Aus dem geheimen Polizeileben des ersten französischen Kaiserreichs

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Autor: Friedrich Christian Benedikt Avé-Lallemant
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Titel: Aus dem geheimen Polizeileben des ersten französischen Kaiserreichs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 150–155
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus dem geheimen Polizeileben des ersten französischen Kaiserreichs.
Die Kinderpolizei. – Die Polizeidiners. – Die cytherische Cohorte.


Es ist bekannt, daß Ludwig der Vierzehnte neben anderen ebenso abscheulichen Mitteln besonders seiner geheimen Polizei, die wie ein Netz ganz Europa überzog, den ungeheuren Einfluß verdankte, den er in allen politischen Angelegenheiten übte. Dieses niederträchtige, verrätherische Spionirsystem erbte sich in Frankreich von Regenten zu Regenten fort, und ward, wenngleich mit einigen Aenderungen, die durch die Zeit geboten waren, auch von dem ersten Napoleon so umfassend adoptirt, daß man sich nicht wundern darf, wie genau Napoleon von allen europäischen Verhältnissen unterrichtet war, und wie überraschend bestimmte Instruktionen er in gewissen Fällen ertheilen konnte.

In Wahrheit entrollt sich, trotz der strengen Geheimthuerei, gerade unter Napoleon dem Ersten ein Bild so schlimmer sittlicher Verdorbenheit in den gouvernementalen Kreisen, daß man erschrocken den Blick abwenden möchte von einem Gebäude, dessen morsche und verfaulte Stützen in jedem Momente zusammenzustürzen drohten, und daß nur aus dieser Erkenntniß die Anstellung eines der elendesten Verbrecher, den je die Welt gesehen, Eugène François Vidocq (1775–1857) zum Chef der geheimen Polizei, eines aus Spionen und entlassenen Sträflingen bestehenden Polizeicorps, begreiflich wird. Man irrt jedoch, wenn man glaubt, daß mit diesem Corps die ganze geheime Polizei Napoleon’s abgethan war. Im Gegentheil darf man behaupten, daß das ganze von Napoleon aufgerichtete Kaiserreich sich in seinen Hauptfundamenten wesentlich auf die Polizei stützte, daß jeder Staatsmann und General, wie eine Unzahl Geistlicher Antheil an dieser Polizei hatte, ohne kaum einmal zu ahnen, daß er doch selbst wieder im Geheimen von der Polizei überwacht wurde. Denn nicht allein aus den höchsten Beamten und Würdenträgern bestand die geheime Polizei: es wurden Schriftsteller, Rentiers, Handwerker, Komödianten, Seiltänzer etc. mit herangezogen, selbst Greise mit schneeweißen Haaren und voll Altersgebrechen, denen man auf dem kurzen Wege zum Grabe am wenigsten Verrath und Angeberei zutrauen konnte, wurden für die Zwecke der geheimen Polizei benutzt, und so war denn keine freundschaftliche und vertrauliche, keine verwandtschaftliche Mittheilung, kein berechtigter Wunsch, kein Ausdruck froher Laune oder herben Schmerzes mehr sicher vor dieser Polizei.

In der Reihe jener neuen Erfindungen, welche die unter Napoleon dem Ersten mit dem schamlosen Laster identisch gewordene französische Polizei einzig in ihrer Art zu machen verstand, gehört die Kinderpolizei zu den feinsten und scheußlichsten. Die geheime Polizei hatte zu ihren Werkzeugen eine Zahl von Kindern beiderlei Geschlechts ausgesucht, welche sich durch anmuthige Gestalt und frühzeitig entwickelten Verstand auszeichneten. Diese Kinder, häufig nur fünf Jahre alt, wurden zu der Kunst abgerichtet, sich unter die Leute zu schleichen, deren Gesinnung und Meinung die Polizei kennen lernen wollte, und welche zu vorsichtig waren, um sich von älteren Personen ausholen zu lassen. Die Jugend dieser kleinen Mouchards konnte keinen Verdacht erregen; in ihrer Gegenwart äußerte man sich rückhaltlos; kein Wort aber entfiel dem Gedächtniß dieser kleinen Bösewichter, und bald wußte die Polizei, welche sie abgeschickt hatte, genug, um die Personen zu Grunde zu richten, welche sie hatte aushorchen lassen.

Boten sich besondere Schwierigkeiten für die unverfängliche Annäherung der Kinder an die Verdächtigen, so mußte das erlesene Kind sich Abends an eine Ecke der Wohnung dieser Leute stellen und bei deren Nachhausekunft ein durchdringendes Geschrei erheben; man fragte natürlich, was ihm fehle, worauf es hieß, daß das Kind sich verirrt habe. Ein falscher Familienname wurde genannt; der Name der Straße, wo das Kind wohnte, konnte nicht angegeben werden: wer hätte ein verirrtes Kind von sechs Jahren, das reinlich und ordentlich gekleidet war und sehr niedlich aussah, von sich stoßen mögen? Am andern Morgen konnte es seinen Weg wohl allein finden. Es wurde mit in’s Haus genommen, es wurde der Lieblingsfreund der Kinder des Hauses, und am andern Tage richtete das kleine Ungeheuer seinen Wohlthäter, der sich seiner so liebreich angenommen hatte, vielleicht zu Grunde, indem es Denjenigen, die es geschickt hatten, alle Geheimnisse offenbarte, welche es in dem gastfreien Hause gehört hatte.

Ein sehr trauriges Beispiel der Art erfuhr ein Herr Talbot in [151] Paris, dessen beide einzige Söhne in den Schlachten bei Eylau und bei Bautzen geblieben waren. Die geheime Polizei wußte, daß er über diesen schweren Verlust tief betrübt war, und hatte ihn in Verdacht, daß er ein geschworener Feind des Kaisers sei. Er war ein kluger und vorsichtiger Mann, der wenig Gesellschaft bei sich sah und nur in Gegenwart von ganz sicheren Freunden sich über sein trübes Schicksal und dessen Urheber aussprach. Gegen alle anderen Menschen bewahrte er eine Zurückhaltung, welche die mit der Ausforschung beauftragten Agenten zur Verzweiflung brachte, da alle ihre Versuche vergeblich gewesen waren. Endlich bemerkte man, daß er sich bei seinen täglichen Spaziergängen im Garten des Luxembourg auf eine Bank zu setzen und mit Jemand zu reden pflegte, welcher sein Freund zu sein schien. Sobald sich ihnen Jemand näherte oder gar auf derselben Bank sich niederließ, wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen.

An einem schönen Frühlingsnachmittage suchte Herr Talbot im dichten Schatten der Alleen des Luxembourg sich von seinem drückenden Kummer zu zerstreuen. Einer seiner alten Freunde traf ihn daselbst, zog ihn auf eine Bank und fragte ihn hier um den Grund seiner tiefen Bekümmerung.

„Ich hatte,“ sagte er, „zwei Söhne, die einzige Hoffnung meiner alten Tage; allein beide sind ermordet worden, der eine bei der Metzelei von Eylau, der andere bei dem Hinschlachten von Bautzen.“

Er sprach noch, als ein sauber gekleidetes fünfjähriges bildschönes Kind zwischen die Kniee der beiden Freunde flüchtete. Es werde, sagte das Kind, von seiner Wärterin verfolgt. Wirklich sahen sie in der Mitte der Allee eine Wärterin, welche ein anderes Kind auf dem Arme trug. Die kindliche Anmuth des kleinen Flüchtlings gefiel beiden Greisen. Der eine nimmt es auf den Schooß, spricht ihm freundlich zu und verheißt ihm, die Wärterin zu versöhnen. Letztere kommt nicht; Herr Talbot setzt seine Unterredung fort:

„Ja, mein Freund,“ sprach er, „meine Söhne sind nicht mehr! – Guter Gott! wirst Du nie das Ungeheuer zu Boden schmettern, das sie auf die Felder des Todes geschleppt?“

„Ich fühle das ganze Gewicht Ihres Schmerzes,“ entgegnete der Freund, „ich jammere wie Sie; aber wie viele Familien giebt es nicht in Europa, die eben solche Unfälle zu beweinen haben. Sie rufen die Blitze des Himmels herab auf das Haupt des Urhebers aller unserer Leiden. Ihre Wünsche werden, wie ich glaube, bald erfüllt werden. Die Hand Gottes hat den Corsen getroffen, und die Kühnheit seines mörderischen Genies hält es nicht mehr aus gegen die Macht der Verbündeten.“

Allmählich machte sich das Kind von den Knieen des Greises los; da erscheint die Wärterin und eilt auf das Kind zu; dieses entwischt, die Wärterin verfolgt und erhascht es und alsbald verschwinden Beide miteinander.

Zwei Tage darauf wurde Herr Talbot auf dem Markte St. Roche verhaftet und in die Conciergerie gebracht. Erst nach fünf Tagen namenloser Sorge und Qual ward er zum Verhör vor Vidocq geführt. Wie groß war sein Erstaunen, als Vidocq ihm Wort für Wort der Unterredung vorsagte, die er vor acht Tagen mit seinem Freunde im Luxembourg gehabt hatte. Trotz seiner Bestürzung leugnete er Alles. Sofort drohte ihm Vidocq mit einem Zeugen, der ihn zum Geständniß bringen sollte, und gab auch Befehl, den Zeugen herbeizuführen. Beim Anblick seines alten Freundes erging der Verhaftete sich in Verwünschungen gegen den treulosen Verräther, wurde aber von Vidocq aufgeklärt, daß sein Freund durchaus nicht sein Verräther, sondern sein Mitschuldiger und gleich ihm Angeklagter sei. Auf die Darstellung der Unmöglichkeit, daß ein Anderer als dieser Freund ihn verrathen haben könne, da er der Einzige sei, mit dem er vor acht Tagen im Luxembourg gesprochen habe, erwiderte Vidocq: „Das thut nichts. Wissen Sie, daß selbst die Luft uns unbesonnene Reden zuträgt?“ – Später wurden beide Unglückliche nach dem Schlosse Ham abgeführt, um nach Jahren erst zu erfahren, daß jenes Kind ihr Verräther gewesen.

Ein anderes schmähliches Corps im Dienste der geheimen Polizei war die von Napoleon selbst so genannte „Cytherische Cohorte“. Dies war eine Gesellschaft von Leuten beiderlei Geschlechts, welche sich durch Jugend, Schönheit, Anmuth, Talente und Verführungskünste auszeichneten. Schön gewachsene junge Männer, reizende junge Mädchen, von denen sich die meisten durch Schulden zu Grunde gerichtet hatten, der Verschwendung ergeben waren oder von Habsucht getrieben wurden, gaben sich dazu her, sich an die verdächtigen Personen zu machen, ihre Neigung und ihr Vertrauen zu erschleichen und dann die Opfer bei der geheimen Polizei zu verrathen.

Ungeheure Summen wurden von der geheimen Polizei überhaupt verschlungen. Beispielsweise kostete die Ueberwachung des Chevalier de Rivoir Saint Hippolyte, eines Seeofficiers, der stark in die Sache des royalistischen Generals Lemercier verwickelt war, allein von 1807 an, wo er von Madrid wegging, bis zum October 1810, wo er zu Amsterdam verhaftet wurde, die Summe von vierhunderttausendzweihundert Franken, die Transport- und Unterhaltungskosten in den verschiedenen Gefängnissen ungerechnet, in die man ihn gesperrt hatte. Zwei Jahre lang hatte er stets zwei unsichtbare geheime Polizeiagenten um sich gehabt, welche ihm in alle von ihm bereisten Länder nachgefolgt waren. Seine Gattin, welche verhaftet wurde, weil sie in männlicher Verkleidung seine Entweichung vom Schlosse Lourde begünstigt hatte, veranlaßte einen Kostenaufwand von zweiundsiebenzigtausend Franken.

Diese Summen verschwinden aber gegen die Kosten, welche die „Cytherische Cohorte“ verschlang. Allein vom 10. März 1812 bis zum 22. Januar 1813 kostete diese „Cyherische Cohorte“ nicht weniger als fünf Millionen dreihundertzweiunddreißigtausendfünfhundert Franken an Reisekosten, Besoldungen und Vergütungen. Die geheimen Einrichtungen und die Einkerkerung der bedeutendsten Personen waren hauptsächlich das Werk der Mitglieder dieser nichtswürdigen Cohorte, vor der kein Mensch sicher war. So wurde zum Beispiel der Componist Mehül bei der Entdeckung der Entwürfe des Baron Imbert in sehr große Gefahr gebracht, der Royalist General Lemercier zu Lamothe bei Loudai getödtet, der Chevalier Laa, sowie die beiden Herren Dübüc und Rosselin verhaftet. Letztere Beiden fielen als Opfer der unvorsichtigen vertraulichen Mittheilungen, welche ein reicher Banquier einem Mädchen von der „Cytherischen Cohorte“ gemacht hatte. Der Banquier hatte nicht geahnt, daß dies weibliche Ungeheuer gerade die gewandteste Spionin der geheimen Polizei war und daß ihre ganze Verführungskunst es nur auf diese Mittheilungen abgesehen hatte. Ein Anderer, der von einem solchen weiblichen Ungeheuer verlockt und verrathen war, erbot sich sogar, die Person zu heirathen, doch umsonst; er wurde als geheimer Agent des Berliner Cabinets auf der Ebene von Grenelle erschossen. Ohne die thörichte Leidenschaft, welche er für das unselige Geschöpf gefaßt hatte, das ihn verrieth und dem Tode überlieferte, und ohne die vertraulichen Mittheilungen, die er ihr machte, würde er niemals überführt worden sein.

Fast immer blieben die Verräther den Opfern unbekannt; so kam es denn, daß letztere sogar die ersteren in’s Gefängniß kommen ließen, um von ihnen Trost, Rath und Beistand zu erbitten, und manches Ungeheuer legte den Balsam eines erheuchelten Mitleids auf die Wunden, die es selbst so meuchlerisch geschlagen hatte. Der Verräther des Baron Kolli nahm sogar noch einen Diamanten an, den ihm sein Opfer einige Tage vor seinem Tode heimlich als Freundschaftszeichen hatte überreichen lassen.

Doch gab es noch andere Weisen, den verdächtigen Personen Geheimnisse zu entreißen. Der Polizeiminister Savary (Herzog von Rovigo), der mit seiner geheimen Polizei in der tragischen Sache des Herzogs von Enghien eine so schmachvolle Rolle spielt, hatte in seinem Palais eine besondere Stube, in welcher zuweilen die Verhafteten aufbewahrt wurden. Hier besuchten die abgefeimtesten Inspectoren der geheimen Polizei den Gefangenen, sprachen wenig über seine Angelegenheit, laden ihn aber zu Tische ein. Die Küche des Ministers lieferte Alles, was zu einer guten Mahlzeit gehörte, besonders treffliche Weine. Der Zweck ging dahin, dem Gefangenen tüchtig zuzutrinken, um ihn völlig betrunken zu machen und ihm in diesem Zustande seine Geheimnisse zu entlocken. So ist Manchem diese Bewirthung im Palast des Polizeiministers die Henkersmahlzeit gewesen.

Wie nun bei einem solchen Verfahren Alles, was Wahrheit, Ehre, Sitte, Recht und Freiheit war, mit Füßen getreten wurde, erkennt man schon aus den angeführten Beispielen, und wenn man weiß, daß ein Vidocq an der Spitze dieser Ungeheuer stand, so kann man schon auf den sittlichen Gehalt seiner Untergebenen schließen. Zwei dieser Nichtswürdigen gingen einmal den sehr reichen irländischen Priester Macarthy um ein „Anlehen von viertausend Franken“ an, welches Macarthy unglücklicherweise ihnen

[154] abschlug. Dafür gaben diese beiden Mouchards ihn wegen eines Verbrechens an, welches er niemals begangen, an das er nicht im Entferntesten gedacht hatte. Macarthy wurde völlig unschuldig erschossen. Eine Dame seiner Bekanntschaft scheute nicht den Weg nach Paris, um seine Begnadigung von Napoleon zu erbitten.

„Das ist unmöglich“ – soll Napoleon gesagt haben – „reich und ein Verräther; das wäre ein Todtschlag, wenn man ihn für unschuldig hielte!“

Auch die sehr vereinzelten Fälle, wo dieser im Geheimen schleichenden Meuchlerbande ihre Anschläge mißlangen, können dem sittlichen Gefühl kaum noch eine Genugthuung gewähren; es sind krystallklare Tropfen, die nur für den Augenblick farbig blitzen, aber auch sogleich in den verschlammten Sumpf hinabfallen, um ebenfalls in Fäulniß überzugehen. Demungeachtet mögen hier noch in aller Kürze einige Beispiele folgen.

Etwa vierzehn Tage vor Napoleon’s Krönung ließ sich ein russischer Graf Petrowlow in Paris sehen, welcher alsbald von einem zur geheimen Polizei gehörigen Abbé aufgefunden wurde. Der Graf sprach vortrefflich französisch und schien genaue Bekanntschaft mit den europäischen Cabineten zu haben. Der Abbé suchte daher nicht nur seine Bekanntschaft, sondern machte auch den nachmaligen Erzkanzler Cambacérès aufmerksam auf ihn. Es galt, die Meinung des russischen Kaisers über die neue Würde Napoleon’s zu erfahren. Mit großer Feinheit suchte der Abbé den Grafen auszuholen. Ebenso fein wußte der Graf den Abbé zu kirren, indem er zwar zurückhaltend war, jedoch dabei merken ließ, daß die Zurückhaltung nicht stets fortdauern werde. Jetzt wurde Napoleon selbst von der wichtigen Bekanntschaft unterrichtet und Cambacérès von Napoleon ermächtigt, Alles aufzubieten, um den Grafen zu gewinnen. Der Graf wurde durch den Abbé zu Tische bei Cambacérès eingeladen. Als der Abbé zum Grafen Petrowlow in’s Hôtel kam, fand er den Grafen mit Reiseanstalten beschäftigt und lockte nun, höchlichst überrascht, mit feinen und dringenden Fragen das discrete Geständniß heraus, daß der Graf bei dem unerwartet theuern Leben in Paris zu kurz mit seinem Gelde gekommen sei und nur noch so viel besitze, daß er gerade nach Deutschland zu Bekannten gelangen könne, um sich bei diesen wieder mit Geld zu versehen. Mit vieler Mühe und in der feinsten Weise von der Welt drang nun Cambacérès dem Grafen vierundzwanzigtausend Franken auf, wies jegliche schriftliche Empfangsbescheinigung zurück und erhielt nun auch nach vielen feinen Andeutungen und Wendungen und unter Erweisung aller möglichen Liebenswürdigkeiten und Gefälligkeiten die Zusicherung eines Schriftstückes über den gewünschten Gegenstand. Nach mehreren Tagen überreichte der Graf die Schrift versiegelt und mit der Erklärung, daß sie direct für Napoleon bestimmt sei.

Man kann sich Napoleon’s Stimmung denken, als er die Schrift erbrach, deren bloßer Schluß schon charakteristisch genug ist.

„Endlich“ – so heißt es am Ende der Schrift – „will man wissen, in welchem Rufe Bonaparte in Rußland steht und was man überhaupt von ihm denkt. Eine Thatsache wird diese Frage genügend beantworten.

Als man in St. Petersburg den unglücklichen Tod des Herrn Herzogs von Enghien erfuhr, erhob sich nur ein Schrei gegen seinen Mörder. Das Blut des Schlachtopfers bleichte auf einmal die Lorbeeren des Siegers von Marengo. An die Stelle der öffentlichen Achtung trat eine allgemeine Verwünschung und bei der berühmten Todtenfeier zu St. Petersburg zum Gedächtniß des unglücklichen Fürsten theilten Aller Herzen die Gesinnungen der folgenden Aufschrift, welche auf dem Cenotaphium stand: ‚Inclito principi Ludovico Antonio Henrico Borbonio Condaeo, duci d’Enghien, non minus propria et avita virtute quam sorte funesta claro, quem devoravit bellua Corsica, Europae terror et totius humani generis lues.‘

Man kann sich denken, mit welcher Wuth Napoleon die Schrift zu Boden schleuderte. Bei keiner Gelegenheit soll er ärger geflucht haben. Der sofortige Befehl zur Verhaftung des Grafen war selbstverständlich. Dieser hatte sich jedoch natürlich mit den vierundzwanzigtausend Franken davon gemacht und einen Vorsprung von dreißig Stunden gewonnen, so daß er glücklich entkam, wie es heißt nach der Türkei. Umsonst waren alle äußersten Anstrengungen der geheimen Polizei. Zum Ueberfluß erfuhr sie nur noch, daß der angebliche russische Graf Petrowlow Niemand anders gewesen war, als – ein Jude aus der Umgebung der „guten Stadt“ Lübeck!

Im Jahre 1812 wurde in der bereits oben erwähnten Stube des Polizeiministers eine entsprechende komische Scene gespielt. Ein junger Mensch, ein leichtsinniges Subject, der seine Sache auf Nichts gestellt hatte, wurde wegen Verdachtes geheimer Werberei verhaftet. Er hatte Complicen; man konnte ihn aber in drei Verhören nicht zum Geständniß bringen. Savary selbst beschäftigte sich angelegentlichst mit ihm und suchte ihn auf alle mögliche Art und Weise auszuforschen: – alles vergebens! Endlich gab Savary den heimlichen Befehl, den Versuch mit einer tüchtigen Mahlzeit zu machen und vor Allem den guten Wein dabei nicht zu sparen. Der Examinande wurde deshalb in die bekannte Stube geführt und der beste Spürhund der geheimen Polizei zu seinem Gaste gewählt. Dem lebenslustigen jungen Menschen war die feine Mahlzeit schon ganz recht; der Wein floß in Strömen. Das Schicksal aber wollte, daß der Inspector selbst das ward, was er bei seinem Tischgenossen bewirken wollte: er wurde betrunken, während unser Held sich tapfer hielt. Der Inspector schlief sogar bei Tische ein.

Der heimliche Werber benutzt die günstige Situation. Als tüchtiger Raucher nimmt er eine gute Portion Tabak, kaut ihn durch und preßt den Saft in des Inspectors Glas, füllt Wein dazu, weckt den Schläfer und animirt ihn zum Weitertrinken. Der Inspector trinkt und – versinkt in noch tieferen Schlaf, aus dem ihn selbst das Rütteln des Werbers nicht zu erwecken vermag. So konnte der verwegene Mensch ihm Rock, Weste, Halstuch, Hut, Schuhe und Strümpfe abnehmen und sich selbst damit bekleiden, den Degen umschnallen, ihm die Uhr und siebenundvierzig Franken abnehmen, mit dem in der Tasche gefundenen Schlüssel die Thür öffnen und sich davon machen.

Diese gründliche Bloßstellung der geheimen Polizei wurde stets ängstlich unterdrückt und erst nach Jahren zuerst in München von einem Freunde des glücklich entflohenen Werbers an das Tageslicht gebracht.

Endlich mag noch einer Unternehmung erwähnt werden, bei welcher die Primadonna der „cytherischen Cohorte“ selbst die Hauptrolle spielte. Die Geschichte ist wirklich ein Roman, läßt sich aber doch sehr kurz erzählen, wobei die Namen nur angedeutet werden, da wahrscheinlich noch Angehörige der betreffenden Personen in Deutschland am Leben sind.

Im Jahre 1809 traf ein Holländer Anstalt, in Leipzig eine gründliche Schrift gegen Napoleon drucken zu lassen, in welcher die europäischen Mächte geradeswegs zu einem Bündniß gegen Napoleon aufgefordert wurden. So geheim die Vorkehrungen gehalten wurden, so hatten doch die geheimen Spione der französischen Polizei in Leipzig bald Verdacht geschöpft und dem Holländer eine Schlinge gelegt. Alles an dem Unglücklichen wurde untersucht, selbst das Futter seiner Kleidung zerschnitten, sein Hausgeräth zertrümmert, Betten und Matratzen aufgeschnitten und sogar eine schöne Gypsstatue der Venus zertrümmert: es wurde nichts gefunden. Umsonst versicherte der Holländer, durchaus nichts geschrieben zu haben: er wurde nach Paris geführt und – niemals ist er wieder zum Vorschein gekommen, oder ist auch nur ein Wort über den Unglücklichen bekannt geworden.

Rastlos spürten inzwischen die Spione in Leipzig weiter umher und brachten endlich heraus, daß der Holländer, sobald er sich beobachtet gefunden, das Manuscript seiner Schrift einem Freunde Sch. anvertraut hatte, der in Prag lebte und auf einige Tage zum Besuch nach Leipzig gekommen war. Um jeden Preis wollte Napoleon das Manuscript haben. Bald wußte er, daß Herr Sch. ein reicher Privatmann, vierzig Jahre alt, seit zwei Jahren Wittwer, Vater einer vierjährigen Tochter, ein Bewunderer des schönen Geschlechts war und bei Prag auf einer schönen Villa lebte. Der Entschluß war gefaßt und die schönste und glänzendste Dame der cytherischen Cohorte ward für Herrn Sch. in Prag ausgewählt. Die erwählte D....s hatte ihre Eltern jung verloren und hätte von ihrem geerbten Vermögen anständig leben können. Zügelloser Hang zum Luxus und zum Spiel ruinirten sie aber. Die D….s war eine vollkommene Schönheit und voll glänzender Talente. So wurde sie die Geliebte eines deutschen Cavaliers, den sie zu Grunde gerichtet hätte, wenn er sich nicht energisch von ihr losgesagt und ihr zuletzt fünfzehntausend Franken durch das Haus Recamier ausgezahlt [155] hätte. Sogleich trat sie mit einem sehr hochgestellten französischen Cavalier in Verbindung, dem sie, mindestens nach der Versicherung der gekränkten Gattin, innerhalb fünfzehn Monaten dreihunderttausend Franken kostete. Auf Betrieb seiner Gattin sagte er sich endlich von ihr los, stellte sie aber, dankbar für die erwiesenen Begünstigungen, an die Spitze der cytherischen Cohorte, wobei ihre Fertigkeit in der deutschen Sprache ein wesentliches Moment war.

Nach verschiedenen Gesprächen mit dem Polizeiminister erhielt die D....s einen Paß als „junge Wittwe Brigitte Adelaide Saulnier, welche ihrer Gesundheit wegen in Deutschland reist“. Ihre geheime Instruction lautete nur kurz dahin:

„Sie reisen geraden Weges nach Prag in Böhmen. Hier erkundigen Sie sich insgeheim nach Herrn Sch. und nach seiner Wohnung. Unter dem Vorgeben einer reinen Luft, die für Ihre Gesundheit nothwendig ist, äußern Sie Lust, auf dem Lande zu leben, und richten es so ein, daß Sie eine Wohnung so nahe als möglich an der seinigen beziehen. Sie lassen bauen, wenn es nöthig ist; Sie sparen nichts. Das Uebrige überläßt man Ihren Einsichten und Ihrem Scharfblick.“

Als die sogenannte Wittwe Saulnier in Prag ankam, war Herr Sch. auf seiner Villa leicht gefunden und die benachbarte Villa für zweiunddreißigtausend Franken dem Besitzer, einem Pergamentmacher, abgekauft. Die Saulnier spielte ihre Rolle so geschickt, daß Herr Sch. sie sogleich kennen lernte, sich sterblich in sie verliebte und nach kurzer Zeit um ihre Hand warb.

Zum Unglück für ihre nichtswürdige Mission hatte aber die verkappte junge Wittwe zum ersten Male in ihrem Leben selbst eine ernstliche Liebe gefaßt, da Herr Sch. sich überall als einen echten Ehrenmann erwies und noch ein stattlicher Mann in den besten Jahren war. Nach kurzen Bedenken und Erwägungen reichte sie ihm ihre Hand. Erst am Tage nach der Hochzeit dachte sie an den Zweck ihrer Sendung und sprach mit Herrn Sch. scheinbar ganz beiläufig und wie vom Hörensagen von der zu Verlust gegangenen Handschrift und von der seinerzeitigen Aufhebung des Verfassers. Ihr Gatte war höchlichst überrascht von der Kenntniß seiner jungen Gattin, erzählte von seiner persönlichen Gefahr in der Angelegenheit, von der Uebernahme des Manuscripts und – von der Verbrennung desselben auf die erste Nachricht von der Verhaftung des Verfassers! – Die Gattin wußte genug, berichtete nach Paris, „daß Seine Kaiserliche Majestät in Hinsicht dieser Sache ganz ruhig sein könne,“ und – war und blieb die Gattin eines Ehrenmannes.
B. Avé-Lallemant.