Aus dem Kaukasus

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Autor: unbekannt
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Titel: Aus dem Kaukasus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 111–113
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[111]
Aus dem Kaukasus.

Unter den Gegnern, denen sich Rußland in dem gegenwärtigen Kriege gegenüber befindet, sind die Bewohner des Kaukasus nicht zu den wenigstgefährlichen zu zählen. Seit länger als hundert Jahren[1] im Kampfe mit den Moskowiten, ist dieser mit bald größerer, bald geringern Heftigkeit geführt worden, jenachdem einflußreiche Häuptlinge sich an die Spitze der verschiedenen Völkerschaften stellten, welche im Allgemeinen unter dem Namen Tscherkessen begriffen werden. Ein solcher Häuptling ist Schamyl, dessen Namen wir seit 1834 zu hören gewohnt sind, und der in diesem langen Zeitraum wechselnd mit Glück und Unglück, stets aber mit Erbitterung gegen die Rußen gekämpft hat. Auch jetzt wird Schamyl’s Name wieder unter neuen Gefechten und Schlachten genannt, und seine unversöhnliche Feindschaft wirkt unter den obschwebenden Verhältnissen jedenfalls mächtig auf manche Kriegsoperationen der russischen Heere ein.

Mehr noch als der kriegerische Geist, die Tapferkeit und der Freiheitssinn der Tscherkessen, ist die Beschaffenheit ihres Landes den schnellern Fortschritten der Russen hinderlich. Der Kaukasus mit den riesigen Gipfeln des Elbrus (15,400 Fuß hoch) und den Kasbek 14,000 Fuß hoch) zieht sich, bei einer Breite von 16 bis 40 Meilen, in einer Länge von 65 Meilen vom schwarzen [112] Meere nach dem caspischen Meere hin, so daß er hier die Grenze zwischen Europa und Asien bildet. Nur drei größere Passagen führen über dieses einen ungeheuern Wall bildende Gebirge, aber auch diese Passagen sind reich an Fährlichkeiten aller Art und so ist die Verbindung zwischen den russischen Besitzungen diesseits und jenseits des Kaukasus außerordentlich erschwert. Im Laufe der Zeit haben die Russen längs der Küste des schwarzen Meeres eine Reihe von Forts aufgeführt, welche zum Theil dieser Verbindung nachhelfen, andererseits jedoch dazu bestimmt sind, den Tscherkessen das Meer zu sperren, von welchem her sie Schießbedarf und Waffen beziehen. Beide Zwecke sind nicht ganz gelungen. Bei den unaufhörlichen Angriffen der Tscherkessen ist die Verbindung eine noch wenig gesicherte, und kecke Seeleute wußten von jeher noch immer an den Küsten mit den Tscherkessen zu verkehren. Die Meinung hochgestellter russischer Offiziere, daß die Tscherkessen durch Gewalt nicht zur Unterwerfung zu bringen seien, ist schon längst keine vereinzelte mehr, wenn sie vielleicht auch in Petersburg nicht getheilt wird.

Enge düstere Thäler, undurchdringliche dunkle Wälder, schneebedeckte Gipfel, von zerrissenen Felsklüften umgürtete Hochebenen, Abschlünde, die als Wege dienen, in welche den größten Theil des Jahres kein Lichtstrahl fällt, reißende Bergströme: so ist der Charakter des Landes, das dem gemäß für die Bewohner eine natürliche, uneinnehmbare Festung ist. Ein Theil der Kaukasier hat sich gleichwohl schon seit längerer Zeit der russischen Herrschaft unterworfen, doch dürfte diese Herrschaft so unsicher begründet sein, daß die unterworfenen Stämme recht leicht in eine von den unabhängigen Stämmen unter Schamyl begonnene allgemeine Erhebung gerissen nerden könnten. Die russischen Provinzen Georgien und Imeretien wären dann von aller Verbindung mit Rußland abgeschnitten.

Die Gartenlaube (1854) b 112.jpg

Russische Wache im Kaukasus.

Der Krieg im Kaukasus trägt das allen Gebirgskämpsen eigenthümliche Gepräge. Plötzliche Angriffe und nächtliche Ueberfälle spielen die Hauptrollen. Die russischen Besatzungen in den Forts, die Schildwachen auf den Wällen, die auf freien Punkten angelegten Hauptwachen mit Hochschauen. Alle müssen unausgesetzt kampf- und schlagfertig sein. Rascher als die Lawinen vom Gipfel des Elbrus herabdonnern, brechen die tscherkessischen Schaaren aus ihren düstern Berg- und Felsgründen hervor, von Berg zu Thal rast plötzlich der Kampf, und nach kurzer Zeit verschwinden die unermüdlichen Kämpfer wieder in ihren Bergen.

Um sich einigermaßen gegen diese Ueberfälle zu schützen und sowohl ihre Truppen wie die befreundeten Tscherkessen und Kosakenstämme rechtzeitig zu benachrichtigen, haben die Russen besonders in den Ebenen eigenthümliche Wachen aufgebaut, die äußerst praktisch sind und ihre Nützlichkeit vielfach bewährt haben. Von fünf bis sechs schlanken und hohen Baumstämmen wird eine Art Pyramide zusammengestellt, auf deren Spitze eine bedeckte Hütte ruht, die stets von zwei Soldaten besetzt ist, deren Pflicht es ist, in der Ebene nach etwa gefährlichen Bewegungen umherzulugen. Ueber der Hütte selbst ist eine Art Telegraph angebracht, der mit einer Glocke versehen, dem nächsten Telegraphen die Ankunft des Feindes anzeigt und zugleich die nächste Umgebung zusammenruft. Dann wird sofort von dem einen Soldaten die Alarmstange angebrannt, deren Schein bei Nacht und deren Rauch bei Tage den Truppen den Weg zeigt.

[113] Ein Augenzeuge, dem wir die nachfolgenden Mittheilungen verdanken, kann die Gefährlichkeit und die Mühsale dieses Krieges nicht düster genug schildern. Wenn wir nicht hinter den Mauern unserer Forts lagerten,“ erzählt er, „mußten wir stets mit dem einen Fuß im Steigbügel stehen. Es liegt in der Art und Weise der Tscherkessen-Kriegführung, den Feind so viel als möglich zu ermüden, um ihn dann in seiner Ermattung leichter zu vernichten. So treffliche Soldaten unsere Russen auch sind und so gute und wachsame Offiziere im Allgemeinen an ihrer Spitze stehen – im Kaukasus hört jede militärische Berechnung, alles strategische Manöveriren auf. Dort kann allein die persönliche Bravour einen Erfolg herbeiführen. Nur der Artillerie gegenüber wagt der Tscherkesse selten einen Angriff und so oft auch unsere gegossenen Brummer ihre Lieder sangen, flohen die schlanken Söhne der Berge in aller Eile in ihre Schluchten zurück. Freilich hatten bei unsern Streifzügen in die Gebirge diese gefährlichen Sänger nur selten Gelegenheit, sich zu produciren.

„An eine geregelte Kriegführung nach europäischem Sinn wird sich der Tscherkesse niemals gewöhnen. Jeder Disciplin und militärischen Subordination abhold, haben selbst die vielfachen Bemühungen der türkischen, polnischen und englischen Offiziere ein wehrtaktisches Verfahren einzuführen wenig oder gar keinen Erfolg gehabt. Deshalb ist der Tscherkesse auch nur in seinen Gebirgen gefährlich, wo er die einzige ihm verständliche Taktik der Ueberfälle und Hinterhalte in Anwendung bringen kann. Jedes größere Unternehmen in der Ebene, was eine bestimmte Ordnung und ein geregeltes Zusammenwirken der verschiedenen Truppengattungen erfordert, muß den geregelten Bewegungen der Russen gegenüber stets mißlingen. Der Tscherkesse ist sich dieser Schwäche recht wohl bewußt und wagt sich deshalb auch nur äußerst selten und dann nur vorübergehend und mit großer Uebermacht in die Ebenen. In ihren Gebirgen aber sind sie unüberwindlich.

„Ist der Kampf gegen sie schon am Tage ein gefährlicher, so wird er in der Nacht ein wahrhaft grauenvoller. Es gehört eine Armee wie die russische dazu, um vor diesen Schrecknissen nicht zurückzubeben. Man denke sich inmitten dieser undurchdringlichen düstern Wälder, diesen Felsklüften und Abschlünden eine kleine Armeeabtheilung auf einem Streifzug begriffen. Ich selbst habe zwei Mal solchem gefährlichen Streifzuge beigewohnt. Wenn bei Tage das Orientirungstalent der Offiziere uns glücklich die gefährlichen Passagen vermeiden ließ und die Tapferkeit und Wachsamkeit der Truppen jeden Angriff zurückgeschlagen, so änderte die Nacht die Situation ganz und gar. Die Tscherkessen sind, wie ich bereits oben erwähnte, Freunde der Nacht und des Hinterhalts und haben eine unglaubliche Geschicklichkeit, das kleinste Pflanzendickicht, die geringste Unebenheit des Bodens zum Verbergen zu benutzen. Einzelne ihrer Leute verstecken sich Tage lang in dem sumpfigen Schilfdickicht, um einen Vorposten abzulauern. Wenn dann die Nacht hereinbricht, kriechen sie still und leise, wie die Eidechsen auf dem Leibe an ihre Opfer heran, kein Blatt, kein Zweig bewegt sich, und sorglos schaut der Posten hinaus in die dunkle Nacht. Plötzlich ertönt ein kurzer ächzender Aufschrei, den in den meisten Fällen kaum der Nebenposten hört, keine Waffe blinkt, kein Schuß ertönt, aber am Morgen liegt kalt und starr die Schildwache auf ihrem Posten und Gewehr, Patronen und Pferd sind verschwunden. Dieses stille, geräuschlose Hinmorden macht auf die gewöhnlichen Soldaten einen wahrhaft gespenstigen schauerlichen Eindruck. Dann brechen wohl dann und wann auch die versteckten Hinterhalte auf die durch ihre niedergestoßenen Vorposten ungewarnten Truppen, und wenn sie auch nicht immer ihren Zweck erreichen, so sieht doch mancher Tapfere unserer Armee den Morgen nicht wieder, und die Uebrigen werden durch diese nächtlichen Ueberfälle matt und energielos.

„Wer den Kampf am Kaukasus mitgekämpft, wird jeden andern als ein Kinderspiel ansehen.

Schamyl selbst ist überall und nirgends. Wenige der Unsrigen haben ihn gesehen, aber im Kampfe wird seine Nähe fühlbar. Wo er in eigener Person commandirt, wird die energische Tapferkeit seiner wilden Bergsöhne zur großartigsten Todesverachtung, zum zügellosesten Fanatismus. Nicht ganz mit Unrecht ist er oft mit Abd-el-Kader verglichen worden. Beide gewannen ihre Macht durch eine religiöse Begeisterung, die in ihnen sich entzündete und von da weiter wärmte. Beide wollten die Freiheit ihrer Stämme, die Einheit Deutschlands in kaukasischer und afrikanischer Form. Abd-el-Kader mußte sich auf Hülfe von auswärts verlassen und ging dadurch zu Grunde. Schamyl’s Pläne sind andere. Er trat als zweiter Prophet des Muhamedismus, als Luther des Islam auf und erklärte, daß er vom Himmel gesandt sei, das Werk Muhamed’s zu reinigen und zu vollenden. So strebte er besonders dahin, die beiden religiösen Parteien der Aliten und Omariden durch eine civilisirtere Lehre zu vereinigen. Er leitet, wie die chinesischen Rebellenhäupter (jetzt Patrioten genannt) alle seine Befehle von Eingebungen Gottes ab, wie’s seine Leute haben wollen. So gewann er bald eine große Heldenschaar Gläubiger um sich, die für unbezwinglich gelten und deren Ergebenheit und Fanatismus keine Gefahren kennt. Schamyl ist jetzt sechsundfunfzig Jahre alt, ein Mann von mittlerer Größe und von einem entschiedenen Heldenansehen. Sein Privatleben erinnert an das Abd-el-Kader’s, er ist nüchtern und streng, betet und arbeitet, ohne viel zu schlafen. Seine kriegerische Laufbahn begann 1834.

„Schamyl’s gefährlichster Feind ist der Fürst Woronzow, der Chef der kaukasischen Armee und Generalstatthalter aller Provinzen vom Pruth bin Araxas. Bekannt und beliebt als der populärste Mann von ganz Rußland, ist ihm vom Kaiser eine Macht übertragen worden, wie sie seit Potemkin kein russischer Großer besessen. Woronzow, welcher zugleich seinen frühern Posten als Generalstatthalter Neurußlands beibehielt, gebietet jetzt über Provinzen, die an Flächenraum Deutschland, Frankreich und England zusammen übertreffen. Indeß nicht durch seine Waffenthaten wurde er Schamyl’s gefährlichster Gegner, obwohl er ihm manches siegreiche Treffen lieferte, sondern allein durch seine persönliche Liebenswürdigkeit, durch eine dort nie gekannte Gerechtigkeitsliebe, durch sein unausgesetztes Bestreben, Alles um sich glücklich und zufrieden zu wissen, durch seine Herablassung, mit der er selbst den ärmsten Bauer anhört und hilft, wo Hülfe nöthig ist. Die tscherkessischen Stämme, welche bereits unterworfen sind, fangen an, den Mann zu lieben, der sie in den Kämpfen gegen ihre frühern Brüder auf jede mögliche Weise schont, ihr materielles Wohl fördert, und ihren kindischen Wünschen an blanken Waffen und Geschmeide auf sehr freundliche Weise nachkömmt. Und das ist für Schamyl, bei dem jedes einzelne Wort Haß gegen Rußland athmet, die Achillesferse, an der er verwundbar ist. Es ist schon so weit, daß, als Woronzow in einem der letzten Jahre von einer längern Reise nach Petersburg nach dem Kaukasus zurückkehrte, er von den Tscherkessenstämmen in der Ebene mit unendlichem Jubel empfangen und überall hin begleitet wurde. Und diese Leute verstehen es nicht, Komödie zu spielen, ihre Zuneigung ist aufrichtig und wahr.

„Fürst Woronzow hat den größten Theil seiner Einkünfte geopfert – sie belaufen sich auf 1,200,000 Papierrubel – die Bodencultur des Landes zu heben und den Handel zu fördern. Er ließ viele tausend Reben aus Deutschland, Frankreich und Spanien kommen und vertheilte sie unentgeltlich an die Colonisten, Bauern und Gutsbesitzer. Für die Armee wie für das Land wirkt er unermüdlich. Er hat die körperliche Mißhandlung der Leibeigenen streng verboten, hat den Augiasstall der Korruption und des Betrugs gereinigt und bei der Organisation des Landes eine immense Energie und unerbittliche Strenge gegen alle pflichtvergessenen Beamten oder Militärs gezeigt. Persönlich ist Woronzow ein schöner hochgewachsener Mann mit breiter Brust, nach Kaiser Nikolaus, wie es in ganz Rußland heißt, der schönste und populärste Mann des Kaiserreichs.

„Mit hastiger Ungeduld richtet man im Kaukasus nichts aus, selbst wenn die Armee um das Dreifache vermehrt würde. Das weiß der Kaiser Nikolaus und deshalb hat er einen Mann dorthingesandt, der während seiner Herrschaft auf friedlichem Wege mehr erobert hat, als alle seine Vorgänger. Ob es ihm gelingen wird ganz zu erreichen, was er bezweckt – das ist eine Frage, die ich hier nicht erörtern will und kann. Ich habe nur Thatsächliches berichtet.“


  1. Die ersten Angriffe der Russen fallen in das Jahr 1749.