Ein Kämpe für Deutschlands Einheit

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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Kämpe für Deutschlands Einheit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 557, 558–560
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Heinrich von Treitschke
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Die Gartenlaube (1866) b 557.jpg

Heinrich von Treitschke.

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Ein Kämpe für Deutschlands Einheit.


Noch immer blüht im politischen Leben der Deutschen die Redensart üppiger als billig, aber auch die Rede, die wahre Frucht der Ueberzeugung, der wahre Samen der That, trat in den letzten Jahren bisweilen in erfreulicher und vielverheißender Gestalt auf.

Wer das große Leipziger Turnfest von Dreiundsechzig mitgefeiert hat, wird sich vor Allem des letzten Tages und der schönen stolzen Rede zur Erinnerung an die Völkerschlacht entsinnen, welche der Feier die Krone aufsetzte. Die Tage vorher hatten manche Fahne geschwungen, hier erhielten diese Fahnen erst die rechte Weihe. Die festlich erregte Stimmung der Versammelten hatte neben manchem Phrasenconglomerat auch manch gutes Wort vernehmen lassen, diese Ansprache mit ihrem ernsten, aus den Tiefen einer reichen Seele emporflammenden Pathos war die Rede der Reden. Sie wirkte auf die Hörer fast wie eine That, und sie wird auch ferne Leser mächtig ergriffen haben. Der Mann auf der Tribüne redete gewaltig, nicht wie die bloßen Theoretiker, es war in dem Gang seiner Gedanken, im Schwung seiner Empfindung, im Klang seiner Stimme ein Etwas wie politische Religiosität, ein freudig begeistertes Erbeben aller Saiten des Gemüthes unter dem Flügelschlag einer großen Hoffnung, die durch Studium und eigenes Nachdenken zu gewisser Zuversicht geläutert war, ein edles Prophetenthum, dem auch Geister schwachen Glaubens nicht widerstanden.

Den Bewohnern Leipzigs war diese Stimme nicht unbekannt. Schon oft hatten sie ihre Mahnung vernommen, wiederholt hatte sie das Beste bei Leipzigs festlichen Tagen gethan. Die Studirenden, die junge strebsame Kaufmannschaft, weite Kreise der Stadt blickten auf den Privatdocenten Heinrich von Treitschke als auf einen ihnen in kurzer Zeit theuer gewordenen Lehrer, und wenn er jetzt, von einer glaubensverwandten Regierung hinwegberufen, von der sächsischen als preußisch gesinnter Ketzer gern entlassen, als Scheidender sprach, so mischte sich in die Wirkung seiner Rede ein starkes Gefühl der Wehmuth, zugleich aber die Hoffnung, ihn in bessern Tagen wiederkehren zu sehen zur Fortsetzung seiner Arbeit für sein Volk in der Heimath.

Was Heinrich von Treitschke erstrebte – es beginnt sich jetzt zu verwirklichen in dem deutschen Einheitsstaate unter Preußens Führung, und darum dürfte auch der Moment erschienen sein, jetzt, wo Treitschke’s jüngste publicistische Schrift „die Zukunft der deutschen Mittelstaaten“ auf den ausgezeichneten Mann von Neuem die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt hat, den weitesten Kreisen des deutschen Volkes Mittheilung zu machen über den Gang seines Lebens und seiner Thätigkeit.

In Dresden 1834 geboren, wo sein Vater, jetzt Generallieutenant a. D., damals als Hauptmann bei der leichten Infanterie stand, bezog er nach sorgsamer Vorbildung als noch nicht achtzehnjähriger Jüngling Ostern 1851 die Universität, zunächst Bonn, wo er vorzüglich Dahlmann hörte, aber auch tapfern Antheil nahm an dem fröhlichen Studentenleben und, eine frische genußfähige Natur, vielfach in der schönen rheinischen Landschaft umherstreifte, später Göttingen und Tübingen und zuletzt Leipzig, wo besonders Roscher und Albrecht seine Lehrer wurden. Hier habilitirte er sich zwar schon 1859 als akademischer Docent, begann aber seine Lehrerthätigkeit für’s Erste noch nicht, sondern, nach einem neben publicistischen meist poetischen Bestrebungen gewidmeten Aufenthalte in München, erst 1861, mit seinen Vorlesungen über neuere preußische [559] Geschichte. Jetzt hob für ihn eine Zeit der Erfolge an, wie sie an der sächsischen Hochschule Jahrzehnte hindurch nicht erhört worden, und von der wir hoffen dürfen, daß sie auch auf Seiten der Hörer für ihre Auffassung der deutschen Dinge und für ihr künftiges Thun und Lassen eine erfolgreiche gewesen ist. Das größte Auditorium des Augusteums reichte nicht hin, den Strom der Studenten zu fassen, die sich von dem jungen Docenten die Wahrheit über die Entstehung und die Natur des deutschen Bundes, die neuesten Geschicke und das Wesen Preußens, Oesterreichs und der Mittelstaaten, das Wachsen des deutschen Gedankens in die Wirklichkeit hinein vortragen lassen wollten. Mit eigenen Augen haben wir gesehen, wie sie Kopf an Kopf die Bänke füllten, wie sie bei geöffneter Thür bis auf den Gang hinaus standen, wie selbst die Fensternischen von ihnen besetzt waren. In der That besitzt Treitschke Alles, was den Redner macht, den Redner auf dem Katheder, wie den Redner auf der politischen Tribüne. Sicher würde er daher auch als Kammerredner glänzen, wenn ein Gehörleiden, bei seiner sonstigen Befähigung zu schlagkräftiger Antwort das einzige Hinderniß als solcher zu wirken, ihm die parlamentarische Laufbahn nicht verschlösse.

Noch mehr Aufsehen mußte es erregen, als Treitschke in einem späteren Semester ein Colleg über neuere englische Geschichte ankündigte und seine Zuhörer wieder eines der größten Auditorien füllten. Jenes hatte Nächstliegendes behandelt und war öffentlich gewesen, dieses hatte Entfernteres zum Gegenstande und war ein sogenanntes Privatum. Noch nie, soweit unsere Erinnerung zurückreicht, hatten Leipziger Studenten sich zu Vorträgen letzterwähnter Art in irgend erheblicher Zahl eingefunden, selbst wenn sie nicht zu honoriren waren und wenn der Professor, der sie anbot, zugleich Examinator war. Hier hatte der einfache Privatdocent ihrer weit über hundert vor sich versammelt. Dennoch wird sich kaum Jemand über solchen Erfolg gewundert, kaum Jemand, den nicht Parteihaß oder Mißgunst verblendete, solchen Beifall unbegreiflich genannt haben; denn der Mann mit den feurigen braunen Augen droben auf dem Katheder redete eben gewaltig und zugleich aus dem Herzen, nicht wie die Schriftgelehrten, blos aus dem Verstande. Er lehrte nicht blos, sondern sein Wort erzog, seine Geschichtserzählung war eine Predigt über das Thema: wie ein Volk groß und frei wird. Zwischen den Zeilen las man später, was man während des Vortrags hinter jedem Schlußsatz, der eine Epoche voll Resultate zusammenfaßte, gehört, die Mahnung: seht in den Spiegel und gehet hin, desgleichen zu thun. In jenem mannhaften Auftreten und in dieser erziehenden Tendenz lagen unserer Empfindung nach die Hauptvorzüge dieser Collegien; ein stark realistisches, von Illusionen freies Wesen, ein vornehmer, der Phrase abgewandter Sinn, ein Freimuth, der bis an die letzte Grenze der Lehrfreiheit ging, eine Grundlage tüchtiger Fachstudien und eine schöne klare und kräftige Sprache thaten das Uebrige, jene außerordentlichen Erfolge zu rechtfertigen.

Und wie Treitschke sich durch diese Eigenschaften in wenigen Monaten die Liebe der Studirenden Leipzigs erwarb, so wurde er auch in gleich kurzer Zeit der Liebling weiter Kreise der Bürger der Stadt, namentlich aller Derer, die sich an den nach dem Kriege in Italien neuerwachten liberalen und nationalen Bestrebungen betheiligten. In Vieler Gedächtniß wird noch die treffliche Rede über das Leben, den Charakter und die Wirksamkeit Fichte’s sein, mit der er einst vor einem gewählten Kreise die Erinnerung an diesen Philosophen und Patrioten unsrer größten Zeit nach der Reformation feierte, und nicht weniger verdiente das bei einer andern Gelegenheit von ihm entworfene Bild Lessing’s Bewahrung im Herzen der Zuhörer. Ueberall hatte man mehr oder minder klar die Empfindung, daß hier ein Stern im Aufgehen, der ein Zeichen der Zeit, ein Morgenstern der Zeit zu werden versprach, welche die deutschen Patrioten als Erfüllung ihrer Hoffnungen, als Krone ihrer Bestrebungen herbeisehnen. Wo so gesprochen wurde, schien Aussicht zu sein, daß bald auch so gehandelt werden würde.

In Dresden schien man indeß mit den Ansichten des kühnen jungen Docenten nicht einverstanden zu sein, so daß er auf eine größere akademische Wirksamkeit in Sachsen kaum hoffen durfte. Anders in Baden, wo ein großgesinnter, wohlberathener Fürst den Weg der Patrioten zu gehen begonnen. Kurz vor dem Turnfest erging von hier aus ein Ruf an Treitschke, den leer gewordenen Lehrstuhl eines Professors der Staatswissenschaften an der Universität Freiburg einzunehmen, und da Niemand in Dresden ihn hielt, auf seine Anzeige der Berufung vielmehr ein Schreiben des Cultusministeriums erfolgte, in welchem nach der kühlen Anzeige, ihm in Leipzig nichts bieten zu können, sogar die Hoffnung ausgesprochen wurde, es werde sich mit seiner Auffassung der Geschichte noch einmal bessern – eine Hoffnung, die sich glücklicher Weise nicht erfüllt hat –: so blieb ihm nur übrig, dem ehrenvollen Ruf in die Fremde ohne Verzug zu folgen.

Die Verhältnisse, in die er zu Freiburg eintrat, wären für andere Naturen, als die seine war, nicht eben bequem gewesen. Der Mann, der Protestant in allen Fasern und Adern war, der Verehrer Luther’s – und des großen Friedrich, der entschieden preußisch Gesinnte, sah sich in die Hauptstadt des badischen Ultramontanismus, in eine Stadt versetzt, aus der man bisher fast nur von Priesterpolitik vernommen. Man wußte hier, weß Geistes Kind man in dem neuen Professor zu begrüßen hatte; man sah ihn von vornherein als Pfahl im Fleische an, und man handelte darnach. Eine Fluth von Schmähungen, gemeinen Späßen und allerlei Verdächtigungen floß nach seiner Ankunft durch die ultramontanen Blättchen des Landes. Er trug, was ihm davon bekannt wurde, mit dem ihm eigenen guten Humor, fand bald, daß nicht alle Freiburger von den Beichtstühlen abhängig waren, fand Zuhörer, die, wie die Leipziger, ihn verehrten, selbst unter Nichtstudirenden und sogar für ein Collegium über Reformationsgeschichte, und gründete sich so einen befriedigenden Wirkungskreis, der ihm um so mehr Freude und Genugthuung gewähren mußte, als er sich an dem Widerstand der Verhältnisse der zwingenden Gewalt seines Talents bewußt wurde.

Bis jetzt waren Treitschke’s Arbeiten meist Vorstudien und Anläufe zu bedeutenderen Versuchen als Historiker gewesen. Da erschien im vorletzten Jahre eine Sammlung von Aufsätzen, die bei allen Patrioten die lebhaftesten Sympathien erregten, die „historischen und politischen Aufsätze, vornehmlich zur neuesten deutschen Geschichte“. Sie umfassen zehn Abhandlungen der Gattung, welche man, wir wissen nicht recht weshalb, neuerdings mit dem englischen Worte „Essay“ zu bezeichnen liebt. Sehr verschiedenen Inhalts, haben sie alle die Grundzüge der Treitschke’schen Art zu denken und zu sprechen gemein, mannhafte Empfindung, Energie des Ausdrucks, zweckvolle Gruppirung des Stoffs, rücksichtslose, wenn auch immer humane Aeußerung dessen, was die Seele füllt und bewegt. Mehrere von ihnen sind Muster deutschen Stils. Ueberall in dem Buche zeigt sich bei nüchternstem Verstande und begründetstem Urtheil eine edle Leidenschaft für die sittlichen Ideale der neuern Zeit, überall ein kühner Zorn über Heuchelei und Feigheit, wo diese auftreten, überall aber auch stolze Freude, ein Sohn gerade unserer Tage zu sein, die nur von dem Pessimismus der Schwächlinge als Epigonenzeit angesehen werden. In keinem der Aufsätze bleibt die patriotische und liberale Gesinnung des Verfassers in Zweifel. Am stärksten und kühnsten aber äußert sie sich in der großen Abhandlung „Bundesstaat und Einheitsstaat“, welche das national-politische Glaubensbekenntniß Treitschke’s enthält, und in dem Schlußaufsatz über die Freiheit. Seit Schleiermacher ist nicht wärmer und überzeugender von dem nothwendigen Gleichgewicht zwischen der allgemeinen Pflicht aller Staatsbürger und der Berechtigung des Einzelnen dem Ganzen gegenüber geredet worden, als in diesem Aufsatz. Noch nie aber wurde das, woran das deutsche Leben vor Allem krankt, so rückhaltlos und so schlagend in seiner Blöße dargestellt, als in jenem Abschnitt des Buches. Es ist wahr, was man in Bezug auf denselben hervorgehoben hat, der eine und der andere Schluß in der Beweiskette des Verfassers wird sich mit Erfolg bekämpfen lassen, und keine unserer Parteien wird ihr Programm in seinen Gedanken wiederfinden – auch das Gothaerthum nicht, dem Treitschke sonst nahe steht. Aber wie dem auch sei: wir leben in einer Zeit der Auflösung der Parteien, und so war es ein sehr dankenswerthes Unternehmen, wenn hier ein gründlicher Denker, ein entschiedener Gegner jedes deutschen Particularismus, die innern Widersprüche in den Wahlsprüchen der Parteien heraushob und die letzteren nöthigte, ihre Glaubensbekenntnisse einer neuen Prüfung und Berichtigung zu unterwerfen.

Es ist allgemein bekannt, daß Treitschke nach Roggenbach’s Sturze und mit der in Baden wieder zu momentaner Herrschaft gelangenden ultramontan-reactionären Partei seinen Lehrstuhl in Freiburg verließ. Er siedelte nun in die eigentliche Heimath seines [560] Geistes, nach Preußen über, wo er in Berlin die Redaction der Preußischen Jahrbücher übernahm und außer durch verschiedene gediegene Aufsätze in dieser Zeitschrift namentlich jene Eingangs erwähnte Flugschrift veröffentlichte, die augenblicklich in aller Patrioten und – Nichtpatrioten Munde ist. Jedenfalls steht dem noch jungen Manne, dessen Begabung und Wissen ungewöhnlicher Art sind, eine bedeutende Laufbahn bevor. Wie die Zeitungen melden, ist er in dasselbe nunmehr einem freisinnigen Regimente zurückgegebene Baden, das ihn kaum erst beseitigen zu müssen glaubte, von Neuem berufen worden, als Professor der Geschichte nach Heidelberg, und hat sicherem Vernehmen nach diesen ehrenvollen Ruf auch angenommen.