschäftsreisenden mit der Summe nach der Provinz geschickt. In einem Eisenbahncoupé wird dem jungen Mann, während er schläft, das Geld von seinem Körper gestohlen.“

„Und der Dieb?“

„Die That ist unter eigenthümlichen Umständen verübt. Der junge Mann befand sich in dem Coupé allein mit einem andern Reisenden, den er nicht kannte, der aber ein unverdächtiges Aeußere hatte. Er trug zudem sein Geld wohlverwahrt auf der Brust; ferner mußte es ihm unmöglich erscheinen, daß der Fremde neben ihm während der Fahrt entkommen könne. Er überließ sich daher dem Schlafe. Als er, noch während der Fahrt, erwacht, ist sein Geld und der Fremde fort.“

„Während der Fahrt; wie war das möglich gewesen?“

„Es war möglich gewesen, wenn auch in etwas halsbrechender Weise. Neben dem Coupé war ein anderes Coupé erster Classe, darin hatte ganz allein eine junge Dame gesessen –“

„Um Gotteswillen!“

„Was ist Ihnen, gnädige Frau, Sie werden so blaß?“

„Fahren Sie fort.“

„Soll ich nicht Ihre Kammerjungfer rufen?“

[219] „Nein, nein, fahren Sie fort; es wird vorübergehen. Mir wurde nur auf einmal so heiß.“

Aber es wurde ihr noch heißer.

„Zu der jungen Dame,“ fuhr ich fort, „war der Dieb in das Coupé gestiegen. Und dort –“

„Dort?“ rief sie athemlos.

„Muß der Schurke sich völlig metamorphosirt haben; denn –“

„Großer Gott!“

„Denn bei dem jungen Kaufmann hatte ein Mensch im grauen Staubmantel mit großem Bart gesessen, und aus dem Coupé der jungen Dame hat man einen eleganten Herrn in grünem Rock und ohne Bart aussteigen sehen.“

„Und wo war das gewesen?“ fragte die Oberstin mit einer Stimme, die von der furchtbarsten Angst erstickt wurde.

„Auf der Eisenbahn zwischen R. und K.“

Die Oberstin fiel auf das Sopha zurück. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

Mich ergriff eine entsetzliche Ahnung. Aber war es denn möglich, was ich ahnte? Konnte, sollte es möglich sein?

Die unglückliche Frau lag lange unbeweglich. Als sie sich erhob und ihr Gesicht enthüllte, glaubte ich in ein Todtenantlitz zu sehen. Aber sie hatte sich mit wunderbarer Kraft gefasst. Sie nahm meine Hand; die ihrige war eiskalt.

„Mein Freund,“ sagte Sie, „Sie haben mir ein entsetzliches Unglück entdeckt, ein Unglück, schwerer, bitterer, als der Tod. Aber lassen Sie uns mit Ruhe darüber sprechen. Erst muß ich volle Gewißheit haben, dann müssen Sie mir helfen. Sie werden es.“

„Befehlen Sie, gnädige Frau.“

„Wann hat sich das zugetragen, was Sie mir eben erzählten?“

„Uebermorgen werden es drei Wochen.“

„Und wo? Zwischen R. und K., sagen Sie?“

„Auf der Eisenbahn zwischen R. und K.“

„Auf welchem Zuge?“

„Auf dem Morgenzuge.“

„Und die junge Dame, wer war sie?“

„Ich suche sie.“

„Hier?“

„Hier“. Sie war in R. eingestiegen. Eine frühere Spur war von ihr nicht zu ermitteln. Aber in K. war sie mit einer Tante, einer Madame Meier aus Hamburg, weiter gereiset, und von Hamburg aus erfuhr ich, daß mehrere Damen dieses Namens hierher –“

„Genug, genug. Die Gewißheit ist da; nur zu voll, nur zu unzweifelhaft. Arme, arme Ottilie! – O, mein Freund, welches Unglück, welches Elend! Werden Sie mir helfen können?“

„Sprechen Sie, gnädige Frau, theilen Sie mir Alles mit. Was in meinen Kräften steht – ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß ich es thun werde.“

Die Oberstin erzählte:

„Mein Bruder, der Kaufmann A. Meier in Hamburg, hat eine einzige Tochter, Ottilie. Sie ist bald siebenzehn Jahre alt, und ein liebes, gutes, freundliches Kind. Sie ist schon mehr als Kind, sie ist Jungfrau, obwohl, vielleicht gerade weil sie häufig kränklich war. Sie ist noch immer leidend, und die Aerzte haben vor kurzem meinem Bruder erklärt, sie könne nur durch die größte Ruhe und Schonung und dann durch einen längeren Aufenthalt im Süden am Leben gehalten werden; diesen Sommer sollte sie in den Bädern des südlichen Deutschlands und der Schweiz zubringen. Mein Bruder ist Wittwer, ihn selbst nehmen seine weitläufigen Geschäfte unausgesetzt in Anspruch. Ich ließ mich daher bewegen, sein Kind vorläufig hierher zu begleiten, und um allen lästigen Fragen und Besuchen meiner vielen Berliner Bekannten auszuweichen, ließ ich mir von meinem Bruder einen Paß auf den Namen seiner verstorbenen Frau ausstellen. Ich reiste also als Madame Meier. Vor drei Wochen traten wir die Reise an. Ich fuhr mit meiner Gesellschafterin nach K. Dorthin wollte mein Bruder Ottilie zu mir bringen. Ein sehr dringendes und eiliges Geschäft hatte an diesem Plane eine Kleinigkeit geändert. Ein Handlungshaus in Kalisch, mit welchem mein Bruder bedeutende Geschäfte machte, stellte plötzlich seine Zahlungen ein. Mein Bruder konnte ein großes Capital nur retten, wenn er sich auf das Schleunigste nach Kalisch begab und zugleich völlig unangemeldet und unerwartet dort eintraf. Er reisete deshalb nicht nur heimlich von Hamburg ab, sondern suchte auch unterwegs seine Reiseroute möglichst geheim zu halten. Nach K. selbst konnte er in solcher Weise nicht wohl kommen; er begleitete daher seine Tochter nur bis R., brachte sie dort in ein Coupé erster Classe, vertraute sie der besonderen Fürsorge des Eisenbahnbeamten an und reisete mit der Ueberzeugung weiter, daß sie ohne Gefährde oder Beunruhigung in meine Arme kommen werde. Wie sehr hatte er sich getäuscht! Ottilie saß einsam in ihrem Coupé, ergriffen durch den Abschied vom Vater, träumend von ihrer Reise, vielleicht auch in trüben Gedanken über ihren kränklichen, leidenden Zustand. Der Zug mochte etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten gefahren sein. Auf einmal hört sie mitten im Fahren ein Geräusch an dem offenen Fenster des Coupés, sie blickt in demselben Augenblicke auf, und sieht einen Mann in einem grauen Mantel mit einem großen schwarzen Bart. Der Mensch ist im Begriff, durch das Fenster in das Coupé zu steigen. Sie will schreien; der Mensch hat sich schon durch das Fenster geschwungen; er ist an ihrer Seite. Der Schreck lähmt ihre Zunge. Sie ist einer Ohnmacht nahe. Da hört sie die Stimme des Menschen; er spricht in sanftem, beruhigendem Tone zu ihr:

„Fräulein, rufen Sie nicht, Sie würden mein Leben in Gefahr setzen. Es wird Ihnen von mir kein Leid geschehen; nur eine Bitte müssen Sie mir noch erfüllen. Setzen Sie sich nicht zur Wehre, ich beschwöre Sie. Sie werden sich übrigens nachher überzeugen, daß es nicht anders sein konnte.“

„Ottilie konnte ihm nichts erwidern; sie lag noch immer unbeweglich vor Schreck. Er nahm ihr Taschentuch, das neben ihr lag, und nahete sich damit ihrem Gesichte.

Entsetzen ergriff sie; sie sprang auf.

„Mein Herr, was wollen Sie?“

„Ich beschwöre Sie, ich flehe Sie an, setzen Sie sich nicht zur Wehre. Ich will Ihnen die Augen verbinden.“

„Nie, nie, tödten Sie mich lieber!“

„Aber ich schwöre Ihnen, ich werde Ihnen nicht das geringste Leid zufügen.“

„Tödten Sie mich – tödten Sie mich!“

„Ihre Angst wurde tödtlich; aber nicht minder wurde auch der Fremde verwirrter, ängstlicher; er fiel vor ihr auf die Kniee.

„Fräulein, vertrauen Sie meinem Schwure; es gilt mein Leben; jede Minute setzt es mehr in Gefahr.“

„Sollte sie ihm vertrauen, sollte sie es nicht? Jedenfalls war sie willenlos in seiner Gewalt. Er konnte auch ihr Rufen verhindern, unter dem Geräusch des Zuges hörte es kein Mensch. Sie ließ sich die Augen verbinden, dann warf sie sich in die Ecke des Wagens mit der Resignation der Erschöpfung. Das arme kranke Kind hatte nicht viele Kräfte zuzusetzen.

„In welcher Absicht hatte er ihr die Augen verbunden? Was sollte sie nicht sehen? Was durfte sie nicht sehen? Bereitete er ein Verbrechen vor? Führte er eins aus? Und welches Verbrechen war es? Gegen wen sollte es verübt werden? Gegen sie selbst? Der Fremde hatte in einem aufrichtigen, beruhigenden Tone gesprochen. Sein Gesicht hatte, trotz des dichten Bartes, edle Züge gezeigt. Sein Auge hatte sie so bittend, so flehend, so treu angeblickt. Aber wie wäre er, ohne verbrecherische Absichten, in solcher Weise zu ihr eingedrungen? Warum verdeckte er ihr das Gesicht? Sie lag in einer namenlosen Angst und horchte nach dem leisesten Geräusche in ihrer Nähe. Sie erbebte, wenn sie etwas vernahm. Jetzt, jetzt mußte das Verbrechen kommen. Sie schauderte bei der geringsten außergewöhnlichen Bewegung. Jetzt, jetzt wurde die entsetzliche, die namenlose, die nicht zu ahnende That ausgeführt.

„So verging ihr eine fürchterliche Viertelstunde. Sie hatte nichts gehört, als das Getöse des fahrenden Zuges und manchmal ein leises Rauschen. Sie hatte nichts gefühlt, als die gewöhnliche Bewegung des Wagens, der nur manchmal etwas mehr auf den Schienen sich gewiegt hatte. Da fühlte sie ihre Stirn etwas leicht bewegt; das Tuch wurde von ihren Augen gezogen. Ein schlanker junger Mann in eleganter Kleidung mit einem ausdrucksvollen, tieferregten, traurigen, edlen Gesichte, entledigt des großen Bartes, stand vor ihr.

„Fräulein, sagte er, halb lachend und halb erröthend, konnte ich, ohne jenes Tuch über ihre Augen zu decken, jene Veränderungen mit mir vornehmen?

„Ernsthafter aber, indem er sich an ihre Seite setzte, fuhr er fort:

„Fräulein, ich bin gerettet; ich hoffe es wenigstens. Ihnen verdanke ich meine Freiheit, mein Leben; – aber Sie sehen mich noch immer mißtrauisch an; Sie halten mich für einen Verbrecher. Ich muß in Ihren Augen rein dastehen. Ich habe ja auch noch eine Bitte an Sie, und Sie müssen wissen, wem Sie sie gewähren. [220] Wir haben noch Zeit, der Zug kommt erst in zwanzig Minuten auf der nächsten Station an. Erlauben Sie, daß ich Ihnen von meinen Schicksalen erzähle?“

„Ottilie nickte bejahend. Er erzählte ihr:

„Ja, ich bin ein Verbrecher. Ich betheiligte mich bei den Kämpfen für die Freiheit des Volkes im Jahre 1849. Wir wurden besiegt. Wäre der Sieg auf unserer Seite gewesen, mein Name würde vielleicht gefeiert werden. Jetzt wurde ich als der schwerste Verbrecher verhaftet, zur Untersuchung gezogen, zum Tode verurtheilt. Freunde befreiten mich aus der Haft, retteten mich. Seitdem ist der Verbrecher zugleich ein geächteter Flüchtling. Geächtet freilich nur in meinem Vaterlande. Aber mein Vaterland war, ist für mich so viel. Es war für mich Alles. Ich mußte darin eine alte, kranke Mutter zurücklassen, die mir nicht folgen konnte. Sie liebte mich so sehr, ich liebte sie über Alles. O, sie nur noch einmal wiedersehen – das war mein einziger Wunsch. Mein einziger. – O, ich habe ihn ja erreicht!“

„Der junge Mann mußte innehalten. Er wischte eine Thräne aus seinem Auge. Nach einer Weile fuhr er fort:

„Vor acht Tagen erhielt ich in meinem Asyle in der französischen Schweiz die Nachricht, daß meine Mutter schwer erkrankt sei. Ich achtete keine Gefahr mehr. Ich mußte sie sehen und sollte ich mit ihr sterben. Warum nicht mit ihr sterben? Ich flog zu ihr. Ich kam glücklich, unerkannt zu ihr hin. Aber ich kam an ihr Sterbelager; und doch noch früh genug, um den Segen der Sterbenden zu empfangen, um ihre Freudenthränen zu sehen, daß ihr einziger Wunsch erfüllt wurde, in den Armen des Sohnes zu sterben, gestern starb sie. Ihrer Leiche habe ich nicht mehr folgen können. Die letzte Erdscholle müssen fremde Hände auf ihr Grab werfen. Die Nachricht meiner Ankunft hatte sich verbreitet. Ich mußte schleunig das Mutterhaus, das Haus der todten Mutter verlassen. Ich gewahrte bald, daß ich verfolgt wurde. Ich mußte meine Verfolger irre führen. Sie mußten auf diesem Zuge meine Spur verlieren. Ich stieg in der Gestalt, in der ich das Mutterhaus verlassen hatte, in ein Coupé nebenan ein. Es war außer mir nur noch ein Reisender darin. Ich nahm den Augenblick wahr, als er schlief. Ich stieg aus dem Coupé; ich kam hierher zu Ihnen. Ich konnte mein Aeußeres verändern. Niemand wird mich wieder erkennen, wird mich nur darauf ansehen, daß ich der Entflohene, Verfolgte sei. Aber nur unter einer Voraussetzung. Es ist die, Fräulein, daß Sie mich nicht verrathen, daß Sie verschweigen, was Sie hier gesehen und gehört haben. Versprechen Sie es mir. Retten Sie mich ganz. Sie retten keinen Unwürdigen.“

„Er nahm die Hand Ottiliens. Sie versprach ihm Alles.

„Der Zug war in K. angekommen. Der Fremde hatte ihn frei und ungehindert verlassen.

„Ich fand Ottilien noch angegriffen, aufgeregt. Ich fuhr gleich mit ihr weiter. Erst nach und nach konnte ich sie beruhigen. Doch nein. Ihr Herz ist seit dem Augenblicke nicht wieder ruhig geworden. Das Bild des Flüchtlings, des edlen, traurigen Menschen, der zum Tode verurtheilt war, der dem Tode getrotzt hatte, um seine sterbende Mutter wiederzusehen, der die noch kaum erkaltete Leiche fremden Händen hatte überlassen müssen, der gehetzt wie ein wildes Thier, wie ein Edelwild umherirren mußte, um das Leben zu retten – ach, mein Freund, das Bild saß tief und fest in ihrem Herzen; es war nicht mehr daraus zu vertilgen; es konnte nur erbleichen, wenn sie selbst erblich. Und sie schwand in der That immer mehr dahin; ich fürchtete für ihr Leben. Tage lang flossen die Thränen des kranken Kindes. Anfangs still. Sie verschloß ihr Geheimniß in ihrer Brust. Endlich entriß ich es ihr. Ich sah in einen tiefen Abgrund; ich sah darin nur ihr Grab. Wer war der Fremde? Sie wußte nicht einmal seinen Namen. Er war brav, edel; ich gab es zu; von dem Diebstahle war uns nicht einmal ein Gerücht zu Ohren gekommen. Aber liebte er Ottilien wieder? Und wenn, konnte er sie heirathen? Würde ihr Vater seine Einwilligung zu ihrer Verbindung mit einem zum Tode verurtheilten, landesflüchtigen Hochverräther geben? Sie wurde kränker, elender. Sie gestand mir, sie müsse sterben, wenn sie ihn nicht wiedersehe; sie träumte zuletzt nur noch von ihrem Tode, aber in seinen Armen, in denen auch seine Mutter gestorben war. Vieles in dieser Ueberspannung war ihrem kranken und deshalb reizbaren Wesen zuzuschreiben. Aber war ihr Zustand darum besser, weniger hoffnungslos? Ich wußte keinen Rath, ich hatte keine Hoffnung mehr. Ich war schon entschlossen, mit ihr nach der französischen Schweiz zu reisen.

„Da – gestern vor acht Tagen – kam er auf einmal hier an. Ottilie hatte ihm beim Abschiede gesagt, daß Baden das Ziel unserer Reise sei. Er hatte uns aufgesucht. Welch’ ein Wiedersehen war das! Zuerst starrte sie ihn an, wie ein Gespenst. Dann hielt sie nichts mehr von ihm zurück. Sie sprang auf, sie flog in seine Arme. Sie umfaßte ihn krampfhaft. Er hielt eine Ohnmächtige. Als sie wieder zu sich kam, hatte sie nur eine Fluth von Thränen. Aber unter ihren Thränen sagte er ihr, daß es ihm keine Ruhe gelassen, daß er, wie seine Mutter, noch einmal seine Retterin habe wieder sehen müssen und sollte dies zehnmal sein Leben kosten.

„Was soll ich Ihnen noch weiter erzählen, mein Freund? Wie in ihrem, so brannte auch in seinem Herzen die heftigste, die heißeste Liebe!

„Und was sollte ich machen? Wollte ich Ottilien nicht unter meinen Händen sterben sehen, so durfte ich sie nicht von ihm trennen. Wir schrieben an ihren Vater. Ich sagte ihm Alles, auch Ottiliens Zustand, auch was ich befürchten müßte. Ich erwarte jeden Augenblick die Antwort. Ich glaube, daß er einwilligen wird. Sie ist sein einziges Kind, und er liebt sie zu zärtlich.

„Und jetzt, mein Freund, kommen Sie mit Ihrer vernichtenden Nachricht. Das war also alles Trug, jener Edelmuth, jene Trauer, jene Liebe. Alles ordinairer, gemeiner Betrug eines gemeinen Verbrechers, eines Diebes, der vielleicht dem Zuchthause entsprungen war! Als ich Sie zu mir eintreten sah, glaubte ich, Sie suchten den Hochverräther. Und jetzt! O, die arme, arme Ottilie!“

Die Oberstin schwieg.

„Die arme Ottilie!“ mußte auch ich wiederholen. Ich hatte das reizbare, kranke Kind ja gesehen. Ich war Zeuge ihrer tiefen Leidenschaft gewesen. Es konnte auch mir kein Zweifel bleiben: die Enttäuschung war hier der gewisse Tod.

Was machen? – das war eine ganz andere verzweifelte Lage, wie in K., als es galt, den Dieb zu entdecken. Der Dieb war jetzt da. Aber was nun? Allein war der junge Mensch wirklich der Dieb? Er sah so edel aus. Alles, was man von ihm wußte, trug den Stempel eines braven, offenen Charakters; seinem Betragen war nicht der geringste Vorwurf zu machen. Aber wie viele Spitzbuben, gerade die gefährlichsten, hatte ich kennen gelernt, mit edlen Gesichtern, vortrefflichen Manieren und einem lange Zeit zur Schau getragenen musterhaften Charakter. Und wie viele solche Industrieritter trieben sich jeden Winter in den Residenzen und jeden Sommer in den Bädern umher. Ein Anderer konnte der Dieb nicht sein. Also entweder war er es, oder Hertel hatte den Diebstahl vorgespiegelt. Zu der Annahme des letzteren hatte ich nicht den geringsten Grund, es mußte mir nach allen meinen sorgfältigen Beobachtungen und Ermittelungen in R. und Umgegend völlig unwahrscheinlich sein. Dazu kam, daß ich dort von einem verfolgten politischen Flüchtlinge nichts vernommen hatte; doch konnte ich freilich hierauf kein großes Gewicht legen, da ich mich überhaupt um nichts Anderes als um den Diebstahl bekümmert hatte. Dennoch war es nicht unmöglich, daß Hertel selbst der Verbrecher war.

„Wie heißt der junge Mann?“ fragte ich die Oberstin.

„Sie werden ihn als politischen Flüchtling nicht reclamiren?“ fragte sie zurück.

„Nein.“

„Er heißt Eduard D–“

Das war allerdings der Name eines der am meisten gravirten politischen Flüchtlinge. Er war zum Tode verurtheilt. Sein Name und sein Signalement waren jedem Polizeidiener und Gensd’armen in ganz Deutschland bekannt. Wurde er ergriffen, so war, wenn auch vielleicht nicht der Tod, doch die längste[WS 1] Zuchthausstrafe sein gewisses Loos. Aber er war zugleich als ein vermögender Mann bekannt und galt für einen der tüchtigsten und reinsten Charaktere. Eduard D. konnte kein gemeines Verbrechen begehen; er konnte nicht der Dieb sein. War der junge Mann, um den es sich handelte, wirklich der Dieb, so hatte er diesen Namen angenommen, so war er also auch ein um so gefährlicherer Verbrecher. Gleichwohl paßte auf ihn das Signalement von D., das mir wieder lebhaft in Erinnerung kam; und diesem war auch wohl das Gefühl und der Muth zuzutrauen, die ihn an das Sterbebette der Mutter geführt hatten.

Textdaten
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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf der Eisenbahn
aus: Die Gartenlaube 1857, Heft 17, S. 229–232
Fortsetzungsroman – Teil 4 // Schluß

[229] Die Situation wurde verwickelter; die Entscheidung wurde mit jedem Momente schwieriger. Und noch mehr drängte sie. Ich mußte noch heute, noch an demselben Abend, der schon längst hereingebrochen war, Gewißheit haben, ob der Dieb in meiner Gewalt sei oder nicht. War er es, und wußte ich es nicht heute und hielt ich ihn demnach nicht noch heute fest, so waren Tausend gegen Eins zu wetten, daß er morgen früh über alle Berge war, und mit ihm die zwanzig tausend Thaler des armen B. Andererseits konnte er noch immer nicht der Dieb sein, und für diesen Fall war jedes Aufsehen, namentlich jede gewaltsame Maßregel zu vermeiden. Zwar nicht so sehr um seinetwillen, denn ein Verdacht lastete einmal auf ihm; dieser Verdacht mußte auf der einen oder anderen Seite hin nothwendig aufgeklärt werden; kam die Unschuld heraus, so lag darin eine vollständige Genugthuung. Desto mehr Schonung bedurfte es für die unglückliche Ottilie; jeder Eclat, der ihr nur zu dem leisesten Verdachte Veranlassung geben konnte, führte auch die Gefahr eines tödtlichen Angriffes auf den zarten, kranken Organismus mit sich. Ich mußte hier einmal alle anderen Mittel des Polizeimenschen bei Seite lassen und mich blos auf meine psychologischen Künste beschränken. Sie mußten in Anwendung gebracht werden, um eben so behutsam wie rasch zum Ziele zu gelangen. Danach machte ich meinen, allerdings sehr einfachen Plan.

„Kennt mich der junge Mann?“ fragte ich die Oberstin.

„Ich glaube nicht; er hat nie von Ihnen gesprochen.“

„Auch ich glaube es nicht; soviel ich weiß, war er nie in der Residenz. – Kommt er heute Abend noch zu Ihnen?“

„Er muß schon hier sein. Ich hörte vorhin während unseres Gesprächs die Hausthür öffnen und die Stimme meiner Gesellschafterin; sie muß mit den beiden jungen Leuten zurückgekehrt sein und sie werden sich im Gartensalon befinden.“

„Gnädige Frau, darf ich bitten, den jungen Mann durch den Bedienten hierher rufen zu lassen, ohne ihm zu sagen, zu welchem Zweck? Darf ich sie bitten, mich mit ihm hier alleine zu lassen?“

„Ich unterwerfe mich Ihren Anordnungen. Ich bemerke nur noch, daß Eduard D. unter dem Namen Wohlhausen hier ist.“

Die Oberstin klingelte dem Bedienten, befahl ihm, Herrn Wohlhausen herüber zu bitten, und ließ mich dann allein.

Nach einer Minute trat der junge Mann ein. Ich betrachtete ihn näher. Es war wirklich ein schöner Mensch, in dessen Gesicht, Körper und Haltung sich Adel und Geist aussprachen. Der Mensch ein gemeiner Verbrecher! Und welch’ ein verdorbener, abgefeimter, gefährlicher mußte er sein. Es war Jammerschade um ihn.

Er sah mich überrascht an. Er hatte die Oberstin erwartet und fand einen Fremden. Ich überzeugte mich an seinem Blicke vollkommen, daß er mich nicht kannte.

„Mein Herr,“ redete ich ihn an, „Sie heißen Eduard Wohlhausen?“

„Mein Herr,“ erwiderte er vornehm, aber höflich, „darf ich fragen, wer mir die Ehre erzeigt, sich nach meinem Namen zu erkundigen?“

„Ich bin der Polizeidirector – aus –.“

Er erblaßte, er zuckte, es war, als wenn er unwillkürlich einen Schritt zurückfliegen müsse. Aber schon in demselben Momente stand er wieder fest, hoch aufrecht, einen stolzen, kühnen, beinahe herausfordernden Blick auf mich werfend.

„Mein Herr,“ sagte er, „Sie kennen mich?“

„Ja, Herr D–.“

„So werden Sie wissen, daß ich mein Leben vertheidigen werde. Aber bevor Sie es darauf ankommen lassen, eine Bemerkung. Hier im Hause ist ein zartes, krankes Wesen, das Sie tödten würden, wenn Sie Gewalt gegen mich brauchten.“

„Ach, mein Herr, Sie wollen eine kranke, schwache Dame zu Ihrem Schilde gebrauchen?“

Ich sprach mit einem spöttischen Lächeln. Er wurde dunkelroth, dann blaß. Er sann nach; er kämpfte mit sich. Ich mußte mir gestehen, Alles, was ich bisher gesehen und gehört hatte, war Zeugniß eines tüchtigen Charakters. Er hatte in Bewegung wie in Sprache das Bewußtsein und die Ruhe eines Mannes bewahrt. Es kämpfte jetzt in ihm sein Stolz und seine Liebe. War das, konnte das Alles bloße Maske sein?

„Mein Herr,“ sagte ich zu ihm, „seien Sie vorläufig unbesorgt. Die Frau Oberstin Wüsthof zählt mich zu ihren ergebensten Freunden. Gestatten Sie mir einige Fragen an Sie.

„Fragen Sie mein Herr,“ erwiderte er entschlossen.

„Haben Sie vor Kurzem Ihre Mutter verloren?“

„Ja, mein Herr.“

„Sie waren an ihrem Sterbebette?“

„Ja.“

„Wo wohnte ihre Mutter?“

Er nannte den Ort.

„Wie hatten Sie trotz der Wachsamkeit der Polizei zu ihr gelangen können?“

„Ist es zu Ihren Zwecken, die ich nicht kenne, nöthig, daß ich Ihnen darauf eine Antwort gebe?“

[230] „Ich kann vor der Hand darauf verzichten. Aber die Auskunft möchte ich mir von Ihnen erbitten, wie Sie auf der Rückkehr aus dem mütterlichen Hause den Verfolgungen der Polizei entgehen konnten.“

„Hat es Ihnen die Frau von Wüsthof nicht mitgetheilt?“ fragte er.

„Ich möchte es aus Ihrem Munde hören.“

„Ausführlich?“

„So ausführlich, wie möglich.“

„Wohlan. Mein Aufenthalt bei meiner Mutter war verrathen. Ich mußte eilig flüchten. Ich hatte mich durch einen falschen Bart und andere Mittel schon unkenntlich gemacht, als ich zu Hause ankam. Man mußte meine angenommene Gestalt für meine wahre halten. So flüchtete ich auch; so konnte ich also auch nur verfolgt werden und es kam daher darauf an, in dieser Gestalt zu verschwinden, um unverdächtig in einer andern wieder zu erscheinen.“

„Sie bewerkstelligten das?“

„Ja.“

„Wo?“

„Auf der Eisenbahn zwischen R. und K.“

„Darf ich um die Details bitten?“

„Ich hatte zwar kein leeres, aber doch ein Coupé gefunden, in welchem nur ein einziger Reisender sich befand. Unmittelbar nebenan bemerkte ich ein Coupé, das gleichfalls nur von einer Person, einer Dame, besetzt war. Ich stieg in jenes ein. Was ich erwartet hatte, geschah. Mein Gefährte schlief ein. Ich nahm das wahr, sah aus dem Coupé, erblickte draußen Niemanden, stieg durch das Fenster und schwang mich unbemerkt in das Coupé der Dame. Ich entdeckte mich ihr. Ich gewann das Versprechen ihres Stillschweigens. Ich konnte die Veränderung meiner Gestalt bewirken.“

„Und der junge Mann in dem ersten Coupé? Kannten Sie ihn?“

„Nein.“

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Kein Wort.“

„Wie lange waren Sie bei ihm?“

„Etwa fünfzehn Minuten. Vielleicht länger.“

„Und in dieser Zeit sprachen Sie nichts mit ihm?“

„Er redete mich nicht an, und auch ich hatte keine Veranlassung dazu.“

„Er schlief so schnell ein?“

„Er schien ermüdet zu sein.“

„Er schlief also wirklich bald ein?“

„Er lag schon bei meinem Einsteigen in der Ecke des Wagens, und bald hörte ich seine Athemzüge, wie eines Schlafenden.“

„Darauf führten Sie Ihren Plan des Verschwindens aus dem Coupé aus?“

„Ja.“

„Und der Andere erwachte nicht?“

„Nein.“

„Wie sah dieser Andere aus?“

„Es war ein junger Mensch. Er schien mir Kaufmannsreisender zu sein.“

„Fiel Ihnen nichts an ihm auf?“

„Ich wüßte nicht.“

„Mein Herr,“ nahm ich mit erhobener Stimme das Wort, „Sie müssen gestehen, daß das, was Sie mir da erzählt haben, in Hohem Grade unwahrscheinlich klingt. Schon gleich Ihr ganzer Plan, wie wenig konnten Sie auf sein Gelingen rechnen –.“

Er unterbrach mich.

„Geben Sie sich keine Mühe weiter. Ich erkenne vollkommen das Unwahrscheinliche meiner Mittheilung an. Aber stellt meine ganze Lage, in der ich war, sich anders dar? Blieben mir, um mich daraus zu befreien, andere als die ungewöhnlichsten und darum unwahrscheinlichsten Mittel übrig? Mußte ich nicht gerade auf diese Unwahrscheinlichkeit rechnen?“

Er hatte Recht. Er hatte aber auch in so manchem Anderen Recht. Besonders in der Offenheit und Wahrheit, womit er mir auf meine Fragen antwortete. So konnte kein schuldbewußter Verbrecher sprechen; auch bei dem gewandtesten, dem vollendetsten Schurken war mir wenigstens, und ich hatte doch eine sehr reiche Erfahrung, ein solches freies und sicheres Benehmen noch nicht vorgekommen. Ich mußte meinen letzten Trumpf ausspielen; es blieb mir nichts Anderes mehr übrig.

„Mein Herr,“ begann ich wieder, „Sie haben sich nicht nach dem Grunde erkundigt, weshalb ich Sie hier inquirire.“

„Er ist mir gleichgültig, mein Herr,“ antwortete er in wirklich gleichgültigem Tone.

„Sie müssen ihn dennoch erfahren. Jenem Reisenden, mit dem Sie allein im Coupé waren, sind dort während seines Schlafes zwanzigtausend Thaler gestohlen worden.“

Ich hatte meinen letzten Trumpf ausgespielt. Aber ich hatte verlorenes Spiel. Ich hatte langsam, nachdrücklich gesprochen. Ich war dicht vor ihn hingetreten. Ich hatte ihn mit scharfem, tief in sein Innerstes dringendem Blicke angesehen. War er schuldig, ich mußte irgend ein Symptom entdecken. Ein, wenn auch noch so leiser Wechsel der Farbe mußte durch sein Gesicht ziehen. Sein Augenlid mußte zucken; seine Lippe oder sein Kinn, wenigstens der Kehlkopf, indem plötzlich der Athem ihm stockte, mußte sich bewegen, wenn auch noch so leise. Oder aber, wenn er ein vollendeter Schauspieler war und alle seine Muskeln voll in seiner Gewalt hatte, mußte er völlig unbeweglich bleiben, mit allen seinen Muskeln, mit seinem ganzen Körper. Jene wahren Bewegungen der Schuld gänzlich unterdrücken, und zu gleicher Zeit wahre Bewegungen der Unschuld machen, das war ein Ding der Unmöglichkeit.

Allein von allen jenen Zuckungen nichts. Dagegen fuhr er plötzlich heftig, fast wild auf. Gleich darauf stand er hoch, stolz vor mir und maß mich mit einem Blicke der Verachtung; sofort dann aber wieder, als wenn er einsehe, daß er zum Verachten keinen Grund habe, mit einem finsteren Nachsinnen.

„Mein Herr,“ sagte er darauf, „den Dieb werden Sie anderswo suchen müssen. Eduard D. hat einen zu guten Namen und er achtet sich und seinen Namen zu hoch, als daß er auf eine solche Anklage sich nur vertheidigen könnte. Haben Sie mir noch etwas zu sagen?“

Ich hatte mein Spiel verloren. Es war Eduard D., der vor mir stand, und dieser Eduard D. war kein Dieb.

Aber wer war dann der Dieb? Nur er oder Hertel, nur Einer von ihnen Beiden konnte es sein. Die Annahme eines Dritten war unmöglich. Kein Eisenbahnbeamter hatte es sein können; sie hatten sämmtlich oben auf den Wagen gesessen und Einer den Anderen gesehen. Die anderen Coupés des Waggons, in welchem Hertel sich befunden, waren voll besetzt gewesen. Kein Mensch war, auch nur auf einen Augenblick, daraus vermißt worden. An ein zweites, ähnliches Wagestück, wie Eduard D. es gemacht, war also gar nicht zu denken. Von außen, von der Straße her in das Coupé zu steigen, war, da der Zug keinen Moment angehalten hatte, wo möglich noch unmöglicher gewesen. Nur Hertel oder Eduard D., kein Dritter. Aber wer von Beiden?

Ich mußte es heraushaben. Ich mußte es sofort heraushaben.

Meine Aufgabe war schwieriger geworden. Wer von den Beiden auch der Dieb sein mochte, immer hatte ich es mit einem Schurken, so abgefeimt, so fest und sicher in allen Künsten der Verstellung zu thun, wie ich bisher noch keinem gegenüber gestanden hatte.

„Begleiten Sie mich,“ forderte ich den jungen Mann auf.

„Wohin?“ fragte er.

„Nach meinem Gasthofe.“

„Mein Herr, ich kann Ihnen vertrauen? Sie führen mich in keine Falle?“

„Wenn Sie nicht der Dieb sind, so werden Sie unangetastet bleiben. Mein Wort darauf.“

„Ich begleite Sie.“

Wir gingen zu meinem Gasthofe. Der Oberstin empfahl ich mit wenigen Worten, Ottilien keine Unruhe zu zeigen. Ein Resultat könne ich ihr noch nicht mittheilen.

Hertel logirte mit mir in demselben Gasthofe. Sein Zimmer lag indeß auf einem anderen Corridor. Ich war nicht mit ihm zusammen ausgegangen gewesen, hatte ihn auch veranlaßt, überhaupt wenig auszugehen und jedenfalls bestimmte Nachricht zurückzulassen, wo ich ihn sofort treffen könne Die Gründe hiervon lagen nahe.

Ich führte Eduard D. in mein Zimmer. Dieses war mit einem dicht verhangenen Alkoven versehen. In den letzteren mußte der junge Mann sich begeben. Ich forderte ihm vorher das Versprechen ab, was er auch hören werde mit keiner Bewegung, mit keinem Laute seine Anwesenheit zu verraten. Er versprach es. Ich ließ dann durch einen Kellner Hertel zu mir rufen.

Ich ging hierbei, indem ich den einen Verdächtigen zum Zeugen des mit dem anderen Verdächtigen abzuhaltenden Verhörs machte, [231] davon aus, daß jener, wenn er der Schuldige sei, sich in solcher Weise vorbereitet und gerüstet gezeigt hatte, daß er auch durch ein plötzliches Vorstellen des Bestohlenen oder durch ähnliche Mittel nicht mehr überrascht werden könne. In gleicher Weise gewaffnet hatte ich Hertel noch nicht kennen gelernt. Hertel kam.

Ich war oft in einer ähnlichen Lage gewesen, zwischen zwei Menschen, von denen nur Einer der Verbrecher sein konnte, Einer es aber auch sein mußte; gegen welche Beiden ich gleich vielen und zuletzt doch gleich wenigen Verdacht hatte. Aber nie war meine Lage so eigenthümlich, so peinlich einerseits, so schwierig andererseits gewesen. Peinlich, indem ich von der einen Seite Gefahr lief, durch das geringste Versehen zu verschulden, daß der brave B. nicht wieder zu seinem Vermögen kam, ein Bettler wurde, und von der anderen Seite gerade meine eifrigste und treueste Pflichterfüllung nur zu leicht dahin führen konnte, jenes arme, kranke, unschuldige Kind, für das ich angefangen hatte, mich so lebhaft zu interessiren, der Verzweiflung, dem gewissen Tode zu überliefern. Schwierig, indem ich es mit zwei Charakteren zu thun hatte, die, wenn sie sich gleich durchaus verschieden zeigten, doch in dem einen Punkte übereinstimmten, daß dem Schuldigen unter ihnen keine Seite des Anfassens abzugewinnen war. Eduard D. zeigte sich edel, stolz, beinahe hochfahrend, Hertel dagegen unglücklich, still, bescheiden, dienstfertig. Beide legten ein braves, redliches und offenes Wesen an den Tag, und Beide hatten noch nie Verlegenheit oder Verwirrung gezeigt.

Hertel trat bei nur ein, niedergeschlagen, aber unbefangen wie immer. Eine Einleitung konnte mir bei ihm nicht helfen, da er, wenn schuldig, bei jeder neuen Begegnung mit mir sich auf irgend etwas gefaßt halten mußte, und die Einleitung ihn eben nur vorbereiten konnte. Sie mußte mithin sogar nur schaden. Ich mußte ihn sofort überraschen. Ich redete ihn an.

„Hertel, der Dieb des Geldes ist endlich gefunden. Er ist in meinen Händen; hier in Baden. Ich werde ihn Ihnen noch heute Abend vorstellen.“

Ich fixirte auch ihn scharf, durchdringend. Er verzog keine Miene.

„Auch das Geld?“ fragte er hastig.

Die Frage war natürlich; sie wurde natürlich vorgebracht.

„Nein, der Dieb leugnet.“

„Nicht das Geld? Und er leugnet? Ich glaube es. Aber er ist zu überführen. Gottlob, daß er erst da ist. O, Herr Polizeidirector, mir fällt ein schwerer Stein vom Herzen. Ihre Mühe ist belohnt. Er leugnet. Er wird in R. wieder erkannt werden. Ich werde ihm den Diebstahl in’s Gesicht sagen. Er wird den Beweisen nicht widerstehen können. Er wird auch das Geld am Ende herausgeben, wenn er sieht, daß ihm sein Leugnen nicht mehr hilft.“

Auch in Diesen Worten war nichts Unnatürliches, nichts Gezwungenes. Sie wurden auch mit dem Ausdrucke des wahren Gefühls gesprochen.

„Ich hoffe gleichfalls,“ erwidere ich ihm, „daß der Mensch wird überführt werden. Er scheint der Festeste im Leugnen nicht zu sein. Ich habe das oft bei den verwegensten Verbrechern gefunden.“

Er zeigte eine leise Freude über diese Bemerkung.

„Sie werden ihn also auch wiedererkennen?“

„Gewiß.“

„Und ihm Ihre Aussage in das Gesicht sagen?“

„Gewiß.“

Kein Zeichen eines Schwankens, einer Verlegenheit, wie vorhin kein Zeichen einer Ueberraschung. Ich ging, wie von ungefähr im Laufe des Gesprächs, an den Vorhang des Alkovens. Ich zog rasch den Vorhang auseinander.

„Darf ich bitten, Herr Wohlhausen?“ sagte ich sehr höflich zu dem Versteckten.

Eduard D. trat mit seiner stolzen, imposanten Gestalt schnell hervor. Ich glaube, meine ganze Seele war nichts als Auge. Kein Zug, keine Bewegung des jungen Kaufmanns konnte mir entgehen. Er stand unbeweglich, unangreifbar, wie eine Mauer, die mit Pfeilen soll niedergeschossen werden. Wiederum kein Zeichen einer Verwirrung, eines Schwankens. Ueberrascht war er, aber nur um sofort den ihm so unerwartet Vorgestellten mit einem prüfenden Blicke zu mustern, ob es auch der Rechte sei, ob er ihn wieder erkenne.

Ich warf meine Blicke auf Eduard D. Er stand nicht minder unangegriffen und unangreifbar da. Seine Haltung gegenüber dem Manne, den er sollte bestohlen haben, war stolzer geworden, sein Blick strenger, voll Verachtung. So maß er schweigend den jungen Kaufmann.

Allein diesen trafen auch die Blicke des Vorwurfs, der Verachtung nicht. Der Ausdruck seines Gesichts wurde vielmehr sicherer, beruhigter. Seine Augen suchten mich. Er ist es! winkten sie mir mit der gewohnten milden, einfachen Ruhe zu.

Auch das war nichts gewesen. Und ich hatte meinen allerletzten Trumpf ausgespielt, den ich Beiden zusammen gegenüber hatte, wenigstens für den Augenblick hatte. Ich gab dennoch mein Spiel nicht auf. Ich rechnete noch einmal auf mein Glück. Beide mußten sich gegen einander aussprechen. Leicht, wie so oft, konnte dann der gegenseitige Eifer, oder aber auch gerade das Bestreben, recht auf seiner Hut zu sein, die Vorsicht vergessen lassen, unvorsichtig machen.

„Hertel,“ fragte ich diesen, „Sie kennen diesen Herrn?“

„Ja, Herr Polizeidirector, er ist der Dieb des Geldes.“

„Sie kennen ihn bestimmt wieder?“

„Ganz genau, trotz der Veränderung seines Aeußeren. Er war in dem Eisenbahncoupé nahe genug bei mir gewesen, daß ich sowohl seine Gestalt als seine Gesichtszüge mir merken konnte. Als ich meinen Verlust entdeckte, prägten sie sich meinem Gedächtnisse für immer ein.“

„Mein Herr, Sie hören,“ sagte ich zu Eduard D. „Was haben Sie zu erwidern?“

„Sind Sie mein Richter hier?“ fragte er mich stolz.

„Das nicht,“ antwortete ich ihm ruhig. „Aber der mit den ausgedehntesten Vollmachten versehene Polizeibeamte, der Sie, wenn Sie nicht noch heute Abend von der Anschuldigung des Diebstahls sich reinigen können, Ihrem Richter überliefern wird.“

Er schrak zusammen.

„O mein Gott, die arme –“

Er sprach den Namen Ottilie nicht aus. Auch in diesem Momente war sein erster, sein einziger Gedanke das kranke Kind. Es wollte laut in mir rufen: Nein, der kann der Schuldige nicht sein. Aber völlig so im Gewande der Unschuld stand auch der Andere da.

„Wohlan, Hertel,“ sagte ich, „wenn der Herr nicht reden will, so sprechen Sie. Halten Sie ihm die Einzelheiten des Diebstahls vor.“

Hertel schickte sich dazu an. Aber Eduard D. hatte seinen ganzen Stolz wiedergewonnen.

„Mein Herr,“ sagte er zu mir, „ich kenne derartige Spiele. Sie haben Verstand genug, um einzusehen, daß es hier ein eben so unwürdiges als unnützes wäre. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie mich damit verschonen. Im Uebrigen thun Sie mit mir, was Sie wollen. Sie werden mir die Güte haben, mich drei Zeilen an die Frau von Wüsthof schreiben zu lassen.“

Die letzten Worte waren ihm schwer geworden. Es war, als wenn das Herz sich ihm zuschnüre. Ich ergriff den Umstand, nicht blos mit Absicht auf ihn.

„Mein Herr,“ sagte ich mit tiefem, aber mildem Ernst, „versuchen Sie nicht weiter, hier eine Rolle zu spielen, die unter allen Umständen eine durchaus vergebliche ist. Verkennen Sie Ihre Lage nicht. Lassen Sie mich sie Ihnen schildern, ganz so wie sie ist, wie ich sie Ihnen mit Thränen in den Augen schildern müßte, wenn Sie mein Sohn wären. Dieser junge Mann hat seinem Principal stets treu gedient; sein Ruf ist der unbescholtenste; er klagt Sie des Diebstahls an; er erkennt Sie bestimmt wieder. Eine Menge Personen in R. und K. werden Sie gleichfalls wieder erkennen. Sie leugnen überdies nicht, dort gewesen zu sein, selbst nicht, zur Zeit des Diebstahls mit ihm allein in dem Coupé gewesen zu sein. Sie können sogar nicht leugnen, daß Sie heimlich, auf eine lebensgefährliche Weise den Wagen verlassen haben und dann spurlos verschwunden sind. Nehmen Sie alle diese Umstände zusammen, zu denen noch manche andere, zwar kleine, aber desto mehr bestätigende kommen, und dann fragen Sie sich selbst, ob es ein Geschworenengericht in der Welt geben kann, das Sie nicht verurtheilen muß.“

Der junge Mann war nachdenkend geworden; er wurde unruhig; auf seine Stirn traten Schweißtropfen.

„Aber ich bin unschuldig!“ sagte er stolz.

Und der junge Kaufmann? Ich hatte ihn nicht aus den Augen gelassen. Und in einem Augenblick, in einem ganz kleinen Augenblick, in welchem er sich unbemerkt glauben mochte, oder aber in [232] welchem sein inneres Gefühl zu mächtig wurde, als daß er es ganz beherrschen konnte, sah ich, wie auf einmal ein Funken boshafter triumphirender Freude in seinem Auge glühete. Ueber sein ganzes Gesicht zuckte es wie ein Blitz – aber nur einen Moment, dann lag wieder die alte glatte Ruhe darauf. Ich hatte genug.

„Mein Herr,“ sagte ich kalt zu Eduard D., „ich bedarf Ihrer nicht weiter, Sie können mich verlassen. – Darf ich bitten,“ setzte ich bezeichnend hinzu, „der Frau von Wüsthof zu sagen, daß ich ihr eine glückliche Reise wünsche?“

Er ging, wenn gleich verwundert.

„Und nun, Herr Hertel,“ wandte ich mich mit der vollen Strenge meines Amtes an diesen, „noch ein paar Worte mit Ihnen. Sie sind mein Gefangener.“

Der Mensch erschrak heftig. Er wurde leichenblaß und zitterte, daß man seine Kniee beinahe schlottern sah. Ich hatte keinen Zweifel mehr an seiner Schuld. Mein Manöver war vollkommen geglückt; freilich bis auf die Wiederherbeischaffung des Geldes. Aber auch um diesen Ziel war ich nicht mehr sehr besorgt. Ich beschloß, sofort und auf dem kürzesten Wege darauf zuzugehen.

„Hertel,“ sagte ich. „Sie haben den Diebstahl vorgespiegelt. Sie haben sich selbst bestohlen, oder vielmehr Ihren Herrn –“

„Herr Polizeidirector“ – unterbrach er mich gekränkt.

Ich ließ ihn nicht zu Worte kommen.

„Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen. Es ist nur eine kleine Geschichte. Wenn Sie sie angehört haben, können Sie sprechen. Ihre Geschichte ist keine neue. Vor einem Dutzend von Jahren hatte ein Kaufmann in Berlin einen Reisenden, den er, um Einkäufe zu machen, mit einer Summe von zwölf- oder fünfzehntausend Thalern – ich weiß es nicht mehr genau – nach Polen schickte. Nach vierzehn Tagen erhält der Berliner Kaufmann von seinem Reisenden einen Brief, worin derselbe ihm meldet, daß die ganze Summe ihm gestohlen sei. Er habe das Geld, das in preußischen Cassenanweisungen bestand, sehr vorsichtig auf der Brust getragen, indem er das Paket sogar an der innern Seite seines Reiserockes fest genähet habe. In der Nacht im Postwagen, kurz vor Warschau, sei es ihm dennoch, während er geschlafen, gestohlen worden. Alle seine Nachforschungen nach Dieb und Geld seien bisher vergeblich gewesen. Der Berliner Kaufmann hatte einen Freund, der einer der tüchtigsten Kriminalisten der Residenz war. Diesem theilte er die Sache mit, und auf sein Bitten entschloß sich der Criminalbeamte, mit guten Empfehlungen versehen, nach Warschau zu reisen. Er traf dort den Reisenden im Gasthofe, unglücklich, vernichtet. Er ließ sich den Diebstahl erzählen. Der Reisende erzählte sehr glaublich, auch daß er bei den polnischen, eigentlich russischen Behörden wenig, richtiger gar keine Unterstützung gefunden habe. Der Criminalbeamte wurde zwar nicht überzeugt, er fand aber auch keinen positiven Anhalt für einen Verdacht. Daß die gewöhnlichen russischen Behörden, auch in Polen, nicht viel taugten, wußte er. Er wandte sich daher sogleich an die Spitze der Polizei in Polen, an den Polizeichef General – oder war er damals noch Oberst? – Abramowicz. Der General hörte ihn ruhig, zuvorkommend an, notirte sich Alles, versprach ihm seine energischste Hülfe und ersuchte ihn, am nächsten Tage wiederzukommen, um Weiteres von der Sache zu hören. Am folgenden Tage ging der preußische Criminalbeamte wieder hin. Der polnische Polizeichef empfing ihn, bot ihm einen Stuhl an und bat ihn, noch ein Viertelstündchen zu warten, es werde gerade noch in der Angelegenheit untersucht. Der Criminalbeamte setzte sich und wartete, während der General Abramowicz, der beschäftigt war, weiter arbeitete. Nach einer Minute drang ein Geschrei an das Ohr des preußischen Beamten; es kam aus dem Innern des Gebäudes. Es waren Schmerzenstöne, zuerst kurz, abgerissen, dann länger anhaltend, aber immer scharf, heftig, das Ohr zerreißend, das Herz zerschneidend. Der Beamte wurde unruhig. Es überlief ihn kalt und warm; er mußte aufstehen und hielt sich die Ohren zu, um die Laute nicht mehr zu hören, die nur von einem zu Tode Gepeinigten ausgehen konnten, die ihn selbst wie tödtlich peinigten.

„Was ist Ihnen?“ fragte ihn der General.

„Jene Schmerzenstöne –!“

„Ah, man inquirirt.“

„In diesem Augenblicke glaubte der Criminalbeamte die Stimme des Gepeinigten zu erkennen.

„Der Reisende!“ – rief er.

„Allerdings, mein Herr, er wird verhört.“

„Dem preußischen Beamten brach der Angstschweiß aus.

„Ich beschwöre Sie, Herr General, lassen Sie der Scene ein Ende machen.“

„Der Herr von Abramowicz lachte. Aber er verließ das Zimmer.

„Ich muß doch einmal nachsehen,“ sagte er.

„Das Schreien hörte auf. Nach einigen Minuten kehrte der General zurück.

„Mein Herr, die Posten in Polen sind sicher. Ich durfte jene Verleumdung nicht auf der mir anvertrauten Polizei haften lassen. Den Empfehlungen aber, die Sie die Güte hatten, mir zu überreichen, war ich es auch schuldig, Ihrem Freunde wieder zu seinem Gelde zu verhelfen. Lassen Sie in Berlin, Straße da und da, bei der Mutter des Reisenden im Keller nachgraben; Sie werden die ganze angeblich in Polen gestohlene Summe Geldes dort unversehrt vorfinden.“

„Das Geld wurde dort gefunden.“

Ich schloß und hatte während meiner Erzählung Zweierlei an dem Menschen vor mir bemerkt. Zuerst als ich die eigenthümliche Weise des Verhörs des Bestohlenen in Warschau bezeichnete, ein Zittern, das gar nicht aufhören wollte; sodann, als ich des Vergrabens des Geldes im Keller erwähnte, ein plötzliches heftiges Aufzucken der Augen. Ich war nun auch der Wiederherbeischaffung des Geldes gewiß.

„Haben Sie mir jetzt etwas zu sagen?“ fragte ich ihn.

Er schwieg und ging mit großen Schritten im Zimmer umher. Auf einmal fing er an zu weinen; er schluchzte heftig, zahllose Thränen rannen ihm über das Gesicht.

„Hertel,“ sagte ich mit mildem Ernste zu ihm, „erschweren Sie Ihre Strafe und Ihr Schicksal nicht durch ferneres verstocktes Leugnen. Wo soll ich in – nach dem Gelde suchen lassen? Denn zu Hause haben auch Sie es. Der Telegraph bringt uns in drei Stunden Antwort. Ich selbst werde später vor Gericht ein Zeugniß für Ihre mildere Bestrafung ablegen.“

Er weinte heftiger.

„Der Satan hatte mich verblendet!“ rief er.

Dann gestand er Alles. Das Geld lag unter dem Fußboden seiner Wohnstube in – versteckt. Ich telegraphirte sofort dahin. In drei Stunden hatte ich die Antwort, daß es aufgefunden sei.

Die Frau von Wüsthof war in derselben Nacht mit ihrer Nichte und mit Eduard D. nach der Schweiz abgereiset. Ich habe sie vor vierzehn Tagen in Montreux besucht. Die jungen Leute leben dort als glückliche Eheleute, da die Gesundheit Ottiliens sich wunderbar befestigt hat.

Hertel, – schloß mein Freund dann seine Erzählung, – wurde – sehr gelinde – zu einer dreijährigen Gefängnißstrafe verurtheilt. Nach ihrer Verbüßung wird man ihm unter einem andern Namen ein Unterkommen in Amerika verschaffen. Der Credit meines Freundes B. ist seit der Wiedererlangung des Geldes ein unerschütterlicher.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: engste