Aus dem Affenleben

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Aus dem Affenleben
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 184–187
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[184]
Aus dem Affenleben.
Von Dr. Ludw. Brehm.[WS 1]

Wenn man dem weniger mit dem Thierleben Vertrauten etwas aus demselben erzählt, was höhere geistige Kräfte bekundet, hört man gewiß die Worte des Fischers in Tell:

„Ihr seid nicht klug – ein unvernünft’ges Vieh –“

und wenn man mit denen des Jägers darauf erwidert:

„Ist bald gesagt. Das Thier hat auch Vernunft!“ –

pflegt man selten Beifall, sondern vielmehr meist entschiedenen Widerspruch zu ernten. Dem ungeachtet behaupte ich: „Das Thier hat Vernunft!“ – Es hat noch andere Geistesgaben; denn es hat Herz und Gemüth: es hat Mitgefühl für die Schwäche anderer Thiere und sucht dieser abzuhelfen, so gut es eben kann. Und dabei berücksichtigt es nicht einmal seine Art allein, sondern dehnt häufig sein Mitleid auch auf andere, ihm eigentlich fremde Geschöpfe aus. Dazu gibt uns das Pflegeelternwesen der Thiere herrliche Belege. Ich will einige selbst gemachte Erfahrungen hierüber mittheilen.

Während meines langjährigen Aufenthaltes in Afrika hatte ich überall, wo es anging, eine mehr oder minder zahlreiche Thiergesellschaft um mich. Im Ostsudan lebte ich eigentlich meine Thieren mehr, als den Menschen, und das hatte seinen guten Grund. Die dortigen Menschen verstanden mich nicht oder waren Leute, denen man lieber aus dem Wege geht, als daß man sie aufsucht. Deshalb befand ich mich wohler unter meinen Thieren, welche zuweilen fast sämmtliche Räumlichkeiten meiner Wohnung im Besitz hatten.

Unter Anderen hielt ich gleichzeitig über ein Dutzend Affen lebendig, große und kleine, Meerkatzen und Paviane. Jedes dieser merkwürdigen Thiere hatte sein eigenes Wesen und gab mir Gelegenheit zu höchst anziehenden und unterhaltenden Beobachtungen. Der eine war zänkisch und bissig, der andere friedfertig und zahm, der dritte mürrisch, der vierte ewig heiter, dieser ruhig und einfach, jener pfiffig schlau und ununterbrochen auf dumme oder boshafte Streiche bedacht; alle aber kamen darin überein, daß sie größeren [185] Thieren gern einen Schabernack anthaten, kleinere beschützten, hegten und pflegten und sich selbst jede Lage erträglich zu machen wußten. Dabei lieferten sie täglich Beweise eines überraschenden Verstandes, wahrhaft berechnender Schlauheit und wirklich vernünftiger Überlegung, zugleich aber auch der größten Gemüthlichkeit und zärtlichsten Liebe und Aufopferung anderen Thieren gegenüber, so daß ich die komischen Gesellen täglich lieber gewann. Ich hatte in den Urwäldern des Inneren häufig Proben ihrer sprüchwörtlich gewordenen Mutterliebe und ihres gegenseitigen Zusammenstehens zu Schutz und Trutz gesehen, sollte sie aber doch erst in der Gefangenschaft gründlich kennen lernen.

Während einer Reise auf dem blauen Flusse brachten mir die Sudanesen eines schönen Nachmittags fünf frisch gefangene Meerkatzen zum Verkauf. Ich freute mich ungemein, mir gute Reisegesellschaft erwerben zu können, und brachte alle fünf gegen Erlegung der geforderten Summe von zehn Neugroschen unseres Geldes an mich. Aber ich hatte mich sehr verrechnet, indem ich geglaubt hatte, lustige Reisegefährten zu erhalten. Es waren Affen, denen ich das schwere Loos der Gefangenschaft zugedacht hatte, „metamorphosirte Menschen“, wie sie Wagler nennt. Die Thiere saßen stumm und traurig an einem Bord des Schiffes, wo sie der Reihe nach angebunden worden waren, und bedeckten sich das Gesicht mit beiden Händen, wie tief betrübte Menschenkinder. Die leckerste Speise blieb unberührt; und sehr schwermüthige Gurgeltöne drückten offenbar Klagen gegen das unerbittliche Schicksal aus. Wahrscheinlich beriethen sie sich auch nebenbei, was unter diesen schlimmen Umständen am zweckmäßigsten gethan werden könnte. Wenigstens schien ein darauf hindeutendes Ergebniß die Folge ihrer Gurgelei zu sein: am anderen Morgen war nur ein Affe auf dem Schiffe zu sehen, alle übrigen hatten sich Nachts auf- und davongemacht. Ich untersuchte die zurückgelassenen Stricke; kein einziger war zerrissen, wohl aber hatten die Thiere alle Knoten sorgfältig gelöst. Das konnte blos gegenseitig geschehen sein, sonst hätte sich der Zurückgebliebene auch befreit. Bei genauerer Prüfung ergab es sich, daß er von seinen Mitgefangenen nicht hatte erreicht werden können. Später sah ich es übrigens mit an, wie ein Affe den andren seiner Bande entledigte. Das heißt nun doch gewiß treue Hülfe in der Noth und echt menschlich – vernünftig gehandelt.

Der noch vorhandene Affe war ein Männchen und erhielt, wie so viele seiner Art, den beliebten Namen Koko. Ertrug sein Geschick mit Würde und Fassung. Die erste Untersuchung hatte ihn gelehrt, daß seine Fesseln für ihn unlösbar seien; deshalb fügte er sich, als echter Weltweiser, gelassen in das Unvermeidliche, begann zu fressen und trieb Possen. Mit uns wollte er sich jedoch nicht befreunden; er biß heftig um sich, wenn sich ihm Jemand nahte. Doch sollte das bald anders werden. Sein Herz bedurfte eines Gefährten und Gespielen. Oft sah er verlangend nach am Schiffe vorübergehenden Hunden: – ich glaubte, das geschähe aus Groll, und that ihm damit großes Unrecht. Eines Tages bemerkte ich, daß Koko seine Wahl getroffen hatte. Sie war sonderbar genug. Meine Leute hatten aus demselben Walde, in dem der Affe das Licht der Welt erblickt hatte, auch einen jungen Nashornvogel aus dem Neste genommen, welcher aufgefüttert wurde. Derselbe hatte ungefähr die Größe eines starken Chinahahns, sah nichts weniger als anmuthig aus und war still und langweilig. Ihn hatte sich der Affe zum Pflegling auserkoren: das männliche Säugethier einen tölpischen, ungeschickten, größeren Vogel! Es ist unmöglich, die komischen Scenen alle zu beschreiben, welche nun folgten. Sobald sich der Vogel seinem Pfleger näherte, ergriff ihn dieser bei seinem ungeheueren Schnabel, zog ihn zu sich heran, streichelte ihn und begann dann die Schmarotzer, mit denen das Thier seine große Noth hatte, abzulesen.

Diese liebevoll gewährte Erleichterung schien ihm ungemein zu behagen und erwarb dem Affen bald sein Herz. Schon nach wenig Tagen ließ er sich von seinem vierhändigen Freunde Alles gefallen. Dieser legte ihn auf die Seite oder auf den Rücken, um ihn auf der Brust zu untersuchen, der Nashornvogel blieb liegen; er brachte die Federn in Unordnung; ihr Träger ließ es sich gefallen, ja, er sträubte sogar diejenige Stelle seiner Bedeckung, unter welcher sich der Affe zu schaffen machte; dieser packte ihn am Schnabel, am Halse, an den Beinen, den Flügeln, dem Schwanze, riß ihn an sich: er ließ Alles über sich ergehen. Tagtäglich besuchte er den Affen viele Male, fraß ihm das vor ihm liegende Brode weg, putzte sich in seiner Nähe und schien jenen fast herausfordern zu wollen, sich wieder mit ihm zu beschäftigen. Er verweilte stets so lange in der Nähe seines Freundes, bis er seinen Zweck erreicht hatte, und Koko mit dem alle Affenbeschäftigungen kennzeichnenden Ernste sein Reinigungswerk von Neuem begann.

So lebten die beiden Freunde mehrere Monate lang miteinander. Wir waren nach Charthum zurückgekehrt; der Vogel lief frei im Hofe herum, während Koko angefesselt worden war; auch das that der Liebe keinen Abbruch, denn nach wie vor ging der inzwischen dem Gängelbande entwachsene Pflegling zu seinem Beschützer und Reiniger. Der Tod löste das schöne Verhältniß: Koko war wieder allein und langweilte sich. Mit vorüberschleichenden Katzen Freundschaft einzugehen, schien ihm nicht gelingen zu wollen; wenigstens kam es einmal zwischen ihm und einem mißliebig gestimmten Kater zu argem Kampfe, welcher trotz entsetzlichem Zischen und Miauen, Gurgeln und Schreien unentschieden blieb, obwohl er mit dem Rückzüge des wahrscheinlich unversehens von dem Affen ergriffenen Mäusejägers endete.

Da erhielten wir einen ganz jungen Affen von Koko’s Art zum Kauf. Unser Freund schien närrisch vor Freuden, als er das kleine Thierchen erblickte, und streckte verlangend die Hände nach ihm aus. Wir ließen den Kleinen los und er lief von selbst zu jenem hin. Welches Vergnügen drückten jetzt die Gurgeltöne des so lange vereinsamt Gewesenen aus! Er erstickte seinen angenommenen Pflegesohn fast mit Zärtlichkeitsbezeigungen. Zunächst begann er sodann die allersorgfältigste Reinigung desselben. Jedes Stäubchen wurde entfernt, jeder Stachel, jeder Splitter, wie sie in jenen kletten-, distel- und dornreichen Ländern immer im Haar der Säugethiere zu finden sind, wurde abgelesen, herausgezogen, weggekratzt. Dann folgten neue Umarmungen, neue Schmeicheleien und Liebesversicherungen in Gurgeltönen, neue Beweise unbegrenzter Zärtlichkeit. Wenn Jemand Miene machte, den Kleinen zu ergreifen, wurde der Alte ganz wüthend; wenn ihm einer von uns seinen Liebling abgenommen hatte, traurig und unruhig. Während das Aeffchen fraß, verwandte er kein Auge von demselben; der unbedeutendste Vorfall machte ihn besorgt. Der Kleine hing nun ebenfalls sehr bald mit großer Hingebung an seinem Wohlthäter und bewies ihm dann auch jenen kindlichen Gehorsam, welcher die Affen sehr auszeichnet, im vollen Maße. Ein Uneingeweihter würde den großen Affen nimmermehr für ein Männchen, den kleinen niemals für dessen Pflegekind, sondern jenen nur für die zärtlichste Mutter, diesen für das treugehorsamste Kind gehalten haben.

Koko hatte Unglück. Sein neuer, ihm so innig geist- und herzverwandter Pflegling starb bei aller ihm erwiesenen Sorgfalt. Ich habe oft tiefe Trauer bei Thieren (namentlich bei Vögeln) beobachtet, wenn ihnen der Gefährte entrissen wurde: etwas Aehnliches aber, als den nun sich äußernden Schmerz des armen Affen, sah ich weder früher noch später wieder. Zuerst nahm er seinen todten Liebling in die Arme, hätschelte und liebkoste ihn, ließ die liebevollsten Töne hören, setzte ihn dann an seinem bevorzugten Platze auf den Boden, sah ihn immer wieder zusammenbrechen, immer unbeweglich bleiben – und brach nun stets in wahrhaft herzbrechende Klagen aus. Die sonst so unangenehmen Gurgeltöne gewannen einen Ausdruck, wie ich ihn vorher nie vernommen hatte: sie wurden weich, ergreifend, ton- und klangreich und dann wieder unendlich schmerzlich, schneidend und verzweiflungsvoll. Immer von Neuem wiederholte er seine Bemühungen und erschöpfte sich in Liebesbeweisen; immer wieder sah er keinen Erfolg und von Neuem begann er zu jammern und zu klagen. Es war nichts Thierisches mehr an ihm zu bemerken; sein Schmerz hatte ihn vergeistigt, veredelt durch und durch. Ich ließ ihm seinen theuern Todten endlich wegnehmen und über die unser Gehöft umgebende Mauer werfen. Er gebehrdete sich, als ob er toll geworden wäre, hatte in wenig Minuten seinen Strick zerrissen, sprang über die Mauer hinweg, suchte sich seinen Pflegling, nahm ihn wieder in die Arme, drückte ihn liebevoll an sich und kehrte von selbst nach seinem Platze zurück, wo er alsbald seine Bemühungen, den Todten zu erwecken, wieder erneuerte. Der sonst so schlaue Affe schien Alles vergessen zu haben. Er ließ sich ohne Mühe wieder fangen und anbinden; nur wenn wir ihm seinen Liebling wegnehmen wollten, wurde er wüthend, biß und kratzte. Und doch mußte das endlich geschehen. Die kleine Leiche begann zu verwesen und verbreitete bald einen unleidlichen Geruch. Dazu kam, daß Koko weder fraß, noch sonstwie Lust am Leben zeigte und mir zu der begründeten Furcht Anlaß gab, daß [186] er ebenfalls zu Grunde gehen könne. Wir nahmen ihm also sein Pflegekind nochmals und begruben es in unserem Garten. Nach wenigen Minuten war Koko wieder frei, durchsuchte klagend das Gehöft, alle Zimmer und den Garten, ohne sich ergreifen zu lassen, sprang über die Mauer des nächsten Grundstücks, durchsuchte dieses ebenfalls – und kam nie wieder. Gegen Abend hatte man einen Affen bei dem Dorfe Butri, wo keine wild vorkommen, im Walde gesehen.

Ich würde diese Geschichte, so anziehend sie mir auch erscheint, kaum der Mittheilung werth gehalten haben, wäre sie eine vereinzelt dastehende gewesen. Das ist aber nicht der Fall. Alle Affen, welche ich kennen lernte, zeigten dieselbe Liebe für kleinere und schwächere Thiere, alle denselben Hang, bei ihnen Pflegeelternstelle zu übernehmen. Ich besaß, ebenfalls im Ostsudan, eine weibliche Meerkatze, welche mit ihrem eigenen Kinde gefangen worden war. Die Mutter behandelte dasselbe so zärtlich, so liebevoll besorgt und so aufopfernd, daß sie hierin keiner Menschenmutter nachstand, wohl aber mancher als Muster hätte dienen können. Es scheint unter den jungen Affen viele Krankheiten zu geben; denn auch das Kind dieser Aeffin starb. Seine Mutter gebehrdete sich nicht so auffallend, wie Koko, sondern trug ihren Schmerz lautlos. Sie ließ es sich auch ziemlich ruhig gefallen, daß wir ihr das todte Aeffchen, welches sie ebenfalls fest in den Armen hielt, entrissen: – aber sie fraß von Stunde an keinen Bissen mehr, und war am zweiten Tage todt! Hierüber brauche ich nichts weiter zu sagen, diese Thatsache spricht für sich selbst.

Jedoch bin ich mit meinen Affengeschichten noch nicht zu Ende. Neben den Meerkatzen hielt ich, wie bemerkt, auch Paviane (namentlich (Cynocephalus babuin, Desm. und C. Sphinx). Sie übertrafen die Meerkatzen in jeder Hinsicht an Verstand, und standen ihnen auch an Gemüth ziemlich gleich. Der klügste, den ich besaß, erhielt den Namen Atile. Kaum acht Tage waren hinreichend, sie an ihre Namen zu gewöhnen, von fünf, die wir zusammen besaßen, hörte und antwortete bald nur derjenige, welcher gerufen wurde. Um jedem seinen Besitzer und Herrn kenntlich zu machen, verfuhren wir höchst einfach so, daß ein Fremder dem Affen mit Prügeln drohete, und sein Herr ihn dann jedes Mal augenscheinlich in Schutz nahm. Dies war hinreichend, um das kluge Thier zu bewegen, bei der geringsten Veranlassung seine Zuflucht bei seinem Gebieter zu suchen. In Zeit von drei Tagen lernten alle Paviane auf einem Esel reiten, weil ihnen mit Schlägen gedroht wurde, wenn sie von dem Rücken desselben herabsprangen. Kunststücke der verschiedensten Art konnten ihnen nach drei- bis viermaliger Uebung stets beigebracht werden.

Perro war klug, nachdenkend, berechnend und erfinderisch. Sein Lieblingssitz war eine den Sonnenstrahlen ausgesetzte Mauer. Zur Mittagszeit hielt er sich eine kleine Strohmatte als Sonnenschirm über den Kopf. Auf einer Barke angekettet, trank er, indem er sich an seinem Strick über Bord herabließ, den einen Fuß in’s Wasser tauchte und dann ableckte. Er löste jeden Knoten und jedes zusammengebundene Stück Zeug ohne Umstände und immer regelrecht auf. Auch er, ebenfalls ein männlicher Affe, hatte die Leidenschaft, kleinere Thiere an sich zu nehmen, und sie mit ausgelassener Freude zu liebkosen und zu hätscheln. Bei unserem Einzuge in Alexandrien wurde er an dem Gepäckwagen angebunden. Unterwegs entdeckte er eine Hündin mit vier oder fünf mittelgroßen Jungen, welche, wie es in Egypten häufig zu sehen ist, von ihrer Mutter in einem mitten auf der Straße gescharrten Loche gesäugt wurden. Augenblicklich sprang der Affe vom Wagen herab, riß ein Junges weg, nahm es in einen Arm und vertheidigte sich mit außerordentlichem Muthe gegen die wüthenden Anfälle der Hündin. Dabei war er genöthigt, auf seinen beiden Hinterfüßen zu laufen, und zugleich auf die Bewegungen des Wagens zu achten, um nicht unter ein Rad desselben zu kommen, mußte der Hündin stets kampffertig gegenüberstehen, und durfte auch sein Pflegekind nicht vernachlässigen; aber alles dieses wußte er herrlich auszuführen. Ein unabsehbarer Menschenstrom folgte dem Wagen, da alle Araber lebhaften Antheil an diesem eigenen Schauspiele nahmen. Perro wurde von ihnen mit Schmeichelworten und Liebkosungen beglückt und in seinem Kampfe gegen die Hündin gelegentlich kräftig unterstützt.

In dem Hause, welches uns beherbergte, erhielt er nun eine Dachkammer eingeräumt, und wurde mit Futter für sich und seinen Pflegling wohl versorgt. Beim Anblick der leckeren Milch, welche zur Nahrung des Hundes dienen sollte, schien jedoch die Selbstsucht stärker zu sein, als die Liebe zu seinem Hündchen. Er trank die Milch allein, und hielt dabei das hungrige Pflegekind wohlweislich vom Napfe ab. Dieses befand sich überhaupt bei allen Liebesbeweisen in einer ziemlich traurigen Lage. Unbesorgt um das Wesen und die körperliche Beschaffenheit desselben Unternahm der Affe mit gewohnter Meisterschaft gymnastische Uebungen, welche sicher jeden Seiltänzer beschämt haben würden, das tölpische Thierchen jedoch oft augenscheinlichen Gefahren aussetzten. Wenn es winselte, hätschelte und wiegte er es in seinen Armen, bis es wieder ruhig geworden war, dann begann das alte Spiel wieder – und das Hündchen blieb immer hungrig dabei. Dies bewog uns, es sobald als möglich seiner rechtmäßigen Mutter zurückzugeben; allein es gelang uns erst während der Nachtruhe des Affen, diesem sein an das Herz gedrücktes Kleinod zu entreißen.

Nicht minder merkwürdig, als es diese Pflegelust der größeren Affen ist, erscheint mir auch das Betragen der gepflegten Affen. Meine Aeffin Atile, welche ich mit einer erwachsenen männlichen Meerkatze mit in die Heimath gebracht hatte, besaß die Leidenschaft zum Pflegen kleiner oder ihr schwach erscheinender Geschöpfe ebenfalls in hohem Grade. Alle Mütter unseres Dorfes lernten bald sich scheuen, mit kleinen Kindern in der Nähe des Affen vorüberzugehen, weil Atile stets die größte Sehnsucht an den Tag legte, an den Wickelkindern die Stelle einer Wärterin zu vertreten.

In Ermangelung solcher Pfleglinge begnügte sich die Aeffin mit anderen Thieren. Junge Katzen schien sie sehr zu lieben; jedoch verfuhr sie nicht immer sehr säuberlich mit ihnen. Einem Kätzchen, welches sie gekratzt hatte, untersuchte sie die Tatzen, und biß die ihr gefährlich erscheinenden Klauen ohne Umstände ab; ein anderes Kätzchen gab bald nach einer sehr stürmischen Umarmung den Geist auf. Mit unserm alten grilligen Hunde, welcher viele Jahre lang unbestritten das Recht des Alleinherrschens gehabt hatte, lebte sie in arger Fehde. Wenn sich derselbe zum Schlafe niedergelegt hatte, wurde er gewiß stets von ihr muthwillig aus seinen süßesten Träumen geweckt. Leise schlich sie sich an ihn heran und zog ihn plötzlich heftig am Schwänze. Der Hund fuhr wüthend auf und schnappte nach dem gehaßten Störenfried; dieser aber sprang gerade über den Erzürnten weg, und ergriff ihn wieder am Schwanze; der Hund drehete sich, der Affe mit, und beide lärmten und tobten dabei um die Wette, bis der Hund vor Wuth schäumte: dann ging Atile befriedigt von dannen. So konnte ihr nur noch die Gesellschaft der Meerkatze gestattet werden. Sie pflegte nun diese, Hassan mit Namen, mit aller Liebe, deren ihr Herz fähig war – und Hassan, der erwachsene männliche Narr, ließ es sich nicht nur sehr gutwillig gefallen, sondern suchte und verlangte die Pflege der größeren Aeffin. Er schlief stets in Atile’s Armen, und beide hielten sich dann so fest umschlungen, daß es aussah, als wären sie nur ein Wesen. Sobald es etwas kalt war, kam er und bat um Liebe, und Atile’s Herz konnte dann nie widerstehen. Beide unterhielten sich lange und umständlich mit höchst verschiedenen kurzen Gurgeltönen, deren Bedeutung auch wir einigermaßen verstehen lernten, da wir die verschiedenen Ausdrücke der Liebe oder des Hasses, des Zornes, Schmerzes, der Klage über Hunger oder Kälte u. s. w. bald richtig zu deuten wußten. Von dem Augenblick der Annahme Hassans behandelte ihn Atile ganz als ihr Kind, und Hassan bewies ihr auch in jeder Hinsicht kindlichen Gehorsam, wie jenes Aeffchen seinem Pfleger. Er folgte der Atile überall hin, wohin sie von uns geführt wurde, und kam sogleich in das sonst von ihm sehr gemiedene Zimmer, wenn seine Freundin dort verweilte. Da er vollkommen frei war, hatte er ein sehr weites Feld zu seinen Ausflügen; jedoch unternahm er nur in Gesellschaft seiner Pflegemutter größere Spaziergänge. Dabei verfolgte jeder seinen eigenen Weg; Atile, als Erdaffe, mied die Bäume, Hassan suchte sie auf; das störte jedoch das gute Einvernehmen keineswegs, und die Unterhaltung wurde auf so verschiedenen Wegen nicht abgebrochen.

Der kalte Winter endete Hassans frischfröhliches Leben im zweiten Jahre seines Aufenthaltes in Deutschland. Atile war sehr traurig und stieß Tag und Nacht auch Menschen deutliche Klagetöne aus. Andere Pfleglinge behagten ihr nicht mehr; deshalb überließen wir sie schließlich einem durchreisenden Affenbesitzer, welcher ihr andere Unterhaltung gewähren konnte. –

Ich könnte von meinen Affen noch sehr viel erzählen, wenn ich nicht fürchten müßte, den mir gestatteten Raum dabei zu überschreiten. Nur Eines noch glaube ich nicht verschweigen zu dürfen. [187] Atiles Herz hatte nur für eine Liebe Raum. Sie liebte mich schwärmerisch, nächstdem meinen Bruder, dann folgte mein Vater und schließlich ihre Pflegerin. Mit dieser war sie so lange freundlich, bis mein Vater erschien; diesem schmeichelte sie, bis sie meinen Bruder sahe, und letzteren verließ sie, sobald ich mich ihr nahete. Es kam oft vor, daß sie denselben, welchen sie eben geliebkost hatte, plötzlich biß, weil sie den höher in ihrem Herzen Stehenden erblickte. Ich stand so hoch in ihrer Liebe, daß ich ihr immer gleich blieb. Selbst wenn ich sie züchtigte, zürnte sie mir nicht, wohl aber stets dem Nächsten, welchen sie sahe, weil sie glauben mochte, seinethalb die Schläge empfangen zu haben. Deshalb wurde sie auch nie durch Strafe gebessert, ich und sie waren beständig im Rechte; aber die andern Menschen erschienen ihr als die Sündigen, denen sie gelegentlich ihren Haß mit tüchtigen Bissen bethätigen mußte.




  1. dem Inhalt nach von Alfred Edmund Brehm. Siehe auch Teil 2.