Gräfe und die Augenklinik

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Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Gräfe und die Augenklinik
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 188–192
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Gräfe und die Augenklinik.

Wenn man in Berlin in den Mittagsstunden zwischen ein und drei Uhr längs der Louisen-, Neuen Wilhelm- und Karlsstraße bis in die Nähe des Unterbaums wandert, so begegnet man täglich zu derselben Zeit verschiedenen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts, welche mehr oder minder durch ihre Haltung, oder durch andere äußere Kennzeichen verrathen, daß das edelste Organ ihres Körpers erkrankt ist, daß der Quell des Lichts, ihr Auge, leidet. Die Meisten tragen charakteristisch blaue Brillen und der Berliner Volkswitz hat den Patienten den Namen „Gräfinnen“ gegeben, weil sie dies auf Anordnung des berühmten Augenarztes Gräfe thun. Wir schließen uns der immer größer werdenden Menge von Kranken an, und gelangen mit ihnen zu gleicher Zeit vor einem großen, vierstöckigen Hause in der Karlsstraße an, welches über der Thür die einfache Aufschrift „Augenklinik“ trägt. Das ziemlich große Vorzimmer ist mit Hilfesuchenden so gefüllt, daß Viele noch auf dem Hausflur Platz suchen müssen. Wir werfen einen flüchtigen Blick auf die Anwesenden, welche größtentheils dem unteren Bürgerstande und der arbeitenden Classe angehören. Hier begegnen wir dem kräftigen Maschinenbauer, dem bei seinem schweren Werke ein Metallsplitter in das Auge gedrungen ist, dort schützt ein junges Mädchen lichtscheu ihr Auge vor den blendenden Strahlen der Sonne. Jene arme Frau begleitet ihren Mann, den Ernährer einer Familie, der in Gefahr steht, zu erblinden; eine zärtliche Mutter beruhigt ihr weinendes Kind, dessen starre, unbewegliche Pupille ein tieferes Leiden des Sehvermögens verräth, und ihr mütterliches Herz mit schwerem Kummer erfüllt. In einem größeren Zimmer erblicken wir mehrere junge Männer mit diesen Patienten beschäftigt, ihre Klagen anhörend und ihre Meldungen entgegen nehmend. Mitten unter ihnen sitzt ein schlanker Mann von ungefähr neunundzwanzig Jahren. Sein edles, geistreiches Gesicht ist von langen dunklen Locken umgeben, die fast bis auf die Schultern reichen, ein voller Bart zieht sich um Wangen und Kinn. Vor ihm steht ein Tisch, auf welchem sich mehrere Gläser mit medicinischen Flüssigkeiten, einige Pinsel und verschiedene augenärztliche Instrumente befinden. Jetzt winkt er und ein Patient setzt sich vor ihm auf den Stuhl, der junge Arzt sieht ihn mit prüfenden Blicken an, richtet einige kurze, aber bestimmte Fragen an den Leidenden, taucht den Pinsel ein, oder greift nach den vor ihm liegenden Instrumenten, und entfernt mit Blitzeschnelligkeit einen fremden Körper, oder träufelt einen kräftigen Heilstoff in das kranke Auge. Im nächsten Augenblick schon sitzt ein anderer Patient auf dem Stuhle, und dasselbe Schauspiel wiederholt sich im Laufe der wenigen Stunden mehr als hundertmal. Dazwischen wendet sich wohl auch der junge Arzt an einige ältere Herren, und spricht einige kurze Worte über den vorliegenden Krankheitsfall.

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Die Gartenlaube (1857) b 189.jpg

Dr. Gräfe.

Diese Fremden, welche aus Belgien, Frankreich, England und aus allen Theilen Deutschlands herbeiströmen, verfolgen mit gespannter Aufmerksamkeit sowohl die Operationen, wie die eingestreuten Bemerkungen des jugendlichen Mannen. Es sind Aerzte, die hierher gekommen sind, um ihre Kenntnisse zu bereichern.

Immer mehr Kranke kommen aber in das Zimmer, um Rath und Hülfe für ihre Leiden zu suchen. Die Thätigkeit eines Menschen kann unmöglich ausreichen. Einige Assistenten theilen sich in die Arbeit; der Eine von ihnen führt das Krankenjournal, worin jeder einzelne Fall genau vermerkt und numerirt wird, der Andere verschreibt die nöthigen Recepte und ein Dritter beschäftigt sich mit der genauesten Untersuchung in einer besondern dunklen Kammer, welche von einer Lampe auch am Tage künstlich erleuchtet wird. Hier werden nicht nur die Störungen des Sehvermögens, sondern auch die tiefern, innern Veränderungen des Organs vermittelst des Augenspiegels geprüft und in überraschender Weise festgestellt. Endlich sind alle Patienten befriedigt. Der junge Arzt erhebt sich und thut noch einen Gang nach den obern Sälen des Gebäudes, wo sich noch 80 bis 100 Patienten in der s.  g. stabilen Klinik befinden.

Hier wandert er von Lager zu Lager, den Kranken Hülfe und Trost spendend. Von zwei Heildienern geführt, erscheint jetzt vor ihm ein gänzlich Erblindeter mit jenem unendlich rührenden, klagenden Zug im Angesicht. Wem fallen nicht dabei die schönen Worte des deutschen Dichters ein:

O, eine edle Himmelsgabe ist
Das Licht des Auges. – Alle Wesen leben
Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf –
Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Licht,
Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht
Im ewig Finstern – ihn erquickt nicht mehr
Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz,
Die rothen Firnen kann er nicht mehr schauen –
Sterben ist nichts – doch leben und nicht sehen,
Das ist ein Unglück. –

[190] Ein solcher Unglücklicher steht jetzt vor dem jungen Arzte, und erwartet von seiner Hand das goldene Licht oder ewige, hoffnungslose Nacht. Aus einem zierlichen Kästchen zieht der Operateur ein kleines Messer und eine Nadel hervor. Seine Assistenten halten das Haupt des Kranken, der auf einem Lehnstuhl sitzt. Mit sicherer Hand stößt der Arzt sein Messer in den Augapfel, ein kurzer Schrei ertönt von den Lippen des Blinden, einige Blutstropfen rieseln über seine Wimpern und schon im nächsten Moment sieht er froh schaudernd das Licht des Tages und die Gesichter der Umstehenden. Freudig zitternd dankt er seinem Retter; doch schnell wird die schützende Binde über sein Auge gelegt, da das eben operirte Organ der größten Schonung bedarf, und noch nicht die Helle des Tages ertragen kann. – Jetzt nähert sich ein reizendes Kind an der Hand des Vaters; aber das anmuthige Gesicht wird durch häßliches „Schielen“ entstellt. Zitternd läßt sie sich auf den Stuhl nieder, während der besorgte Vater beruhigend hinter ihr steht. Ein einziger Schnitt lost die Spannung der Muskeln und hebt diese Verunstaltung des lieblichen Mädchens. – Dort der alte Mann ist ein merkwürdiger Patient; auch sein Sehvermögen ist gestört und er steht in Gefahr, zu erblinden. Der Grund feines Leidens war bisher ein Räthsel geblieben, und erst der Augenspiegel hat darüber die nöthige Aufklärung gegeben. Betrachtet man mit demselben und einer Lupe das somit zugängliche Innere des Auges, so entdeckt man in der Tiefe desselben einen weißen, herumschwimmenden Körper in Gestalt einer Blase. Deutlich sieht man einen Kopf, der sich hin und her bewegt. In der That, wir haben es mit einem lebenden Wesen, einem Wurm zu thun, der sich in das edle Organ eingenistet hat und dasselbe zu vernichten droht. Durch eine kleine Oeffnung wird das Thier mittelst einer Nadel herausgezogen, und das Auge so gerettet. – Noch manche interessante Operation findet im Laufe des Vormittags statt, dann wendet sich der Arzt an die Genesenden. Für jeden hat er ein freundliches Wort, einen theilnehmenden Blick. Sie drängen sich um ihn, sie danken ihm bald laut, bald stumm, aber um so inniger; der Familienvater, dem er das Augenlicht wiedergegeben, und den er somit zur neuen Arbeit fähig gemacht hat; der Handwerker, der Gelehrte, die Mutter, welche ihre Kinder wieder sehen kann; das junge Mädchen, das mit frischer Lust der erhellten Zukunft entgegensieht; der Jüngling, den er seinen Studien wiedergegeben hat, und das zarte Kind; sie Alle danken ihm das größte Glück des Lebens, das Licht der Sonne, den Anblick der Natur, ihrer Lieben, ihrer Freunde.

Dieser glückliche Arzt nun, der kühne Operateur, der geniale Lehrer in einem Alter, wo Andere meist noch Schüler sind, ist, wie der Leser bereits errathen haben wird, kein Anderer, als der berühmte Augenarzt Albrecht von Gräfe. Sein Vater, der ausgezeichnete Chirurg Carl von Gräfe, starb mit Hinterlassung eines bedeutenden Vermögens, während Albrecht noch im Kindesalter stand. Für seine Erziehung sorgte mit aufopfernder Liebe seine Mutter, Auguste von Alten, durch die Wahl trefflicher Lehrer, unter denen besonders Dr. Güzel einen bedeutenten Einfluß auf seinen Zögling ausübte. Ihm verdankte Gräfe, daß seine großen Anlagen für Mathematik frühzeitig geweckt und ausgebildet worden sind. Er ging auch in der That mit der Idee ernstlich um, vorzugsweise Mathematiker zu werden. Erst später wandte er sich den Naturwissenschaften zu, von denen er die Chemie und Physik wieder mit großer Vorliebe trieb. Sie führten ihn allmälig und naturgemäß zur Medicin, wobei vielleicht das Vorbild des würdigen, verdienstvollen Vaters, die Erinnerungen aus der Kinderzeit nicht ohne Einfluß geblieben sind. Gräfe beendete die vorgeschriebene Studienzeit in Berlin, woselbst er auch promovirte und sein Staatsexamen ablegte.

Im Jahre 1848 trat der noch sehr junge Doctor, er war damals erst zwanzig Jahre alt, in Begleitung einiger Jugendfreunde, die seine Studiengenossen waren, zu seiner weitern Ausbildung als Arzt eine wissenschaftliche Reife an. Er wandte sich zunächst nach Prag. Dort nahm ihn die neue Richtung in der Medicin, namentlich der diagnostische Theil derselben, in vollen Anspruch. Außerdem knüpfte er schon damals ein einflußreiches und dauerndes Freundschaftsverhältniß mit den Professoren Jaksch, Arlt und Dietrich an. Gräfe hat noch heute eine tiefe Vorliebe für die alte böhmische Königsstadt bewahrt, weil er dort, so zu sagen, die Zeit der ersten Liebe für die Medicin verlebte. Seitdem besucht er fast in jedem Jahre noch sein geliebtes Prag. Von hier begab er sich nach Wien und später nach Paris, wo er am längsten verweilte. Dort ist er gewissermaßen heimisch geworden, und die ersten Männer der Wissenschaft, wie Desmares und Sichel, zählt er noch heute zu seinen Freunden. Auch für Paris hat Gräfe eine große Neigung behalten, und so oft er kann, eilt er dahin, doch bleibt ihm daselbst nur wenig Zeit für sich, da er auch dort von Augenleidenden vielfach in Anspruch genommen wird. Nach einem kürzeren Aufenhalte in London, Dublin und Edinburg kehrte er endlich nach Berlin zurück, um daselbst als praktischer Arzt zu wirken. Schon in Prag fing Gräfe an, sich mit einer gewissen Vorliebe für die Augenheilkunde zu interessiren. Sein damaliger Freund, Professor Arlt, hat sicher das Verdienst, ihn zuerst dahin geleitet zu haben. In Wien eröffnete ihm bald Professor Jäger den Zugang zu dessen reichhaltigem Material. Doch konnte sich ein Mann wie Gräfe nicht mit dem vorhandenen Material und mit den Beobachtungen Anderer begnügen. Er schuf sich bald seine eigne Klinik, die nicht mit kranken Menschen, sondern mit kranken – Kaninchen belegt war. Gräfe hat mit seinen Freunden oft den ganzen Tag dazu verwendet, diese improvisirte Klinik abzuhalten und sich so fast spielend auf seinen künftigen Beruf vorzubereiten. Oft belief sich die Zahl dieser thierischen Patienten gegen achtzig, ja auch hundert Stück, welchen allen auf künstlichem Wege die verschiedensten Augenkrankheiten octroyirt waren. Ein jedes dieser Thiere hatte seine Nummer auf einem blechernen Täfelchen an einem Ohrringe hängen, und ebenso seine Nummer im klinischen Buche, worin auf das Genaueste sein Befinden von Tag zu Tag eingetragen wurde, bis der Sectionsbericht den Schluß der Krankengeschichte bildete. Diese Arbeiten in der Kaninchenwelt haben den größten Einfluß auf Gräfe’s weit und tief gehendes Beobachtungstalent am Menschen ausgeübt.

So vorbereitet und ausgerüstet, eröffnete er seine praktische Laufbahn mit einem überraschenden Erfolg. In kurzer Zeit war er bekannt und bald der gesuchteste Augenarzt der Residenz. Aus der Provinz, nicht nur aus dem preußischen Staate, auch von den fernsten Gegenden und Ländern strömen Augenkranke herbei, um die Hülfe und den Rath des trotz seiner Jugend so berühmten Arztes zu suchen. Nicht nur das Volk, sondern die vornehmsten Stände, selbst mehrere fürstliche Personen, haben ihm ihr Zutrauen geschenkt; nicht junge Studenten allein, sondern viele weit ältere Aerzte finden sich in seiner Klinik ein, um von dem berühmten Lehrer zu lernen. Einen solchen Erfolg kann nur das wahre Talent, nur das ächte Genie erringen, wenn man auch den günstigen äußern Umständen Rechnung tragen muß, welche Gräfe zu Statten kommen. Er hatte von seinem Vater einen schon berühmten Namen und ein so bedeutendes Vermögen geerbt, daß ihm die nothwendige Unabhängigkeit und die Mittel gesichert waren, um seine Pläne in einem großartigen Maßstabe auszuführen, und seine Laufbahn frei von jedem äußeren Hindernisse zu beginnen, womit sonst das Talent Jahre lang zu kämpfen hat, ehe es sich Bahn bricht und die gewünschte Anerkennung findet. Gräfe’s Verdienste um die Wissenschaft bleiben immer groß genug, wenn wir auch die ihm zu Gebote stehenden materiellen Hülfsmittel noch so hoch veranschlagen.

Er hat der Augenheilkunde einen neuen und kaum geahnten Aufschwung in einer so kurzen Frist gegeben, daß die Summe seiner Leistungen kaum glaublich scheint; ja es dürfte nicht zu viel gesagt sein mit der Behauptung, daß die außerordentliche Entwickelung der Ophthalmologie in den letzten Jahren sich meist in den Arbeiten Gräfe’s concentrirt. Er hat die Augenheilkunde, welche mehr oder minder als ein Anhängsel der übrigen Medicin und besonders der Chirurgie betrachtet wurde, zu einer Specialität erhoben, nicht aus Mangel an generalisirendem Geiste, nicht in der Weise einzelner Zeitgenossen, die über dem Studium der thierischen Zelle, oder vertieft in die wunderbaren Erscheinung der Physik und Chemie sich polypenartig auf einen Punkt fixiren, sondern weil der üppige Reichthum seiner Forschungen und die reichen Früchte seiner Beobachtungen und Erfahrungen auf einem beschränkten Boden nicht genügend ausgebreitet und mit einem getheilten Interesse nicht begriffen werden können. – Das Auge ist, wie bekannt, von allen Theilen des Organismus der Forschung am zu [191] gänglichsten, denn in seinem Baue gleicht es am meisten einem physikalischen Apparate und die Erfindung des Augenspiegels, auf die wir bald zurückkommen werden, hat ein Mittel zur Erkennung und Deutung aller krankhaften Veränderungen auf den Häuten des inneren Auges geliefert, welches für die Diagnose dieses Organs eine fast unumstößliche Gewißheit gibt. Alle diese Hülfswissenschaften, besonders die Mathematik und Physik, standen nun Gräfe in einem hohen Grade zu Gebote; dies in Verbindung mit einer streng physiologischen Auffassung und mit einer genialen Combinationsfähigkeit der theoretischen Regel mit der praktischen Thatsache machten es ihm möglich, die Augenheilkunde zu einer so streng gegliederten, mit feinen mathematischen Linien durchzogenen Wissenschaft zu erheben, als welche sie heutigen Tages von jedem gebildeten Arzte anerkannt wird. Ein besonderes Verdienst hat sich Gräfe durch die Anwendung des Augenspiegels erworben. Die Ehre dieser genialen Erfindung gebührt dem Professor Halmholtz in Königsberg, aber erst Gräfe hat dieselbe im ausgedehntesten Maße zu nutzen gewußt. Vermittelst dieser höchst einfachen Vorrichtung wurde es erst möglich, die tiefer liegenden und bisher verborgenen Zustände und Erkrankungen des inneren Augapfels zu erkennen und darauf ein neues und zweckmäßigeres Heilverfahren zu bauen. Die Construction des Augenspiegels gründet sich auf die Erfahrung, daß uns die Pupille des fremden Auges deshalb dunkel erscheint, weil die von den leuchtenden Körpern in das Auge fallenden Lichtstrahlen, welche von diesen zurückgestrahlt werden, wieder nach der Richtung der ersteren zurückfallen, so daß ein Auffangen derselben durch den direct in dieselbe Richtung vor das fremde Auge tretenden Beobachter, der auf diese Weise das Licht abschneidet, nicht möglich ist. Können wir daher unser eigenes Auge so postiren, daß wir diesen Uebelstand vermeiden, so werden wir das zu beobachtende, fremde Auge in vollster Beleuchtung ungehindert sehen und bis in seine Tiefen untersuchen können. Dies geschieht, indem wir durch einen in der Mitte perforirten Spiegel, den wir durch passende Beleuchtung zum Ausgangspunkte eines Strahlenkegels gemacht haben, nun in das fremde Auge blicken.

Mit dieser Erfindung ausgerüstet hat Gräfe der ganzen Augenheilkunde eine neue Gestalt und einen bestimmteren Inhalt gegeben, bisher ungekannte Zustände entdeckt, die innere Natur zwar bekannter, aber keineswegs erklärter Krankheiten dieses Organs aufgehellt und daraus ein sicheres, oft in seinen Resultaten überraschendes Heilverfahren hergeleitet. Unmöglich können selbst den gebildetsten Laien die einzelnen, wenn auch noch so wichtigen pathologischen Entdeckungen Gräfe’s in dem Maße interessiren, wie den Arzt, der mit gerechtem Staunen seine Leistungen auf diesem Gebiete bewundern wird. Nur mit einigen Andeutungen wollen wir uns daher begnügen, um nicht ganz den Beweis des Gesagten schuldig zu bleiben. So hat Gräfe z. B. eine schleichende Entzündung des inneren Augapfels (sclerotico-chorioditis posterior) zuerst als eine häufige Ursache der hochgradigen Kurzsichtigkeit und der darauf meist folgenden Erblindung durch Staar und Störungen auf der Netzhaut erkannt und durch zeitige Anwendung von Blutentziehungen mit Glück bekämpft. Mit Hülfe des Augenspiegels ist es ihm ebenfalls in jüngster Zeit gelungen, ein häufiges Leiden des Glaskörpers, unter dem Namen "der grüne Staar" bekannt, im Beginne sogleich zu entdecken und durch eine eben so einfache als geniale Operation die traurigen Folgen zu beseitigen. Derartige Patienten, welche früher rettungslos und zwar meist auf beiden Augen erblindeten, verdanken Grafes Forschungen von nun an ihr Augenlicht. Aeußerst interessant sind die verschiedenen Eingeweidewürmer, welche durch Gräfe in den Flüssigkeiten des Auges beobachtet und mit Glück entfernt worden sind. Auch diese seltene Krankheitsform führte früher meist unausbleibliche Erblindung herbei. Ein Hauptverdienst Gräfe’s besteht auch noch in der genauen Erforschung der Augenmuskeln und ihres Einflusses auf die verschiedenen Störungen des Sehorgans. Seine Arbeit über die Physiologie und Pathologie der schiefen Augenmuskeln, ebenso wie die über das Schielen gelten mit Recht als classisch.

Wir verlassen jetzt mit Gräfe seine Klinik. Er hat schon heute viel gethan; er ist um sieben Uhr früh aufgestanden und hat bis neun Uhr des Morgens gearbeitet, dann seine gewöhnliche Vorlesung abgehalten, die zum größten Theil von fremden Aerzten besucht wird. Bis drei Uhr nach Tisch dauerte der klinische Unterricht und die Abhaltung der Poliklinik, die von 100 bis 150 Augenkranken täglich besucht wird. Auch einige größere oder kleinere Operationen hat er bereits abgethan. Jetzt besteigt er den Wagen und sieht noch einige Patienten in der Stadt. Es ist bereits fünf Uhr, wenn er ermüdet in der Wohnung seiner Mutter anlangt, wo das Mittagbrod auf ihn wartet. Zuweilen nimmt er sich nicht einmal zum Essen Zeit und die Speisen werden ihm in den Wagen hineingereicht und schnell verzehrt. Um sechs Uhr beginnt die Privatsprechstunde in seiner Wohnung, die einige Stunden dauert und wo er ebenfalls täglich fünfzig bis achtzig Kranke empfängt und ihnen Rath ertheilt. Für jeden derselben hat er ein freundliches Wort, einen beruhigenden Trost und meist auch, wenn es nicht schon zu spät ist, sichere Hülfe. Jetzt erst beginnt Gräfe’s Arbeitszeit, die oft bis spät nach Mitternacht andauert. Wenig Männer in solch’ jugendlichem Alter und unter ähnlich glänzenden Verhältnissen dürften einen so hohen Grad von Selbstverleugnung besitzen und ihr ganzes Leben in dem Grade der Wissenschaft und dem Wohle der leidenden Menschheit weihen.

Gräfe’s einzige Erholung besteht in der Zusammenkunft mit seinen Jugendfreunden, mit denen er wie vor Jahren als lustiger Student an bestimmten Tagen sich vereint und in heiterer Ungebundenheit erfreut. Im Winter macht er mit ihnen seine gewohnte L’hombrepartie, im Sommer schiebt er am liebsten im Freien seinen Kegelstamm. So einfach sind seine Vergnügungen. Nur ungern erscheint er in größerer Gesellschaft, um so lieber bewegt er sich in einem kleinen Cirkel von gebildeten Frauen und Männern, zu denen einige Schriftsteller und eine rühmlichst bekannte und durch ihre Liebenswürdigkeit ausgezeichnete Künstlerin gehört. Hier herrscht ein heiterer, unbefangener Ton und auch Gräfe entfaltet dann seinen natürlichen Frohsinn und eine ansprechende Gemüthlichkeit. Gräfe hat den Grundsatz: Was man thut – ordentlich. In Folge dessen arbeitet er neun Monate ununterbrochen über Menschenkräfte; dafür gönnt er sich drei Monate, welche er auf Reisen zu seiner Erholung und Belehrung zubringt. In seiner Abwesenheit versehen seine Assistenten die Klinik und seine bedeutende Privatpraxis. Den größten Theil dieser Ferien verlebt er in den Hochgebirgen der Schweiz und Italiens, wo der Monte Rosa einer seiner Liebling-punkte ist. Jeder noch so unzugängliche Paß ist ihm dort bekannt, jede lohnende Spitze hat er bestiegen. In jenen Gegenden ist er wie in Berlin als Augenarzt, als Alpenfreund und rüstiger Bergsteiger bekannt geworden. Er fühlt sich stets zu seinen Bergen hingezogen. Ein wahrer Wanderbursche zieht er dann unter Sang und Scherz mit einigen Freunden fröhlich über Berg und Thal, alte Studentenlieder anstimmend und in der herrlichen Natur, von reineren Lüften angeweht, Stärkung und Erholung suchend. Nur ungern ertheilt er auf diesen Reisen Consultationen; wenn er jedoch gezwungen wird, gibt er sich mit mehreren Patienten an verschiedenen Orten ein Rendez-vous; so im letzten Jahre auf Isola Bella mit mehreren russischen Familien, welche seinen Rath und seine Hülfe suchten. – Neben diesem Sinn für Natur hat sich Gräfe einen regen Antheil an der Kunst, besonders an der Musik, trotz seiner vielen Beschäftigungen zu bewahren gewußt. In früherer Zeit interessirte er sich auch noch für Philosophie, er war ein leidenschaftlicher Anhänger des Hegel’schen Systems und viele Jahre ein eifriges Mitglied eines in Berlin bestehenden Hegelkränzchens.

Sein Charakter zeichnet sich besonders durch einen tiefen Gerechtigkeitssinn gegen sich und Andere aus in allen seinen Handlungen und Urtheilen. Gern erkennt er die Verdienste Fremder an, während er selbst mit der größten Bescheidenheit auftritt. Seinen Collegen gegenüber erscheint er eben so human, als zuvorkommend. Im Verkehr mit den Kranken entwickelt er eine wohlthuende Theilnahme; er flößt durch wenige Worte schon das größte Vertrauen ein. Arme und Reiche behandelt er mit derselben liebevollen Aufmerksamkeit. Seine Klinik steht den Dürftigen unentgeltlich offen und seine Wohlthätigkeit beschränkt sich nicht blos auf die Ertheilung eines Rathes. Einen großen Theil seiner bedeutenden Einkünfte verwendet er lediglich zum Wohle seiner Mitmenschen und zur Verbesserung ihrer Lage. Er hat schon Vielen nicht nur das Augenlicht, sondern auch das Brod gegeben. Seinen Freunden ist er der beste Freund, getreu in Leid und Freud’; zu diesen zählt er zunächst seine sämmlichen Assistenten, die mit ihm nicht nur seine Beschäftigungen, sondern aurZ seine Erholungen theilen. Er lebt mit ihnen auf ganz gleichem [192] Fuße und rechnet sie in jeder Beziehung zu seinen nächsten Angehörigen und Hausgenossen. Auch seine Dienerschaft, zu der seine Amme und der alte Kutscher Paddenheim, ein Erbstück der Familie, zählt, erfreuen sich einer selten humanen Behandlung. – Gräfe geizt nicht nach äußeren Zeichen der Anerkennung, die ihm in seiner Stellung leicht zu erreichen wären. Er hat sich in jeder Beziehung eine beneidenswerthe Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. – Für unsere Leserinnen dürfte auch die Nachricht nicht uninteressant sein, daß der berühmte Arzt noch unverheiratet ist.

Nur selten wird ein Mann bei so jungen Jahren eine ähnliche Stellung und in so kurzer Zeit erlangen. Gräfe verdankt dieselbe nicht nur seinem Talente, sondern weit mehr dem unermüdeten Fleiße und dem ernsten Streben, die ihn beseelen. Sein ganzes Leben legt dafür das schönste Zeugniß ab. Dadurch daß er sich ganz dem Dienste der Menschheit gewidmet hat, Alles seinem Berufe opfert, fast gänzlich auf die gewöhnlichen Zerstreuungen verzichtet, die Selbstverleugnung bis zur strengsten Askese treibt, Tag und Nacht der Wissenschaft nur lebt; hat er mit neunundzwanzig Jahren ein Ziel erreicht, das sonst nur dem gereiften Alter, der jahrelangen Erfahrung und einem Zusammenflusse günstiger Umstände zu Theil wird. Sein Name ist in ganz Europa bekannt, aber sein schönster Ruhm lebt im Munde von Tausenden, denen er das halbe Leben, den Quell des Lichts, die Sehkraft des erblindeten Auges bewahrt, oder wiedergegeben hat.

Max Ring.