Federzeichnungen von der Wiener Weltausstellung

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Textdaten
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Autor: Georg Horn / Ph. E–ch.
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Titel: Federzeichnungen von der Wiener Weltausstellung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, 35, S. 486–489, 565–566
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Federzeichnungen von der Wiener Weltausstellung.
1. Auf nach Wien.
Guter Rath für Ausstellungsreisende. – Wo man Wohnung nehmen soll, – was diese kostet. – Wie man fahren soll. – Wie kommt man am besten zur Weltausstellung? – „Fürs Niedersetzen“. – Der erste Rundgang. – Die beste Beförderungsweise in dem Ausstellungs-Palast. – Die Ausstellung für bildende Künste. – Von den Frühstücks- und Diners-Freuden und -Leiden. – Für alle Bedürfnisse gesorgt.

„Ich sage Dir, thu’ Geld in Deinen Beutel!“ Diesen Rath giebt der biedermännische Bösewicht Jago in Shakespeare’s Eifersuchtstragödie, diesen Rath wiederholt nun ein guter Freund in der Gartenlaube Jedem, der den verstaubten Koffer von der Bodenkammer herabholen läßt und sich im Buchladen das neueste Decker’sche Coursbuch kauft und darin die Route nach Wien studirt.

Es soll dies, wie bereits bemerkt, nur ein freundschaftlicher Rath, bei Leibe keine Abschreckung sein, im Gegentheil möchte ich Jedermann zu der Fahrt nach dem Ziele der modernen Völkerwanderung ermuthigen. Die Reise nach Wien zur Weltausstellung ist eine Weltfahrt. Die Weltausstellung, welche das ganze Gebiet des menschlichen Wissens und Könnens umfaßt, welche uns das menschliche Dasein auf seiner höchsten Culturhöhe, wie in seinen einfachsten Naturbedürfnissen vergegenwärtigt, welches uns die ganze Erde mit ihren Bewohnern und deren Erzeugnissen, Sitten und Gewohnheiten in einen engen Kreis zusammenzaubert, sie ist ein culturhistorisches Ereigniß, eine neue Offenbarung des Menschengeistes, eine Bereicherung des Wissens, ein Anblick, wie er dem lebenden Geschlechte gewiß nicht wieder geboten wird – darum auf nach Wien! Es mag das bei so Manchem kein leichter Entschluß sein. Die Gattin ist’s, die theure, die vielleicht, über die Sophalehne gebeugt, ihrem Eheherrn Einwendungen macht, von Gefahren spricht, die ihm drohen, während etwas aus seinem Blicke spricht, wie „Spiegelberg, ich kenne Dich!“

Welche Gefahren? Der Ehegatte kennt nur eine, nämlich die, daß ihm das Geld ausgehen kann. Diese Gefahr liegt allerdings bei einer Reise zu zwei viel näher, als wenn er sich allein auf den Weg machte. Aber damit er kein angsterfülltes Gemüth zu Hause zurücklasse, läßt der Gemahl statt des bestellten kleinen Handkoffers einen etwas größeren herabholen. Großes Gepäck macht jede Reise theuer. Eine einfache Frau hat an einem Hut, zwei Kleidern, Fußbekleidung zum Wechseln genug. Wäsche ist nur wenig nöthig; denn in Wien wird jedenfalls nicht schlechter gewaschen, als zu Hause; die Wiener Wäscherinnen oder auf Wienerisch „Putzerinnen“ stehen mit denen in Paris auf einer Stufe. Zwei Anzüge und ein Ueberzieher genügen für den Mann; es ist immer besser, das Portemonnaie ist schwer, als der Koffer, und so mit einem Handkoffer und einer Reisetasche begiebt sich ein vergnügtes Ehepaar auf die Wiener Weltausstellungsreise.

In dieser Jahreszeit möchte es sich von selbst empfehlen, die Nächte zur Reise zu verwenden und sich den geringen Mehrbetrag für die Schnell- und Courierzüge nicht verdrießen zu lassen. Man gewinnt an Zeit und reist mit größerer Annehmlichkeit. [487] Dann nehme man sorglose Heiterkeit als Reisegefährtin in’s Coupé und fahre durch die üppigen Fluren und pittoresken Wald- und Gebirgspartien, an stattlichen Dörfern, Städten und reichen Abteien vorbei, der prächtigen Kaiserstadt zu, unbekümmert darum, wo man dort sein Haupt niederlegen wird. Dafür ist in ausreichendem Maße gesorgt und alle Gerüchte über Wohnungsnoth und Unerschwinglichkeit der Preise gehören in das Reich der Fabel.

Allerdings waren dieselben nicht ganz ohne Grund. Es giebt in Wien mehr als in anderen großen Hauptstädten ein Geschlecht von Hausknechten, die durch die Gunst des Schicksals zu Häuserbesitzern geworden sind, auf jedem Finger einen Brillantring tragen, in einem seidenen Schlafrocke zum Fenster herausschauen und dabei doch Hausknechte von Gesinnung geblieben sind, indem sie ein so großartiges internationales Unternehmen, wie die Weltausstellung, nur für ihre Privatinteressen ausbeuten wollten. Der österreichische Reichsrath hat für die Weltausstellung siebzehn Millionen bewilligt; auf dem ganzen Erdballe setzten sich unzählige geistige und materielle Kräfte in Bewegung; die edelsten Geister der Nation liehen dem großen Werke ihre Theilnahme oder ihre Arbeit – nur, damit die Wiener Hausknechte, jedes Gemeinsinnes bar, sich ihre Börsen spicken könnten. So dachte diese Sorte. Gegen diese gewissenlose Ausbeutung des Publicums erhob sich die gesammte Presse; noch energischer aber wurde sie durch die Ereignisse selbst für ihre niedrige Gesinnung bestraft. Vor Eröffnung der Ausstellung schienen sich die Elemente gegen „die Wiener Stadt“ verschworen zu haben, und die unheilvolle Börsenkatastrophe war ein zweites Memento, das denn doch endlich diesem Pöbel in das Herz dröhnte und die Verhältnisse auf ein wenigstens erträgliches Maß zurückdrängte. Darum während der Reise nur keine Sorge um eine Wohnung! Für Besucher der Ausstellung, die etwa sechs bis zehn Tage in Wien zu bleiben gedenken, möchte es sich empfehlen, ein Hôtel zu beziehen und zwar einen der Vorstadtgasthöfe, die sämmtlich gut gelegen und anständig eingerichtet sind. Die Communication mit der innern Stadt ist die bequemste. Ein einzelner Mann bekommt ein gut eingerichtetes Zimmer schon zu zwei bis drei Gulden. Ein Zimmer für zwei Personen möchte den Preis von vier bis fünf Gulden nicht übersteigen. Dabei ist man höchstens genöthigt, am Morgen den Kaffee zu nehmen, der überall in Wien vortrefflich ist; in Bezug auf die Mahlzeiten dagegen reflectirt der Wirth seinen Gästen gegenüber in keiner Weise. Freilich sind die großen Hôtels in der Stadt vorzugsweise für Leute eingerichtet, deren Morgen- und Abendgebet der Courszettel ist, die sich besinnen, ob sie einem Armen ein paar Groschen geben, denen es aber vollkommen gleichgültig ist, ob sie für ein Zimmer zehn oder dreißig Gulden täglich bezahlen. Für diese Reichthümler sind diese Andeutungen auch nicht gemacht; ich will, wie gesagt, mit meinen Erfahrungen nur Leuten von mittleren Lebensstellungen, wie unserem Ehepaare, dienen, dessen fröhliche Reiselaune durch Enttäuschungen nicht getrübt werden soll. Diesen möchte für einen Aufenthalt von zwölf Tagen an bis zu zwanzig oder dreißig zu einer Privatwohnung zu rathen sein.

Die Anstalten, welche die Weltausstellungscommission zu diesem Zwecke auf den Bahnhöfen und an den Landungsplätzen der Dampfschiffe eingerichtet hat, verdienen in jeder Beziehung das Vertrauen der Ankommenden. In den Bahnhofshallen sind die amtlichen Commissionäre an einer äußern Auszeichnung kenntlich, und auf Verlangen händigen sie Jedermann die Adresse einer den Wünschen und Bedürfnissen entsprechenden Wohnung ein. Man bekommt Zimmer schon von einem Gulden täglich an, deren Einrichtung für einen Reiseaufenthalt vollkommen ausreicht. Will man mehr ausgeben, etwa drei bis vier Gulden, dann befindet man sich schon in der günstigen Lage, aus einem Fenster der zweiten oder dritten Etage der Ringstraße, der schönsten Straße Wiens, auf das bunte und bewegte Treiben der Stadt hinabschauen zu können.

Bei ihrer Ankunft möchten unsere Reisenden auf die Art und Weise der Beförderung von Personen und Gepäck vom Bahnhofe nach dem Hôtel oder der Privatwohnung aufmerksam zu machen sein. Die meisten Hôtels haben ihre kleinen schnellfahrenden Omnibusse zu etwa acht Sitzen, deren Benutzung empfehlenswerth ist. Außerdem aber sind noch sogenannte Comfortables, Droschken mit einem Pferde, und Fiaker, Droschken mit einem Zweigespann, vorhanden. Der Frau Gemahlin wird es natürlich besser behagen, mit einem stolzen equipagenähnlichen Gefährt in die Stadt Wien einzufahren, als mit dem bescheidenen Comfortable – der Gatte prüft das Verzeichniß der Taxe, das im Wagen angebracht ist. Der Gefährtlenker steht dabei, blickt hohnlächelnd auf diese weise Vorsicht und bricht jedes weitere Studium der Zahlen mit der doppelten, dreifachen Forderung der gesetzmäßigen Taxe ab. Der Mann, der gern das Gelüste seiner Frau befriedigen möchte, zeigt mit einem „Aber“ auf den gedruckten Schein; eine kategorische Wiederholung der Forderung von Seite des Rosselenkers ist jedoch die Antwort. Die Anordnungen der Wiener Polizeibehörde für die Weltausstellung verdienen in jeder Hinsicht vollste Anerkennung. Der Reisende hat überall Schutz, wird nirgends durch das Vordrängen der Polizei belästigt; aber dem Piratenthum des Straßenfuhrwerks gegenüber ist sie machtlos. Das sind alte eingewurzelte Zustände, an denen das Publicum noch mehr Schuld hat, als die Ausübenden selbst; das hängt mit der ganzen Vergangenheit des Polizeistaates und mit dem dadurch entstandenen mangelnden Gefühl für Gesetzlichkeit zusammen. Am besten wird der Reisende thun, mit dem Comfortable oder Fiaker ein förmliches Abkommen zu treffen. Für einen Gulden wird man vom Comfortable, für den doppelten Betrag vom Fiaker an das Ziel der Wallfahrt gebracht werden.

Unser Ehepaar hat in seiner Wohnung der Ruhe gepflogen, durch Speise und Trank den ermatteten Körper gestärkt, und nun ist die nächste natürliche Frage: Wie kommt man zur Weltausstellung? Gewöhnlich sind Damen, namentlich wenn es ein ihnen erwünschtes Ziel gilt, rüstige Fußgängerinnen, aber nach den Anstrengungen der Reise möchte der Weg nach dem Prater, in dessen Mitte die Weltausstellung liegt, für Madame zu weit sein. Er erfordert vom Brennpunkte der Stadt, dem Stefansplatz, aus gerade eine Stunde Zeit, und um diese abzukürzen, sind unzählige Omnibusse, und als hauptsächliches Beförderungsmittel die „Tramway“ im Gange – zu deutsch: die Pferdebahn, aber diese gute deutsche Bezeichnung gebraucht ein echter Wiener nie mehr. Er würde sie am Ende gar nicht verstehen, und wenn man ihm endlich klar gemacht hätte, was darunter begriffen sein wollte, Einen auffordern, hübsch bei der deutschen Sprache zu bleiben und Tramway zu sagen. Für den ersten Besuch würde es vorzüglicher sein, entweder einen der Omnibusse zu nehmen, die auf dem Stefansplatze in Masse aufgefahren sind und an der Seite ein Schild mit der Aufschrift „Weltausstellung“ tragen, und mit diesem bis zum Praterstern, das heißt bis zum Eingang des Praters zu fahren, oder einen der Waggons der Pferdebahn zu benutzen, der ein Schild mit der Bezeichnung „Praterstaße“ führt und den Fahrgast ebenfalls zur bezeichneten Stelle bringt. Von da schlage man zu Fuß die schnurgerade große Praterallee ein. Die kleine Mühe eines Weges von etwa zwanzig Minuten an dem Aquarium, den drei großen Kaffeehäusern vorbei wird reichlich durch den großartigen Totaleindruck belohnt, den man von hier aus von der grandiösen Rotunde und der Ausdehnung des Weltausstellungsgebäudes nach Westen und nach Osten empfängt. Um über das Innere derselben nur einigermaßen einen Ueberblick zu gewinnen, sind drei bis vier Stunden erforderlich. Ohne einen Plan möchte es jedoch unmöglich sein, ein klares Bild der Grundlinie zu gewinnen. Der beste Führer ist derjenige, welchen die berühmte Kunsthandlung von Artraria und Comp. hat erscheinen lassen. Die sehr übersichtliche Karte kostet einen Gulden und ist der sicherste Geleiter durch diese complicirte Anlage, die sich dem Auge beim ersten Anblicke als ein Labyrinth darstellt; allmählich aber entwirrt sich der Knäuel, und die Linien stellen sich klar und leicht anschaulich dar. Die ganze Aufstellung ist nach Staaten, die Gegenstände sind nach Gruppen geordnet.

Man nehme die Richtung nach rechts durch die österreichische Abtheilung nach Ungarn, Rußland, dem Orient bis nach China, Japan und Siam und kehre dann in die Rotunde zurück. Madame wird müde sein und sich hier in der Rotunde auf einen der vielen aufgestellten eisernen Stühle niederlassen, sorglos und unbekümmert um die Schlange, die im Grase lauert. Diese erscheint in Gestalt einer Frau mit einem schmalen Buche, aus dem sie einen kleinen Zettel darreicht mit der Bemerkung: [488] „Achtzehn Kreuzer!“ – „Wofür?“ – „Für’s Niedersetzen.“ Madame schnellt entrüstet auf, aber der liebende Gatte drückt sie sanft nieder und bemerkt ihr, daß sie die Summe nun bis zum Schluß der Ausstellung Abends sieben Uhr absitzen könne. Es ist von dem Ehetyrannen eine kleine Malice. In der Rotunde hatte er an einem der Buffets Halt machen wollen, an dem reizende Wienerinnen serviren, aber die liebende Gattin zog ihn sanft hinweg unter dem Vorgeben, daß es hier zu theuer sei, und nun muß sie hier für den einfachen Sitz dasselbe bezahlen, wofür der Gatte am Buffet von den „feschen Schenkinnen“ noch ein Glas Bier obendrein erhalten hätte. So rächt sich die Eifersucht.

Links von der Rotunde kann unser Ehepaar seinen Rundgang fortsetzen, zuerst nach Deutschland, von da nach Belgien, Dänemark, Italien dann seinen Besuch abstatten, den Uebergang über die Alpen durch den Mont-Cenis machen, längere Zeit in Frankreich verweilen, dann dem Inselreiche jenseit des Canals seine Aufmerksamkeit zuwenden, und von da aus durch den Ocean die Republik der Vereinigten Staaten aufsuchen und mit Südamerika endigen – eine Reise durch die Culturländer der Gegenwart – eine Reise um die Welt in drei bis vier Stunden. Mehr als einmal wird es dem Gatten begegnen, seine bessere Hälfte mit leiser Gewalt von den Diamanten, Spitzen, den Möbeln, den Porcellanen und Krystallen Frankreichs und Englands hinwegzuziehen, während Madame wieder bei manchen Ausstellungsgegenständen Englands und Nordamerikas, die den Mann interessiren, ein discretes Gähnen nicht wird unterdrücken können. Es wäre nicht die erste eheliche Scene, die in den Räumen des Weltausstellungspalastes spielte, aber am Ausgang am Westportal pflegt der Friede wieder hergestellt zu sein. Von da hat man noch einen kurzen Weg, zu den Omnibussen zu gelangen, die auf Gesichtsweite am Platze aufgestellt sind und den Besucher der Weltausstellung nach dem Stefansplatze in der Stadt zurückbringen, falls dieser nicht vorziehen sollte, seinen Rückweg durch das Südportal zu nehmen, durch welches er eingetreten ist. Hier hat er in der langen Allee des sogenannten Nobelpraters das bunte und bewegte Leben und Treiben der eleganten Welt Wiens vor Augen. In der Allee fahren die eleganten Equipagen. Vor den Kaffeehäusern promenirt die schöne Welt oder sitzt auf Eisenstühlen spazieren. Aus den Gärten ertönt überall Musik, während man dem Westportale aus mit dem Omnibus mitten durch das eigentliche Volkstreiben Wiens, durch den sogenannten Wurstlprater dahinfährt. Ob elegant oder volksthümlich, Leben und Bewegung ist überall, und beide Wege gleich interessant, nur daß Madame bei dem Wege vom Südportal aus eine Strecke zu Fuß gehen muß, ehe sie vom Praterstern zum Omnibus oder zur Tramway gelangen kann. Aber die Toiletten des Nobelpraters werden sie vielleicht mehr fesseln, als die Schaubuden mit den Jongleurs und Feueressern des Wurstlpraters.

Die Sympathie des bescheidenen Portemonnaies, welche den Schreiber mit dem Gros der Leser der Gartenlaube verbindet, ermuthigt ihn, in seinen Ratschlägen zu weiteren Besuchen der Weltausstellung fortzufahren. Unbestritten der interessanteste Theil derselben ist die ethnographische Abtheilung, eine Vereinigung alles Dessen, was wir über Land und Leute in und außer Europa bereits wissen oder auch nicht wissen, jedenfalls aber kennen zu lernen nicht abgeneigt sind. Man kann die ganze Gruppe zwischen dem Südportale und der Rotunde, also von Westen bis Osten, etwa von der amerikanischen Restauration am Westeingange bis zum Ballon captif oder der Militärcaserne am Osteingange, mit einem zweiten Besuche abmachen, ebenso die Abtheilung zwischen dem Industriepalaste und der Maschinenhalle und diese selbst mit einem dritten Besuche absolviren, oder je nach Zeit mehrere Tage darauf verwenden – ich will hier nur die zweckmäßigste Beförderungsweise an die Hand geben. Will man die Wanderung vom Westportale an beginnen, dann nehme man einen der Omnibusse, die am Stefansplatze links an der Häuserreihe aufgefahren sind und die Aufschrift „Weltausstellung“ tragen; macht man dagegen den Anfang von der Ostseite, so erwarte man an der Ringstraße einen der Wagen der Pferdebahn, welcher die Tafel mit der Inschrift „Sofienbrücke“ führt; derselbe bringt den Fahrgast bis auf hundert Schritte an den Osteingang. Ebenso geschieht auch die Beförderung nach der Stadt zurück. Der Eintritt in die Weltausstellung kostet fünfzig Kreuzer, mit Ausnahme der Mittwoche und Sonnabende, wo das Entrée das Doppelte, einen Gulden beträgt. Doch kann man auf allen Post- und Eisenbahnämtern Abonnementskarten zu zehnmaligem Eintritt zu vier Gulden haben.

Natürlich können sich diese Fingerzeige nur auf Das beschränken, was Allen gemeinsam ist. Jeder Besucher der Weltausstellung bringt ein anderes Auge und einen andern Sinn mit. Diesen fesseln rein technische Interessen, den Andern nur ganz allgemeine. Eine Norm für den Besuch aufzustellen wäre völlig zwecklos und gliche jenem Jean Paul’schen Witze, der Testamentsclausel in den Flegeljahren, die der Judenschaft einen Sitz in der evangelischen Kirche vermacht. Jedermann wird bald von selbst finden, wohin er gehört und was für seine Zwecke und Liebhabereien zu sehen und zu preisen ersprießlich und amüsant ist. Nur für eine Abtheilung möchte ich jedem Besucher in seinem eigenen Interesse eine ganz bestimmte Weisung geben, ja eine Bitte an ihn richten, nämlich die, der Ausstellung für bildende Kunst und der Sammlung von historischen Kunstwerken, welche in den beiden sogenannten Pavillons des amateurs zu sehen sind, einen Tag – einen halben Tag – eine Stunde – aber nur einen dieser Abtheilung ausschließlich bestimmten Besuch zu schenken. Die Meisten begehen den großen Fehler, die Kunstwerke der Malerei und Bildhauerei nur so im Vorübergehen anzusehen, wenn sie von dem Anschauen der Tausende und aber Tausende dem materiellen Leben dienenden Gegenstände bereits müde und abgehetzt sind. Die Kunst, als die geistige Abklärung des rings in allen Factoren vertretenen materiellen Lebens, als die höchste Blüthe des Menschendaseins, hat ihr unbestrittenes Recht, hier vertreten zu sein, aber ihr Platz ist des Sonntags nach all’ dem Drang und aller Mühe der Werktage; sie verlangt eine gesammelte, erhöhte Stimmung. Man trete, wenn man von Farben, Marmor, Gestalten und Ideen gesättigt ist, hinaus unter die grünen rauschenden Bäume, man lasse die gehobene Stimmung in den Tonwellen des Strauß’schen Orchesters nachwirken, man kann sich selbst bei einer Tasse Kaffee oder einem Glase Marinata aus den Kirschenaugen der Italienerin Emilia in dem italienischen Café einen Blick holen, aber man verkürze der heiligen Kunst ihr Recht nicht! Sie so en passant abmachen, erscheint mir ebenso profanirend, als wenn die Wiener Frauen mit den gefüllten Gemüse- und Fleischkörben im Vorbeigehen in der Kirche schnell ihre Andacht abmachen.

Da aber der Mensch nicht allein vom Schauen lebt und mit diesem Worte eine gewisse Bewegung des Mundes in einem Reimverhältnisse steht, so dürften einige Andeutungen darüber unserm Ehepaare und den künftigen Besuchern der Weltausstellung nicht ohne Nutzen sein. Am praktischsten würde es wohl sein, um elf oder zwölf Uhr in der Stadt ein compactes zweites Frühstück mit Fleisch und Wein oder Bier zu nehmen und so wohlbewaffnet sich auf den Weg nach der Weltausstellung zu machen, dort bis fünf oder sechs Uhr des Abends zu bleiben und in der Stadt dann das Diner zu nehmen, wenn um diese Zeit in einem Wiener Gasthause oder einer Restauration überhaupt noch ein Mittagessen zu haben wäre. Im Essen und Trinken haben die Wiener den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Fremden gar keine Concession gemacht; diese sind genöthigt, ihre Mahlzeiten nach dem Geschmacke und der Zeit der Einwohner von Wien einzurichten. Nur einige Restaurants machen eine Ausnahme, z. B. Sacher in der Kärnthnerstraße, bei dem man ein sehr gutes zweites Frühstück für anderthalb Gulden und ein Diner von drittehalb Gulden an bekommt, Alles so vorzüglich wie bei den Frères provençaux und um die Hälfte des Preises als bei diesen.

Unter diesen Umständen bleibt unseren Reisenden wohl nichts Anderes übrig, als im Kreise der Weltausstellung ihr Mittagsmahl zu halten. Für mittlere Ansprüche sind das Pilsener Bräuhaus, die Liesinger Bierhalle hart am Westeingange zu empfehlen; regen sich nach dem Mittagessen in Madame Gelüste nach einer Tasse Kaffee mit Kuchen, so kann die Schweizer-Conditorei ganz in der Nähe dieselben befriedigen. Befindet man sich am Osteingange, so möchte Sacher in der Kriau am rathsamsten sein. Wer höhere Ansprüche macht, wird bei den Elsässern hinter dem Industriepalaste ein [489] Couvert zu drittehalb Gülden finden. Wer aber damit noch nicht befriedigt ist, den gebe ich mit seinen Ansprüchen und seinem Portefeuille der russischen Restauration oder der Cita di Trieste und namentlich dem verführerischen Zelte der Frères provençaux preis – für den hat meine Berechnung, meine Fürsorge und selbst mein Mitleid ein Ende.

Für jedes Bedürfniß ist im Umfange der Weltausstellung gesorgt. Wenn der Gatte oder die Gattin Briefe schreiben wollen, unter den Gittergängen ist das Lesezimmer, dort ist Papier, Tinte und Feder, daneben gleich der Briefkästen. Will Madame an ihre Eltern oder Kinder über ihr Wohlbefinden telegraphiren, der Telegraph ist in der Nähe und datirt die Depesche von der Weltausstellung aus. Biegt man um die Ecke, dann deutet eine schwarze Hand nach einer stillen Gegend mit der discreten Ueberschrift „Damentoilette“. Hier kann Madame ihre Toilette, hier ihre Frisur in Ordnung bringen, hier – kurz, Alles für zwanzig Kreuzer und, wenn man den Waschtisch benutzt, die doppelte Taxe.

Um Gelegenheiten, die Börse zu ziehen, werden unsere Reisenden in keiner Weise verlegen sein. Wenn einer der Papiergulden in kleine Silberstücke umgewechselt ist, dann geht er auch wie flüssiges Kali durch die Hand. Und doch werden alle Ausgaben reichlich aufgewogen durch das, was dem Besucher Alles geboten wird. Eine Reise zur Weltausstellung ist ein Erforderniß moderner Bildung, eine deutsch-nationale Ehrensache und selbst bei den steigenden Preisen noch eine ökonomische Maßregel: man erspart eine Reise um die Welt, man macht einen praktischen Cursus über fremde Länder und Völker durch, man gewinnt so diese Anregungen und Ideen aus dieser Fülle des Herrlichen und Großartigen, wozu sich der Menschengeist seit Millionen von Jahren emporgerungen hat, daß aus voller Seele heraus mein Ruf in alle Geschäfts- und Studirstuben, in alle Werkstätten in Stadt und Land ergeht. „Auf, auf nach Wien!“ Nun erst ist der günstige Zeitpunkt für den Besuch der Weltausstellung gekommen, denn jetzt erst steht das grandiose Werk in seiner ganzen Vollständigkeit da, und darum werde ich von jetzt an auch erst meine Weltausstellungswanderungen für die Gartenlaube beginnen.

Georg Horn.
[563]
Die Gartenlaube (1873) b 563.jpg

Der Pflug-Pavillon in der Wiener Weltausstellung.

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2. Der Tempel des Pflugs.


Wenn man den gewaltigen Industriepalast der ganzen Länge nach von Westen nach Osten durchschritten hat und, durch die wunderliche japanische Galerie mit ihren sorgsamst ausgeführten Mißformen wandernd, gen Norden in’s Freie tritt, so befindet man sich einem zierlichen Bauwerke gegenüber, das mit spitziger Kuppel und vielen Eckthürmchen, auf deren Flaggenstöcken die Fahnen des Kaisers und des Landes wehen, sich in der bunten Umrahmung gut genug ausnimmt, um an und für sich Beachtung zu beanspruchen. Es wird überragt von mächtigen Mastbäumen, Producten der Urwaldgebiete des vielgegliederten Länderconglomerats; vor ihm erheben sich Felsgruppen aus dinarischem Alpengestein, überrieselt von murmelnden Wassern; zwischen den Spalten drängt sich die reiche Alpenflora in’s Sonnenlicht heraus; üppig blühen die Rhododendren, das Edelweiß, die Gentiane, der Alpenehrenpreis und hundert andere Gewächse der Gletschernähe in der völlig fremden Umgebung. Daneben steigt scharf zerrissenes Gestein auf; es wölbt sich zu einer kühlen Karstgrotte, deren Stalaktiten der berühmtesten aller europäischen Höhlen, der Adelsberger im Lande Krain, entstammen. Riesige Schiffsbauhölzer auf der einen, vielhundertjährige Weinstöcke auf der andern Seite schließen den Rahmen des stimmungsvollen Bildes. Sein Mittelpunkt aber ist der „Tempel des Pflugs“.

So kann mit Recht der Pavillon des österreichischen Ackerbauministeriums genannt werden, denn er enthält, neben anderen höchst schätzenswerthen Objecten, eine Sammlung, wie sie nie und nirgends zuvor gesehen worden ist, ein Unicum in der ganzen Welt. Es ist dies die „historische Pflugsammlung“, welche in nahezu zweihundert Exemplaren aus allen Theilen der Erde die Geschichte, die Entwickelung des unentbehrlichsten Geräthes der Menschheit von seinen ersten Anfängen bis zu der höchsten Vervollkommnung der Neuzeit darzustellen beflissen ist. Sie nimmt den größten Raum des umfangreichen Ausstellungsgebäudes ein und gehört unstreitig zu den interessantesten Gegenständen der großen Industrieschau, zu denen, welche auch den Laien anziehen; kaum eine andere Sammlung erfreut sich eines solchen Zuspruchs und Verweilens seitens des Publicums, wie diejenige des „Dings, das Wenige schätzen“. Es war ein guter und zeitgemäßer Gedanke, der sie in’s Leben rief, die Ausführung würdig eines Staates, dessen unerschöpfliche Hülfsquellen wesentlich der Bodencultur entfließen, der in den Bestrebungen für deren Hebung und Veredelung allen anderen neuerdings mit leuchtendem Beispiele vorangeht. Dieser Tempel, der dem Pfluge errichtet worden, strahlt heller, als alle die Altäre der Weltgötzen, mögen sie noch so sehr flimmern und glitzern: denn er ist dem wahrhaft Göttlichen im Menschen gewidmet, der Arbeit! Der Pflug ist das Symbol der Menschheit: Erst als er erfunden oder gefunden war, schied sie sich von dem thierischen Barbarenthume der dunkelsten Vorzeit. In dem prachtvollen Gedichte „Das Eleusische Fest“ hat Schiller dieser Thatsache poetischen Ausdruck verliehen: als die Göttin die Wucht des Speeres aus des Jägers rauher Hand nahm, um damit den Boden zur Aufnahme des goldenen Saatkorns zu furchen, da begann die Civilisation durch die Stiftung des ewigen Bundes mit der mütterlichen Erde, „auf daß der Mensch zum Menschen werde“.

Und doch, wie gering ist auch heute noch der Pflug geachtet, wie wenig gekannt. Nicht viele unter den Gebildeten haben sich ihn mehr als oberflächlich angesehen, wissen mehr davon, als daß er ein Werkzeug ist, bestimmt, die Erde zu bearbeiten; das aber ist, ihrer lächerlichen Meinung nach, das niedrigste Thun, nicht werth, daß man davon redet.

Damit aber die hohe Bedeutung des Pfluges für das Wohl und die Sittlichkeit des Menschengeschlechts völlig erfaßt, damit er und der Stand, der ihn führt, nicht mißachtet, über die Achsel angesehen werde, dazu müssen Bildung und Belehrung vor Allem helfen. Diese zu bieten ist denn auch der Zweck der Ausstellung im „Tempel des Pflugs“, und fürwahr, wer hier lernen will, der kann es, ohne viel mehr Anstrengung, als mit offenen Augen und empfänglichem Sinn zu betrachten und zu vergleichen. Die mit vieler Mühe und großen Kosten aufgebrachte Sammlung der Pflüge aller Länder und Zeiten umfaßt die merkwürdigsten Instrumente, sowohl an und für sich, durch ihre Construction oder Herkunft interessant, als auch dadurch, daß nicht wenige davon Originale sind, welche sich in der Hand berühmter Landwirthe befunden haben, so in der von Thaer, Schwerz, Burger, Dombasle, Grangé und Anderen mehr. Einige davon sind von den Gebrüdern Schlagintweit aus Innerasien, andere von der österreichischen ostasiatischen Expedition mitgebracht, die meisten aber durch die Consulate im Auslande, durch die Landwirthschaftsgesellschaften im Inlande bezogen worden. Es befinden sich die wunderbarsten Formen und Seltenheiten darunter. Hier der schottische Fußpflug, Cashroom, nur noch in Roßshire und auf den Hebriden gebräuchlich, der, mit Hand und Fuß geschoben, zum Abschälen der Haideplaggen dient; neben ihm der zierliche Reispflug von der Insel Ceylon, den ein Kind auf der Achsel davontragen kann. Dort ein Ackerwerkzeug aus Siam, welches genau den altägyptischen Pflügen entspricht, wie sie vor sechstausend Jahren an die Wände der Gräber und Tempel gemalt wurden; nicht weit davon das ungefügige Monstrum, das heute noch zum Umbrechen des „Römischen Ackers“ der Campagna dient, offenbar ein Nachkomme des alten Römerpfluges. Von diesem letzteren ist ein eisernes Schar vorhanden, das auf den berühmten Feldern von Aquileja neben Kaisermünzen gefunden worden ist. Es befindet sich, als eine Kostbarkeit ersten Ranges, in einem besonderen Glaskasten neben den Nachbildungen zweier altägyptischer Hakenpflüge des Museums zu Bulak bei Kairo, und zwar aus vieltausendjährigem Holze der Pyramiden von Sakkarah; sodann sind hier die ältesten Bodenculturgeräthe der Menschheit, Original-Feldhauen aus der Steinzeit, in mehreren Exemplaren angebracht. Höchst interessant ist auch ein sonderbarer Pflug aus dem südlichen Tirol; er wurde nach einem Wandgemälde von Tizian im Palazzo delle Albere, welchen Cardinal Madruzza in den Jahren 1540 bis 1545 erbaute, getreulichst angefertigt. Sonst reichen die vorhandenen ältesten Pflüge wenig über ein [566] Jahrhundert hinaus; der notorisch bejahrteste stammt aus 1733, er ist ebenfalls ein Tiroler, wo überhaupt in früheren Zeiten eine bessere Cultur geherrscht haben mag, als heutzutage, wie dies die Pflugsammlung durch ein anderes, sehr altes Geräth aus dem Pusterthale darthut. Das einfache Ackerwerkzeug, früher zum größten Theil nur aus Holz gefertigt, forderte und erlangte keine Pietät; war es abgängig geworden, so wurde es zusammengeschlagen und das Brauchbare anderweit benutzt, daher kommt es leider selten genug vor, daß es erhalten bleibt und auf die Nachwelt gelangt.

Einen Pflug hat aber doch die Pietät eines dankbaren Volkes vor der Vernichtung gerettet und ihm einen Cultus der Erinnerung gewidmet. Es ist dies der Kaiser-Joseph-Pflug. Er bildet den Mittelpunkt der Sammlung, den Hauptaltar mit dem Allerheiligsten im „Tempel des Pflugs“. Auf erhöhtem Postament – den Angriffen reliquiensüchtiger Touristen entrückt – steht das schlichte, armselige Werkzeug, das des großen Kaisers Hand berührt und geheiligt hat. Es ist ganz aus Holz, mit Ausnahme des Schars und der kleinen Pflugschippe, kein Stückchen Eisen daran, sogar die Räder des Vordergestells, deren Kranz aus einem Aste gebogen ist, sind völlig unbeschlagen; das Streichbrett ist ein gerades Holz, und als Befestigung zwischen Baum und Karre dient ein gedrehter Weidenring. Der Zahn der Zeit hat das ehrwürdige Geräth schon stark geschädigt; nichtsdestoweniger bildet es einen Schatz des Museums für Landeskunde in Brünn, welches denselben dem österreichischen Ackerbauministerium für die Dauer der Ausstellung überlassen hat; denn in Mähren ist es gewesen, auf den Feldern bei Wischau, wo am 19. August 1769 Kaiser Joseph der Zweite diesen Pflug geführt hat. Es war nicht blos eine Anwandlung fürstlicher Laune, die den Monarchen dazu antrieb; er wollte das mißachtete Geräth zu Ehren bringen und er hat es dazu gebracht; seit Kaiser Joseph den Pflug geführt, ist Ackern „adelig Handwerk“ geworden und die Landwirthschaft, vordem gut genug für Solche, die zu nichts Anderem taugten, wieder in den Rang jener Berufe getreten, die nach Cicero’s Ausspruch „des freien Mannes würdig sind“. Der Kaiser war aus dem Wagen gestiegen und zu dem Bauer getreten, der eben sein mageres Gespann anhielt, um den Fürsten vorüber fahren zu sehen. „Laß mich einmal probiren, Alter,“ sagte er gütig, „wie sich’s im Felde arbeitet.“ Und er nahm dem erschrockenen Landmanne die Sterzen aus der Hand, während dieser auf sein Geheiß die Pferde lenkte. Der hohe Herr fand sich leicht in das ungewohnte Thun. Dort ist der Boden mild, und die Art des Werkzeugs verbot jede größere Kraftanstrengung. „Eine gute Arbeit,“ sprach der Kaiser mehrere Male für sich, während er in der Furche ging; nebenbei fragte er das Bäuerlein über mancherlei aus, und erhielt Antworten, die ihn öfters den Kopf schütteln ließen. Neun Furchen – nach Andern siebzehn – zog der Kaiser, dann gab er den Pflug mit einer Handvoll Ducaten seinem Eigenthümer zurück. „Es ist mir doch warm dabei geworden,“ sagte lächelnd der Monarch, „aber jetzt weiß ich auch, wie man im Schweiße des Angesichts sein tägliches Brod erbaut. Hier,“ fuhr er fort, auf das simple Werkzeug deutend, „hier ist das Instrument des Friedens und der Cultur, das die Welt sicherer erobern wird, als alle Schwerter und Kanonen. Und der es führt, der Stand, er ist die sicherste Stütze der Staaten und der Fürsten; darum Ehre ihm und dem Pflug!“ –

So sprach der große Kaiser, als er sich wegwandte von dem Felde, dem er seine Spuren unvergänglich eingeprägt. Der Pflug ward dem glücklichen Besitzer, dem Bauern Joseph Nowotny, und seiner Ehegattin Barbara von den mährischen Ständen abgekauft und im Triumph im Landesmuseum zu Brünn aufgestellt; schon wenige Jahre darauf erhob sich auf der Stelle der ackerbaufreundlichen That des vielgeliebten Fürsten ein Monument, und zwar an der Straße von Brünn nach Olmütz bei Wischau. Dasselbe ward in den Kriegszeiten vernichtet; ein zweites fiel ebenfalls den Nöthen des Jahres Neun zum Opfer. Erst am hundertjährigen Gedächtnißtage dieser Begebenheit, am 19. August 1869, wurde ein neues Monument an der Stelle gesetzt und feierlich inaugurirt.

Beinahe wäre aber dieses unschätzbare Werthstück selbst jüngst verloren gegangen auf immer. In der Nacht vom 1. auf den 2. August brach in dem elsässischen Bauernhofe der Ausstellung ein furchtbares Schadenfeuer aus, das denselben zu drei Viertheilen in Asche legte. Die Nordseite des ganz aus Holz erbauten Pavillons des Ackerbauministeriums war aber nur sechs Fuß entfernt von der in den Himmel emporlodernden Gluth; schon schwärzten sich ihre Planken und knisterten und glimmten; schon flammte der Vorhang empor, der dicht hinter dem Pflugaltar ein großes Fenster verdeckte, dessen Scheiben sämmtlich gesprungen waren – noch eine Minute vielleicht, und der edle Kaiserpflug wäre unrettbar in Asche verwandelt gewesen. Aber gerade in diesem verhängnißvollen Augenblicke ging es mit einem Male wie ein Lauffeuer durch die erregte Menge, welche mit Todesverachtung an dem Rettungswerke arbeitete: „Der Kaiser-Joseph-Pflug! Der Kaiser-Joseph-Pflug – er muß gerettet werden, und wenn alles Uebrige zu Grunde geht!“ „Und die Aexte krachten gegen die geschlossenen Thüren; die Schläuche von zwanzig Spritzen richteten sich gegen die glimmende Wand; im Nu waren kühne Gesellen im Innern, und triumphirend brachten sie das ärmliche Holzwerk in Sicherheit. Dann erst retteten sie den großen Silberblock[WS 1] im Werte von fünfzigtausend Gulden und warfen ihn auf die Straße. Ohne den Kaiser-Joseph-Pflug wäre wahrscheinlich die kostbare und großentheils unersetzliche Ausstellung des Ackerbauministeriums verloren gewesen. Und so wurde er gerettet und mit ihm der Pavillon. Jetzt steht er wiederum auf seinem Piedestal wie vorher, und Tausende freuen sich nun doppelt, wenn sie ihn betrachten; die Gefahr hat ihn nur werther gemacht.

Nicht uninteressant ist die Thatsache, daß das Bauernpaar, dem der Pflug und der Acker des Kaisers gehörte, durch dessen Werk zum Wohlstand gekommen ist. Die braven Leute erhielten viele Besuche und Geschenke, man lud sie überall hin ein, und ihre Portraits wurden wiederholt veröffentlicht. Zwei ausgezeichnete Miniaturen, welche Beide mit sprechenden Zügen darstellen, sind an dem Postamente des Kaiserpfluges angebracht; sie stammen, ebenso wie das daneben aufgehängte Bild Joseph’s des Zweiten, aus einer Wiener Privatgalerie.

Es wäre noch viel zu erzählen von dem „Tempel des Pflugs“ und seinem Inhalt; aber mit dem vorher Berichteten ist doch jedenfalls das Beste hinweggenommen. Fachmänner könnten Tage lang in dem einfach aber geschmackvoll verzierten Raume umherwandeln, ohne das Interesse zu erschöpfen. Wenn sie sich von den langen Reihen der Pflüge und ihren oft höchst sonderbaren Formen wegwenden, trifft ihr Auge allenthalben auf Bemerkenswerthes: da ist zunächst an den Wänden eine reiche Galerie von trefflich ausgeführten Aquarellen, welche die verschiedenen Bespannungsarten des Pfluges in den verschiedenen Ländern getreu nach der Natur darstellen. Ist es nicht merkwürdig, daß nicht zwei davon ihre Zugthiere gleichmäßig anschirren und vor das Ackergeräth hängen? Dann wieder ist da eine Sammlung der Handgeräthe, welche neben dem Pflug oder anstatt desselben zur Bodenbearbeitung verwendet werden, darunter ebenfalls höchst eigenthümliche Exemplare aus allen Gegenden des Erdballs.

Weiter wandernd, findet der Besucher die wissenschaftlichen Grundlagen des Landbaues ausgestellt, soweit dieselben sich in Bild und Materie darstellen lassen; daran reihen sich die zahlreichen Producte und Illustrationen der österreichischen Staatsforstwirthschaft, welche bekanntlich noch über Gebiete verfügt, von deren Productionskraft man lange Zeit hindurch kaum eine Ahnung hatte.

Eine besondere Abtheilung des Pavillons birgt die andere Hälfte der Urproduction, das Bergwesen mit seinen Schätzen, darunter am meisten umstanden und bewundert das Idrianer Quecksilbermeer mit einer darauf schwimmenden fünfzigpfündigen Vollkugel. Es ist in der That ein reiches Museum hier aufgethan, und zwar in systematischer Ordnung, Eines in das Andere überführend, so daß Jedem, selbst dem Laien, reiche Belehrung geboten wird. Wer daher nach dem schönen Wien reist, um die Weltausstellung zu bewundern, der wird uns dankbar sein für unsern Wegweiserdienst, und wer dort gewesen ist, vielleicht auch für die Auffrischung der Erinnerung an den „Tempel des Pflugs“.
Ph. E–ch.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Silberblick; vergl. Berichtigungen (Die Gartenlaube 1873/45)