Auf der Landpraxis

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Textdaten
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Autor: F. H.
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Titel: Auf der Landpraxis
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 228-230
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Auf der Landpraxis.

Wieder einmal ein Blatt aus dem liebsten Bilderbuche des deutschen Volks, aus dem seines eigenen Lebens.

Bekanntlich ist die sogenannte Genre-Malerei erst am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts als ein selbständiger Zweig der bildenden Kunst aufgetreten. Im Gegensatz zur Historienmalerei, welche sich auf die Darstellung religiöser und heroischer Momente der Geschichte beschränkte, suchte sie auf dem Markt und in den Wohnstuben, in den Werkstätten und in den Wirthshäusern, in der Natur und selbst in den Kirchen das Volk auf, nicht um bestimmte Individuen an sich, sondern um Individuen als Typen einer bestimmten Gattung (daher ihr Name Genre-, d. i. Gattungsmalerei) zur Darstellung zu bringen.

Man kann die Entstehung derselben auch anders deuten. Die Historienmalerei hatte ausschließlich der Kirche und den Thronen gedient; das Volk fand auf ihren Bildern nur dann eine Stelle, wenn es zur Verherrlichung jener geeignet war. Da erwachte zuerst bei den Malern eines freien Volks der Gedanke, daß dieses Volk selbst der Darstellung werth sei, und so ist durch die Niederländer zur Heiligen- und Helden- die Volks-Malerei gekommen.

Was ist es nun, das in den Gemäldesammlungen und an den Bilderläden die dichtesten Gruppen theilnehmend Beschauender gerade vor die Genrebilder fesselt? Eben ihr Charakter als Spiegelbilder des Volkslebens, als Gattungs-Darstellungen, in welchen Jedermann, bald in den Gestalten, bald in der Handlung, liebes, altes Bekanntes, Heimathliches, Selbstgesehenes, Selbsterlebtes oder in der Erinnerung aus dem Elternmunde Aufbewahrtes wieder erkennt. Diese Freude hat alle von uns bisher mitgetheilten Genre-Bilder unseren Lesern so lieb gemacht, daß wir es für unsere Pflicht halten, ihnen immer von Zeit zu Zeit ein neues Blatt von diesem Volkslebensbaum vorzulegen.

Und ist es denn nicht wahr? Hat Niemand den alten Arzt auf dem Landstädtchen einmal gesehen, wie er von Dorf zu Dorf wandert, um die wenigen Kranken zu besuchen, welche das gesunde Landleben vorkommen läßt, und wie Sigismund ihn schildert?

„Er war ein schlichter Bauerndoctor nur
Der wacker sich geplagt hat Jahre lang,
Jedoch auf keinen grünen Zweig sich schwang
Und hinterließ von Schätzen keine Spur. –

Er war ein simpler treuer Krankenwärter,
Der theilnahmsvoll die armen Leute pflegte
Und weicher ihre Schmerzenskissen legte. – – –“

Und wer ihn nicht selbst sah, haben nicht die Eltern von ihm erzählt, von dem ernsthaften Mann mit der großen Schnupftabaksdose, der doch auch so freundlich und gut sein konnte? Und das kranke Kind, wer sah nicht schon irgendwo das liebe leidende Gesichtchen? Und die junge Mutter, über

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Die Gartenlaube (1865) b 229.jpg

Das genesende Kind.
Nach dem eignen Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Ernst Fischer.

[230] deren Angst und Sorge jetzt eben die Hoffnung Herr wird, und das Großmütterchen, das etwas schwer zu hören scheint und desto angestrengter der Aussage des Arztes lauscht – kommen sie Beide uns nicht ganz bekannt vor? Es ist ein gar wohlthuendes Bild, voll Zuversicht auf gerettete Lebensfreude und voll stillen Friedens, den selbst des Herrn Doctors müder Spitz nicht stört, der die Katze auf der Ofenbank ruhig auf ihr Hausrecht pochen läßt.

Den Künstler, Ernst Fischer, hat ein ziemlich starker Umweg aus Coburg, seiner Vaterstadt, wo er am 6. November 1815 geboren ist, nach Dresden geführt, wo er gegenwärtig seinen Wohnsitz hat. Sein Kunsttalent zeigte sich so früh, daß er schon im fünften Jahre nach Zeichenunterricht verlangte, und er erhielt ihn von einem originellen Maurermeister, der nicht ohne geistigen Einfluß auf die volksthümliche Richtung Fischer’s gewesen sein mag. Wie viele jetzt namhafte Coburger Künstler (Schneider, Brückner, Prätorius, König. v. Dornis, Lehmann u. A.) erhielt auch Fischer die erste Kunstbildung in der berühmten Schmidt’schen Porzellanmalerei-Anstalt, die damals fast als Kunst-Akademie in Coburg blühte. Nachdem diese Anstalt im Jahre 1833 in Folge der politischen Bewegungen nach Bamberg übergesiedelt war, besuchte Fischer die Akademien von Dresden, Paris und Antwerpen, trug hier bei einer Concurrenz die goldene Medaille davon, übernahm dann selbst die Leitung der Schmidt’schen Anstalt in Bamberg, folgte aber bald darauf der Einladung seiner Brüder nach Nordamerika. Hier weilte er sieben Jahre in Baltimore, kehrte 1854 nach Deutschland zurück und wohnt seitdem in Dresden. Mehrere seiner früheren Bilder sind im Besitze des Herzogs von Coburg.

F. H.