Aus dem Elephantenlande

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Autor: unbekannt
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Titel: Aus dem Elephantenlande
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 563–564
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Baker, ein Elefantenjäger
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Aus dem Elephantenlande.


Die Entdeckung der Nilquellen hat bekanntlich seit Jahrzehnten zu den Hauptaufgaben, besonders englischer Reisender gezählt, noch immer aber ist sie nicht vollständig gelöst. Zwar haben Speke und Grant in einem großen See, den sie Victoria-Nyanza getauft, die eigentliche Quelle des „Vaters der Ströme“ unserer östlichen Halbkugel zu erkennen geglaubt, ein neuerer kühner Reisender aber, Baker, aus dessen Forschungszügen die Gartenlaube in Nr. 31 und 32 in dem Artikel „Sclavenhandel am weißen Nil“ bereits ein interessantes Capitel mitgetheilt hat, ist auf einen weiter im Westen gelegenen zweiten großen See gestoßen, welcher für den Nil noch wichtiger ist, obwohl auch damit alle Quellen des Stromes noch nicht aufgefunden sind. Immer bleiben indeß Baker’s Entdeckungen von hoher Bedeutung für die Erdkunde und die Schilderung der von ihm im östlichen Nilbecken gefundenen wahrhaft paradiesischen Landschaften könnte fast Lust machen, einmal dort in Afrika seine Villeggiatur abzuhalten. Namentlich ist es ein Gebiet, das von Obbo, im Westen des Madi-Gebirges, welches selbst in diesen von der Natur so verschwenderisch ausgestatteten Gegenden, wenn auch weniger durch den Reiz seiner Scenerie, so doch durch seine unendliche Fruchtbarkeit Staunen erregt.

Zehn Monate, vom Februar bis Ende November, dauert hier die Regenzeit. Die viele Nässe erzeugt in dem üppigen Boden eine Vegetation, von der man in wörtlichem und in figürlichem Sinne sagen kann, daß sie der Bevölkerung über den Kopf wächst. Die Blättermasse der Wälder und auf den Blößungen die zehn Fuß hohen, mit Schlingpflanzen und Weinranken durchwachsenen Gräser sind für den Menschen geradezu undurchdringlich und bilden ungeheure Dickichte, bewohnt von Elephanten, Rhinocerossen und Büffeln, die durch die Wucht ihrer Körper sich eine Bahn brechen. Im Januar ist das Gras so trocken, daß es Feuer fängt, aber selbst in dieser Jahreszeit sind schon wieder Massen frischer Keime aus der Erde gedrungen. Man steckt die Prairien in Brand, man reinigt sie jedoch dadurch nicht vollständig, sondern verbrennt blos die dürren Pflanzen und schafft ein Gewirr halbverkohlter Stengel, die durch das Feuer so hart geworden sind, daß sie die Pferde verwunden. In den Ebenen von Obbo ist das Reisen auf den schmalen Fußpfaden, welche die Neger mühsam unterhalten, entsetzlich langweilig. Die hohen Gräser versperren jede Aussicht, und sind kurz vorher Elephantenheerden dagewesen und haben nach allen Richtungen hin Wege gebrochen, so verirrt man sich.

Baker ist ein Elephantenjäger und kennt sowohl den afrikanischen als den indischen Elephanten genau. Beide sind bedeutend von einander verschieden. Der Rücken des afrikanischen Elephanten ist eingebogen, der des indischen gewölbt. Das Ohr des afrikanischen Elephanten ist ungeheuer groß und bedeckt, wenn das Thier es zurücklegt, die ganze Schulter, während das Ohr des indischen Elephanten verhältnißmäßig klein ist. Der afrikanische Elephant hat eine hervortretende Stirn, während die des indischen oberhalb des Rüssels eine Fläche bildet. Der afrikanische Elephant ist durchschnittlich höher, als der indische, obgleich man auf Ceylon zuweilen Kolosse findet, die den afrikanischen nichts nachgeben. Weibliche Elephanten maßen auf Ceylon bis zur Schulter gewöhnlich sieben Fuß zehn Zoll, männliche neun Fuß; bei den afrikanischen Elephanten ist die gewöhnliche Höhe des weiblichen Thieres neun Fuß, die des männlichen Thieres zehn Fuß sechs Zoll. Die afrikanischen Weibchen sind mithin so groß, wie die Männchen auf Ceylon.

Auch in ihren Gewohnheiten weichen sie wesentlich von einander ab. Auf Ceylon sucht der Elephant beim Aufgang der Sonne den dichtesten Schatten der Wälder und ruht dort bis etwa fünf Uhr Nachmittags, worauf er in die Ebene hinauswandert. In Afrika, wo das Land im Allgemeinen offener ist, bleibt der Elephant den ganzen Tag an einem Orte, entweder unter einem einzeln stehenden Baume, oder im hohen Grase. Seine gewöhnliche Nahrung besteht in den Blättern von Bäumen, namentlich von Mimosen. Auf Ceylon ist der Elephant, obgleich es dort Bäume genug giebt, von denen er sich nährt, hauptsächlich ein Grasfresser. Um sich seine Nahrung zu verschaffen, muß der afrikanische Elephant von seinen Zähnen einen starken Gebrauch machen. Die meisten Mimosen haben eine flache Krone und ihr reichstes Blätterwerk beginnt erst in einer Höhe von dreißig Fuß. So hoch reicht der Elephant mit seinem Rüssel nicht und muß daher den Baum umstürzen, wenn er sich zu seiner Lieblingsnahrung verhelfen will. „Die Zerstörung“ sagt Baker, „welche eine afrikanische Elephantenheerde in einem Mimosenwalde anrichtet, ist ungeheuer. Ich habe entwurzelte Bäume von einer Größe gesehen, die es als unmöglich erscheinen ließ, daß ein einziger Elephant sie hätte entwurzeln können. Einzelne Bäume, die ich maß, hatten vier und einen halben Fuß im Umfange und eine Höhe von dreißig Fuß. Die Eingeborenen versicherten mich, daß die Elephanten einander helfen und mehrere zusammen einen Baum ausroden. Da die Mimosen keine Pfahlwurzel haben, so begreift es sich, daß Elephanten, die ihre mächtigen Zähne gleich Hebeln gegen die Seitenwurzeln benutzen, während andere an den niedrigsten Zweigen ziehen, einen Baum umzuwerfen vermögen, der wegen seiner Größe unverwundbar zu sein schien. Der Elephant von Ceylon bewältigt höchstens Bäume, die den Umfang eines gewöhnlichen Mannes haben.“

In Ceylon sieht man selten alte Männchen in größerer Menge bei einander; sie weiden einzeln oder paarweise. In Afrika trifft man große Elephantenheerden, die ausschließlich aus Männchen bestehen. Baker sah oft sechszehn bis zwanzig männliche Thiere zusammen, die eine Masse von Elfenbein trugen, durch welche ein Elephantenjäger in die höchste Aufregung versetzt werden mußte. Die Weibchen weiden in Afrika gemeinschaftlich in Heerden von vielen Hunderten, während man in Ceylon selten mehr als zehn zusammen sieht.

Der Elephant ist das furchtbarste aller Thiere und der afrikanische ist noch gefährlicher, als der ostindische, da er sich durch einen Schuß vorn auf die Stirn fast gar nicht tödten läßt. Der Kopf ist so eigenthümlich gebildet, daß die Kugel entweder über das Gehirn weggeht, oder in den ungemein festen Knochen und Knorpeln stecken bleibt, welche die Wurzeln der Zähne tragen. Baker hat mindestens hundert Zähne gemessen und immer gefunden, daß sie vierundzwanzig Zoll tief im Schädel saßen. Ein großer Zahn, der in der Länge sieben Fuß acht Zoll maß und zweiundzwanzig Zoll Umfang hatte, war einunddreißig Zoll tief in den Kopf eingebettet. Baker verletzte nur einmal einen Elephanten, einen weiblichen, durch keinen Schuß vorn vor die Stirn und hatte doch eine Büchse im Gebrauch, deren Kugel durch sieben Drachmen Pulver eine ungeheure Schlagkraft erhielt. In Reserve hatte er ein Gewehr, das seine Araber Dschenna el Mutsach, Kind der Kanone, nannten. Es schoß eine halbpfündige Kugel und der Rückprall der Entladung war ein so heftiger, daß der Schütze um und um gewirbelt wurde, wie eine Wetterfahne im Ocean. Baker giebt die Adresse des Büchsenmachers (Holland, London, Bondstreet), aber er bemerkt, daß das Kind der Kanone besser für Goliath von Gath passe, als für Menschen im Jahre des Herrn 1866.

Einem Schuß in die Schläfe oder hinter das Ohr erliegt der afrikanische Elephant wie der ostindische sofort, vorausgesetzt, daß der Jäger bis auf zehn oder zwölf Schritte herankommen kann. In den Urwäldern von Ceylon ist ein Anschleichen leicht, in den offeneren Gegenden Afrika’s läßt der Elephant sich selten auf mehr als fünfzig Schritte nahe kommen, und greift er dann den Jäger an, so kann dieser sich schwer retten. In einem eigentlichen Dickicht traf Baker nur einmal auf Elephanten und schoß bei dieser Gelegenheit fünf Stück.

Die Eingeborenen von Centralafrika jagen den Elephanten gewöhnlich blos des Fleisches wegen. Ehe die Araber auf dem Weißen Nil zu handeln begannen und ehe die von Mehemed Ali Pascha veranstaltete Expedition am obern Nil bis zum fünften Breitengrade vordrang, wurden die Zähne als werthlos, als bloße Knochen behandelt. Das Erlegen eines Elephanten ist für dies Schwarzen eine wichtige Angelegenheit, das er nicht blos für viele Menschen Fleisch, sondern auch ein Fett liefert, nach dem sie höchst begierig sind. Es giebt verschiedene Methoden, die Thiere zu tödten. Fallgruben sind sehr gebräuchlich, aber die schlauen alten Männchen fängt man selten auf diese Art. Man legt die Grube in der Nähe einer Tränke an, versperrt dem Elephanten seinen gewohnten Weg durch gefällte Bäume oder zieht auch wohl einen tiefen offenen Graben und leitet die Thiere so zu der Grube hin. Man macht diese in der Regel zwölf Fuß lang, drei Fuß breit [564] und neun Fuß tief und läßt sie nach unten zu immer schmaler werden, so daß sie zuletzt blos noch einen Fuß breit bleiben. Durch Reisig und Heu wird die Oeffnung verdeckt. Fällt ein Elephant in der Nacht durch diese trügerische Decke hindurch, so werden seine Füße in dem engen untersten Theil eingeklemmt und er arbeitet, bis an die Schultern eingesunken, vergebens daran, sich frei zu machen. Ist ein Elephant gefangen, so ergreift die ganze Heerde in panischem Schrecken die Flucht und noch mehrere Thiere fallen in die Gruben, die in der Nähe zahlreich angebracht sind. In den Gruben sind die Elephanten so hülflos, daß man sie leicht mit Lanzen tödtet.

Die große Jagdzeit ist im Januar, wenn das hohe Gras der Prairien zu Heu ausgedörrt ist. Entdeckt man in dieser Zeit eine große Heerde, so sammeln sich die Eingeborenen in einer Zahl von vielleicht tausend Köpfen, umzingeln die Elephanten in ziemlich weiter Entfernung und stecken auf ein gegebenes Zeichen das Gras in Brand. Binnen wenigen Minuten sind die arglosen Thiere in einen Feuerkreis eingeschlossen, der ihnen näher und näher rückt. Die Menschen folgen den Flammen, die zwanzig und dreißig Fuß in die Höhe schlagen. Die Elephanten, von Rauch und Feuer geschreckt, versuchen zuletzt zu entfliehen. Wohin sie auch stürzen, überall begegnen sie einer undurchdringlichen Schranke von erstickendem Qualm und sengendem Feuer. Inzwischen wird der verhängnißvolle Kreis enger. Büffel und Antilopen drängen sich unter die Elephanten und über alle diese Thiere schlagen die wüthenden Flammen hinweg. Die halbverbrannten, vom Feuer geblendeten, vom Rauch erstickten Elephanten werden jetzt von dem wilden Haufen der Jäger angegriffen und fallen unter zahllosen Speeren. Diese Jagdart richtet alles Wild zu Grunde und macht namentlich die Antilopen so selten, daß man auf einer ganzen Tagereise in der offenen Prairie selten ein Dutzend sieht.

Nicht so verwüstend ist die folgende Jagdart. Etwa hundert Schwarze klettern in der Nähe einer Stelle, wo man Elephanten gesehen hat, auf Bäume. Sie führen schwere Lanzen mit Klingen von achtzehn Zoll Länge und drei Zoll Breite. Die Elephanten werden nun den Bäumen zugetrieben, auf denen die Jäger sich befinden, und jedem, der nahe genug kommt, wird eine Lanze zwischen die Schultern geworfen. Die Lanze macht eine furchtbare Wunde und der Elephant stürzt bald, von Blutverlust erschöpft, zusammen.

Die centralafrikanischen Elephanten haben weit größere Zähne als die abyssinischen. Baker schoß im Baseh-Gebiet an der Grenze von Abyssinien eine beträchtliche Anzahl Elephanten und erhielt nie einen Zahn, der mehr als dreißig Pfund wog. In der Nähe des Weißen Nils sind fünfzig Pfund das durchschnittliche Gewicht des Zahns eines männlichen Elephanten und die Zähne der Weibchen wiegen jeder mindestens zehn Pfund. Baker sah Riesenzähne von einhundertsechszig Pfund, ja ein französischer Händler besaß sogar einen Zahn, der einhundertzweiundsiebzig Pfund wog. Selten sind ein Paar Zähne einander gleich. Wie der Mensch die rechte Hand mehr braucht als die linke, so arbeitet der Elephant vorzugsweise mit einem Zahn, den die Händler el Hadam (den Diener) nennen. Dieser Zahn wird natürlich mehr abgenutzt als der andere und wiegt gewöhnlich zehn Pfund weniger.

Da die Elfenbeinhändler, die ihre Jagden von Jahr zu Jahr weiter ausdehnen, alle zugleich Sclavenhändler sind, so würde am obern Weißen Nil derselbe scheußliche Zustand eintreten, wie weiter unten, wenn die Schwarzen sich nicht besser zu schützen wüßten. In der Nähe der Grenze haben sie ihre Dörfer in den Ebenen verlassen und sich in die Berge zurückgezogen. An manchem Tage versammelten sie sich am Rande ihrer senkrechten Klippen, wenn Baker vorüberzog, und blickten auf die Fremden nieder, wie die Besatzung einer Festung von den Wällen auf einen vorbeimarschirenden Feind niederblickt. In den weiten Ebenen des Ellyriagebiets schützen sich die Schwarzen durch die Befestigung ihrer Dörfer. Man baut ein Pfahlwerk von „Basaursen“, die ein eisenhartes Holz haben, und umgiebt dasselbe mit lebendigen Dornsträuchern, welche zwanzig Fuß hoch werden. An dem Eingang zum Dorfe errichtet man eine Art von bedecktem Weg, der sich leicht vertheidigen läßt.

Das ganze große Gebiet der Nilquellen liefert in die Wirthschaft des menschlichen Geschlechts nichts als Elfenbein und vielleicht einige Löwen- und Leopardenfelle. In einer gewissen Höhe über dem Meere selbst für Weiße bewohnbar, könnte es am Welthandel einen nicht unbedeutenden Antheil nehmen. Mehrere der wichtigsten Pflanzen, von denen die sogenannten Colonialwaaren herrühren, gedeihen in diesen von Fruchtbarkeit strotzenden Ländern wild. Der Tabak erreicht bei einiger Pflege eine außerordentliche Höhe und liefert ein sehr gutes Blatt. Baker rauchte in Centralafrika viel, weil er darin ein Vorbeugungsmittel gegen das Fieber sah, und lobt den Geruch und Geschmack des Tabaks. In den Wäldern wächst der Kaffeebaum wild; großes Zuckerrohr sah Baker auf vielen Feldern. Auch eine wilde Flachsart kommt vor, doch ziehen die Eingeborenen für ihre rohen Gewebe die Faser einer Aloe-Art vor. Die Erdnüsse, die der Einführung der Cultur in Westafrika bereits einige Dienste geleistet, die Schwarzen an eine freiwillige leichte Arbeit gewöhnt und ihren Wohlstand gehoben haben, wachsen in den centralafrikanischen Wäldern in Ueberfülle. Kurz, die natürlichen Vorbedingungen eines besseren Zustandes sind im Lande selbst vorhanden. Um was es sich zunächst handelt, ist die Nöthigung der portugiesischen und ägyptischen Regierung, dem Sclavenhandel zu entsagen. Dann ist der zweite Schritt ermöglicht; der erste, d. h. die Erkundung des Landes durch Reisende, ist ja geschehen. Dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nach haben diesen Kundschaftern Missionäre und weiße Händler zu folgen, deren Stationen die ersten Haltpunkte beginnender Civilisation bilden werden. Deutschland hat Reisende und Missionäre genug nach Afrika geschickt. Hoffentlich betheiligt es sich auch bei den wichtigeren ferneren Arbeiten, aber unter eigener, nicht unter englischer Fahne.