Erzerum

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Erzerum
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 54–55
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Erzerum,

das jetzige Hauptquartier der türkischen Armee in Kleinasien, die Hauptstadt Armeniens, einst eines blühenden Reiches, jetzt einer Ruine, wie die alte Hauptstadt selbst, Erzerum, erhebt sich, von Außen gesehen, in malerischer Schönheit aus einer Ebene an den Ufern des Kara, eines westlichen Zweiges vom Euphrat, etwa 20 geographische Meilen südöstlich von Trebisond, der nächsten Hafenstadt. Kars ist von Erzerum etwa 17 deutsche Meilen in nordöstlicher Richtung entlegen. Die große malerische Ebene Erzerums, allseitig von Bergen und Naturmalerei umgeben, erstreckt sich sechs deutsche Meilen lang bei einer Durchschnittsbreite von drei bis fünf Meilen. Man sagt, es würde der nächste Angriffspunkt der Russen werden, so daß man ein besonderes Interesse fühlen mag, sich die Stadt näher anzusehen.

Die Straßen sind, wie fast alle im muhamedanischen Osten, enge, schmutzig und zu Allem fähig, nur nicht zum Passiren mit gewichsten Stiefeln. Im Winter werden sie zu Sammelplätzen von Schnee, Eis und Kehricht, so daß man von diesen Eis- und Schneebergen in die versteckten und manchmal ganz verschneiten Wohnungen hinuntersteigen, auch zuweilen stürzen und so mit der Thür in’s Haus fallen muß. Im Frühlinge läuft die Sündfluth durch die Straßen, im Sommer eine Sahara des Staubes nach der andern, im Herbst Sündfluth und Staubfluth abwechselnd, dazwischen auch Menschen, aber verhältnißmäßig wenige gegen die eigentliche Hauptbevölkerung, welche aus großen, zottigen, grausamen, unersättlich gefräßigen, freien und gleichen brüderlichen Hunden besteht, den Straßenfegern und Abdeckern des ganzen Ostens, der ohne diese Wohlthäter längst schon früher verfault wäre.

Der Engländer Charles Duncan, der den türkischen Feldzug in Kleinasien mitmacht, giebt folgende Schilderung von Erzerum (Januar 1855):

„Es war ein schöner Tag, der fast alle Bevölkerung auf die Straßen rief, obgleich dieselben mit Schnee- und Schmutzgebirgen erfüllt waren. Hier der finstere, feine Kurde mit dem ewigen Ziegenfell malerisch um die Schultern geworfen, im Geschäftstone mit dem spärlich bedeckten, dünnen, zitternden Araber über die Aussichten auf Plünderung in diesem Kriege debattirend; dort persische Kaufleute mit gefärbten Bärten, spitzigen Lammfellkappen und spitzigen Zungen über die Profite bei diesen Kriegspreisen schnatternd, Räuber von Lasistan, persische Handelsleute bewachend und Pläne schmiedend, wie sie dieselben auf dem Wege nach Trebisond überfallen könnten, sieche, wankende Soldaten aus dem Hospitale, um zwischen Thier-Kadavern und Küchenabfällen, um welche sich Hunde bissen, etwas frische Luft zu schnappen.“

Er schließt seine Skizze mit der Versicherung, daß Erzerum der schmutzigste Ort der ganzen Türkei sei, verbessert sich aber später mit der Erklärung, daß dieser Preis der Festung Kars gebühre, Erzerum, früher einmal mit 200,000, jetzt kaum mit 50,000 Einwohnern, fristet im Ganzen nur noch eine kärgliche Existenz von einem schläfrigen Transitohandel zwischen Trebisond und dem Innern Kleinasiens. Früher blühte es durch die Spedition zwischen Persien und Konstantinopel. Von der ehemaligen Herrlichkeit der Stadt trauern nur noch einige spärliche Ruinen in den jetzigen Verfall empor.

Das ist ein kleines Bild des Ortes, wo jetzt Selim Pascha

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Die Gartenlaube (1856) b 055.jpg

Ansicht von Erzerum.

wahrscheinlich verzweifelte Anstrengungen macht, dem Schicksale von Kars, dem er Beistand verweigerte, zu begegnen, wenn nicht der durch alle Zeitungen laufende Friede den armen Ort vor jeder weitern Behelligung rettet. Wenn nicht, so ist zu fürchten, daß nun auch ihn die Hülfe, die er von Außen erwartet, im Stiche lassen werde, wie denn der Krieg im Allgemeinen sich in dem Zwecke zu vereinigen scheint, so viel Türkei als möglich zu expropriiren und neue Eigenthümer zu placiren.