Ida Pfeiffer unter den Kannibalen

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ida Pfeiffer unter den Kannibalen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 55–56
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Auszüge aus „Meine Zweite Weltreise“ von Ida Pfeiffer mit Bezug zu Kannibalismus
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Ida Pfeiffer unter den Kannibalen.

Die zweite Reise dieser heroischen Dame um die Erde liegt in einer englischen ersten Ausgabe vor uns. Das Buch einer Deutschen muß also aus dem Englischen, als dem Originale, in die Muttersprache der Verfasserin übersetzt werden, wenn’s nicht schon geschehen.[1] Es wird in diesem Falle nichts schaden, denn ihre zweite Reise wird in jeder Sprache eben so originell erscheinen, wie ihre erste. Nichts Merkwürdigeres in der ganzen, reichen Reiseliteratur, als diese doppelten Heldenthaten einer einzelnen wehrlosen Dame um die Erde herum, und zwar in Gegenden und Wildnisse hinein, in welche sich bis jetzt der tapferste Mann mit Waffen und Gefährten nicht hineinwagte. War sie wirklich so wehrlos und unbeschützt? Nein, sie trug den ächten Waffenrock, die ächten Ritterwaffen mit sich, in sich: den Muth einer reinen, edeln Menschlichkeit, die Zutraulichkeit eines kindlichen Gemüths, das Vertrauen in den innern, edeln Kern auch der wildesten Menschenfresser, Sympathie für allerlei menschliche Zustände, kurz, ein mysteriöses Etwas von ächter Humanität, das sich kaum theoretisch beschreiben läßt und man aus ihrem Buche heraus- und zusammenlesen muß. Wir wollen ihr sofort unter die leibhaftigen Menschenfresser von Borneo und Sumatra folgen. Allerdings bekam sie in Sarawak, dem Regierungssitze des englischen Consuls Brooke, der sich so ziemlich zum vollständigen Obersultan über alle Sultaneien der Insel Borneo gemacht hat, Empfehlungs- und Schutzbriefe, aber diese reichten lange nicht so weit, als ihr beispielloser Muth. Beim Sultan von Singtang wurde sie ziemlich in europäischer Manier wie eine Prinzessin behandelt und konnte sogar ordentlich mit Messern und Gabeln essen, ihren eigenen nämlich, die sich der Sultan heimlich von ihrem Diener hatte zustecken lassen, um sie ganz in civilisirtem Style zu bewirthen, aber diese feinen Rücksichten hörten bald auf, zumal als sie auf Sumatra über die holländischen Besitzungen hinaus in’s Innere drang, und zwar zu den Battakern, die kurz vorher ein paar Missionäre leibhaftig aufgefressen hatten. Man rieth ihr deshalb sehr dringend und ernstlich ab, aber der merkwürdige Genius unserer Heldin ließ ihr keine Ruhe, ließ keine Furcht in ihr aufkommen. So wandert sie getrosten Muthes in das erste Menschenfresserdorf hinein und weiß sich sofort die Achtung und Protection des Sultans der Battaker, Hali Bonars, zu erwerben, und zwar, wie wir für die, welche unsere Heldin nicht kennen, bemerken, nicht durch ihre Jugend und Schönheit, da sie aus ihren Jahren und ihrem alten Wittwenthume selbst kein Geheimniß macht. Hali Bonar läßt auf ihr Gesuch Nationaltänze aufführen, deren Schilderung wir von ihren eigenen Worten übersetzen.

„Den Schwertertanz fand ich zu meinem Erstaunen ganz gleich mit dem der Dyaks auf Borneo; auch der Messertanz und Kampftanz hatten viele Aehnlichkeit; aber der originellste, wildeste und lebhafteste war der sogenannte Teufelstanz. Die Tänze wurden alle von männlichen Individuen aufgeführt, mit Ausnahme eines einzigen, an welchem ein Weib Theil nahm, aber nur mit seltsamen Gesticulationen, mit Kriechen auf dem Boden, während die Männer um sie herum tanzten. Dabei fixirten Männer und Weib ihre Augen stets auf den Boden. Ich hatte nun alle ihre Tanzkünste gesehen bis auf einen, den, welchen sie um einen Menschen, ehe er gefressen wird, aufführen. Sie weigerten sich anfangs, diesen aufzuführen (doch jedenfalls aus angeborner Scham, dem bloßen Anblicke eines gebildeten Menschengesichts gegenüber), gaben aber endlich meinen Bitten nach. Statt des Menschen banden sie einen Klotz an einen Pfahl und setzten ihm eine Strohmütze auf. Die Tänzer begannen nun damit, ihre Füße so hoch zu schleudern, als es ihnen irgend möglich war, und schleuderten dabei ihre Messer in der ausdrucksvollsten Weise gegen das imaginäre Schlachtopfer. Endlich gab ihm Einer den wirklichen ersten Stich, dem die Andern alle schnell folgten. Sie schlugen den Kopf (d. h. in diesem Falle die Strohmütze) vom Rumpfe und legten ihn auf eine Matte mit großer Sorgfalt, um das imaginäre Blut nicht zu vergießen. Jetzt tanzten sie mit wildem Freudengeschrei um denselben herum. Einige hoben den Kopf auf und brachten ihn an ihre Lippen mit den deutlichsten Zeichen, wie schön ihnen das abgeleckte Blut schmecke. Andere warfen sich auf den Boden, um mit der schrecklichsten Wahrheit das ausgeflossene, geronnene [56] Blut aufzulecken oder die Finger hineinzustecken und dann mit dem größten Appetite abzulutschen. Dies geschah Alles mit dem Ausdrucke des größten Entzückens. Der vorwaltende Ausdruck ihrer Physiognomien war einer der Freude, nicht der Grausamkeit. Es war freilich blos Darstellung, die Wirklichkeit möchte doch ganz anders ausgesehen haben. Spiel, das es war, konnte ich mich doch einigen Schauderns nicht erwehren, als ich daran dachte, daß ich ganz in der Gewalt dieser wilden Kannibalen war. Ich konnte mich lange dieses peinlichen Eindrucks nicht erwehren, und selbst im Schlafe umgrinsten mich diese entsetzlichen Bilder.“

Zwölf Meilen weiter wäre sie doch trotz der Anwesenheit Hali Bonars beinahe geschlachtet und verzehrt worden, aber es ist komisch und charakteristisch, wie sie doch ihre Haut rettete: „Weiter im Thale hinabsteigend, warnte mich Hali Bonar, durchaus nicht von ihm wegzugehen, sondern stets dicht hinter ihm zu bleiben. An der Spitze unserer Procession gingen sechs mit Speeren bewaffnete Männer, dann kam er, hinter ihm ich und mein Führer, dahinter mancherlei Volkes aus Dörfern, die wir berührt hatten. Vor der ersten Utta (Ansiedelung), der wir uns jetzt näherten, schien man meiner Weiterreise stark opponiren zu wollen. Es war ruchbar geworden, daß ich käme, und vor jedem Orte standen Männer mit Lanzen und Parangs, meine Annäherung zu verhindern. Hali Bonar überredete sie endlich, mich passiren zu lassen. Aber an einem andern Orte stellten sich die Sachen bedenklicher. Mehr als achtzig Bewaffnete versperrten uns den Weg. Die Speerträger hatten mich plötzlich umringt und schossen schreckliche, wilde Blicke auf mich. Starke robuste Gestalten, volle sechs Fuß hoch, schreckliche Aufregung in ihren Mienen, mit weiten, ungeheuern Mäulern, hervorstehenden Zähnen darin, so daß sie den Kinnbacken wilder Bestien glichen. Sie schrillten und heulten um mich herum, und wären mir solche Scenen nicht schon familiär gewesen, ich würde geglaubt haben, mein letztes Stündlein sei gekommen. Aber ich verlor meine Geistesgegenwart nicht. Ich setzte mich auf einen Stein und bemühte mich, so ruhig und zuversichtlich als möglich auszusehen. Aber jetzt traten einige Rajah’s dicht an mich heran mit drohenden Blicken und Gesticulationen, die deutlich sagten, daß sie mich fressen würden, wenn ich nicht sofort umkehre. Sie richteten ihre Messer gegen meinen Hals und schnappten mit den Zähnen nach meinem Arm und kauten und knirschten dann, als hätten sie schon den Mund voll von meinem Fleisch. Ich hatte natürlich etwas der Art von den Battakern erwartet, und deshalb etwas von ihrer Sprache studirt, um erst ein Wort mit ihnen reden zu können. Konnte ich ihnen etwas Amüsantes sagen, sie zu lachen machen, so hatte ich viel gewonnen, das wußte ich; denn Wilde sind wie Kinder, und die größte Kleinigkeit kann sie zu Freunden machen. So stand ich auf, patschte dem Wildesten auf die Schulter in einer ganz freundschaftlichen Manier, und sagte lächelnd in einem Jargon halb Battakenisch, halb Malaiisch: „Na, ihr denkt doch nicht daran, ein Weib zu tödten und zu essen, zumal ein solches, wie ich bin? Ich muß sehr hart und zähe sein.“ Glücklicherweise mußten sie über diese Wendung in meinem fremdartigen Accente und meine Gestikulationen dazu lachen. Auch mein furchtloses Zutrauen machte einen guten Eindruck. Sie reichten mir ihre Hände, der Kreis von Speermännern öffnete sich und glücklich über diese überstandene Gefahr kam ich sicher in einem Orte, genannt Tugala, an, wo mich der Rajah in sein Haus aufnahm.“

Auf Borneo lernt sie andere Spielarten des antropophagischen Kannibalismus in den Stämmen der Dyaks und Alfora’s kennen. Lassen wir sie die Hauptliebe der Dyaks selbst schildern: „Ich hatte hier gleich das Vergnügen, ein paar Siegestrophäen, nämlich zwei frisch abgeschnittene Köpfe, zu sehen. Bei andern Stämmen fehlten diese auch nicht, aber diese trocknen die Köpfe aus zu bloßen Schädeln. Die bei den Dyaks waren noch frisch und nur etwas von Rauch geschwärzt, das Fleisch halb getrocknet, Lippen und Ohren zusammengeschrumpft mit weit und breit fletschenden Zähnen, ein scheußlicher Anblick. Die Köpfe waren noch mit Haar bedeckt, der eine hatte sogar die Augen offen. Die Dyaks nahmen diese Köpfe aus ihren Säcken, um sie mir mit großer Freundlichkeit zu zeigen. Es war ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Sie spieen in die Gesichter dieser Köpfe, wobei sich ihre sonst ruhigen und friedlichen Mienen zu einem furchtbar wilden Ausdruck verzerrten. Knaben schlugen in diese Gesichter und spieen aus. Ich schauderte, konnte aber nicht umhin, zu fragen, ob wir gebildeten Europäer wirklich besser handeln, als diese ekelhaften Kannibalen? Ist nicht jede Seite unserer Geschichte mit Verrath und Blut gefüllt? Die Dyaks sammeln einzelne Köpfe in ihren „Bailers“, armseligen Hütten, gleichsam ihren Museen und National-Galerien. Bei uns könnten statt armseliger Hütten weite Hallen und prächtige Schlösser mit den Köpfen Derer gefüllt werden, die dem Ehrgeize und der Selbstsucht der mächtigen Bewohner derselben geopfert wurden. Die Dyaks tödten ihre Feinde, aber quälen sie nicht, wie wir. Wie viele Tausende wurden langsam in Kerkern und verbannt in giftigen Klimaten umgebracht?“ (Die Verfasserin führt dies noch weiter aus.) „In einigen Reisebüchern finde ich, die Dyaks liebten es, ihren angebeteten Schönen abgeschnittene Menschenköpfe als Zeichen ihrer Zärtlichkeit zu Füßen zu legen, aber ein Holländer leugnet dies, und ich gebe ihm Recht, denn Menschenköpfe sind nicht immer so leicht zu haben. Aber die Jagd auf Menschenköpfe ist allerdings sehr Mode und wurzelt in einem besondern Aberglauben. Wenn z. B. ein Rajah krank wird oder verreist, pflegt man seinem Stamme nach der Genesung oder Rückkehr einen Menschenkopf zu schenken. Ein solcher Kopf muß um jeden Preis geschafft werden. Mehrere Dyaks gehen dann auf die Menschenkopfjagd, d. h. sie legen sich in sechs Fuß hohes Gras oder unter Blätter, mit denen sie sich sorgfältig zudecken und liegen, bis ein Opfer naht. Sie schießen es dann zuerst mit einem vergifteten Pfeil, springen dann auf dasselbe und hauen den Kopf glatt mit einem Schlage ab, mit einer Geschicklichkeit, die auf besondere Uebung schließen läßt. Der Stamm, welchem auf diese Weise ein Kopf abhanden gekommen, fängt dann sofort Krieg an, der nur mit einem oder mehreren gewonnenen Köpfen endet. (Sehr idyllisch gegen unsere civilisirten Kriege!) Der gewonnene Kopf wird dann mit Jubel und Gesang triumphirend nach Hause gebracht und unter die Nationalschätze aufgenommen. Es folgen Festlichkeiten von der Dauer eines ganzen Monats. Die Dyaks sind große Liebhaber von Köpfen, und machen nach der Reisernte mit Malaien oft große Jagden darnach.“ – Noch größer ist diese noble Passion bei den Alfora’s, welche sich besondere Gebäude, „Bailers“, halten, um Menschenköpfe darin zu sammeln. Kehrt ein Jäger glücklich mit einer solchen Beute zurück, kommt ihm das ganze Dorf triumphirend entgegen. Der frische Kopf wird Kindern über zehn Jahren gegeben, welche von da an das Privilegium haben, das Blut daraus zu saugen. Hierauf wird der Kopf leicht geröstet und feierlich in dem Bailer aufgehangen. Die Bailers sind die Museen der Alfora’s. Wir nehmen die Produkte von Köpfen in unsere Museen auf, die Alfora’s, deren Köpfe nichts produciren, deren Hirn und Geist verschlossen und verwildert ist, sammeln die Köpfe selbst in ihren Kunstkammern. Es ist ein ästhetischer, ein Kulturtrieb vielleicht, in der furchtbarsten „naturwüchsigen“ Weise, welche uns Alle auffordern sollte, ihnen den hohen Werth der Menschenköpfe in kultivirter Manier beizubringen, wenn wir selbst Alle genau wüßten und beherzigten, was sie auf jeder Schulter, auch der am Schwersten belasteten, wirklich werth sind.“


  1. Der geehrte Einsender irrt. Die Reise der Frau Ida Pfeiffer ist in einer Originalausgabe noch einige Tage früher als die englische bei Gerold in Wien erschienen.
    D. Redakt.