Aus den Zeiten der schweren Noth/Nr. 9. Die Plünderung Lübecks 1806

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Textdaten
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Autor: Paul Julius Wilcken
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Titel: Aus den Zeiten der schweren Noth – Die Plünderung Lübecks 1806
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[264]
Aus den Zeiten der schweren Noth.
Nr. 9. Die Plünderung Lübecks 1806.
Von P. J. Wilcken.

Das furchtbare Unglück, welches im November des Jahres 1806 über die freie Reichs- und Hansestadt Lübeck hereinbrach, hat schon Zschokke mit der Verwüstung Magdeburgs durch Tilly verglichen. War die Katastrophe Lübecks allerdings nicht eine so vollständige, wie die jener andern unglücklichen Stadt, so war sie dagegen eine weit ungerechtfertigtere, unverschuldetere und schlug wie ein Blitz aus heitrer Höhe auf ein völlig harmloses Gemeinwesen herab. – Staat und Stadt Lübeck befanden sich mit aller Welt im Frieden, dennoch überzog sie die Kriegsfurie in wenig Tagen und lieferte in der durchaus neutralen Stadt eine mörderische Schlacht und überantwortete sie einer Plünderung, wie dieses Jahrhundert in Europa ihres Gleichen nicht aufzuweisen hat.

Die unmittelbare Veranlassung gab Blücher, welcher später selbst nur mit tiefem Bedauern von dieser traurigen Geschichte gesprochen haben soll. Die Plünderung selbst fällt zunächst den französischen commandirenden Generalen Bernadotte, Murat, Soult zur Last. Auf alle diese Männer sind mehr oder minder Anklagen gehäuft. Es dürfte daher sowohl interessant als auch speciell von historischer Wichtigkeit sein, aus den eigenhändigen Aufzeichnungen eines Lübeckischen Rathsherrn jener Zeit so wie einiger anderer betheiligter Personen eine kurze, getreue Darlegung der betreffenden Ereignisse zu erhalten. Wir betonen ausdrücklich, daß alles nachstehend Erzählte auf genaueste Authentizität Anspruch macht.

Die Schlacht bei Jena war verloren (14. Oct.), und General Blücher wandte sich mit seinem aus den Trümmern der preußischen Armee geretteten Heerhaufen nach dem Mecklenburgischen. Als er dort einzurücken begann, flüchtete Alles, was fliehen konnte, durch Lübeck in das dänische Gebiet. Dies ging schon seit dem 20. Oct. Nacht und Tag ununterbrochen fort. Die noch im Lauenburgischen stehenden 1000 Mann Schweden erschienen am 31. Oct. gleichfalls vor den Thoren, bemächtigten sich, als man sie nicht einlassen wollte, mit Gewalt des Mühlenthores und drangen ein. Ihr Oberst Mörner ließ dem Senat anzeigen, daß ihn die Noth zwinge, hierher zu retiriren, und daß er gewillt sei, zu Schiffe nach Stralsund zu gehen; Alles, was er und seine Leute nöthig hätten, sollte vom schwedischen Consul bezahlt werden. Die Truppen wurden einquartiert und zwanzig bis dreißig von ihnen in Beschlag genommene, meist schwedische Schiffe zu ihrem Transport eingerichtet. Dennoch vergingen, obgleich man Tag und Nacht damit beschäftigt war, drei bis vier Tage, ehe man sie an Bord bringen konnte, was theils in Lübeck selbst, theils in Travemünde geschah. Am 4. November verließen die letzten Schiffe die Stadt, doch war ihnen der Wind conträr, die Schiffe konnten so wenig von Travemünde abgehen, als die auf der Trave befindlichen herunter kommen.

Seitdem Holland von den Franzosen in Besitz genommen war, brachten die Engländer viele Colonialwaaren nach Lübeck, und Handel und Schifffahrt und Wohlstand waren auf einer lange nicht erlebten Höhe. Das Laden und Entlöschen der Schiffe war kaum zu bewältigen, und die Trave wimmelte von Fahrzeugen aller Art. Die Schweden hatten den Durchmarsch durch die völlig friedliche Stadt durch Einschlagen der Thore erzwungen, sonst aber Mannszucht gehalten und keine Gewaltthat verübt.

Vom 4. November Vormittags an kamen versprengte Trupps Preußen von hundert Mann, bald mehr, bald weniger, theils mit, theils ohne Waffen an; auch Weiber und Marketender. Ihr Gesuch um Aufnahme in die Stadt ward abgeschlagen; dagegen ward ihnen Essen und Trinken auf ihre Lagerplätze vor den Thoren geschickt. Am 5. November langten jedoch von Schönberg und Ratzeburg her größere Schaaren an, durchbrachen Mittags 12 Uhr die geschlossenen Barrieren des Mühlenthors und stellten sich auf den Hauptplätzen und Straßen der Stadt auf. Der General Blücher, der Prinz von Braunschweig Oels und mehrere hohe Officiere traten im goldenen Engel[1] ab.

Um 4½ Uhr begab sich Blücher auf das Rathhaus, wo der Senat im Audienzzimmer versammelt war. Nachdem er mit einer leichten Verbeugung eingetreten, redete er den Senat mit folgenden Worten an: „Meine Herren, das Schicksal hat mich zu Ihnen und in diese alte berühmte Stadt geführt, in der ich hoffe, Unterstützung für meine ermatteten Truppen zu finden, um so mehr, da Sie bis jetzt vom Kriege verschont geblieben.“

„Ew. Excellenz,“ erwiderte der dirigirende Bürgermeister, „gebe ich zu bedenken, daß wir zu wenig darauf eingerichtet sind, Ihre Wünsche zu befriedigen; zudem stehen wir in Verhältnissen, die uns Vorsicht gebieten.“

„Wie soll ich das verstehen, meine Herren?“ rief Blücher, „wollen Sie feindlich gegen mich verfahren?“

„Wie könnten wir gegen Ew. Excellenz feindlich verfahren wollen?“ antwortete der Bürgermeister. „Wir bitten um Schonung dieser guten Stadt!“

„Meine Herren,“ sagte Blücher streng, „ich bin ein Mecklenburger und habe mein unglückliches Vaterland nicht schonen können, jedoch verspreche ich Ihnen, wenn Sie mich und meine Truppen [265] mit dem Nöthigen versehen lassen, so soll Ihnen kein Haar gekrümmt, auch der Staub soll Ihnen nicht gekehrt werden.“

Blücher setzte noch hinzu, er sei seit drei Wochen von einem stärkeren französischen Corps verfolgt, habe sich fast täglich schlagen müssen und sei dadurch auf’s Aeußerste ermüdet; er wolle hier nur eine kurze Zeit der Ruhe genießen und sich im Falle eines Angriffs in das Holsteinische ziehen, um sich dort zu schlagen; jetzt ersuche er um Gotteswillen (was er einigemal wiederholte), daß man ihm helfen möchte.[2] Er requirirte deshalb eine augenblickliche Lieferung von 80,000 Broden aus Roggen und Weizen, 40,000 Pfd. Ochsen- oder Schweinefleisch, 30,000 Flaschen Wein und Branntwein, 50,000 Stück holländ. Ducaten, augenblickliches Quartier für seine Truppen, Fourrage für 5000 Pferde und den sämmtlichen Vorrath an Pulver und Blei, – dann sollten sämmtliche Einwohner auf’s Schonendste behandelt werden!

Man erwiderte ihm, Geld könne ohne Bewilligung der Bürgerschaft nicht verabfolgt werden, Pulver sei wenig, Blei gar nicht vorhanden, in Bezug auf Quartier, Verpflegung und Fourrage solle das Mögliche geschehen. Mit diesem Bescheide entfernte sich Blücher, dem es vor allen Dingen um Unterbringung seiner Truppen zu thun schien, und diese wurde denn auch in kürzester Frist beschafft. – Nur am Rathhause blieb eine Lübische Wache; die übrigen Wachthäuser und Thore besetzten die Preußen; Artillerie, Munitionswagen und Bagage standen auf den öffentlichen Plätzen, die Pferde vor den Kanonen.

Am 6. November Morgens von 4 Uhr an besetzten die Preußen die Thore – mit Ausnahme des Holstenthors, durch welches der eventuelle Rückzug gehen mußte, – mit Artillerie; um 6½ Uhr wurde Alarm geschlagen; die Gassen wimmelten von Soldaten; Alle schienen ernst und in sich gekehrt; wer ein wenig zögerte, wurde mit dem Stocke herbeigetrieben; die Meisten nahmen im Gehen ihr Frühstück ein.

Etwas nach 9 Uhr erfuhr man in der Stadt, daß französische Cavallerie bereits mit der preußischen eine halbe Stunde vor der Stadt im Handgemenge sei und obsiege und daß drei französische Corps gegen die Stadt anrückten: Bernadotte über Schwerin und Schönberg, Murat über Ratzeburg und Grönau, Soult über Schönberg und Crumesse. –

Die Preußen hatten inzwischen die Thore und Wälle der Stadt möglichst stark mit Artillerie armirt, doch gehört die detaillirte Beschreibung ihrer Aufstellung ebenso wenig in diese Skizze, wie diejenige der sich immer mehr und mehr entspinnenden Gefechte außerhalb der Thore. Blücher, mit seinem Adjutanten zu Pferde, ritt beständig von einem Posten zum andern, aus einer kurzen Stummelpfeife rauchend, die er fleißig aus seinem am Sattel hängenden Tabaksbeutel stopfte und wozu er sich das Feuer selbst schlug. Er trug einen einfachen blauen Ueberrock, runden Hut ohne Abzeichen und einen Säbel. Unter ihm commandirte am Burgthor der Herzog (Prinz) von Braunschweig-Oels.

Der Senat hatte sich schon früh wieder versammelt und in Anbetracht der überall sichtbaren Defensiv-Anstalten beschlossen, den General Blücher durch eine Deputation an sein Versprechen zu erinnern, die Stadt verlassen zu wollen. Es war noch nicht halb neun, als die Deputation den General auf einem der öffentlichen Plätze – dem Kuhberge – zu Pferde haltend fand. Er antwortete: die Umstände hätten sich seit gestern geändert; der Feind sei ihm näher, als er geglaubt, und an Abzug, da bereits alle Defensiv-Anstalten getroffen wären, nicht zu denken; er werde sich vielmehr bis auf den letzten Mann zu halten suchen. Der Senat möchte befehlen, daß die Bürger in den Häusern blieben und Alles wohl verschlossen hielten; er wäre gezwungen, sich nicht nur vor, sondern auch in der Stadt zu schlagen.

Um 11 Uhr warf die preußische Cavallerie die französische noch einmal bis auf eine halbe Stunde vor Lübeck – nach Irweladorf – zurück, aber dieser Erfolg war nur ein vorübergehender. Sie wurde auf’s Neue zurückgeschlagen, und jetzt nahm der Herzog von Braunschweig sie hinter die Kanonen und in die Stadt zurück. Auch die preußischen Batterien, die noch im Freien gestanden, mußten hinter die Barrieren gezogen werden, und die französischen Colonnen begannen den unmittelbaren Sturm. Sie litten außerordentlich, doch wurden die Leute, so wie sie fielen, vom Platze gebracht. Schon ließ Bernadotte größere Kanonen herbeiführen, um zündende Geschosse in die Stadt zu werfen, während man an anderen Thoren bereits ungefüllte Granaten warf: – da wurde der Feind durch einen Zufall Herr der Stadt.

Die zum Burgthor führende Straße wird durch einen breiten Damm gebildet, welcher die Trave von der Wackenitz scheidet. Ein Regiment Corsen stand in der Wackenitztiefung vor den Kugeln fast geschützt. Ein Tambour desselben watete dicht am Damme entlang bis an das Geländer eines Gärtchens, das zu einem nahe innerhalb der Barriere liegenden Häuschen, der sogenannten Brauer-Wasserkunst, gehörte. Ihm folgten alsbald sechs bis acht Corsen. Sie fanden einen kleinen versteckten Fußsteig, der bei dem Bau eines Lusthauses im Sommer zur Herbeischaffung von Materialien gedient. Dadurch gelangten sie bis an das neugebaute Lusthaus in dem Rücken der Barriere und somit der hier aufgestellten Batterien; bei dem starken Gewühl und Dampf wurden sie nicht sogleich bemerkt. Plötzlich begann der Tambour die Trommel stark zu rühren, die ihm Gefolgten feuern den Preußen in den Rücken, und so wie diese in augenblicklicher Bestürzung ihre Kanonen schweigen lassen, stürmt Bernadotte die Barriere und dringt in die Stadt.

Der Herzog von Braunschweig soll kurz vor diesem entscheidenden Moment sein Commando einem Obristlieutenant übergeben haben. In dem von Blücher nach Berlin gesandten Berichte werden dem Herzoge die bittersten Vorwürfe gemacht.

Das Gefecht wogte nun in den Straßen hin und her; mehrmals warf Blücher selbst die Franzosen große Strecken zurück. In diesem Gewühl war es auch, daß der Oberst von York – der spätere General York von Wartenburg – welcher bereits blessirt nach Lübeck gekommen war, abermals schwer verwundet auf das Pflaster niedersank und unter die Füße getreten wurde.

In den Straßen wurde mit Kanonen geschossen; bald wurden auch die übrigen Thore von innen geöffnet, und die Preußen konnten sich nun nicht mehr halten. Wer nicht gefangen oder niedergemacht war, zog sich fechtend durch das Holstenthor zur Stadt hinaus. Etwa um 3½ Uhr Nachmittags befand sich Lübeck gänzlich in den Händen der Franzosen. Die Divisionen Murat’s und Soult’s waren inzwischen auch eingezogen; in allen Straßen stand es gedrängt voll; die Verwundeten wurden in die Kirchen, das neugebaute Waisenhaus und andere größere Häuser gebracht.

Der letzte entscheidende Angriff der Franzosen geschah unter dem fürchterlichen Geschrei: à la mort! à la mort! – bald darauf erscholl Victoria! über Victoria! – Jetzt sandte der während der ganzen Zeit versammelt gebliebene Senat eine Deputation an Bernadotte, die ihn auf der Straße zu Pferde haltend traf. Er hörte sie gnädigst an, gab das Versprechen, Stadt und Senat möglichst zu schützen, erklärte aber zugleich, daß fortan, da er die Stadt erobert habe, die Befehle von ihm ausgehen würden und daß er den Colonel Maison zum Commandanten der Stadt ernenne.

Den drei commandirenden Generalen wurden sogleich Quartiere angewiesen, aber an ein regelmäßiges Einquartieren der Mannschaften war nicht zu denken. Ueberdies hatten sich fast alle Bürger in ihren Häusern eingeschlossen. So kam es, daß viele Officiere und Soldaten sich mit Güte oder Zwang selbst Quartiere suchten. Das Militär, welches die Stadt als eine feindliche und erstürmte ansah, war kaum aus den Gliedern getreten, als es die Hausthüren und Fensterläden der Bürger einzuschlagen begann. Wer sein Hab und Gut nicht freiwillig hergab, wurde ohne Ansehen der Person geschlagen, gemißhandelt oder gemordet. Die Schränke mußten geöffnet werden; was den Plünderern gefiel, nahmen sie; was sie nicht wegbringen konnten, zerschlugen und vernichteten sie; Vielen rissen sie die Kleider vom Leibe. Ueber hundert, zum Theil angesehene Bürger flüchteten auf das Rathhaus. Mit zerrissenen Kleidern, oft halb entblößt, erschienen sie mitten im Gewühle von Officieren, Fourieren und Requisiteuren, deren Forderungen unerschwinglich waren und sogleich ausgeführt werden sollten; sie weinten, schrieen und pochten, daß man sie aus den Häusern getrieben, daß man ihnen nichts als die Lumpen gelassen. Man ließ die an Bernadotte abgefertigte Deputation auch zu Murat und Soult sich verfügen und um Schonung flehen, wie um geschärfte Ordre, daß das Eigenthum der Bürger nicht verletzt werde. Die Befehlshaber bedauerten das Unwesen ihrer Soldaten sehr; der Soldat habe geglaubt, da die Stadt mit Sturm genommen sei, nach der raison de guerre plündern zu dürfen, indessen solle dem bald Einhalt gethan werden. Dessenungeachtet dauerte dieser Zustand die Nacht hindurch bis in den nächsten Tag. Erst als der Senat Bernadotte wiederholt um Schonung angefleht und [266] vorstellig gemacht, daß er bei der Plünderung durchaus nicht im Stande sei, die Forderungen der Herren zu befriedigen, wurde mittels Trommelschlag auf den Gassen bekannt gemacht, daß die Stadt unter dem Schutze des Kaisers stehe und von jetzt an noch statthabende Plünderung auf das Strengste und militärisch bestraft werden solle. – Dies half Etwas. Bernadotte selbst und mehrere hohe Officiere steuerten persönlich den Gewaltthaten und setzten sich der Wuth des Militärs aus, das wirklich einige seiner Vorgesetzten verwundete.

Sowohl in der Stadt, als draußen vor den Thoren, wo nunmehr größtentheils die Artillerie und Cavallerie untergebracht wurde, hatten viele Menschen ihre Häuser verlassen, Mobilien, Vieh und Fahrniß preisgebend; was der Soldat dort vorfand, wurde meistentheils vernichtet; dasselbe Schicksal hatten die Gartenhäuser, wo sogar Fußböden und Tapeten nicht verschont blieben.

Daß bei so viel Jammer und Elend auch manche komische Scene mit unterlief, kann nicht geleugnet werden. So war der fast siebenzigjährige bekannte Licentiat S. eine sonderbare Erscheinung. Es hatten sich auch bei ihm eine Anzahl französischer Soldaten Quartier gemacht und Speis’ und Trank gefordert. Dagegen protestirte er sogleich und suchte ihnen zu bedeuten, daß sein Haus kein Wirthshaus sei; sie aber beraubten ihn seiner Uhr und seiner Gelder, erbrachen die Schränke und den Keller und bedrohten ihn mit Schlägen. Darauf zog er sich in das Zimmer seiner Haushälterin zurück und hüllte sich in Frauenkleider; Weiberröcke bedeckten seine Beinkeider, ein kattunenes Kleid seine Brust, ein Kopfzeug sein gelehrtes Haupt und eine schwarze Saloppe schützte ihn vor Kälte; so stieg er durch des Nachbarn Haus auf die Gasse und gelangte in’s Rathhaus. Hier bahnte er sich mit knöchernen Armen und Händen eine Gasse zum Senat, immerfort pochend und lärmend; man wich ihm aus, in der Meinung, mit einem aus dem Tollhause entsprungenen Frauenzimmer zu thun zu haben. Endlich erkannte man ihn und hörte seine Leiden an, wobei er als Grund seiner Vermummung angab, daß er gehört, die französische Nation achte das weibliche Geschlecht. – In dieser letzten Beziehung waren andere Bürger nicht so zuversichtlich, und manche von ihnen, die hübsche Frauen und Töchter besaßen, bemalten ihnen die Gesichter mit gebranntem Kork, damit ihre Schönheit den unwillkommenen Gästen nicht in die Augen falle.

Kaum hatten die Generale ihre Logis bezogen, so gelangten folgende Requisitionen an den Senat: – man solle sogleich die ledigen Pferde einfangen, schleunigst die todten Körper von der Gasse entfernen; Gebäude zu Lazarethen und eine Quantität Leinwand zu Verbänden anweisen; 40 Pferde zu Courier- und Extrafuhren binnen zwei Stunden stellen; große Quantitäten Wein, Federvieh, Wild, Fische, Austern etc. schaffen; täglich 150,000 Pfd. weißes Brod, 50 Ochsen und 80 Schweine liefern; einige Kirchen für die Gefangenen einräumen etc. Schon war es acht Uhr Abends, als Alles ausgeführt werden sollte, eine Aufgabe, die fast eine übermenschliche genannt werden konnte! Verwundete gab es etwa 4000, zu denen indeß täglich noch mehrere von außen her kamen; etwa ein Drittheil derselben starb schon in den ersten Tagen.

In den Kirchen waren circa 6000 Gefangene; die Thüren waren mit Wachen und Kanonen besetzt; man reichte ihnen durch die Kirchenfenster blos gekochtes Mehl, schwarzes Brod und Stroh; die Verunreinigung und Beschädigung im Innern war gräulich. Einige hundert Arbeitsleute und die Gärtner vor den Thoren besorgten das Reinigen der Gassen; die zahlreich in den Strömen herumtreibenden Leichname zogen die Fischer heraus; es waren ihrer mehr als tausend. Die Gesammtzahl der Gefallenen ließ sich nicht gut bestimmen; die Franzosen schafften ihre Todten bald auf die Seite, doch schätzt man die Gebliebenen auf 7–8000. Ein einziger Kutscher schaffte von den Gassen und aus den Lazarethen 600 Menschen und 25 todte Pferde.

In der Nacht rückten immer frische Truppen ein und mußten einquartiert werden, so daß oft hundert Mann auf ein Haus kamen; den auf diese Weise logirten Soldaten blieb es überlassen, wie sie sich Essen, Trinken und Nachtlager verschafften; der Hauswirth war ganz in ihren Händen, und wenn er nicht schaffte, was verlangt wurde, erfuhr er mannigfache Mißhandlung. So wurde ein Prediger in vollem Ornat gezwungen, eine Mulde auf die Schulter zu nehmen und Fleisch herbei zu schleppen. – Zum Glück waren die meisten Ankömmlinge sehr ermüdet und suchten, sobald man sie gespeist hatte, die Ruhe.

Am 7. Morgens 7 Uhr ward Generalmarsch geschlagen, und bald standen 30,000 Mann Franzosen zum Abmarsch fertig, die unter dem Prinzen Murat nach Ratkau zogen, einem Kirchdorfe, 1½ Stunde von der Stadt entfernt, wo sich die Ueberbleibsel der Preußen gesetzt hatten. Um 2 Uhr Nachmittags traf in Lübeck die Nachricht von der Kapitulation Blücher’s ein. – Die uns gestellte Aufgabe, die Katastrophe Lübeck’s kurz zu schildern, wäre somit gelöst; die furchtbaren Leiden, welche von nun an unausgesetzt zu ertragen waren, mag sich ein Jeder selbst ausmalen. Zum Schlusse soll noch angeführt werden, wie Napoleon selbst sich über das Ereigniß ausgesprochen hat.

Am 9. November beschloß der Senat, eine Deputation an den Kaiser nach Berlin zu senden, deren Instruction hauptsächlich darin bestand, dem Kaiser die gegenwärtige Lage der durchaus neutralen Stadt auf das Lebhafteste zu schildern; daß sie ganz zu Grunde ginge, wenn sie keine Erleichterung erhielte, daß sie bei der Einnahme geplündert und um den Werth von etwa zwölf Millionen Mark gebracht sei; daß sie noch jetzt an 60,000 Mann Truppen und mehrere Tausend Kranke und Verwundete zu unterhalten hätte, – sowie um einigen Ersatz des ungeheuern Schadens und um augenblickliche Erleichterung zu flehen.

Die Deputation kam in Berlin sogleich zur Audienz, fand den Kaiser außer einem Adjutanten allein im Zimmer, wurde sehr herablassend empfangen, ruhig und mit Theilnahme angehört und erhielt die Antwort: er nehme die Stadt in seinen Schutz; daß sie geplündert, sei Blücher’s Schuld, Ruhe und Ordnung sollten hergestellt werden, er werde versuchen, für den erlittenen Verlust Ersatz zu beschaffen; die Handelsfreiheit anlangend, so träfe dieses Leiden seine Nation auch, er werde den Engländern alle Häfen der Länder, die ihm zu Gebote ständen, verbieten lassen, weil dies das einzige Mittel sei, jene Nation, die Urheberin so vielen Blutvergießens, einmal zum Frieden zu zwingen! –

Darauf entließ er die Deputation mit einer leichten Verbeugung. –

Wir enthalten uns aller kritischen Bemerkungen; wir haben uns in vorstehender Skizze von Lübeck’s Unglückstagen auf die Mittheilung rein historischer Thatsachen und derjenigen Aeußerungen beschränkt, welche die leitenden und umgebenden Persönlichkeiten selbst zu jener Zeit und zum Theil mitten in der Action darüber gethan. Es ist ein Scherflein Kulturgeschichte, das wir liefern wollten!

  1. Der „Goldene Engel“, damals ein angesehener Gasthof, ist noch jetzt das erste Restaurationslocal der Stadt.           Anm. d. Verf.
  2. WS: Im Original fehlenden Punkt ergänzt.