Ein Naturkind

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Textdaten
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Autor: Alfred Meißner
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Titel: Ein Naturkind
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 553–558
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Ein Bild aus dem Gebirge
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[553]
Ein Naturkind.
Bild aus dem Gebirge von Alfred Meißner.


Arthur Seeburg hatte zwei überglückliche Herbstmonate im Hochgebirge verbracht. Er hatte ein einsam gelegenes Wirthshaus an einem wilden, romantischen See bewohnt. Es wäre schwer zu sagen, ob ihm jetzt, wo er wieder in das Comptoir seines Vaters eingezogen war, die Erinnerung an die herrliche Gebirgsnatur die Stunden mehr würzte oder verbitterte. Nicht die Berge, Almen und Wasser aber waren es allein, welche eine so glühende Sehnsucht in ihm wachhielten. Auf die schöne Vroni, die im Wirthshause bediente, fiel das Hauptgewicht seiner Rückerinnerung. Er hatte sich mit jugendlicher Schwärmerei in das Mädchen verliebt und mit ihr manche Stunde vertändelt.

Vroni war kaum zwanzig Jahre alt, hochgewachsen, schlank, brünett, feueräugig, ein reizendes Naturkind, aber nicht von jener geschminkten Sorte, wie man ihnen auf dem Theater begegnet; auch kein solches, wie Seeburg sich’s dachte, indem er seine Anschauungs- und Empfindungsweise in sie hineindichtete. Seeburg hatte den rührendsten Abschied von ihr genommen. Er weinte und Vroni weinte mit, ohne recht zu wissen, warum. Er hatte ihr tausendmal versprochen, im Frühling wiederzukommen, er bat sie, ihm treu zu bleiben und recht bald zu schreiben.

„Briefe,“ sagte er, „werden mein einziger Trost und vorläufig das einzige Band zwischen uns sein.“

Vroni, die nie einen Brief geschrieben hatte, außer nach Hause, wenn sie ein Paar neue Schuhe nöthig hatte oder ihren Heimathschein verlangte, begriff nicht, was sie zu schreiben habe; da sie aber einen so hübschen und feinen Stadtherrn so dringend darum bitten hörte, versprach sie es doch. Mehrere Wochen waren vergangen. In Seeburg’s Comptoir trafen täglich eine Menge Briefe ein, einer von Vroni war indeß nie darunter. Seeburg wurde ganz verstimmt. „Sie hat doch,“ dachte er, „beim Abschied so viele Thränen vergossen. Warum schreibt sie nicht? Es müßte doch auch ihrem Herzen eine Erleichterung, ja ein Bedürfniß sein.“ Dabei betrachtete er eine Halskette, wie die Gebirgskinder sie tragen, die er auf der Heimreise in München gekauft. „Die sollte ihr gehören, wenn ich die Gewißheit hätte, daß sie meiner gedenkt. Sollte ich sie vergebens gekauft haben?“

Da, als er bereits alle Hoffnung aufgegeben, kam ein Brief an, der ihm gleich als der gewünschte auffiel. Das Couvert, eine selbstverfertigte Arbeit, war von grauem Papier, das mächtige Siegel von ordinärem Lack zeigte einen Helm mit allerlei Federschmuck.

„Das ist der rechte!“ rief Seeburg und las Folgendes:

     „Lieber Herr Seeburg!

Sie werden mich längst vergessen haben. Wie könnten Sie auch an ein so albernes Mädchen denken? Ich denke oft an Sie. Wenn ich unsere Wirthsstube ansehe, die jetzt so still und leer ist, so wünsche ich herzlich, daß es wieder Frühjahr wäre und Sie erschienen wieder unter den vielen Gästen, die wir hier im Sommer haben. Neuigkeiten weiß ich Ihnen nicht zu schreiben, denn bei uns geht nichts vor. Das Einzige, was ich melden kann, ist, daß der Hektor, den Sie so gern gehabt haben, von einem Metzgerhund todtgebissen worden ist. Ich selbst bin gesund und werde Sonntag über acht Tage die Wallfahrt nach Maria-Stein mitmachen. Ich freue mich darauf, weil es dabei immer lustig hergeht. Halten Sie also schön Wort und kommen Sie wieder. Aber den Gradl-Sepp, der Ihnen die Stiefeln gewichst hat, werden Sie nicht mehr sehen, denn der ist zum Militär genommen worden.

Behüt’ Sie Gott! Ich verbleibe stets

Ihre Veronica Schöllerin.“

Also den Brief hatte Seeburg. Er war entzückt. Erst später fing er an, den Inhalt zu prüfen, auch diese Analyse fiel zu seiner Befriedigung aus.

„Solch’ ein Naturkind,“ sagte er zu sich, „trägt seine Gefühle nicht auf der Zunge. Noch weniger bringt es sie durch die Feder aus sich heraus. Gutes Kind! Der alte Hund, der Kellnerbursch gehören bei ihr mit zur Familie. Origineller Stil! Man muß drüber lächeln und ist doch gerührt!“

Auch über die Handschrift ließ er es nicht an Bemerkungen fehlen. Diese war plump, doch nicht ungewandt, schwer, aber deutlich. „Freilich,“ dachte er, „die Hände, die das geschrieben, sind an Arbeit gewöhnt. Arme Hände!“

Seeburg antwortete:.

     „Heißgeliebte Vroni!

Wenn Du wüßtest, welche Freude Du mir gemacht, Du würdest mich nicht so lange nach Deinen Zeilen haben schmachten lassen! Darum laß auch auf Deinen nächsten Brief nicht allzulange warten. Mit größerer Sehnsucht, als je, denke ich an Dich. Wie oft schon hat mir von Dir geträumt! Ich fühle, daß ich nicht früher einen glücklichen Augenblick haben werde, als bis ich wieder in Deinen Armen ruhe. O, wie weit ist es noch bis zum Frühjahr und was kann Alles inzwischen geschehen! Mit Schaudern denk’ ich daran, daß Du mich vergessen könntest. Vroni, glaube mir, Du hast ein treues und glühendes Herz gefunden. Vergiß mich nicht, ich bitte Dich! Unglücklich bin ich, blos weil [554] ich Dich nicht um mich habe, obgleich ich noch Deine Liebe besitze, aber wie würde mir erst zu Muthe sein, wenn ich Dich verlieren sollte! Ich suche Dich gleich in den ersten Tagen des Frühlings auf und zwar zu Pfingsten, wo ich am leichtesten aus dem Geschäft fortkomme.

Apropos! Du hast Dir oft eine schöne Halskette gewünscht. Ich habe Dir eine gekauft und würde sie gleich schicken, wenn ich wüßte, daß ich sie Dir direct einsenden kann, ohne bei den Leuten, bei denen Du bist, Verdacht zu erregen. Schreibe gleich und sag’ mir Deine Meinung darüber. Schreibe recht, recht viel, plaudere über alles Mögliche. Dein Geplauder lese ich lieber, als die schönsten Bücher.
Der Deinige mit aller Gluth der Seele.
27. Oct. 1865.
Seeburg.“

Vroni hatte den Brief erhalten. Er machte ihr Freude und schmeichelte ihr, aber Alles in Allem genommen, wenn die Halskette mit dabei gewesen wäre, es wäre ihr lieber gewesen. Nicht eben aus Habsucht, habsüchtig war sie nicht, allein von der ihrem Geschlechte eigenen Putzsucht hatte sie ihr Theil mitbekommen. Sie beschloß, Seeburg diesmal nicht so lange, wie früher, nach ihren Zeilen schmachten zu lassen. Er sollte umgehend mit einem Briefe beglückt werden.

Es war Vormittag. Mit dem Scheuern ihrer Krügel und Gläser fertig geworden, setzte sich Vroni in der leeren Wirthsstube in einer Ecke nieder, riß ein Blatt aus einem Kalender und fing mit der Feder darauf zu kritzeln an. Dann faltete sie das Papier, schob es in die lederne Geldtasche, worin sie bereits Seeburg’s Brief verwahrt hatte und eilte den Wiesenpfad entlang, über den hölzernen Steg, einem ärmlichen, einstöckigen, mit Blättern bewachsenen Hause zu, dessen schwarzes Schindeldach zwischen den Weiden hervorblickte. Hier wohnte Balthasar Saiblinger, der Schullehrer. Dies war ein alter Mann mit einem mächtigen Kopfe, den eine Fülle grauer, unordentlich durcheinander wachsender Haare überwucherte. Sein breiter Mund mit den starken, weit auseinandergerückten Zähnen und das derbe, wie mit der Axt zugehauene Gesicht von barbarischem Ausdruck hätten Manchen auf die Idee gebracht, er sei eher gewohnt, Kinder zu fressen, als zu unterrichten. Und doch war er, trotz seines wilden Aussehens, ein zwar roher, aber gutmüthiger Mann.

„Schullehrer,“ sagte Vroni, „da komm’ ich schon wieder, Du mußt mir wieder helfen! Das Gekritzel da,“ sie zog das Blatt aus der Tasche, „sollst Du mir abschreiben, oder vielmehr – ach, ich weiß ja, daß es zu gar nichts taugt – Du sollst es besser machen. Der Herr Seeburg hat geschrieben. Ich möchte gar auch so närrisch thun, wie er, aber dazu hab’ ich zu wenig gelernt. Doch sieh einmal, was für überspanntes Zeug dasteht.“ Sie übergab ihm den Brief.

Saiblinger hatte die Pfeife bei Seite gelegt, die Brille gemächlich aufgesetzt und zu lesen angefangen. Als er zu Ende gekommen war, sagte er, die Brille auf der Stirn hin- und herschiebend:

„Dummes Mädel, der ist halt in Dich verliebt. Sei froh, die schöne Halskette ist so gut wie schon Dein. Dein Gekritzel da ist freilich nicht zu brauchen. Da muß man mehr Liebe zeigen. Auf Deinem Zettel seh’ ich nichts, als daß Du gern die Halskette haben möchtest. Da muß man etwas ‚vom Herzen‘, ‚von den Sternen‘ und dergleichen Dingen schreiben! Nun, ich will es Dir aufsetzen und, da das ein so guter und spendabler Herr ist, noch sauberer abschreiben, als letzthin –“

„Nein, nein,“ unterbrach ihn Vroni hastig, „dann glaubt er nicht, der Brief sei von mir.“

„Da hast Du wieder Recht,“ sagte der Schulmeister mit gravitätischer Anerkennung.

„Schreib es nur schlecht, es ist noch immer gut für mich. Vor Allem aber bitt’ ich, geh bald an die Arbeit. Er will’s –“

„Und Dich juckt die Kette!“ warf der Schullehrer ernsthaft hin. „Gleich will ich’s machen, aber Zeit brauch’ ich, Zeit! In solchen Sachen hab’ ich sehr wenig Uebung. Ich muß ein Buch nachschlagen und das Ding gehörig durchdenken. Verstanden?“

Er sagte das nicht allein, um die Höhe des Honorars zu verdoppeln, sondern in aufrichtiger Erkenntniß seiner Unzulänglichkeit auf dem Gebiete erotischen Stils.

„Kann ich es morgen haben?“

„Nun, wir wollen sehen. Den Brief des Seeburg laß mir hier.“

„Und mach’ es schön, Schullehrer, mach’ es schön!“

Der Halskette zu liebe fühlte sich Vroni gedrungen, mit der Sentimentalität, die Seeburg’s Brief athmete, zu rivalisiren. Saiblinger versprach, das Mögliche zu thun.


Nachdem der alte Schullehrer mehrere veraltete Bücher seiner Bibliothek zu Rathe gezogen und sich viel geplagt hatte, war folgender Brief zu Stande gekommen:

     „Heißgeliebter Herr Seeburg!

Ich habe es anfangs gar nicht gewagt, Ihnen zu schreiben, darum habe ich so lange gezaudert. Da ich aber sehe, daß Ihr Brief so nachsichtig und liebevoll abgefaßt ist, habe ich mehr Muth und schreibe so schnell, wie es mir meine Arbeiten erlauben. Aber was soll ich Arme schreiben? Daß ich Sie liebe, wissen Sie, aber mit welcher Feder sollte ich auch meine Gefühle ausdrücken? Ich bitte täglich zu Gott, daß er das schöne Frühjahr bald schicken möge, damit ich das Glück habe, Sie wiederzusehen! Ihren Brief trage ich auf der Brust und habe ihn schon hundert Mal gelesen.

O, schreiben Sie so schnell als möglich. Aber wenn Sie die Halskette mitschicken, bin ich Ihnen recht böse. Ihr Brief ist mir genug, zur Freude und zur Ehre. Wenn ich auch oft gewünscht habe, eine schöne Halskette zu besitzen, so ist es mir doch lieber, an Ihnen ein Herz zu haben, das so treu und aufrichtig für mich schlägt. Lieber Herr Seeburg, wenn man so einsam dasteht, wie ich, so ist man glücklich, einen wahren Freund gefunden zu haben, und braucht nicht Geschenke. Erzürnen Sie mich also nicht, indem Sie die Halskette schicken, und glauben Sie nicht, daß ich sie zurückweise, weil ich mich vor den Leuten genire, sie anzunehmen. Nach wem habe ich zu fragen? Der alte kranke Herr aus Potsdam, den Sie kennen, hat mir voriges Jahr ein Kleid zugeschickt und zwar durch die Post. Was liegt daran, wenn man ein gutes Gewissen hat?

Schreiben Sie also gleich, denn ich verschmachte vor Sehnsucht und Liebe, und behalten Sie in liebendem Andenken
Ihre     
31. Oct. 1865.
Vroni Schöllerin.“

Als Seeburg diesen Brief gelesen, rief er: „Ein prächtiges Mädchen! So uneigennützig! Und wie ihr Herz aufzuthauen anfängt! Der erste Brief war, gegen diesen gehalten, wie ein Stück Eis, wie lieb er auch war. Mach’ ich sie wirklich böse, wenn ich ihr die Halskette schicke? Nein, nein! Gretchen sogar hat von Faust Schmucksachen als Präsent angenommen. Nein, nein, ich sende die Kette und begleite das Geschenk mit den zartesten Worten.“

So monologisirte Seeburg, aber man thäte ihm Unrecht, wenn man ihn solcher Reflexionen wegen für einen beschränkten Kopf hielt. Er war vielmehr im Umgange mit seinen Freunden, wie in seinem Geschäft ein ganz gescheidter und gewandter junger Mann, der oft recht gute Einfälle hatte. Wie hätte er aus den Schriftzügen heraus die greise Hand, von der sie herrührten, erkennen sollen? Wer kennt die Bauernschriften? Bei kaufmännischen Briefen wäre es ihm gewiß nicht so ergangen. Die hie und da erkennbare Unsicherheit hielt er für Folge von Mangel an Uebung. Und da der erste Brief Vroni’s unleugbar echt gewesen, warum sollte er dem zweiten mißtrauen?

Das Paquet mit der Kette langte ungesäumt an seinem Bestimmungsorte an, ohne Vroni irgendwie böse zu machen. Die Kette kam eben zurecht, daß sie selbe vor Antritt der Wallfahrt anlegen konnte. Ihr erster Gedanke war, einen glühenden Dankbrief an Seeburg zu senden; ihr zweiter den Brief zu vertagen. Der Schulmeister verlangte einen Gulden dafür.

Einige Tage nach der Wallfahrt vollzog sich in Vroni’s Lage eine große und unerwartete Aenderung. Der Wirthssohn in Untersbach bei Maria-Stein hatte sich in Vroni verliebt und Ihr Herz und Hand angetragen.

„Da ist Dir zu gratuliren,“ sagte der Schulmeister, als er Vroni Tags darauf an der Hausthür stehen sah. „Der Wirthssohn von Untersbach ist ein schmucker Bursch’ und, hat ein hübsches Vermögen zu erwarten. Aber was ist’s jetzt,“ setzte er leise hinzu, „mit dem Herrn Seeburg? Wirst Du ihm die Halskette zurückschicken?“

„Glaubst Du, daß ich es thun muß?“

[555] „Ich – glaube nicht!“

„Ich glaub’s auch nicht,“ sagte Vroni. „Aber sag’ Niemandem etwas von der ganzen Sache. Jetzt steht Alles anders. Wenn Du ein Wort sagtest, ich könnte den größten Verdruß haben. Herr Seeburg wird mich nicht heirathen – was meinst Du?“

„Ja, freilich, das thut er schwerlich.“

„Er thut es nicht. Man darf gar nicht dran denken,“ sagte Vroni. „Träume sind Träume.“ Sie ging in’s Haus.


Drei bis vier Wochen waren vergangen, ohne daß Seeburg eine Nachricht von seinem Gebirgsmädchen erhalten hätte. Nicht einmal die Bestätigung des Empfangs der Kette war eingetroffen. Er wartete und wartete und überließ sich dem ganzen Heer von Besorgnissen und Zweifeln, welchen liebende Herzen in ähnlichen Fällen unterliegen. Zu allen möglichen Annahmen hatte er Zuflucht genommen, um die saumselige Geliebte zu entschuldigen und sich süß zu täuschen. Er nahm an, daß das Geschenk nicht in ihre Hand gekommen, daß Vroni schwer erkrankt sei, daß sie, durch ganz besondere Schicksale verhindert, nicht schreiben könne. Nur das Richtige, daß sie einen Andern gefunden habe, das fiel ihm nie ein.

Vroni hatte ihm erzählt, welche wilde Gebirgspfade sie oft zur Winterszeit gehe, wenn diese durch hohen Schnee doppelt gefährlich geworden, und wie manches Opfer auf solchen Wanderungen, von Schneestürmen überrascht, verweht worden und erfroren sei. Schaudernd malte er sich eine solche Katastrophe mit allen Details aus und nahm lieber an, daß Vroni erfroren, als blos, bildlich gesprochen, erkaltet sei.

Sie hatte ihm oft erzählt, wie auf dem See, der selbst im strengsten Winter nie ganz zufriere, die Stürme wütheten und wie oft Kähne, welche Leute vom Markt heimführten, umgeschlagen und zu Grunde gegangen seien. Er erinnerte sich daran und nahm eher an, daß Vroni bei einem solchen Sturme ertrunken, als daß ihre Liebe untergegangen sei.

Vroni war indeß aus dem Dienste getreten und in’s Wirthshaus ihrer zukünftigen Schwiegerelten übersiedelt, die Hochzeit sollte schon im Fasching stattfinden. Ihr neuer Aufenthaltsort war mehrere Meilen weit entfernt und lag im tiefsten Gebirge. Umsonst hatte sie der Schulmeister, der gern einen Gulden verdient hätte, jedesmal, wenn er sie an Markttagen oder an Kirchfesten sah und in Abwesenheit ihres Bräutigams sprechen konnte, gemahnt, Herrn Seeburg zu schreiben. Sie kam zu keinem Entschlusse.

Weihnachten stand vor der Thür. Der Schullehrer saß zu Hause, im übelsten Humor. Seine bereits chronisch gewordene Geldklemme hatte wieder einen unerträglich acuten Charakter gewonnen. Er wußte nicht, wo aus, wo ein. Alle Credite waren erschöpft. Von allen Seiten gemahnt, konnte er nirgends zahlen; doch daran war er gewöhnt, eine neue Schuld jedoch, die erst seit dem vorigen Abend hinzugekommen, brachte ihn zur Verzweiflung. Sie betrug zwar nur sieben Gulden, aber es war anvertrautes Geld, das er für seinen Chef, den Herrn Pfarrer, für Stolagebühren eingetrieben und im Kartenspiel leichtsinnig verloren hatte.

„Was fang’ ich nur an?“ klagte er verzweiflungsvoll. „Wo leihen und nicht stehlen? Ich weiß keinen Menschen auf Gottes weitem Erdboden, der mir die sieben Gulden leiht. Der Pfarrer wartet auf’s Geld, wie der Teufel auf die Seele. Ich kann ihn kaum ein paar Tage lang hinhalten. Die Vroni, die einzige Seele, die mir was geliehen hätte, ist fortgezogen. Was fange ich an?“

Nach längerem Nachdenken fuhr er fort: „Wie wäre es, wenn ich – vielleicht gelingt’s – wenn ich im Namen der Vroni Herrn Seeburg für die Halskette dankte und ihn ersuchte, mir mit sieben Gulden auszuhelfen? Ja, wenn ich wüßte, daß er das Geld schickte, dann setzte ich mich über Alles hinweg. Aber: ‚Was?‘ wird er sagen, ‚die Vroni dankt mir nicht früher für Eines, als bis sie das Zweite verlangt?‘ Da hätte ich eine unsaubere Handlung begangen, die Gott weiß was für ein schlechtes Ende nehmen kann, und nichts dafür erhalten! Es geht nicht, es geht nicht! Dummes Zeug!“

Da klopfte es, die „Pfarrköchin“ trat ein, die sieben Gulden abzuholen. Die Bestürzung Balthasar Saiblinger’s war unbeschreiblich. Stotternd entschuldigte er sich und sagte, daß er aus Mangel an Zeit das Geld nicht eingetrieben habe. Er versprach, es sobald als möglich zu bringen. Dieser Zwischenfall hatte zur Folge, daß es ihn trieb, allen Gewissensbissen zum Trotz da anzuklopfen, wo noch der stärkste Hoffnungsschimmer einer Erhörung dämmerte. Er beschloß, vor Seeburg sein schweres Herz auszuschütten. Er ging zum Krämer hinüber und kaufte einen Briefbogen, auf dessen Randvignette ein brennendes Herz, von einem Taubenpaar umflattert, abgebildet war. Wieder in seiner Stube angelangt, setzte er sich hin und schrieb, das Bewußtsein seiner äußersten Geldnoth als Inspiration citirend, Folgendes:

     „Heißgeliebter Herr Seeburg!

Sie sind mir wohl sehr böse, daß ich so lange nicht geschrieben. O, wüßten Sie meine Lage! Sie würden eher weinen, als mir Vorwürfe machen. Oft denke ich: wenn er es wüßte, er würde mir gleich helfen! Zu meinem Unglück hab’ ich noch gestern Abend sieben Gulden verloren.“

Er hielt inne, überlas das Geschriebene und rief: „Da fall’ ich schrecklich mit der Thür in’s Haus! Ist es gut? Klar ist es und die Hauptsache ist gesagt; jetzt muß ich recht schwärmen oder, wie die Vroni sagt, recht närrisch thun.“

Er nahm ein paar starke Prisen aus der Dose und schrieb weiter: „Das ist freilich für ein armes Geschöpf, wie ich, ein Unglück, aber was würde ich mir daraus machen, wenn Sie, Herr Seeburg, da wären und ich an Ihrem Herzen ausruhen könnte! O, warum sind Sie hergekommen, o, warum haben Sie so viel schöne Worte gesprochen – Ihre Betheuerungen – aber es war doch eine selige Zeit! Jetzt härme ich mich und magere ab, – wenn Sie sehen würden, wie ich aussehe –“

Als er dies zu Papier gebracht, rief er aus: „Gott behüte, daß er mich sehe! Da hätte er eine schöne Freude!“

Mit schmunzelndem Lächeln und sich hinter dem Ohr kratzend fuhr er wieder fort: „Ich habe immer darüber gelacht, wenn ich hörte, daß ein Mädchen aus Liebe in’s Wasser gesprungen sei. Wenn ich jetzt vor unserem Wirthshaus am See stehe, so überfällt es mich so sonderbar, daß ich mich besinnen und mich zurückhalten muß, um nicht kopfüber zu stürzen!“

„Das ist ein bischen stark,“ murmelte Saiblinger, diesen Absatz prüfend. „Aber das schadet nichts! Je stärker, desto besser, desto sicherer wirkt es.“

Er fuhr fort: „Nennen Sie mich immerhin eine Närrin, wenn ich so spreche, aber wer hat mich so närrisch gemacht? Noch tröste ich mich, wenn ich denke, daß Sie im Frühjahr wiederkommen, aber wenn Sie nicht kommen sollten, dann wehe meinem armen Verstande!“

„Ganz gut,“ murmelte Saiblinger, diese Stelle überlesend. „Ganz gut. Nun noch eine Anspielung auf die sieben Gulden und zum Schluß etwas Rührendes!“

Er zog die buschigen, grauen Augenbrauen in die Höhe, den großen, unschönen Mund in die Breite und sagte unter der Wucht schweren Nachdenkens: „Wie komme ich nur wieder auf die sieben Gulden?“ Da durchleuchtete ihn ein Gedanke, er schrieb: „Eine Cameradin, der ich meine Noth geklagt, hat mir gerathen, die schöne Halskette, die ich von Ihnen habe, zu versetzen. Nicht für alle Schätze der Welt thäte ich das, viel weniger um sieben Gulden. Von der Halskette kann ich mich nicht trennen und wenn mich Gott so verlassen sollte, daß ich in’s Wasser spränge, so wird man, wenn man meinen Leichnam hervorzieht, Ihr Geschenk an meinem Halse finden.

Wie ich mich nach Ihrem Briefe sehne, kann ich Ihnen nicht sagen. Jede Stunde bis dahin werde ich zählen und ihn dem Postboten aus den Händen reißen. Eine zarte Ahnung sagt mir, daß ich darin Trost finde und den Balsam für mein Herz, den ich so dringend brauche!

Leben Sie wohl! Und gleich schreiben, gleich! Thränen ersticken mir die Stimme. Kaum habe ich die Kraft, die Feder zu halten. Seeburg, wenn Du mich verlassen könntest und wenn Dein Brief nicht das enthielte, wonach ich in meiner Herzensangst schmachte, so weiß ich nicht, was aus mir werden soll. Ach, wie drückt mich das Herz! Wie sprengt es meinen Busen! Doch einer Deiner Briefe machte Alles gut. Sei nochmals umarmt, theuerstes Herz! Noch diesen heißen Kuß von
Deiner armen     
20. December.
Veronica Schöllerin.


Seeburg hatte eben beim Postschluß dringend viel zu thun, als er diesen Brief erhielt. Dennoch ließ er Alles gehen und [556] liegen, als er das bekannte Couvert, den braunen Lack und das Siegel mit dem Helm sah, und eilte aus dem Comptoir, um ihn zu lesen. Als er den Inhalt überflogen hatte, schlug sein Herz fieberisch.

„Die Aermste!“ rief er. „Jetzt klärt sich mir ihr Schweigen auf. Die liebt mich! Und – interessant – wie von Brief zu Brief ihre Liebe beredter wird! Das kindliche Lallen, das halb scherzhafte Geplauder ist ein durch alle Tonregister reichendes Klagen, eine schreckliche Elegie geworden. Neulich noch ein Kind und jetzt ein Weib, welch ein Weib! Nie hätte ich geglaubt, daß ihre Leidenschaft einer solchen Anschwellung fähig ist. Soll ich mich anklagen, so viel Leid über sie gebracht zu haben, soll ich mich freuen, so geliebt zu werden? In meiner Brust kämpft Alles durcheinander. O, die Handschriftenkenner haben Recht. In der Schrift liegt viel vom Charakter! Diese Buchstaben haben etwas so Festes, eine beinahe männliche Energie und doch wieder seh’ ich hier und da die Spuren von Unsicherheit der Hand – also das Mädchenhafte, Schüchterne, Zaghafte! Gleich will ich ihr schreiben. O, welche Wonnen erwarten mich im Frühjahr!“

„Hör’ Du einmal,“ sagte inzwischen der Schullehrer zum Gerichtsboten, der zugleich Briefausträger war, „die Vroni, die vordem beim Seewirth war, läßt Dir sagen, Du sollst einen Brief, der dieser Tage für sie ankommt, bei mir abgeben. Sie holt ihn selbst ab.“

Der Gerichtsbote, begreiflicher Weise froh, daß ihm der Gang in’s Gebirg erspart wurde, hatte dagegen nichts einzuwenden. Und wirklich, so schnell als es möglich war, erhielt der Schullehrer Seeburg’s Antwort, der eine Banknote beilag. Der Pfarrer konnte bezahlt werden und es blieb noch ein Rest, mit welchem man sich lustige Tage machen konnte. Aus seinen Verlegenheiten herausgerissen, war der Schullehrer nicht mehr gesonnen, seine Liebescorrespondenz weiter zu führen, wiewohl der Erfolg ein vollständiger war und es sich gezeigt hatte, daß er ein Männerherz zu umstricken und es sich tributpflichtig zu machen verstehe. Als sich aber nach einiger Zeit wieder harte Geldkrisen einstellten, wurde Balthasar Saiblinger nach langem Gewissenskampfe abermals verleitet, seine Feder in Vulcanengluth zu tauchen, um Seeburg’s Gutmüthigkeit zu prüfen. Diesmal forderte er nicht direct. Sein Brief athmete nur Sehnsucht und Liebe. Ein Büschlein Edelweiß, als Sinnbild nie verwelkender Gefühle, war ihm beigelegt. Auch dieser Brief hatte die gewünschte Wirkung, ebenso ein zweiter und dritter, die er in entsprechenden Zwischenräumen abfaßte.

Ostern war herangekommen. Saiblinger hatte indeß aus seiner treuen Erwerbsquelle gegen fünfzig Gulden geschöpft, aber nun war es auch an der Zeit zu erwägen, wie Seeburg’s Pfingstbesuch zu vereiteln wäre. Schon in seinem letzten Briefe hatte der Schullehrer Liebeshändel anzuspinnen begonnen, aus welchen sich ein Casus belli bilden sollte, damit er brechen könne und den Liebhaber vom Halse habe. Aber es wollte sich nicht machen. Seeburg’s Liebe flog darüber hinweg. Der Schullehrer beschloß, längere Zeit zu schweigen. Inzwischen hoffte er einen Ausweg zu ersinnen. Wochen strichen hin, ohne daß etwas geschehen war, und bis Pfingsten war es nicht mehr weit hin.

Es war ein schrecklicher Morgen, als der Gerichtsbote, welcher den Schullehrer für den regelmäßigen Besorger der Briefe an Vroni ansah, ein Schreiben Seeburg’s brachte. Die Anzeige stand darin, Seeburg werde mit aller Bestimmtheit am Pfingstsonntag eintreffen. Bis dahin waren nur sieben Tage. Dem Schullehrer war zu Muthe, als sei der Verderber schon da. Er sah ihn nach Vroni fragen, diese aufsuchen, sie zur Rede stellen. Es war unausweichlich, daß dabei Alles an’s Licht komme. Er sah Seeburg, Vroni und deren Bräutigam gegen sich Front machen; der Scandal war ungeheuer, seine Absetzung, vielleicht noch Aergeres, mußte die Folge davon sein. Ganz außer sich nahm er das erste beste Blatt und schrieb Folgendes:

     „Lieber Herr Seeburg!

Ich hatte gestern eine furchtbare Scene. Mein guter Ruf ist zerstört. Schon vordem habe ich viele Spöttereien und Nachreden erdulden müssen, denn die Leute haben gemerkt, daß wir etwas mit einander gehabt haben. Nun müssen mich wohl die Briefe verrathen haben. O mein Himmel, warum habe ich Ihnen geschrieben!

Gestern war bei uns Tanz. Kaum tret’ ich in den Tanzsaal, als alle Burschen auf mich zuspringen, mich verhöhnen und allerlei Schandliedel singen.

Ich kann nicht mehr hier bleiben. Noch heute verlasse ich den Dienst und gehe, soweit mich die Füße tragen.

Leben Sie wohl, für immer. Sie finden mich nicht mehr hier, aber was liegt Ihnen an mir? Sie können doch kommen! Dann würden Sie aber nur Anlaß geben, daß man wieder über mich rede. Ich beschwöre Sie also: kommen Sie nicht. Zeigen Sie sich nirgends weder hier, noch in der ganzen Umgegend. Ich habe nichts als meine Ehre. Vergessen Sie mich und auch mein Herz wird Ruhe finden.

13. Mai 1866.
Veronica Schöllerin.“


Mit begreiflicher Unruhe wartete Balthasar Saiblinger die Wirkung dieses Briefes ab. Fortwährend plagte ihn die Sorge, daß Seeburg’s Ankunft alle seine Unthaten an’s Licht ziehen werde.

„Leichter ist es,“ sagte er in einem Moment tiefster Deprimirung, „einen Verliebten auf den höchsten Berg, ja bis auf den Mond hinauf zu bestellen, als durchzusetzen, daß er zu Hause bleibe und sich Alles aus dem Kopf schlage. Das hätte ich bedenken sollen! Meine Briefe waren aber so gefühlvoll; das war nicht klug. Ich hätte früher an den Rückzug denken sollen.“

Inzwischen hatte sich ein Vorfall ereignet, der nicht danach angethan war, seine schwüle Gemüthsstimmung zu kühlen. Vroni, deren Hochzeit hinausgeschoben worden war, hatte sich mit den Schwiegereltern durchaus nicht vertragen, es hatte Streit gegeben und die Heirath war rückgängig geworden. Der Schulmeister war ganz niedergedonnert, als er eines Tags in’s Seewirthshaus kam und das Mädchen dort wieder bedienen sah. Gleich beim ersten Gespräche, das sie zusammen hatten, sagte Vroni:

„Jetzt reut’s mich, daß ich Dir nicht gefolgt habe. Ich hätte mich für die Halskette bedanken sollen. Sommerzeit ist da, und Herr Seeburg wird gewiß wieder kommen. Der wird eine schöne Meinung von mir haben und wird nichts von mir wissen wollen.“

„Daran bist Du allein schuld,“ polterte der Alte hervor, indem er die Stellung suchte, die er ihr gegenüber einzunehmen hatte. „Aber es ist ganz recht, Du solltest, da es einmal so ist, Dich schämen, mit einem Herrn Dich einzulassen, der Dich nicht heirathen kann. Wenn er kommt, solltest Du ihn nicht ansehen, ja ihm den Rücken drehen! So gehört sich’s für ein braves Mädchen!“

Vroni sah ihn betroffen an.

„Sieh’ mich nur an,“ fuhr der Schulmeister in höchster sittlicher Entrüstung fort. „Ihr Mädchen habt nur Ohren für das, was ihr gern hört, sonst müßte Dir bekannt sein, was die Leute über Dich und ihn reden.“

„Um Gotteswillen!“ rief Vroni. „Wer? Was?“

„Ich kann sie Dir nicht herzählen. Aber eine Lehre kannst Du Dir daraus abziehen, wie Du Dich in Acht zu nehmen hast.“

„Du hast Recht,“ sagte Vroni. „Ich hab’ es zu wenig bedacht. Nun, wenn er kommt, wird er nichts mehr von mir wissen wollen, aber ich weiß, daß ich gescheidter sein werde, als ich’s voriges Jahr war.“

Noth macht erfinderisch. Der Schulmeister wandte sich sofort an einen guten Nachbar, der neben ihm auf der Bierbank saß, und flüsterte ihm zu:

„Necke einmal die Vroni mit Herrn Seeburg. Geh’, mach’ mir den Spaß!“

Der Nachbar that es. Vroni war wie versteinert und sah den Schulmeister mit einem langen Blicke an, welcher ihm sagen sollte, wie Recht er mit seinen Rathschlägen gehabt.


Seeburg war inzwischen durch den Scheidebrief, den er unmittelbar vor seiner Abreise erhalten, in die unangenehmste Ueberraschung gestürzt. Er wollte die Reise aufgeben. So hätte der Schulmeister seine Absicht durchgeführt und die Gefahren der Entdeckung glücklich abgewendet, wenn es ihm nicht so gegangen wäre, wie so oft den raffinirtesten Verbrechern, welche das bestdurchdachte Werk durch ein ganz plumpes und bagatellmäßiges Versehen verrathen lassen, durch ein Versehen, wie es auch den unvorsichtigsten Menschen nicht gröber hätte passiren können. Der Schulmeister hatte nämlich, ehe er sich hinsetzte, den Scheidebrief zu schreiben, ein Blatt Papier hervorgekramt und in seiner Hast und Bestürzung dessen Rückseite nicht angesehen. Auf dieser stand die Bestellung einer Seelenmesse für einen Bauer, von seiner Hand geschrieben und mit seiner Unterschrift als Dorfschullehrer versehen.

[557] Seeburg machte große Augen, als er wahrnahm, daß Vroni und der Schullehrer eine und dieselbe Handschrift hatten. Nichts war klarer, als daß das Mädchen sich von diesem die Briefe hatte verfassen lassen, denn daß Balthasar Saiblinger auf eigene Faust Seeburg geliebt haben sollte, das kam ihm noch nicht in den Sinn! Immerhin war er sehr enttäuscht und fühlte Beschämung darüber, daß er die gemachten Ergießungen eines honorirten Dorfschriftstellers für Ausbrüche einer wahren Leidenschaft gehalten habe. Er mußte sich ärgern und über sich selbst lächeln, denn, wahrlich, diese Entdeckung war geeignet, seinen bisher so heißen Kopf gründlich zu ernüchtern. Das Ganze wirkte wie eine Cur und er wunderte sich bald darauf, ein solcher Narr gewesen zu sein. Ein Narr, dessen Hypersentimentalität beinahe verdiente, so ausgebeutet zu werden! Dies bewog ihn, seinen Reiseplan wieder aufzunehmen und sich wieder an den Gebirgssee zu begeben, blos, um sich die Abwickelung dieser Geschichte anzusehen. Wie er es dem Schulmeister angesagt, war er am Pfingstsonntag im Seewirthshaus angelangt. Vroni, die ihm gleich in den Wurf fiel, benahm sich sehr spröde. Das paßte zum Scheidebrief, von dem sie freilich nichts wußte, und Seeburg wurde sonach in dem Glauben bestärkt, daß er mit ihrem Wissen abgefaßt sei.

Dem Schullehrer war, als er Seeburg absteigen sah, zu Muthe, als sei der jüngste Tag gekommen. Er verkroch sich in seinem Hause.

Seeburg hatte sich ein Frühstück in den Wirthshausgarten bestellt und nahm unter den Bäumen Platz. Vroni kam heran. Und da der Ort ohne Zeugen war, eröffnete Seeburg das Gespräch folgendermaßen:

„Du willst also nichts mehr von mir wissen?“

Das Mädchen schwieg und blickte zu Boden.

„Gut,“ sagte er in die Brusttasche langend, „da nimm also Deine Liebesbriefe zurück!“ Er gab sie ihr alle.

„Da sind ihrer zu viel,“ sagte Vroni kleinlaut; sie wußte nur von zweien.

Höchst frappirt, aber rasch die Bedeutung der Worte erfassend, nahm ihr Seeburg das Paket aus der Hand.

„Da muß ich mich geirrt haben,“ sagte er.

„Sie sind mir böse,“ sagte Vroni, „aber wüßten Sie, wie Alles ist, so würden Sie Nachsicht haben! Ich habe Ihnen bei dem besten Willen nicht für die schöne Halskette danken können.“

Vroni begann nun zu erzählen und schilderte die Schicksale, die sie in diesem Winter gehabt, ganz wahrheitsgetreu, bis sie zu dem Zeitpunkte gekommen war, an welchem ihr der Schullehrer die ihrem guten Rufe so ersprießlichen Rathschläge ertheilt hatte.

[558] „Der Brief,“ sagte Seeburg, „den Du wegen der Halskette geschrieben, war also Dein letzter? Ist keiner verloren gegangen?“

„O, wie wurmt’s mich!“ rief Vroni, „daß ich nicht wieder geschrieben habe. Der Schulmeister hat mir oft –“

„Der Schulmeister,“ unterbrach sie Seeburg, „der hat Dir wohl die beiden Briefe aufgesetzt und geschrieben?“

„Ja,“ gab Vroni erröthend zur Antwort. „Mein Geschreibsel kann Niemand lesen.“

Seeburg schwieg einen Moment betroffen still. So lag es zu Tage, daß der größere und leidenschaftlichere Abschnitt der Correspondenz vom Schullehrer allein fabricirt worden sei. Das gab ihm einen tiefen Stich.

„Wenn Sie mir meine Briefe zurückgeben,“ sagte das Mädchen betrübt, „so muß ich auch die Halskette holen –“

„Keinesfalls,“ sagte Seeburg freundlich, „die ist Dein. Ich habe sogar eine Uhr gekauft, weil Du immer eine gewünscht hast; aber da Du jetzt anderen Sinnes geworden –“

„O nein!“ rief Vroni mit freudestrahlendem Gesicht, „bedenken Sie nur, wie bös die Leute sind – ich habe Sie so gern – es freut mich so, daß Sie wieder da sind! Sie haben ja gesagt,“ fügte sie hinzu, „daß Sie morgen wieder abreisen –“

„Was sollte ich thun?“ war die Antwort. „Ich bin Deinetwegen gekommen, und als mein Wagen vorfuhr und Du mich erkanntest, liefest Du weg, statt mich zu begrüßen.“

„Ich war zu sehr überrascht,“ sagte das Mädchen. „Bleiben Sie nur, wir werden wieder recht lustig sein.“

„Versprichst Du das?“

„Ja,“ sagte Vroni und verschämt sich abwendend fügte sie hinzu: „Sie wissen ja, wie lieb ich Sie immer gehabt.“

Mit diesen Worten, die Seeburg vollständig beruhigten und in eine heitere Stimmung versetzten, lief sie davon. Solche herrliche Aussicht und eine Flasche Carlowitzer hoben Seeburg’s Humor.

Nicht lange darauf klopfte es an die Thür des kleinen, mit Blätterwerk überwachsenen Hauses, das jenseits der Weiden stand. Da wohnte der Schulmeister, und Alles zuckte im Alten zusammen, als er dies Klopfen hörte. Wie betäubt konnte er nicht einmal laut Herein rufen, aber es war auch gar nicht nöthig, denn Seeburg stand schon mit weitgeöffneten Armen vor ihm.

„Da bin ich!“ rief er. „Sie haben sich Herr Schullehrer, so herzlich gesehnt, an meiner Brust zu ruhen!“

„Was soll der Spaß?“ murmelte der Schulmeister scheu und grimmig, wie ein gefangenes Wild umherblickend.

„Ich habe Ihre glühenden Liebesbriefe erhalten und nicht nur beantwortet, sondern auch baar bezahlt; ich gestehe, daß sie mir für den Spaß, den sie mir gemacht, nicht zu theuer waren! Die Natur hat Ihnen ein schwärmerisches Herz gegeben und Sie haben Ihre Sache gut geführt, auch war es sehr klug von Ihnen, daß Sie der Versuchung widerstanden haben, mir Ihre Photographie zu senden.“

„Mein Gott, die Vroni…“ stotterte Balthasar Saiblinger, Ausflüchte suchend, wiewohl er Alles entdeckt sah.

„Vroni weiß von der ganzen Sache nichts,“ erwiderte Seeburg. „Auch jetzt noch nicht. Sie haben sich einen Spaß gemacht, mir zu schreiben, und ich, Ihnen zu antworten. Was habe ich anders thun können? Hätte ich nicht geschrieben, Sie wären im Stande gewesen, sich aus Liebeskummer in den See zu stürzen.“

„Mein Gott,“ stammelte der Schullehrer, in die Enge getrieben, „verdammte Geschichte! O, mich hat der Teufel geritten – ich, dummer Kerl, habe einen Mann wie Sie anführen wollen – ich verdiene ein paar ganz gehörige Ohrfeigen.“

„Lassen Sie sich darüber kein graues Haar wachsen,“ sagte Seeburg in lustigster Laune. „Alle Liebe hat ihren Kummer, das wissen Sie, edler Liebesdichter, am besten! Seien Sie heute Mittag mein Gast, da soll bei Wein und einem guten Gänsebraten das Herz wieder gesunden, das ich Ihnen so leichtsinnig gebrochen habe!“

„O, lieber Herr Seeburg,“ rief der Schuldige mit einem lauten Ausbruch der Reue, „wie großmüthig Sie sind! Welch’ ein edler Charakter! Mein Lebtag will ich an diese Stunde denken und mich ihrer noch auf dem Sterbebette erinnern!“

„Schon gut,“ unterbrach ihn Seeburg, „oder Sie verfallen wieder in Liebesklagen! Hier meine Hand!“

Sie gaben sich die Hände und Seeburg fügte hinzu:

„Für so viel Liebe sei Ihnen verziehen!“

Sie speisten Mittags zusammen und dabei erschien auch Vroni und plauderte und tändelte mit Herrn Seeburg, wie sie es früher gethan.