Aus dem londoner Verkehr

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Autor: unbekannt
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Titel: Aus dem londoner Verkehr
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 56
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[56] Aus dem londoner Verkehr. Auf den Trottoirs von London wird man nicht selten einen elegant gekleideten, freundlich aussehenden Herrn bemerken, den man seinem Aeußern und seinen Manieren nach etwa für einen Edelmann aus der Umgegend halten könnte, und dessen größtes Vergnügen es zu sein scheint, das Schaufenster irgend eines Ladens durchzumustern. Von tausend Menschen werden vielleicht 999 ihn für einen müßigen Pflastertreter halten, und erst der Tausendste mag wissen, welche Bewandtniß es mit ihm hat. Der charmante Herr geht keineswegs müßig, denn er geht ja seinem Berufe nach. Er ist ein von der kaufmännischen Industrie angestellter Lockvogel, ein Waarenanschauer, oder wenn Sie wollen, Anstauner (gazer). Nur in seltenen Fällen werden seine Dienste von einer einzigen Firma in Beschlag genommen, es sei denn, daß dieselbe mehrere Läden in verschiedenen Stadttheilen hätte. In der Regel thun sich mehrere Geschäftsleute, deren Geschäfte und Interessen nicht concurriren, zur Anstellung eines Anstauners zusammen. Durch gemeinschaftliche Naturalbeiträge staffiren sie ihren Mann nach der besten Mode aus; ein Hutmacher bekleidet sein Haupt, ein Schneider seine Glieder; ein Schuhmacher versieht ihn mit einem Paar der feinsten Stiefeln; er führt ein feines Rohr mit goldenem Knopf und zu Zeiten einen ausgesuchten Regenschirm, ebenfalls von den betreffenden Fabrikanten geliefert; ein Putzhändler versieht ihn mit Halsbinde und Schnupftuch von untadeligem Schnitt und Muster, während ein Juwelier eine goldene Uhr, einen brillanten Ring und eine feine Lorgnette für ihn ausfindig macht. So ausgestattet, geht er an seine Arbeit, wenn das Wetter irgend günstig zu bleiben verspricht. Da wandelt er nun von dem Laden eines seiner Patrone zu dem eines andern, pflanzt sich vor dem Schaufenster auf, und mustert mit anscheinend großem Interesse und besonderem Wohlgefallen die ausgelegten Sachen durch. Dabei handhabt er seine goldene Lorgnette mit aristokratischer Grazie, klopft spielend mit dem glänzenden Rohrstock an den feinen Modestiefel, läßt irgend einen einsilbigen Ausruf des Lobes oder der Bewunderung entschlüpfen, und wenn sich etwa zehn Gimpel versammelt haben, um die erstaunliche Billigkeit und Schönheit der Waaren bewundern zu helfen, platzt er in den Laden, giebt in lautem vornehm befehlendem Tone einen Auftrag auf ein Dutzend solcher Artikel, welche der Kaufmann gerade losschlagen möchte, verlangt, daß dieselben noch vor Dunkelwerden da und da hingesandt werden, giebt seine Karte ab und wird vom Kaufmann mit vielen Bücklingen zum Laden hinaus begleitet. Nun setzt er seinen Auftrag fort, um in einem andern Laden dieselbe Scene aufzuführen. Bei dem Schneider spricht er zur fashionablen Stunde vor, wenn derselbe gerade mit Kunden beschäftigt ist. Hier giebt er gemessenen Auftrag zu ein paar Oberröcken, einem Paletot oder dergl.

„Sie haben ja mein Maß – es hat nicht so große Eile – in acht Tagen etwa.“ Dann setzt er seinen Stab weiter, vielleicht zum Juwelier. Hat er im Laufe des Tages sein müheloses Geschäft besorgt, so begiebt er sich vor Dunkelwerden in seine schäbige Wohnung und legt sorgfältig sein Prunkzeug ab. Nachgehends macht er vielleicht den Spanner, d. h. Aufpasser an einer der Spielhöhlen in St. Jamesstreet, oder den Ceremonienmeister in einem der zahlreichen Casinos, welche sich zu nächtlichen Thorheiten und Schwelgereien öffnen.

Der tägliche Gehalt des Anstauners variirt zwischen 2½ und 3½ Schilling, je nach seiner Figur und dem Grade seiner Dreistigkeit, und er erachtet dies für einen um so leichtern und angenehmern Verdienst, da er das Vergnügen obendrein hat, sich während der Geschäftsstunden für einen ausgemachten in jeder Hinsicht vollkommenen Gentleman halten zu dürfen.