Aus dem Lager der Carlisten

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Textdaten
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Autor: Fred. John Apel
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Titel: Aus dem Lager der Carlisten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 567–569
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[567]

Aus dem Lager der Carlisten.
1. Im Kloster von Montserrat.
Von Fred. John Apel.[1]


Die wilden Parteikämpfe, welche gegenwärtig noch die pyrenäische Halbinsel verheeren, fordern das Interesse der gesammten civilisirten Welt um so lebhafter heraus, je dramatischer sie hier und da sich gestalten und je tiefer die politische Stille in den sonst tonangebenden Staaten ist. Möge daher ein Bild des carlistischen Lagerlebens aus eigener Anschauung, welches zugleich ein Stück meiner Streifzüge abgiebt, freundliche Aufnahme finden.

Nach zweimonatlichem Aufenthalt in Navarra wanderte ich über Arragon nach Catalonien, wo ich mich der Abtheilung des Prinzen Alfonso als Berichterstatter anschloß und, in dieser Eigenschaft Catalonien durchstreifend, hinreichend Gelegenheit fand, mich über die Anzahl, Organisation, Bewaffnung und die Aussichten der Carlisten genau zu unterrichten. Es war während dieser Zeit, daß Don Alfonso nebst seiner ihn stets begleitenden Gemahlin Donna Blanca, oder, um ihren vollen Titel zu nennen, Donna Maria de las Nieves, Tochter Dom Miguel’s aus dem königlichen Hause Braganza, in Verbindung mit Saballs und andern Carlistenführern beim Dorfe Alpens die Colonne des Generals Cabrinetty angriff und gänzlich aufrieb; hierauf trennte sich der Prinz von Saballs mit der Verabredung, daß sie sich drei Tage später in dem Dörfchen Odena, drei Stunden von Igualada, wieder vereinigen wollten.

Nachdem wir im Prado de Llusanes übernachtet hatten, zogen wir nach Sellent und schlugen von hier aus die Richtung nach dem Montserrat ein, an dessen Fuße die kleine Stadt Monistrol liegt, mitten in einem grünen Laubmeer und von dem reißenden Llobregat bespült. Wir näherten uns diesem Orte auf einer wohlerhaltenen Hochstraße, bepflanzt mit laubreichen Kastanien- und Wallnußbäumen; links von der Straße breiteten sich, bis hoch an den Fuß des Berges, in üppiger Fülle goldene Aehrenfelder und Weingärten aus. Gegen acht Uhr Abends marschirten wir ein, aber ich kann nicht sagen, daß uns die ehrsamen Bürger von Monistrol mit heller Begeisterung empfangen hätten; sie zeigten im Gegentheil den Getreuen des Carlos Septimo ziemlich verdrießliche Mienen und schienen entweder sehr republikanisch gesinnt zu sein oder zu fürchten, daß ihre Eigenthumsrechte von den Streitern für das heilige Legitimitätsprincip nicht genügend dürften respectirt werden; eine Befürchtung, die allerdings, wie sich nachher zeigte, nicht ganz unbegründet gewesen war.

Inmitten ihres düsteren Schweigens marschirte unsere Colonne nach der Plaza oder dem Marktplatze, wo auf das Commando: „Descansan armas!“ (Nieder ’s Gewehr) mit dem erfreulichen Zusatze: „Hora y medio!“ (Anderthalb Stunde) Alles auseinander ging. Es war uns also anderthalb Stunde Zeit gegeben, ausreichend, einen vortrefflichen Abendimbiß einzunehmen, dessen Genuß uns weder durch die Nähe einer republikanischen Truppe, noch durch die immerhin nahe liegende Möglichkeit gestört ward, irgend einen auf Bezahlung dringenden trotzigen Bürger füsiliren zu müssen. Die tapferen Streiter Don Alfonso’s blieben dieser unangenehmen Nothwendigkeit überhoben; nachdem dann auch noch das Geschäft, den Stadtsäckel der guten Bürger Monistrols um 25,000 Duros (gleich 125,000 Pesedas) zum Besten der „guten Sache“ zu erleichtern, in aller Ruhe vor sich gegangen war, ertönte das Signal zum Aufbruch.

Als Donna Blanca sich mit gewohnter Grazie in den Sattel schwang, hielt der Alcalde von Monistrol ihr mit der Miene tiefster Zerknirschung, die keineswegs mit einem so freudigen Ereignisse, wie es der Besuch des königlichen Bruders doch hätte sein müssen, harmonirte, den Steigbügel. Der Marsch wurde wieder angetreten, und ich bemerkte nach wenigen Minuten, daß es den Montserrat hinan ging. Obgleich nun, wie fast überall, wo Klöster auf Bergeshöhen liegen, auch der Montserrat zur Bequemlichkeit dickbäuchiger Mönche und Tausender von Wallfahrern mit vielen breiten und gemächlichen Straßen versehen ist, schien doch unser militärischer Führer, General Miret, die allerschlechteste und steilste gewählt zu haben, die wir mit aller Anstrengung in tiefer Finsterniß ersteigen mußten. Rings umher waltete gespenstige Stille, die nur mitunter durch ein indiscretes Säbelgeklirr, das Poltern eines thalwärts rollenden Felsstückes oder das Wiehern eines ungeduldigen Rosses unterbrochen wurde. Eine Stunde später schwebte der Mond am klaren Himmel empor und verbreitete rings um die gigantische Bergmasse und über die tief unten gelegene Ebene mit dem Städtchen Monistrol eine Fülle weißen Lichtes.

Donna Blanca, eine schöne, stolze, kalt gemessene Dame, war auf ihrem prachtvollen schneeweißen Rosse immer unter den Vordersten. Plötzlich wendete sie ihr vom Mondlicht verklärtes Antlitz nach mir hin und redete mich deutsch an; sie ist bekanntlich in Deutschland erzogen und spricht mit Vorliebe die Sprache dieses Landes, obwohl ich ihr als Engländer galt, wußte sie doch auch von mir, daß ich das Deutsche (meine Muttersprache) leidlich spreche.

„Gestehen Sie mir, Herr Engländer,“ begann sie mit schelmischem Lächeln, „wir sind in Ihren Augen doch nur eine Räuberbande – mein Gemahl ist der Räuberhauptmann und ich bin die Frau Hauptmännin.“

„Meiner Treu’, Hoheit,“ erwiderte ich, mit einem Blicke aufrichtiger Bewunderung in ihr hübsches Antlitz, „wenn dem auch so wäre, so möchte ich doch denjenigen sehen, der unter einer so schönen Führerin nicht überall in der Welt gern Räuber sein würde.“

Laut auflachend ging sie flüchtig zu einem andern Thema über. Nach einer weiteren halben Stunde näherten wir uns dem Kloster, zugleich aber auch der steilsten Partie unseres Weges, wie das Hinabstürzen einiger armer Gesellen unseres Zuges, das Fluchen der in den Sturz ihrer Cameraden mit Verwickelten und das Hinabdonnern losgerissener Gesteinsmassen hinreichend bewies. Endlich erreichten wir einen geräumigen Rasenplatz unmittelbar unter den Mauern und vor dem Eingange des Klosters. Unser Erscheinen war jedenfalls den Herren Confratres bereits angekündigt, denn nachdem wir uns ordnungsgemäß aufgestellt hatten, marschirten wir ohne Aufenthalt durch den weiten Klostergarten nach dem bereits offenen, mit einer prächtigen zweistöckigen Façade geschmückten Portal.

Das Kloster von Montserrat ist eine geschichtliche Berühmtheit. In seiner Capelle war es, wo Ignatio von Loyola vor der Madonna Wache hielt, bevor er sich zu ihrem Ritter erklärte und den Orden Jesu gründete, und hier legte er auch auf ihrem Altare das Schwert nieder, welches nun im El Belem zu Barcelona aufbewahrt wird. Die Capelle selbst ist in die von der Natur gebildete, einem Amphitheater gleichende Nische eines hoch emporstrebenden, niederhangenden Felsens eingebaut, der jeden Augenblick herabzustürzen und das Dach der Capelle zu zerschmettern droht. In der That wurde vor einigen Jahren das daneben liegende Krankenhaus durch eine herabsinkende Felsmasse zertrümmert, ungeachtet der täglichen Messen, welche in der Capelle zu Ehren der heiligen Jungfrau gelesen werden.

Das ganze Kloster gleicht mit seinem Krankenhaus, seinem Collegium, seinen Schulen, Verkaufsläden, Weinschenken und einer vortrefflichen Fonda (Gasthaus) einer kleinen Stadt; es breitet sich mit der hochgelegenen Esplanade, umgeben von üppigen Baumanlagen, prächtig aus und gewährt einen herrlichen Ausblick auf die Tiefebene mit dem Städtchen Monistrol.

Unter dem Portale durchmarschirend und einen von zwei Gebäudeflügeln flankirten, mit Marmorplatten belegten Hof betretend, wurde uns ein wahrhaft magischer Anblick. Die Mönche begrüßten in der Annäherung einer carlistischen Truppe, welche der eigene Bruder des strengkatholischen „Königs Karl des Siebenten“ führte, gleichsam das Wiederaufleben ihrer etwas in Mißcredit [568] gekommenen Glorie; sie hatten jedes Winkelchen der Capelle mit hunderten von strahlenden Kerzen versehen, die alle in silbernen Leuchtern brannten, und schon versammelte sich der Chor der Priester in vollem Ornate, um zu Ehren der „guten Sache“ eine feierliche Messe zu halten.

Compagnieweise aufgestellt, marschirte unsere Truppe langsamen Schrittes in die Capelle hinein und stellte sich im Schiff derselben auf. Bei dem Commandoruf „Armos!“ senkten sich siebzehnhundert[2] Musketen und Alle fielen auf die Kniee. Links vom Altare waren auf einer künstlichen Erhöhung zwei mit rothem Sammet bekleidete thronartige Sessel aufgestellt, die von Don Alfonso und Donna Blanca eingenommen wurden. Zur Rechten und Linken des Prinzen standen die beiden jungen bourbonischen Prinzen, Söhne des unglücklichen Don Enriquez, welcher bekanntlich vom Duc de Montpensier im Zweikampf erschossen wurde. Hinter diesen Beiden die vornehmsten Officiere der Carlisten: die Generale Miret und Tristany, Oberst Sampo und Wheeles, Befehlshaber der „Zuaven“, umgeben von ihrem Stabe. Feierliche Orgelklänge durchtönten die Capelle und in dieselben mischten sich, wenn auch nicht immer ganz harmonisch, die Stimmen von siebzehnhundert begeisterten „Defensores de Dios, Patria y Rey“. Selbst für den freisinnigen, vorurtheilslos Beobachtenden, für den hartgesottensten Parteigänger hatte die Scene etwas ungemein Feierliches und Packendes – sie ist mir unvergeßlich. Die von schlanken Marmorsäulen getragene, mit werthvollen Gemälden alter Meister behangene Capelle, die buntfarbigen Fenster, der geschmückte Altar, bildeten einen prachtvollen Rahmen für das lebensvolle Bild, welches sich darin entfaltete: die Schaar celebrirender Priester in scharlachnen und weißen Gewändern, in deren feisten oder von allerlei Leidenschaften durchfurchten Gesichtern wenigstens momentan das Bewußtsein, daß Don Carlos als Sieger dem mittelalterlichen Priesterthum wieder seinen Glanz verleihen werde, eine gewisse Verklärung hervorrief, dann das schöne aristokratische stolze Weib, die sich wie eine in spanische Grandezza übersetzte Johanna d’Arc von ihrer prunkvollen Umgebung abhob, die scharlachblauen, von Gold strotzenden Uniformen des Generalstabes Don Alfonso’s und im wirksamsten Gegensatze dazu diese siebzehnhundert carlistischen Streiter aus aller Herren Länder, welche entblößten Hauptes und erhobenen Antlitzes mehr oder weniger inbrünstig, mit mehr oder weniger Rührung für den Sieg ihrer Sache beteten. War doch kaum Einer darunter, der sich nicht hätte sagen können, daß er bei irgend einer ungünstigen Wendung für die carlistische Sache so recht eigentlich seine Haut zu Mark zu tragen bestimmt sei; aber es gab wohl auch Manchen, der über dem seltsam ergreifenden Eindrucke des Schauspiels Vergangenes und Zukünftiges vergaß.

Die letzten Klänge der Orgel verhallten in den Klostergängen; der Priester ertheilte mit feierlicher Stimme seinen Segen – ein Moment tiefen Schweigens, und dann erhoben sich die Soldaten und marschirten, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, gemessenen Trittes wieder aus der Capelle. Kurze Zeit später waren Alle in Klosterräumen untergebracht. Von dem Walle des Klosters dröhnte ein dumpfer Kanonenschuß – das Zeichen der Retraite. Bald lag Alles im tiefen Schlafe.

Am folgenden Morgen wurde die Truppe abermals zur Messe commandirt, dann folgte das Signal zum Aufbruch, welcher um neun Uhr stattfand. Die frommen Väter entließen uns mit ihrem Segen und ihren Glückwünschen, die schon um ihrer selbst willen aufrichtig gemeint waren. Die Colonne schlug den Weg nach Manresa ein; kaum mochten wir eine Meile zurückgelegt haben, so erhielt General Miret durch einen berittenen Boten eine Nachricht; es erfolgte ein kurzer Kriegsrath und dann der Befehl an die Truppe, wieder nach dem Kloster zurück zu marschiren. Zum zweiten Male vor dessen Pforten erscheinend, empfing uns eine heitere Musik und im Klostergarten fanden wir hundertfünfzig Barceloneser in kleidsamen Uniformen; sie trugen eine weiße Tunica mit grünem Kragen, weiße Pantalons mit grünen Streifen, graue Garibaldihüte, Alles carlistische Parteigänger. Diese Truppe hatte ein Musikcorps und stand eben im Begriff, sich ein Mittagsmahl im Freien zu bereiten; hier wurden Hühner und Gänse gerupft, dort in großen, über loderndem Holzfeuer aufgehangenen Kesseln eine Olla Potrida von mehreren Hasen und Kaninchen bereitet; weiterhin erblickte man Gruppen mit großen „porrones“ rothen Weines und Schüsseln voll rosiger Pfirsichen und Aprikosen, goldgelber Birnen und Orangen.

Auch wir machten uns nach gegebenem Commando eilend auf, den sehr guten Gasthof, die Weinschenken und Proviantläden zu belagern, um die starken Gelüste unseres schwachen Fleisches zu befriedigen, und erst als wir dem allgemeinen Götzen, welchem selbst die Frommgläubigsten nicht widerstehen können, reichliche Opfer gebracht hatten, durchwanderten wir gemächlich die schönen Gartenanlagen des Klosters.

Dem Nordländer würde gewiß die Leichtigkeit und Schnelligkeit aufgefallen sein, mit welcher hier die Carlisten sofort mit den barcelonesischen Weißvögeln fraternisirten. Ueberall bemerkte man Gruppen von Personen, die, wenn sie anderswo und in anderen Stimmungen zusammengetroffen wären, sich ohne allen Zweifel fanatisch geschlagen haben würden; hier aber schien Alles Ein Herz und Eine Seele; Landsknechte, Republikaner, Alfonsisten, Moderados, ja sogar schwarze Intransigentes (Communisten) sah man Arm in Arm in fröhlichem Geplauder, kauend, trinkend, rauchend, in buntem Durcheinander. Hier eine Gesellschaft Tanzlustiger bei Mandolinenkang und Castagnettengeklapper, da die scharlachrothen Männer Saballs’, dort stattliche Guias, Zuaven und schlichte Voluntarios, welche im lauten Chorus Carlistenlieder sangen.

Meine besondere Aufmerksamkeit erregte eine Procession jugendlicher Chorsänger mit reichgestickten Fahnen, die goldene Inschriften enthielten. In meiner Unkenntniß südländischer Gebräuche hielt ich die geistliche Musik, die sie mit Geige, Flöte und Clarinet machten, für lustige Walzer und Polkas, was sie im Grunde auch war. Voran watschelten, mit zweifelhafter Inbrunst fromme Lieder singend, schwere Kränze tragend, dickbäuchige Mönche in Prunkgewändern. So bewegte sich der ganze Zug langsam durch die Anlagen, und die Neugierigen schlossen sich ehrerbietig den frommen Leitern an.

Auf der Esplanade standen Reihen von Verkaufsbuden, deren Inhaber Reliquien und allerlei Andenken an den Montserrat und seine Klosterstadt feilboten. Da sah der tapfere Streiter für Gott, König und Vaterland überaus bunt colorirte Bilder rothhaariger Heiligen mit carminrothen Wangen und gurkenartigen Nasen, Madonnen mit goldfarbigen Locken und kornblumenblau angestrichenen aufwärts gerenkten Augen voll seelenvoller Resignation, Löffel und Gabeln, aus den geweihten Baumstämmen der Klosterumgebung gefertigt, welche die erstaunliche Eigenschaft haben sollten, die Verdauung der sonst unverdaulichsten Nahrungsmittel zu befördern.

Ferner sah man blaue und rothe Bändchen, Kreuzchen und Betkränze, Schnüre vielfarbiger Perlen und Amulete als sicherste Schutzmittel gegen Schuß, Hieb und Stoß, Medaillen und Ketten und hundert andere Kleinigkeiten ähnlicher Art und zu ähnlichen Zwecken, die alle unter unversiechbarem Wortschwall ausgeboten und unter Feilschen eifrig erhandelt wurden. Hier handelte ein riesiger Zuave um einen rothköpfigen Heiligen, der, wie sein Verkäufer betheuerte, zu fünfzehn Cuartos spottbillig war; da weilte an einer andern Bude der Commandant der Zuaven persönlich, um sich einige Ellen blauen Bandes eigenhändig an seine Boena zu befestigen. An seiner Seite stand ein sonnenverbrannter fast greisenalter Guia, der sehnsüchtig eine blauäugige in krebsfarbiges Gewand gekeidete heilige Jungfrau beschaute und offenbar in schwerem Kampfe zwischen seiner angestammten Frömmigkeit und seiner Liebe zu schnödem Mammon hin und her schwankte. Einige Schritte weiter feilschte einer der rothen Ritter Saballs’ eine ganze Sammlung von Kettlein, Amuleten, Medaillen etc. zusammen, um hernach damit unter seinen Cameraden einen ersprießlichen Zwischenhandel zu treiben.

Hierbei darf ich der schlanken schwarzäugigen Sennoritas nicht vergessen, die mit ihren schneeweißen Händchen und netten Füßchen umher tändeln und kokettiren, bald frei mit den bewehrten Mannen scherzend, bald verschämt vor den Ermahnungen der feisten Mönche die langbewimperten Augen zu Boden schlagend. Selbst die stolze Tochter des Hauses Braganza konnte dem allgemeinen Zuge nicht widerstehen und heftete zwei himmelblaue Bändchen kokett an ihre schneeweiße Boena. Ihr folgten wie ein Schweif von Trabanten ihr Gemahl, Don Francisco [569] und Don Alberto de Bourbon, sämmtliche Generale und Officiere, und Alle trugen, gleich ihr, Bänder an ihren Kleidern oder Kopfbedeckungen.

Endlich gegen Abend wurde der Weitermarsch angetreten. Gegen vier Uhr Morgens erreichten wir, nach zweistündiger Rast um Mitternacht, den verabredeten Sammelplatz Odena. Hier trafen wir bereits den General Saballs mit fünfzehnhundert Mann Infanterie und zweihundert Mann Cavallerie. Der Zuzug weiterer Partidos steigerte bald die Gesammtmacht auf viertausend Mann, womit ein Handstreich gegen Igualada geführt werden sollte; er gelang auch in der Folge, doch nur mit einem Verluste von vier- bis sechshundert Mann.

  1. Die Gartenlaube schwärmt nicht für die Carlisten, nimmt aber gern die objectiven Schilderungen eines Landsmannes auf, der sich augenblicklich als Correspondent einer englischen Zeitung bei dem Prinzen Alfonso befindet.
    D. Red.
  2. Vorlage: „stebzehnhundert“