Aus Ostfrieslands Hochmooren

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Textdaten
Autor: S. B.
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Titel: Aus Ostfrieslands Hochmooren
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 155–156
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1894) b 153.jpg

Kanalbau in den Hochmooren Ostfrieslands.
Nach einem Gemälde von Fr. Kallmorgen.

[155]
Aus Ostfrieslands Hochmooren.
(Hierzu das Bild S. 153.)

Die norddeutsche Tiefebene wird im Westen von einer Niederung eingenommen, die, mit Moor-, Gras- und Heideland abwechselnd bedeckt, ehemals eine große zusammenhängende Wildnis gebildet haben mag, heute aber dank der eingedrungenen Kultur durch die eingeflochtenen Dorfschaften und Ackerfluren ihr einstiges Aussehen völlig verändert hat. Nur in seinem nordwestlichen Teile zwischen Ems und Jade hat das eigentümliche Land noch viele seiner alten charakteristischen Züge bewahrt, und wer heute Ostfriesland von Emden aus durchwandert, der wird in den bis an die Jade reichenden ostfriesischen Moorbezirken noch ganz urwüchsige Zustände treffen. Auf Meilenweite dehnt sich oft ebener Boden, der seine braunen melancholischen Flächen bis unter den Nebel des Horizonts ausbreitet, ein gleichmäßiges düsteres Torfland mit der einzigen Abwechslung üppig wuchernder Sumpfpflanzen, hochstaudiger Riedgräser, Binsen und des blütenreichen Schaumkrautes.

Die Dorfschaften sind in den Hochmooren Ostfrieslands nicht zahlreich, und was hier sonst noch die einzige Abwechslung giebt, das sind blinkende Wasserstreifen von Gräben und Kanälen, die sich wie Silberfäden durch den Grund des Landes ziehen, mit ihrem Graswuchs und ihren Schilfbüscheln „dat gräne Land“ genannt. Wie die Pioniere der Civilisation im Westen der Vereinigten Staaten mit der Eisenbahn vorgedrungen sind, so haben sich die Bewohner der westdeutschen Hochmoore den Boden mit ihrem Kanalbau unterthan gemacht. Freilich ist diese Kulturarbeit sehr einfacher Art gewesen. Um sich des natürlichen Reichtums des Moorlandes, des Torfes nämlich, zu bemächtigen, haben sie zunächst diese Kanäle in Abzweigungen von den Flüssen angelegt, und hierauf, um die Erde zu entwässern und sie für ihre geringen Bedürfnisse anbaufähig zu machen, diese Kanalanlagen in ein System gebracht, mit den Flüssen und damit mit der übrigen Welt verbunden. Der Torf spielt hier als ein von der Natur freigebig gespendetes Geschenk eine große Rolle. Mehr noch wie die Steinkohle in England ist er in diesen Moordistrikten für die Bewohner ein Gegenstand von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Er ist nicht nur der Brennstoff in allen Dörfern, das vorherrschende Baumaterial für die Stallungen und die für dieses Moorland charakteristischen „Hutten“, er glüht nicht nur unter den Kesseln der Lokomotiven auf den ostfriesischen Eisenbahnen, sondern er ist vor allen Dingen auch eine wichtige Handelsware und giebt der friesischen Hausindustrie vielfache Beschäftigung, indem er zu „Torfpapier“, „Torftapeten“ und anderen Torfartikeln verarbeitet wird. Ja zu noch wichtigeren Diensten sucht man neuerdings diese unerschöpflichen Torflager heranzuziehen, indem man die aufsaugende, bindende Kraft des merkwürdigen Materiales der Landwirtschaft zu nutze macht. Die getrockneten und dann durch Maschinen zu Fasern zerkleinerten Torfstücke liefern dem Landmann eine Stallstreu, welche dem bisher üblichen Stroh unvergleichlich überlegen ist und bei größeren Viehständen sowohl für die Gesundheit der Tiere als für die spätere Ausnutzung zu Düngerzwecken unberechenbare Vorteile gewährt.

Der Torfstich ist eine sehr alte Nutzanwendung des Moorbodens. Schon der Römer Plinius hat davon berichtet, und wenn er an einer Stelle seiner „Naturgeschichte“ fagt, daß die Chauken die „brennbare Erde“ ihres Landes, mit der „sie ihre Speisen kochten und ihren Leib wärmten, viel mehr mit Hilfe der Winde als der Sonne trockneten“, so ersehen wir daraus, daß die Art und Weise des Trocknenlassens der ausgehobenen Torfmassen, von der gleich die Rede sein wird, hier uralt ist.

Die Thätigkeit in den Mooren beginnt schon mit dem Schneeschmelzen im Frühjahr. Die Moorbewohner wandern dann hinaus von ihren Dörfern „wie die Hirten auf die Alm“ und beziehen ihre Sommerwohnungen, d. h. die „Hutten“, einfache mit niedrigem Strohdach gedeckte Torfgemäuer, welche in ihrem Innern nichts enthalten, was wir sonst mit der Vorstellung von einer menschenwürdigen Häuslichkeit zu verbinden pflegen. Die Arbeit besteht im Abbau der Kanäle. Mit strohumwundenen Füßen wird tief im Morast solange gegraben, bis die reife Torfschicht abgestochen ist. An den Seiten der Kanäle wird der Torfbrei ausgebreitet, zu sogenannten „Petten“ glattgetreten und der Luft zum Trocknen überlassen, nachdem mit Hilfe großer Messer die Zerteilung in kleine „Sohlen“ vorgenommen worden ist.

Wenn Luft und Sonne dieses Geschäft des Austrocknens besorgt haben, wird zur Ernte geschritten. Die Torfsohlen werden zu diesem Zweck nach den schiffbaren Kanälen zusammengetragen und hier ähnlich wie die Getreiderocken auf den Feldern zu hohen pyramidenförmigen „Ringeln“ aufgehäuft. Später werden dann in die Kanäle Kähne bugsiert, welche die Beförderung der braunen Ware nach den Sammelstellen in den Dörfern besorgen. Die Torfarbeit ernährt große Dörfer und Gehöfte, die auf dem abgebauten Moorgrunde entstanden sind und sich in einen ansprechenden Schmuck von schillernden Wiesen, Kornfeldern und Gehölzen zu kleiden verstanden haben.

Die meisten Moorkulturen sind in Ostfriesland sowohl wie auch in den Moordistrikten an beiden Ufern der Ems nach holländischem Muster angelegt. Dieses holländische System, welches am großartigsten in den östlichen Provinzen der Niederlande, in Groningen, Drenthe, Overyssel, zur Ausbildung gelangt ist, besteht der Hauptsache nach darin, daß von den Moorrändern oder von einem Fluße aus ein Kanal – neuerdings auch deren zwei nebeneinander – in das Moor hineingebaut und daß von diesem Hauptkannal wieder Seitenkanäle, sogenannte „Inwieken“ d. h. Einlenkungen rechtwinklig abgezweigt werden. Auf diesen Kanalläufen dringen Ansiedler mit Hacken und Spaten vor, tragen die oberen Moorschichten ab, gewinnen aus den tieferen Schichten den Torf und bereiten den dazwischen liegenden Boden durch Vermengung mit künstlichen Düngmitteln zur Ackererde vor. So haben die Holländer von den Ufern der Yssel aus ihre „Moorkolonien“ in das Land vorgeschoben und dadurch, daß sie diese Anfänge des Kanalnetzes weiter ausgedehnt und über die großen Provinzen Overyssel, Drenthe, Groningen und Friesland bis an die Nordseeufer weiter geführt haben, die ganze Gegend dem Ackerbau und der Viehzucht dienstbar gemacht. Die „Holländereien“, welche heute in gemächlichen Abständen auf diesen ehemaligen Sumpfflächen angelegt sind, gehören zu den reichsten und behäbigsten Bauernsitzen. Der Segen geht in diesen Fruchtländern hinter dem Pfluge, und große Herden des vorzüglichsten Zuchtviehes grasen auf den grünenden Weiden der einstigen Hochmoore.

Auch in unseren ostfriesischen Marken ist, und zwar seit Jahrhunderten, an der Moorbesiedlung gearbeitet worden. Papenburg, Aurich, Emden, Norden, Leer, die lustigen blühenden [156] Handels- und Gewerbestädte in dem grünen, kanaldurchsägten Lande zwischen Ems und Iade – sie alle verdanken, wenn sie nicht selbst ehemalige Moorkulturen sind, ihren Wohlstand doch völlig der Urbarmachung, welche die vergangenen Jahrhunderte an den endlosen Mooren Ostfrieslands vollzogen haben. Aber diese Flächen sind zu groß, als daß die Thätigkeit des Einzelnen sie ganz bezwingen könnte, und so dehnen sich auch heute noch zwischen blühenden Ortschaften Tausende von Quadratkilometern welche dem Auge das Bild des echten, wüstenhaften Hochmoores gewähren. Nur stellenweise werden diesen Einöden kümmerliche Buchweizenernten durch den sogenannten „Moorbrand“ abgewonnen, eine primitive Art der Bestellung, welche aus der Verbrennung der obersten, ausgetrockneten Riedschicht beruht und für Westdeutschland den lästigen, das Klima verschlechternden „Haarrauch“ oder „Herauch“ im Gefolge hat.

Hier nun setzen die jüngsten Bestrebungen des preußischen Staats ein, welcher seit Friedrich dem Großen selbst Besitzer umfangreicher Moorstrecken in Ostsriesland ist. Ausgedehnte Kanäle sind erforderlich, um in großem Maßstabe die Moorkolonisierung anzugreifen, diese aber kann die Kraft des Einzelnen nicht schaffen sondern nur staatliches Vorgehen.

Und daran hat es zum Glück seit einigen Jahren nicht mehr gefehlt. Im Westen der Ems ist das früher unzugängliche Moor von Bourtange auf 45 Kilometer Länge vom Süd-Nordkanal durchschnitten, dessen Seitenarme nach Osten zur Hauptader des Landes, zur Ems, nach Westen ins holländische Kanalsystem übergreifen; 50 000 Hektar Landes stehen längs der neugeöffneten Kanäle der Besiedlung frei, ebenfalls große Strecken längs der kräftig geförderten Kanäle rechts der Ems, und 10 000 Hektar nördlich davon, wo ein neuer Kanal das Wiesmoor bei Aurich geöffnet hat. Auch die Art der Moorkultur ist eine andere geworden. Nur auf ziemlich hohen Moorflächen ist die oben geschilderte Torfkultur anwendbar, da in tiefliegenden Mooren die Wasserableitung nicht gelingen kann; auch darf man, nun die Besiedlung in verstärktem Umfange vor sich geht, nicht durch übermäßiges Angebot den älteren Kolonien ihren ohnehin schwierig werdenden Torfabsatz erschweren. Deshalb wird in den jungen Kolonien die erst seit kurzem eingeführte und für den Roggen-, Hülsenfrucht- und Kartoffelbau trefflich bewährte Hoch- oder Dammkultur zur Anwendung gebracht. Ohne Rücksicht auf die Torfgewinnung wird nur die obere Moorschicht gelockert, und durch Vermischung mit Erde oder mit Schlamm, wie ihn die Baggerungen in dem benachbarten Bremerhaven und Wilhelmshaven massenhaft liefern, in Ackerkrume verwandelt. Eine nachfolgende Düngung bringt den Boden schnell zu überraschender Fruchtbarkeit.

So scheint denn für die ostfriesischen Moore, welche noch zur Aufnahme Hunderttausender von Familien Platz bieten, eine neue, gesegnete Zeit anzubrechen. Ueberall haben die Kolonisierungsarbeiten erfreuliche Fortschritte gemacht. Aus den ehemaligen Torfkolonisten sind wohlhabende Bauern geworden, die Zahl der Moordörfer hat sich schnell vermehrt und vielfach sieht man auch schon mitten im Hochmoor aus dem Rahmen der braunen Oede das freundliche Bild anmutiger Gehöfte hervortreten. In mühevollem Schaffen ist der unfruchtbaren Wildnis Schritt für Schritt der Boden abgerungen worden, und mit hoher Achtung ruht darum das Auge auf den fleißigen Arbeitern, die unsere Abbildung eines solchen

Kanalbaues in Ostfrieslands Hochmooren uns vorführt.
S. B.