Die Osterinsel

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Autor: Paul Schellhas
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Titel: Die Osterinsel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 156–158
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Reihe: Dunkle Gebiete der Menschheitsgeschichte
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[156]
Dunkle Gebiete der Menschheitsgeschichte.

Von Dr. P. Schellhas.

Die Osterinsel.


Die jüngsten Zweige der Wissenschaft vom Menschen, die Urgeschichte und die Völkerkunde, für die in unserer Zeit eine Fülle von Stoff aus allen Gegenden der Erde zusammengebracht worden ist, haben so manche Frage, die sich an die Geschichte der Menschheit, die uralten Wandlungen und Beziehungen des Menschengeschlechts knüpft, glücklich gelöst. Aber anderseits haben uns diese Forschungen auch neue Gebiete eröffnet, ganz fremden Boden, auf dem unserer Erkenntnis enge Grenzen gezogen sind, sie haben uns hier und da vor Rätsel gestellt, deren Lösung für jetzt – und in vielen Fällen wohl für immer – unmöglich ist. Aber gerade das Suchen auf diesen Grenzgebieten hat ein eigenes und fast romantisches Interesse: es eröffnet weite Ausblicke in unbekannte Fernen der Vorzeit, es erfüllt uns mit dem Reiz des Geheimnisvollen und zugleich mit der Hoffnung auf überraschende und ungeahnte Ergebnisse und Entdeckungen. Eins dieser entlegenen Gebiete der Menschheitsgeschichte ist schon bei einer anderen Gelegenheit, in den Aufsätzen „Altamerikanische Kulturbilder“ im Jahrgang 1892 der „Gartenlaube“ (Nr. 42 und 45) behandelt worden; es ist nicht das einzige.

Die Gartenlaube (1894) b 156.jpg

Steinmale auf der Osterinsel.

Mitten in der Südsee, im östlichen, inselärmeren Teile des gewaltigen Stillen Oceans, liegt, als einer der letzten Vorposten des Südseearchipels, einsam ein Inselchen von nur 118 qkm Flächenraum (also kaum ein Achtel der Größe der Insel Rügen), über 400 Meilen entfernt von dem nächsten Festland, den Küsten Chiles und Perus. Auf allen Seiten umgiebt es der offene, freie Ocean, sein nächster Nachbar ist der 60 Meilen östlich gelegene unbewohnte Felsen Sala y Gomez, der durch das schöne gleichnamige Gedicht Chamissos bekannt ist. Das Inselchen ist die im Jahre 1722 von dem holländischen Seefahrer Roggeveen entdeckte Osterinsel (in der Sprache der Eingeborenen auch „Waihu“ oder „Rapanui“ genannt), und an sie knüpft sich eine jener dunklen menschheitsgeschichtlichen Fragen.

Es war am Ostermontag, als Roggeveen die Insel entdeckte, und sie erhielt danach ihren Namen. Schon der holländische Seefahrer berichtet von wunderbaren Spuren einer alten Kultur, von einer großen Zahl riesiger Steinfiguren in Menschengestalt und von anderen alten Denkmälern, die er auf der Insel bemerkt hatte. Nach ihm besuchte der Weltreisende Cook im Jahre 1774 das Eiland, dann kamen der Franzose La Pérouse, Kotzebue (1816) und andere, aber erst in unserer Zeit, nachdem die ethnologische Forschung ihre Aufmerksamkeit auf die merkwürdigen Ueberreste einer verschwundenen Kultur auf der einsamen Insel gerichtet hatte, fing man an, eingehendere wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen. So geschah dies in den Jahren 1870 und 1874 durch die französischen Kriegsschiffe „La Flore“ und „Saignelay“, und im Jahre 1882 besuchte das deutsche Kanonenboot „Hyäne“ unter dem Kommando des Kapitänlieutenants Geisler die Insel im besonderen Auftrage der kaiserlichen Admiralität, um Material zu sammeln für die Forschung auf diesem interessanten Gebiet und Altertümer von dort für die ethnologischen [157] Sammlungen der Museen zu erwerben. Die Ergebnisse dieser Expedition sind veröffentlicht, und im Museum für Völkerkunde in Berlin befinden sich zahlreiche Gegenstände alten und neueren Ursprungs von der Osterinsel, die bei jener Gelegenheit erworben worden sind, vielfach letzte Ueberbleibsel einer entschwindenden Zeit, denn die europäische Kultur überzieht allmählich auch die entlegensten Inseln der Südsee.

Es sind, wie schon angedeutet, die Spuren einer alten, verhältnismäßig hohen Kultur, die auf der Osterinsel unser Erstaunen hervorrufen, und die unlösliche kulturgeschichtliche Frage,


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Steinbilder am Krater Rana Roraka.


vor die uns jene Spuren stellen, ist die: wie erklärt sich der Ursprung und die Herkunft dieser entschwundenen Kultur aus der öden, einsamen Insel, bei ihrer geringen Bevölkerungszahl?

Die Altertümer auf der Osterinsel sind verschiedener Art. An mehreren Punkten finden sich nicht weit vom Strande des Meeres in der Ebene breite Plattformen, etwa 2 Meter hoch und 20 Meter lang, aus großen Quadersteinen nach den Regeln der Baukunst völlig kunstgerecht ohne Hilfe von Mörtel erbaut. Auf diesen Plattformen (vgl. die Abb. S. 156) standen große rohbehauene Statuen aus grauem Stein bis zu 9 Metern Höhe in der Form der antiken Hermen, viereckige Blöcke, die oben in einen Menschenkopf auslaufen. Auf dem Kopfe trugen diese Statuen mächtige cylinderförmige Aufsätze wie Hüte, aus einem anderen Steinmaterial als die Figuren, einer rötlichen Lava. Jetzt sind diese Hüte sämtlich herabgeworfen und zertrümmert, die Figuren umgestürzt. Alle liegen auffallenderweise mit dem Gesicht nach oben und dem Kopf nach Westen. Wer mag sie umgestürzt haben? Einige dieser Steinkolosse sind nach Paris, andere nach London in das Britische Museum übergeführt und so vor dem gänzlichen Untergang gerettet worden.

Eine zweite, ganz verschiedene und anscheinend jüngere Art von steinernen Bildwerken steht am Abhänge des Kraters Rana Roraka, eines erloschenen Vulkans. Dort erheben sich ohne Plattformen, wie aus der Erde gewachsen, große plumpe steinerne Gesichter ohne Körper und Büste und ohne die roten Lavahüte. Sie starren mit eigentümlich unzufriedenem Gesichtsausdruck nach dem Meere und machen einen fast gespensterhaften Eindruck.


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Inschriftentafel von der Osterinsel.


Die beiden Arten von Steinbildern gehören unzweifelhaft verschiedenen Perioden der unbekannten Geschichte der Insel an. Im ganzen haben frühere Beobachter fast 200 solche Idole auf der Insel gezählt.

Auch die ehemaligen Verfertigungsstätten dieser Bildwerke hat man aufgefunden. Sie waren an den Abhängen der Bergwände gelegen, hier wurden die Statuen aus dem Felsen herausgemeißelt, dann abgetrennt und mit Hilfe von Seilen den Abhang hinabgelassen. Noch jetzt kann man die Herstellung der steinernen Kolosse verfolgen, denn die alten Bildhauer sind mitten in ihrer Thätigkeit auf und davon gegangen. Angefangene und halbfertige Figuren haften noch unabgelöst an der Felswand, in allen Stadien der Ausarbeitung, von den ersten rohen Umrissen bis zur Vollendung. Auch die steinernen Meißel, mit denen die Arbeit ausgeführt wurde, haben die alten Steinmetzen zum Teil liegen gelassen; Kapitänlieutenant Geisler hat zwei dieser Werkzeuge mitgebracht.

Außer diesen Denkmälern hat man Fundamente von ehemaligen Behausungen der Eingeborenen aufgedeckt, ferner zahlreiche Grabmäler und niedrige Steinhäuser, halbverschüttet und im Innern nicht selten mit Einritzungen und farbigen Figuren versehen.

Im Jahre 1870 kam nun die Nachricht einer überraschenden Entdeckung nach Europa, die zu den ausschweifendsten Vermutungen Anlaß geben mußte. Der französische Missionär Roussel entdeckte auf der Osterinsel drei hölzerne Tafeln mit Hieroglyphenschrift! Nirgends deuteten sonst in Australien und bei den Völkern der polynesischen Inselwelt Spuren darauf, daß dort jemals, wie in anderen Erdteilen, eine höhere Gesittung zur Entwicklung gelangt sei, nichts deutete darauf, daß der australische Mensch irgendwo die Grenzen des rohen Wilden überschritten hatte. Die Schrift, jene wichtige Sprosse auf der Leiter zur Kultur, schien bei den Eingeborenen des jüngsten Erdteils gänzlich zu fehlen. Und nun lagen plötzlich die Proben einer solchen von der einsamen und öden Osterinsel vor, deren Steindenkmälern man ohnehin schon so ratlos gegenüberstand. Hier war für abenteuerliche Hypothesen der weiteste Spielraum geöffnet.

Die Funde solcher Holztafeln – die ersten sind jetzt im Museum zu Santjago in Chile -– vermehrten sich bald, so daß heute in mehreren europäischen Museen, darunter auch im Berliner Museum für Völkerkunde, Proben dieser alten Reste einer untergegangenen Bildung im Original und in Abgüssen zu sehen sind.

Die Schrift, die sie aufweisen, besteht ans eingegrabenen hieroglyphenartigen Zeichen, ähnlich den ägyptischen, und läuft von rechts nach links und von unten nach oben. Die gleichmäßige Art, wie die Zeichen ausgeführt sind, verrät so große Gewandtheit, daß man an berufsmäßige Schreiber denken muß. Das Holz der Tafeln stammt zum größten Teil von der einzigen auf der Osterinsel vorkommenden Baumart, andere mögen wohl aus angeschwemmten Hölzern verfertigt sein – wenn man nicht zu wunderbaren Deutungen greifen will.

Solche wunderbare Deutungen knüpften sich aber naturgemäß an diese Entdeckung. War die Osterinsel der letzte Rest eines untergegangenen, von Kulturvölkern bewohnten Erdteils, den der Ocean verschlungen hatte wie die sagenhafte Atlantis der Griechen? Oder stand diese Kultur in Zusammenhang mit den alten civilisierten Ländern Amerikas, mit den Bewohnern Perus, mit den Völkern Centralamerikas, von denen die Insel Hunderte von Meilen durch das offene Meer getrennt ist? Bedeutende Kenner der amerikanischen Altertumskunde traten für diese letztere Vermutung ein. Denn darüber konnte kein Zweifel bestehen, daß der Ursprung einer solchen verhältnismäßig hohen Gesittung auf der kleinen vereinzelten Insel nicht zu suchen war. Aber schon Wilhelm von Humboldt hatte nachgewiesen, daß jedenfalls zwischen den Sprachen der polynesischen Inseln und denen Amerikas nicht die entfernteste Verwandtschaft besteht. Dennoch konnten ja in frühen Perioden der Geschichte Keime amerikanischer Kultur nach der Osterinsel gelangt sein, und der berühmte englische Geograph Markham suchte solche Beziehungen zwischen den vorgeschichtlichen Ruinen am Titicaeasee in Peru und den Denkmälern der Osterinsel.

Man schätzte erklärlicherweise auch das Alter der Ueberreste auf der Osterinsel gewaltig hoch. Sie mußten die Zeugen einer längst vergessenen, grauen Vorzeit sein, denn die heutigen Eingeborenen [158] schienen keinerlei Kunde von ihrer Entstehung zu hoben, sie konnten die Zeichen auf den Tafeln nicht deuten und standen ohne eine Spur von Verständnis vor den steinernen Bildsäulen. Kein Lichtstrahl schien aus der Vergangenheit zur Erklärung dieser Altertümer in die Gegenwart zu fallen.

Indessen die neueren Untersuchungen haben ergeben, daß das nicht ganz richtig ist. Es war jedenfalls auch eine höchst überraschende Entdeckung, als man wahrnahm, daß die Ueberlieferung doch noch nicht so völlig abgerissen ist, daß vielmehr unter den Eingeborenen der Insel noch heutigestags Reste einer überkommenen Kunde lebendig sind, die sich an die Ueberbleibsel der untergegangenen einheimischen Kultur knüpft. Wenn auch vielleicht daraus, daß die Eingeborenen, wie schon der Weltreisende Cook bemerkte, für die Steinbilder besondere Namen haben und eine gewisse abergläubische Scheu vor ihnen hegen, nicht viel zu schließen sein würde, da dergleichen auch in anderen Ländern mit den Resten längst vergangener und vergessener Kulturperioden geschieht, so kamen doch, andere Beobachtungen hinzu, die klar erkennen ließen, daß die Ueberlieferung in der That bis zu den heutigen Eingeborenen herabreicht.

Es wird uns berichtet, daß schon, als die Spanier unter Gonzalez im Jahre 1770 von der Osterinsel Besitz ergriffen, der König oder Häuptling der Insel darüber eine Urkunde mit verschiedenen Figuren und Zeichen aufgenommen habe. Noch heute bezeichnen die Eingeborenen die hölzernen Schrifttafeln in ihrer Spräche mit einem Wort, das „sprechendes Holz“ bedeutet. Besonders wichtige Ergebnisse brachte aber die deutsche Expedition im Jahre 1882. Es wurde ein alter Häuptling gefunden, der noch mitteilen konnte, daß man früher die Geschlechtsregister der angesehenen Familien auf solchen Holztafeln in Hieroglyphenschrift aufgezeichnet habe, und daß die verschiedenen Häuptlinge sich Nachrichten in dieser Schrift zukommen ließen. Die Kenntnis derselben sei auf die alten Könige und Häuptlinge beschränkt gewesen, das niedere Volk habe die Schrift nicht verstanden. Die Könige der Insel sollen auch Brustschilder mit solchen Inschriften getragen haben.

Trotz dieser Angaben ist eine Erklärung der Inschriften auf den Tafeln im einzelnen bis jetzt nicht gelungen; auch die ältesten Eingeborenen der Insel, die nach den Mitteilungen, welche dem Kapitänlieutenant Geisler gemacht wurden, die Bedeutung der Zeichen noch kennen sollten, schienen doch nur oberflächliche Vorstellungen über den Inhalt der Tafeln im allgemeinen zu haben. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Kenntnis der Schrift als solcher untergegangen ist, und daß lediglich unbestimmte Erinnerungen über die Bedeutung der Holztafeln und über den Inhalt dessen, was auf ihnen aufgezeichnet steht, sich erhalten haben. So ist es denn noch immer nicht gelungen, die Zeichen mit Sicherheit zu erklären, und nur einige Figuren, wie die der wichtigsten Gottheit der Eingeborenen, des „Gottes der Seevögeleier“, der auch sonst auf der Osterinsel sich häufig dargestellt findet und daher bekannt ist, lassen sich in ihrer Bedeutung feststellen. In anderen Zeichen vermutet man Zeitangaben, Sinnbilder der Jahreszeiten und Aehnliches.

Es kommt nun aber hinzu, daß die Richtigkeit der Angaben der Eingeborenen über diese Holztafeln angezweifelt wird. Unser großer deutscher Ethnologe Professor Bastian teilt jedenfalls die Ansicht nicht, daß die Tafeln lediglich dürre Geschlechtsregister seien, wenn sie sich auch auf genealogische Dinge beziehen mögen. Er macht mit Recht darauf aufmerksam, daß die Mannigfaltigkeit der Figuren und ihre Anordnung dagegen spricht, und in der That scheint es, daß der Inhalt der Tafeln verschiedenartiger und reichhaltiger ist, als daß man bloße Aufzeichnungen von Namen und Daten in ihnen sehen könnte. Die Frage kann daher noch nicht als gelöst gelten, und für den Forscher ist hier noch ein interessantes Feld offen.

Ebenso wie über die Holztafeln lernte man auch noch in neuester Zeit Ueberlieferungen kennen, die sich auf die Steinbildwerke auf der Insel beziehen. Mit Hilfe eines auf der Osterinsel seit Jahren ansässigen Mannes, der die Sprache der Eingeborenen verstand, wurde ermittelt, daß die Steinbildwerke von den Vorfahren der jetzigen Bewohner angefertigt seien. Es habe in früheren Zeiten - so wurde erzählt – eine besondere Klasse von Leuten gegeben, welche die .Anfertigung solcher Idole verstanden und deswegen besondere Ehre genossen hätte. Die Arbeit soll so schwierig gewesen sein, daß ein „Idolmacher“ in seiner ganzen Lebenszeit oft nur ein bis zwei Bildwerke fertigbrachte, und dem Kapitänlieutenant Geisler wurde noch ein Mann gezeigt, dessen Urgroßvater Idolmacher gewesen sein sollte.

Noch heute hegen die Insulaner obgleich dem Namen nach Christen – vor den Steinbildwerken, wie schon erwähnt, eine abergläubische Scheu. Man schreibt den Idolen eine große Macht zu, und nur die zertrümmerten werden als machtlos und „tot“ angesehen. Die Sage der Eingeborenen berichtet, daß sie nachts miteinander gekämpft hätten, und daß dabei die Schwächeren unter ihnen umgestürzt und zerschlagen worden seien.

Das ist alles, was sich über die Altertümer der Osterinsel an Ort und Stelle noch hat ermitteln lassen. Und wir müssen uns nun fragen: ist damit das Rätsel gelöst, die Frage vereinfacht? Gewiß nicht! Denn wenn danach auch die frühere Meinung, daß diese Kulturreste uralt und die Kunde davon gänzlich verschollen sei, nicht richtig ist, so bleibt damit doch die Frage nach dem Ursprung dieser Kultur nicht minder dunkel, und dieser Ursprung kann trotzalledem uralt sein. Es steht nichts weiter fest, als daß die letzten Reste der Ueberlieferung sich noch in unserer Zeit lebendig erhalten haben. Auf die eigentliche Frage: woher kam die alte Kultur? erhalten wir keine Antwort.

Denn soviel bleibt sicher: sie kann unmöglich auf der Insel selbst entstanden sein. Es ist ganz undenkbar, daß der Mensch auf dem kleinen einsamen Eiland eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht, daß die geringe Bevölkerung selbständig die Grenzen des rohen Naturzustandes überschritten haben sollte, denn das wäre ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit. Nur größere reichere Ländergebiete bringen unter den günstigsten Bedingungen eine Kultur im höheren Sinne hervor; es müssen viele Voraussetzungen zusammentreffen. Die alten Kulturgebiete auf der Erde sind im Vergleich zur Landoberfläche spärlich verteilt; ganz Afrika hat beispielsweise nur im Norden, an den Küsten des Mittelmeers und in Aegypten, solche Gebiete. Wir hören zwar, daß die Osterinsel früher reich bevölkert und gut angebaut gewesen sei, wir müssen aber annehmen, daß diese Zustände sich lange vor der Ankunft der Europäer schon geändert hatten. Die Erinnerungen an die Zeiten eines einheimischen selbständigen Gemeinwesens, wie sich solche, jetzt den europäischen Vorbildern angepaßt, ja auf andern Inseln der Südsee, z. B. in Hawaii, bis heute erhalten haben, sind auf der Osterinsel fast gänzlich verschwunden. Könige oder Häuptlinge von irgend welcher Bedeutung giebt es dort nicht mehr.

Und die Bevölkerung stirbt unaufhaltsam aus; die Zahl der Sterbefälle übertrifft die der Geburten um das Doppelte. Es macht den Eindruck, als stürbe hier der letzte Rest einer früheren Geschichtsperiode des polynesischen Menschen hinweg, dessen Schicksal schon vor Jahrhunderten entschieden war.

So scheint es denn, als ob das Rätsel der Osterinsel niemals zu lösen sein wird, und man bleibt auf Vermutungen angewiesen, unter denen die Annahme eines untergegangenen Erdteils, dessen letzte Trümmer die Inseln der Südsee bilden, noch immer die wahrscheinlichste bleibt. Die Wissenschaft lehrt ja, daß solche Umwälzungen der Erdoberfläche nichts Seltenes sind, und diese Umwälzung braucht in unserem Falle weder sehr weit zurück zu liegen, noch braucht sie plötzlich, gewaltsam eingetreten zu sein. So mögen denn auf dem ehemaligen Erdteil in der Südsee, den eine allmähliche Senkung des Bodens unter den Wogen des Oceans begraben hat, Völker gelebt haben, die sich einer gewissen Kultur erfreuten. Reste dieser Kultur können auf der Osterinsel erhalten und weiter bewahrt worden sein; sie mußten untergehen, weil sie dort eine lebendige Fortentwicklung nicht finden konnten. Nichts spricht für eine besondere geistige Begabung der Bewohner der Osterinsel, sie stehen nicht höher als die Eingeborenen der übrigen Inseln. Sie übernahmen nur ein altes Erbteil, die Schätze der Vorfahren. Und wer weiß, ob nicht das, was dort gerettet wurde, nur die kümmerlichen Ueberbleibsel einer weit höheren Gesittung waren, deren Träger unter den Wogen der Südsee ruhen? Ein Umstand ist es vor allem, der diese Annahme unterstützt. Vereinzelt finden sich nämlich die Spuren einer alten Kultur, verfallene steinerne Bauwerke, pyramidenförmige Grabdenkmäler und Aehnliches auch auf anderen Inseln der Südsee, so auf der Insel Ascension, auf den Ladronen und den Sandwichinseln. Es sind die Zeugen einer für immer verschollenen Periode der Menschheitsgeschichte, die letzten Andeutungen einer unbekannten Vergangenheit, die hier geheimnisvoll und unverstanden in unsere Zeit hereinragen.