Aus dem rauhen Frühling eines Dichterlebens

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus dem rauhen Frühling eines Dichterlebens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 183-185
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[183]
Aus dem rauhen Frühling eines Dichterlebens.
Nr. 1.


Die nachstehenden Erinnerungen an Jean Paul’s Aufenthalt in Hof und Schwarzenbach und die hier mitgetheilten noch ungedruckten Briefe desselben verdanken wir der Tochter einer Zeitgenossin des großen Mannes, die deren Veröffentlichung erst nach ihrem Tode wünschte. Dazu konnte keine Zeit geeigneter sein, als die gegenwärtige, in welcher ganz Deutschland die Feier des hundertjährigen Geburtsfestes Jean Paul’s vorbereitet, und so möge unser großer Leserkreis diese Erinnerungen und Briefe als eine Festgabe der Gartenlaube zu dieser nationalen Dichterfeier annehmen.

Auch für die Einführung derselben ist uns eine seltene Perle zu deren besonderem Schmuck anvertraut worden: ein Brief der Wittwe Jean Paul’s[1] an die Tochter der Verfasserin dieser Erinnerungen. Wir theilen das Wesentlichste davon mit, weil sein Inhalt uns weiterer Bemerkungen über das Nachstehende enthebt.

„München d. 25sten Juni 1838.

 Liebe Frau von B…!

In Betreff Ihres mir mitgetheilten Vorhabens, das Sie so rücksichtsvoll mir mittheilen, kann ich weiter nichts sagen, als daß weder ich noch meine Kinder das Geringste dagegen einwenden können, indem ja diese Briefe an Ihre sel. Frau Mutter ganz Ihr Eigenthum sind und, in der eigentlich glücklichsten Lebensperiode des seltenen Mannes entstanden, dem ich anzugehören später das Glück hatte, nur Ruhm und Zeugniß seiner heiligen Seele geben können. Indem kürzlich die Abkömmlinge einer andern Jugendfreundin des Unsterblichen, der Frau Renate Otto aus Hof, ein ähnliches Vorhaben begonnen haben, welches mit Beifall aufgenommen worden sein soll, so begreife ich wohl Ihr kindliches Interesse, ein Gleiches für Ihre demselben Kreise zugehörige theure Frau Mutter in Anspruch nehmen zu wollen, zumal so Manches aus der späteren literarischen Wirksamkeit des Verewigten darin angedeutet und entstanden ist.

Schließlich muß ich aber Ihre gütig gemeinte Dedication an mich ablehnen, meine theure Freundin. Es war immer meine Neigung, so unbemerkt als möglich durch das Leben zu gehen und nie öffentlich genannt zu werden. Sollte ich jetzt, wo ich so nahe an der Pforte der Ewigkeit stehe, davon abweichen wollen? Nur immer von dem Verhältniß zu Gott durchdrungen suchte ich mir keinen Namen unter den Menschen zu erwerben und begnügte mich, das hohe Loos, das ich Unbedeutende aus der Schicksalsurne zog, durch Erfüllung meiner häuslichen Pflichten als Gattin und Mutter zu verdienen. Die Anerkennung seiner höheren Natur und meine Begeisterung für die Fülle und den Reichthum seiner Seele gaben mir Flügel, das Schwerste zu leisten.

Nun leben Sie wohl, theure Frau, und gesegnet mit Ihren Kindern. Meine Tochter Odilie nebst ihrem Mann wollen Ihnen herzlich empfohlen sein. Bis zum Grabe bleibe ich

Ihre treuergebne Freundin

Caroline Richter,
Wittwe Jean Paul’s.“


Erster Aufenthalt in Hof.

Im Jahre 1786 bot die kleine Stadt Hof noch nicht den freundlichen Anblick, welchen jetzt ihre hellen und breiten Straßen [184] gewähren; die hohen Giebelhäuser waren ohne Rücksicht auf Symmetrie an einander geschichtet und verengten durch ihre unregelmäßige Bauart die Straßen; die alten Holzdächer sahen oft sehr moosig und verwittert aus; kurz es war eine alterthümliche düstere Stadt, ohne die tiefe Romantik des Mittelalters. Zwischen zwei Hügeln, die seltsam bezeichnend die Labyrinthe und der Teufelsberg heißen, lag es ziemlich kahl und schmucklos da; dennoch war es der Wohnsitz eines recht achtbaren, fleißigen, gemüthlichen Völkchens, dessen patriarchalische Einfachheit und bürgerliche Tugenden ihm Zufriedenheit und Glück gewährten. Handel, Ackerbau und Gewerbfleiß standen schon damals in voller Blüthe, und der ehrenwerthe Fleiß der Bewohner sicherte ihnen einen soliden Wohlstand. Dagegen litten sie freilich an kleinstädtischer Engherzigkeit; Poesie, Kunst und überhaupt höherer Aufschwung und ideale Genüsse gehörten zu den seltenen und entbehrlichen Luxusartikeln, die man weder besaß noch ersehnte.

Mitten in der Stadt, auf einer einsamen, klösterlichen Stelle, dem alten Schloßplatze, wo sonst ein markgräfliches Schloß gestanden hatte, welches nach der Sage eine Zeit lang der fabelhaften Fürstin desselben, der weißen Frau, zum Aufenthalt diente, und wo sich jetzt nur noch ein verödeter Brunnen, ein begraster, gepflasterter Platz und ein längliches Viereck verfallener Häuser zeigte, stand an der äußersten Spitze ein kleines einstöckiges Häuschen, welches sich ländlich und idyllisch unter den übrigen verbarg. Es hatte ein nettes Gärtchen, eine schattige Hollunderlaube und einige bescheidene Rosenstöcke vor dem Fenster, und drinnen wohnte mit seiner Mutter ein junger Mann, der es heimlich zu einem Tempel der Musen weihte und arm, unbekannt, ungeschützt die ersten Schwingen seines Adlerflugs regte.

Johann Paulus Richter gab, nachdem er von der Universität zurückgekehrt war, um seine literarische Laufbahn zu beginnen, Manches zu denken und noch weit mehr zu reden. Der sonderbare junge Mann war aber auch ganz anders als der ehrlichen Bürger Kinder, welche fein sittig und anständig von der berühmten Leipziger Universität zurückkamen, keine Neuerungen mitbrachten, den Zopf nach der Mode trugen und den künftigen Amtmann oder Pfarrer oder Doctor in ernster Würde voraus andeuteten. Dies Alles versäumte der junge Candidat Richter; er trug sein Haar schlicht von dem Scheitel zurückgekämmt, kein Puder entstellte die natürliche Farbe desselben; man vermißte den steifen Jabot oder Busenstreif, und sah dafür mit Entrüstung einen altdeutschen Kragen vom offenen Hals zurückfallen; der graue Friesrock hatte keinen breiten Schooß, und das Auge blickte kühn und geistvoll in die Welt. Was sollte man von diesem sonderbaren Menschen denken?

Zwar hatte er schon seine Satiren: „Auswahl aus des Teufels Papieren“ und seine „Grönländische Processe“ geschrieben und drucken lassen; aber sein Witz, dessen schonungsloser Stachel die Schwächen und Vorurtheile so geschickt zu treffen wußte, machte, daß man ihn fürchtete, und die heilige Gluth seines Ernstes, der Götterfunke seiner Erfindungen waren entweder noch nicht gekannt oder nicht verstanden. Die süßliche Empfindelei der damals beliebten Lectüre hatte den Geschmack verdorben; er mußte sich erst durch eine neue Sprache, durch solche überwältigende Gedanken reinigen.

In Vielem zeichnete sich mein elterliches Haus aus; heiter und gastfrei stand es Jedermann offen, und mein Vater ward wegen seiner Rechtlichkeit sehr von dem benachbarten Adel geschätzt. Er machte oft in Handlungsgeschäften Reisen in größere Städte und hatte dadurch mehr Kunstsinn und eine freiere Lebensansicht gewonnen. Auch hatte er eine hübsche Bibliothek, besonders liebte er Geschichte und andere Bücher ernsten Inhalts, auch der fromme Gellert und Prediger Harms durften nicht fehlen. Ich erinnere mich noch des Vergnügens, wenn mir in meiner Kindheit erlaubt wurde, bei kleinem Unwohlsein in einem alten Geschichtsbuch zu blättern, in welchem die bunten Bilder deutscher Kaiser prangten, über deren Herrlichkeit ich alle Schmerzen vergaß.

Meine Mutter war eine schöne stattliche Frau; sie war von Natur heiter und arglos und bekümmerte sich wenig um das Urtheil der Welt, da sie selbst nur Gutes von Anderen dachte. Sie hatte einen sehr richtigen Verstand; da sie aber keine Gelegenheit gehabt hatte, ihn gründlich auszubilden, suchte sie bei ihren Töchtern diesen Mangel so viel als möglich zu ersetzen. Aber Hof bot freilich sehr mangelhafte Stätten des Unterrichts für Mädchen zu einer Zeit, wo dafür noch wenig gethan wurde.

Die Gebrüder Otto waren die Gespielen unserer Jugend und blieben uns immer freundlich zugethan; kamen sie von Leipzig in den Ferien, so war dies ein Fest bei uns ebenso als in ihrem Vaterhause. Der biedere Albrecht interessirte sich für meine ältere Schwester, und dies machte unser Verhältniß noch inniger.

Zu meinen näheren Bekannten gehörten noch Amöne Herold und Renate Wirth. Diese beiden begabten Mädchen zeichneten sich vor meinen übrigen Gespielinnen durch ihren Verstand und ihre Talente aus; erstere namentlich wußte uns durch ihre scharfe, fast beißende Auffassungsgabe sehr zu imponiren, während mein Herz mich mehr zu der weit jüngern, gemüth- und phantasievollen Renate zog. Die Winterabende gaben Veranlassung zu geselligerem Verein, besonders später nach Richter’s näherer Bekanntschaft, der die Seele und der Mittelpunkt unseres Kreises ward.

Bei einer gemeinschaftlichen Landpartie lernten wir diesen durch Christian Otto[2] kennen, der ihn uns als seinen besten Freund vorstellte. Meine Mutter bei ihrer großen Empfänglichkeit für alles Gute war von dem genialen Jüngling bezaubert, und sein glänzender Humor, in welchem sich zu zeigen er die Liebenswürdigkeit hatte, riß sie zu der lebhaftesten Bewunderung hin. Wie war dies auch anders möglich? Witz, Geist, Gedankenfülle, Empfindungsgluth sprudelten mit nie zu erschöpfender Fülle aus ihm; Alles ward von seinem mächtigen Geiste ergriffen, und wir fühlten, daß wir noch nie einen solchen Nachmittag verlebt hatten. Von nun an kam Richter in unser Haus, und wir wußten bei näherer Bekanntschaft nicht, ob wir mehr seinen Geist bewundern oder seinen Charakter lieben sollten. Kindlich bis zur Naivetät war er immer bescheiden, offen und gut. Liebenswürdig fremd in den gewöhnlichsten Dingen des Lebens, ließ er sich mit rührender Gutmüthigkeit den Spott über kleine Ungeschicklichkeiten gefallen; so scharf seine Feder und seine Worte treffen konnten, nie ward er wahrhaft verletzend, nie traute er Jemandem eine böse Absicht zu; sein heiterer, genügsamer Sinn nahm willig jede kleine Freude auf, und ihn ergötzte, was Andere oft kaum bemerkten. Für die Welt ward er ein Gegenstand der Bewunderung und des Ruhms, aber für diejenigen, die das Glück hatten, ihm als Jüngling nahe zu stehen, blieb er stets der Inbegriff des Edlen und Reinen!

Durch unsere Beschreibung ward mein Vater ebenfalls sehr begierig nach des seltenen jungen Mannes Bekanntschaft; ein Zufall wollte, daß er noch vor einem persönlichen Zusammentreffen mit ihm einen Brief von demselben erhielt, dessen Veranlassung und Inhalt zu bezeichnend ist, als daß er hier übergangen werden dürfte. Richter’s gefühlvolles, edles Herz wurde schnell von den Leiden Anderer gerührt, er war willig und bereit, allen Unglücklichen zu helfen; aber selbst noch in einer beschränkten Lage und mit den Schwierigkeiten kämpfend, die sich jeder ersten literarischen Laufbahn entgegenstellen, konnte er nur mit Mühe seine alte Mutter unterstützen und lebte selbst in Dürftigkeit; aber seine rege Theilnahme für Andere fand in seiner unübertrefflichen Feder ein sicheres Mittel, sein freundliches Mitgefühl zu bethätigen. Mein Vater, als wohlhabend und menschenfreundlich bekannt, erhielt folgenden originellen Brief von Richter:


 „Hochedelgeborner, Hochzuverehrender Herr Bürgermeister!

Hätte ich diesen langen Brief mit sympathetischer Tinte hingeschrieben, so wäre es überaus gut; denn Sie könnten ihn dann gar nicht lesen – statt daß ich jetzt bei der schwarzen unglaublich schlecht fahre. Gewis wird Ihnen nun der Brief (ich wollte darauf schwören) alles hinterbringen, was ich Ihnen verhalten wil. Er wird Ihnen – Sie können mir glauben – ohne Bedenken die Bitte verrathen, die ich im Namen meiner Mutter an Sie wagen wollen und die ich Ihnen wol nicht zu eröfnen brauche, da ich mich mit ihr geschickt schon zur h. Anna gewandt. Diese Heilige, die, wie die Katholiken glauben, sich mit der Vertheilung des Reichthums unter die Menschen abgiebt – sie ist sonach die allgemeine Kriegszahlmeisterin und gefället mir sehr wegen ihrer kontanten Zahlung – diese hab’ ich nämlich so angeredet: „Einen großen Gefallen thätest du mir und auch meiner Mutter freilich, liebe h. Anna, wenn du es so machtest und ihr, wie gesagt, zu dem Vorlehen von 20 fl. vom H. Bürgermeister Köhler verhälfest. Sie wird, um es dir noch einmal zu wiederholen, fast überal gedrückt, [185] verkant, verläumdet, und ohne Hülfe gelassen; mancher verschlimmert sogar ihre Lage heimlich, um die seinige zu verbessern, weil er ihr durch diese Verschlimmerung endlich ihren Garten abzunöthigen hoft. Es ist ja nicht das erste mal, daß du den H. Bürgermeister zu einem wohlthätigen Entschlusse bewegst. Ich thäte die Bitte selber, aber ich bin nur ein gemeiner Satirenschreiber und bin dabei zu närrisch angezogen; Du hingegen bist ein Frauenzimmer, und dem kann er es aus Höflichkeit weniger abschlagen, weil das schöne Geschlecht auch eine schöne und weithin entscheidende Stimme hat. Erscheine ihm im Traume oder in Gestalt einer Predigt, oder du kanst auch heute Abend zu ihm gehen und meine ganze Figur annehmen, indem Du ein Paar Beinkleider anlegst, einen runden Hut aufsetzest und Dein Haar verschneidest, so daß wahrhaftig jeder denkt, ich wär’ es leibhaftig.“ Ich habe es Ihnen aber vorausgesagt, daß dieser fatale Brief Alles verrathen würde.

Und ich glaube gar, er offenbaret es Ihnen auch, wie sehr ich Sie schäze: ich wil es aber nicht hoffen: denn es wäre zu unschicklich, jemand in’s Gesicht mündlich oder schriftlich zu loben, es müßte denn ein Frauenzimmer sein.

Am schlimmsten ist dies, daß er Ihnen einmal einen Besuch von mir geradezu weissaget, welches ich vor Ihnen bisher mit so vieler Mühe geheim zu halten gestrebet; denn man mus keinem Menschen eine Widerwärtigkeit dadurch nur noch schwerer machen, daß man sie ihm voraus verkündigt. So aber sehen Sie nun den ganzen Besuch zu Ihrem größern Misvergnügen völlig voraus. Inzwischen können Sie kek mit die Schuld auf drei gewisse vortreffliche Frauenzimmer schieben, die ich gesprochen habe und daher öfter zu sprechen trachte. So ziehen sich einige Leute Wespen und Bienen in die Sommerstube, wenn sie draußen vor dem Fenster gerade blühende und wolriechende Bäume stehen haben.

Verzeihen Sie mir den vielleicht zu scherzhaften Ton; ich bin demungeachtet mit ausnehmender Hochachtung

 Euer Hochedelgeboren

 gehors. Diener

Hof, d. 9. April 86. J. P. Richter.“

Man kann leicht errathen, ob dieser Brief eine gute Aufnahme fand. Mein Vater, welcher eine heitere Gesellschaft ebenso sehr wie meine Mutter liebte, übertrug mir lächelnd die Beantwortung, und da dies den Grund zu unserm spätern innigeren Verkehr mit Richter legte, so sei ihr ebenfalls ein Plätzchen vergönnt:

 „Mein Herr!

Meine Eltern beauftragen mich, Ihnen eine Bitte zu eröffnen, die ich, da keine Heiligen für mich sprechen, ohne Vermittlung an Sie richten werde; die Bitte, uns den morgenden Sonntag die Ehre Ihres Besuchs in Begleitung von Christian Otto zu schenken. Da aber mein Vater durch irgend einen Zufall erfahren hat, daß Sie in freundschaftlichen Verhältnissen zur h. Anna stehen, so bittet er Sie ferner, es bei dieser trotz ihrer Glorie in der Vertheilung der irdischen Güter oft etwas ungerechten Dame dahin zu bringen, daß sie ihren Fehler in diesem Fall wieder gut macht, und beifolgendes derjenigen Person zustellt, der sie es schon früher zuzutheilen vergaß.

Es ist eine für mein Geschlecht nicht schmeichelhafte Allegorie, daß man sowohl Fortuna selbst, als auch die Vertheilerin ihrer Gaben weiblich darstellt, als ob Unbeständigkeit und sonderbare Laune uns hiezu privilegirten; ich kann mich nur damit trösten, daß man auch die Gerechtigkeit, Liebe, Hoffnung und viele andere Tugenden in weiblicher Gestalt zu malen pflegt. Daher hoffe ich auch, daß bei einem Geschlecht, welches Sie morgen in starker Anzahl bei uns vertreten finden werden, gute und böse Eigenschaften in gleichem Verhältniß vertheilt sind, und daß Sie als Dichter und galanter Mann sich nur der ersteren erinnern werden.

 Ich verharre

 Ihre ergebenste

Hof, den 10. April 86. Helene K.“

Es begann nun in unserem Hause eine schöne genußreiche Zeit, an welche ich noch jetzt, nachdem alle Stürme des Lebens über mein Haupt gegangen sind und so viele schöne Erinnerungen entlaubt haben, mit süßer Wehmuth zurückdenke! Christian Otto war und blieb unter seinen Brüdern der innigste Freund Richter’s. Ohne die glänzenden Eigenschaften von diesem zu besitzen, hatte er doch alle Vorzüge, welche ihn seiner Freundschaft würdig machten; er liebte den genialen Jüngling tief und innig, sein ruhiges, besonnenes Urtheil und seine gründlichen Kenntnisse, welche ihn am liebsten zu tiefen Forschungen führten, waren die Veranlassung zu einer schönen Wechselwirkung ihrer verschiedenen Gaben. Richter liebte jenen um so mehr, je häufiger er Gelegenheit hatte, ihm Schonung und Nachsicht zu beweisen; denn Chr. Otto hatte eine etwas krankhafte, hypochondrische Natur; es kamen Tage des Trübsinns und der übeln Laune über ihn, wo er mit schonender Rücksicht und Freundschaft behandelt werden mußte, und Niemand verstand dies besser als Richter. Immer wußte er ihn zu erheitern und zu zerstreuen, durch ein Buch, einen Spaziergang, zuweilen auch durch einen Besuch bei uns. Hier siegte bald die gute Laune der Jugend über alle hypochondrischen Gedanken; es fanden sich dann außer Richter und den drei Brüdern Otto noch einige andere interessante junge Männer ein, auf die ich später zurückkommen werde, und von den jungen Mädchen nenne ich nur Renate und Amöne, Beide bekannt aus des Dichters eigenem Munde, Beide witzig, klug, belebend und bestimmt, auf das Leben der Brüder Otto entscheidend einzuwirken. Wir Alle waren jung, lebensfroh, zufrieden; wir ergötzten uns an Gesellschaftsspielen, bei welchen das witzige Schreibespiel obenan stand, und die reinste Heiterkeit herrschte in unseren Abendcirkeln, die oft in den verschiedenen Häusern wechselten.

Richter arbeitete mit bewunderungswürdigem Fleiße. In der stillen Hollunderlaube des kleinen idyllischen Häuschens am Schloßplatz entstanden viele jener Blätter, welche sich bald zu dem reichen Kranz des Ruhms winden sollten, der das Haupt des gefeierten Dichters schmückte. Was wir theilweise schon jetzt davon kennen durften, gewährte uns jenen erhöhten Genuß, welchen das Interesse giebt, einem schaffenden Genius persönlich nahe zu stehen, ein Interesse, welches in einer eitlen, aber verzeihlichen Täuschung sich herausnimmt zu glauben, man könne das bewunderte Geheimniß in seiner verborgenen Werkstatt belauschen.


  1. Eine Charakteristik dieser edlen Frau haben wir im Jahrgang 1861, S. 550, unseren Lesern gebracht; die Jean Paul’s, von L. Storch, in Nr. 1. des vorliegenden Jahrgangs, bildet nun ein würdiges Vorwort für diese Erinnerungen und Briefe.
  2. Man vergleiche L. Storch’s Artikel „Zwei Dichter und ein Dichterasyl“, S. 7 dieses Jahrgangs.