Aus der Geschichte der Väter Jesu

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Autor: Alfred Meißner
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Titel: Aus der Geschichte der Väter Jesu
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 8–11
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Papst Clemens XIV. und sein Tod
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Aus der Geschichte der Väter Jesu.
Von Alfred Meißner.


Die Prager Universitätsbibliothek enthält unter ihren handschriftlichen Schätzen ein kleines, aber nicht unwerthvolles Manuscript ihres seit Jahren verstorbenen Custos Fischer. Der Mann interessirte sich ganz besonders für Ganganelli und trug mit großer Emsigkeit Alles zusammen, was über das Ende des freisinnigen Papstes bekannt wurde, auf welchem noch immer der Schleier des Geheimnisses ruht. Ohne seine eigene Meinung kundzugeben, ohne sich für eine oder die andere Ansicht auszusprechen, sammelte der alte Bücherfreund und hat damit, wie mir scheint, nichts Unverdienstliches gethan.

Zu einer Zeit, in welcher das Zuströmen von Jesuiten nach Oesterreich, die instinctive Renitenz der Bevölkerung gegen diese und der besondere Schutz, den eine durch den Gang der Ereignisse unbeirrbare Regierung der Gesellschaft zukommen läßt, Jeden auffordern, sich mit der Geschichte des Ordens näher bekannt zu machen, habe ich auch diese Handschrift aufmerksam durchgesehen. Selbst eine Specialgeschichte, wie die einer Ordenskörperschaft, übt nämlich auf mich immer nur den Eindruck einer Landkarte aus, die ich wegen der Uebersichtlichkeit des Zusammengehörigen in Ehren halte, die mich aber immer auffordert, den oder jenen Gebirgszug, dieses oder jenes Flußthal selbst zu bereisen und die Pfade durch’s Gestrüpp selbst aufzuspüren. Ich finde das Interesse nur im Detail. Ueber eine Reihe von Ereignissen so entschieden geheimnißvollen und criminalistischen oder eigentlich tragischen Charakters, wie die sind, welche den Tod Clemens des Vierzehnten begleiten, hatte ich längst schon den Wunsch, mich näher zu unterrichten, und da war mir das besagte Manuscript ein gar willkommener Fund. Es leistete mir dieselben Dienste, wie dem Wanderer auf einer Fußtour das Notizbuch eines Vorgängers. Ich erfuhr, besser als irgendwo anders, wo die Quellen fließen, konnte ihnen nachgehen und will nun versuchen, aus ihnen das kurzgefaßte Bild einer Kette von Ereignissen zu entwerfen, die vor etwas weniger als hundert Jahren die ganze gebildete Welt mit Bestürzung erfüllten.

Es war am 10. August 1773, an welchem Clemens der Vierzehnte das Breve: dominus ac redemptor noster erließ, durch welches der Orden Jesu für ewige Zeiten aufgehoben wurde.

Diese Maßregel hatte, wie die Macht der Jesuiten damals stand, die Bedeutung eines Staatsstreichs. Der Orden zählte in seinen Klöstern über achttausend Mitglieder. In Rom wohnte der Ordensgeneral Ricci, der, als der Papst in ihn drang, die Gesellschaft Jesu zu reformiren, das stolze Wort: sint ut sunt, aut non sint! (sie sollen sein wie sie sind oder sie sollen gar nicht sein) gesprochen; er war eines Anhangs in den unteren Classen gewiß. Während alle Jesuitenhäuser Roms militärisch besetzt wurden – man hatte deren Insassen die Wahl gelassen, in Gemeinschaft, aber unter Aufsicht eines Weltgeistlichen weiter zu leben, doch ohne Verrichtung geistlicher Handlungen, oder das Ordenskleid abzulegen und bei den Bischöfen geistliche Verrichtungen zu übernehmen, in beiden Fällen wurde ihnen ein Jahrgehalt zugesagt – und während die Bevölkerung, von der an den Ecken angeschlagenen Proclamation aufgeregt, sich bis tief in die Nacht auf den Straßen umherbewegte, blieb Ganganelli wach im Vatican. Ohne geschlafen zu haben, begab er sich am anderen Morgen nach Castel Gandolfo.

Wiewohl bereits achtundsechszig Jahre alt, stand Ganganelli in voller, rüstigster Kraft da. Seine Gesundheit war, wie Cardinal Bernis in einem Brief vom 3. November 1773 sagt, nie blühender gewesen.

Ganganelli war ein klarer, erleuchteter, freidenkender Kopf, dem es nicht an Energie und Festigkeit fehlte, aber er war kein gewaltsamer Charakter und von jedem Fanatismus frei. Er hatte vier Jahre damit zugebracht, die Frage der Auflösung des Jesuitenordens zu discutiren. Von allen Seiten drängten ihn die Monarchen, er konnte kaum ausweichen, wenn er das freundschaftliche Verhältniß mit den großen Höfen, welches sein Vorgänger in Frage gestellt, wieder herstellen wollte. Aber nachdem er lange die Sache hingehalten und mit sich selbst über die Verderblichkeit dieses Ordens einig geworden war, verstand er sich mit ruhiger Entschiedenheit zu dessen Aufhebung. Doch sagte er nach Unterzeichnung des Breves, die Feder weglegend: questa supressione me darà la morte! (Diese Aufhebung wird mir den Tod geben.)

Schon von dem Zeitpunkt an, wo die Aufhebung des Ordens [9] in Erwägung gezogen wurde, hatten die Jesuiten, ihrer Gewohnheit gemäß, durch provocirte Prophezeiungen auf die Gemüther zu wirken angefangen, 1770 hatten die Weissagungen einer gewissen Bernardina Beruzzi aus dem Dorfe Valentano begonnen. Sie sagte unter anderm, die Gesellschaft werde nicht aufgelös’t werden, es würde vielmehr ein in großem Ansehen stehender Jesuit von Clemens den Purpur erhalten. Die Prophezeiungen behielten diesen gemäßigten Charakter, so lange die Jesuiten noch hofften. Als sie sich des Schlimmsten versahen, weissagte die Beruzzi, der Papst werde am 24. März todt sein.

Nach geschehener Publication kannte die Wuth der Jesuiten keine Grenzen; ja sie gingen soweit, die Wahl Clemens des Vierzehnten für erschlichen und ungültig und ihn selbst als den Antichrist zu erklären.

Mit diesen Anfeindungen gingen die Prophezeiungen Hand in Hand. Im Kloster zu Montefiascone lebten zwei Nonnen, Bernardina Ranzi und Maria Poli. Die letztere war stigmatisirt; sie bot jene Erscheinung der blutenden Wundmale an Händen und Füßen dar, von denen die Heiligenlegende so viel erzählt, die aber die exacte Medicin nie zu sehen Gelegenheit fand. Sie prophezeite: die Gesellschaft Jesu werde wieder aufleben, die Priester würden in ihre Provinzen zurückkehren, aber die himmlische Rache werde nicht ausbleiben. Der Papst und die Fürsten, welche die Unterdrückung veranlaßt, würden sterben. Und zwar werden sich diesmal keine Gläubigen finden, die der Gewohnheit gemäß dem sterbenden Papst die Füße küssen.

Die Weissagungen dieser beiden Nonnen wurden, wie in der später angeregten gerichtlichen Verhandlung zu Tage kam, durch deren Beichtväter, die Jesuiten Coltraro und Veniza, in Briefen an Ordensmitglieder verbreitet. Coltraro schrieb an seinen Freund: „Pflanze die Gerüchte fort, damit ein System in die Sache komme“, und hat damit auf’s Naivste eine Probe seines Ordens ausgesprochen.

Zu diesen Todankündigungen scheint mir noch das Erscheinen eines Kupferstichs zu gehören, der unmittelbar nach der Aufhebung der Jesuiten in den deutschen Ländern verbreitet wurde. Die Prager Universitätsbibliothek besitzt ihn in zwei von einander wenig verschiedenen Ausgaben. Man sieht auf diesen Kupfern den Tod, ein Geripp in einen Mantel gehüllt, den Schädel mit Lorbeer gekrönt, wie nach einer Heldenthat. Er hält eine Fahne in der Hand. Vor ihm steht ein Exjesuit, als Weltpriester gekleidet, in Mantel mit kleinem Collet, den dreispitzigen Hut in der Hand. Er scheint heiter und guter Dinge. Im Hintergrunde in der rechten Ecke steht eine Art von Tabernakel, an welchem die abgelegten Insignien der Jesuiten hängen. Ober dem Bilde sieht man das bekannte Symbolum der Jesuiten, rund herum die Worte: „Freuet Euch, Eure Namen stehen im Himmel.“

Unter dem Bilde liest man auf dem einen der Kupfer: „Sic finis erit!“ (So wird das Ende sein!) und die Worte: quod bonum est in oculis suis, faciat(I. Sam. 3. 18.) Was gut ist in seinen Augen, wird er thun (der Exjesuit?).

Bei allen diesen Androhungen baldigen Todes blieb Ganganelli gesund und munter und unternahm die weiteren Schritte, die zur Durchführung der Aufhebungspublication nothwendig geworden. Am 24. September wurde der General Ricci mit seinen fünf Assistenten und noch drei anderen Jesuiten verhaftet, in die Engelsburg gebracht und wegen der Ordensgeheimnisse, besonders wegen der vermutheten großen Ordensschätze, inquirirt. Doch man entdeckte weder die einen noch die andern, da Ricci Zeit gehabt, sowohl Geld als Papiere in Sicherheit zu bringen.

So kam das Jahr 1774 heran.

Der Papst erhielt nun von vielen Seiten Winke, sich vorzusehen. Der Vicar von Padua meldete der Congregation de rebus Jesuitarum, daß ein Jesuit in seiner Gegenwart in den [10] heftigsten Ausdrücken gegen Clemens gesprochen und ihm den Tod im nächsten Herbst angekündigt habe.

An einem Tage der heiligen Woche 1774 empfand der Papst nach dem Mittagsessen plötzlich eine Bewegung im Magen und im Unterleib, wie von einer großen inneren Kälte. Er schrieb dies aber blos dem Zufall zu und heiterte sich nach und nach auf. Man bemerkte aber bald, daß er die Stimme ganz verloren. Er bekam eine „ungewöhnliche Art von Katarrh“. Man beschloß daher, da er am Osterfeste die Messe in einer Capelle der Peterskirche zu lesen hatte, solche Maßregeln zu ergreifen, daß er vor Zugluft geschützt sei.

Der Papst fing nun an, an Entzündungen des Mundes und des Schlundes zu leiden. Er hatte wunde Stellen, welche ihn sehr beunruhigten und ihm einen außerordentlichen Ekel zuzogen. Man bemerkte, sagt der Bericht seines Leibarztes Saliceti, dem wir hier folgen, daß er den Mund immer sperrangelweit aufhalte. Es erfolgte hierauf ununterbrochenes Erbrechen und eine große Schwäche der Füße. Er war oft schläfrig. Hierauf kamen Schmerzen im Unterleib, Zurückhaltung des Harns. Der Papst sprach immerfort davon, daß man ihm Gift gegeben, er wurde sehr kleinmüthig, man hörte ihn oft rufen: compulsus feci! (Ich that es gezwungen.) Er nahm Pillen zu sich, die man ihm als Gegengift bezeichnete.

So währte es die Monate Mai, Juni, Juli. Die Entzündungen in der Mund- und Rachenhöhle dauerten fort. Die Kräfte des Patienten nahmen fortwährend ab. Im Juli fing er an, ein „Blutreinigungswasser“ zu trinken, dessen er sich alle Jahre bedient hatte. Das Halsweh, die Entzündung des Rachens, die Schwäche und der außerordentliche Schweiß hörten nicht auf.

Wohl mochte der arme kranke Ganganelli wissen, wie er daran sei! Wem konnte er trauen? Auf welchen Arzt und welchen Koch sich verlassen? Wir werden später sehen, wie geheime Hände bis in sein Bureau zu langen und Papiere hineinzuschmuggeln verstanden …

Ende August begann der Papst den Ministern wieder Audienz zu ertheilen. Er hatte seine natürliche Frische und Leutseligkeit verloren, war sehr reizbar und wurde leicht zornig.

Schon seit Monaten fand man auf in’s Auge fallenden Mauern der Häuser die Buchstaben

I. S. S. S. V.

Man wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Die visionäre Nonne von Valentano gab aber bald die Aufklärung. Es habe zu bedeuten:

In settembre sarà sede vacante.
Im September wird der Stuhl vacant sein.

Nach allen diesen Ereignissen bekam Clemens am 10. Septbr. ein Fieber mit Ohnmachten und einer so gänzlichen Entkräftung, daß man seinen Tod täglich erwartete. In dieser Zeit schrieb Cosmas Schmalfuß, Augustiner und Assistent seines Ordensgenerals, an diesen in einem noch vorhandenen Briefe: moritur cum gravissima de propinato veneno suspicione; er stirbt unter größtem Verdacht der Vergiftung. Man ließ Ganganelli zur Ader – etwa zehn Unzen Blut – fand aber kein Zeichen von Entzündung darin. Das Blut hatte sein gehöriges Serum. Am 11. verlor sich das Fieber, der folgende Tag war gut. Die Kräfte erholten sich, der Papst sprach davon, seine gewohnten Spaziergänge zu machen und nach Castelgandolfo zu gehen.

Am 15. kam die Schwäche wieder, mit einem Tag und Nacht anhaltenden Schlafe. Nur in der Nacht des 18. wachte er etwas. Als er am 19. über eine Entzündung des Unterleibes mit Harnverhaltung klagte, öffnete man ihm abermals die Ader. Der Unterleib zeigte beim Druck keine Schmerzen, die Brust war frei.

Am 20. schien es besser zu gehen, aber die Nacht wurde sehr unruhig; er klagte über unbeschreiblich große Schmerzen und verfiel in wilde Delirien. Am 21. wieder ein Aderlaß. Der Unterleib war sehr geschwollen, er konnte nicht harnen. Man gab ihm die letzte Oelung. Am 22. gegen dreizehn Uhr römischer Zeit gab er den Geist auf.

Er hatte die Publication der Aufhebungsacte ein Jahr, einen Monat und sechs Tage überlebt. Gerade vierundzwanzig Stunden später wurde die Oeffnung der Leiche zum Zweck der Einbalsamirung vorgenommen. Das Gesicht des Todten war blaß, Lippen und Nägel schwarz (soll wohl blau heißen?), der Rücken schwärzlich, der Unterleib sehr aufgedunsen.

„Bei der Oeffnung der Leiche,“ sagt Saliceti, „fand man die linke Lunge an der Brustwand angeheftet, entzündet. Beide Lappen waren voll geronnenen Blutes. Das Herz war ganz klein und gar kein Wasser im Herzbeutel. Unter dem Zwerchfell sah man Magen und Gedärme mit Luft gefüllt, sie waren ‚krebsartig degenerirt‘. Als man die Speiseröhre aufschnitt und bis zum Magen und den kleinen Gedärmen fortschritt, fand man den ganzen innern Theil der Speiseröhre krebsartig, ebenso den obern und untern Theil des Magens. Dieser und die Gedärme waren mit atrabiliarischer Flüssigkeit (kaffeesatzähnlicher Masse) bedeckt. Die Leber war sehr klein, die Gallenblase groß, mit einer ähnlichen Flüssigkeit angefüllt, wie die, welche die Magenwände bedeckte. In der Bauchhöhle war viel Wasser.“

So Saliceti. Man legte die Eingeweide in ein Gefäß. Es zersprang in der Nacht und füllte das Zimmer mit einem schrecklichen Gestank. Am 24. mußte man die Professoren wieder rufen lassen, da auch der Leichnam einen gar zu unerträglichen Gestank von sich gab. Das Gesicht war aufgelaufen, ganz schwarz, ebenso die Hände, auf der äußeren Fläche derselben zeigten sich mehrere, zwei Querfinger hohe, mit Wasser angefüllte Blasen, als ob man siedendes Wasser auf die Hände gegossen. Eine große Menge Flüssigkeit floß aus dem Bette ab und über den Boden. Die Professoren konnten das nicht begreifen, da sie doch die Einbalsamirung mit größter Sorgfalt vorgenommen. Man wollte den Leichnam in einen Sarg bringen und verschließen, enthielt sich aber dessen, weil der Monsignor Maggiordomo besorgte, es könne dies eine üble Wirkung beim Publicum hervorbringen. Als man nun dem Leichnam die päpstlichen Kleider abzog, ging ein großer Theil der Oberhaut mit, die Nägel sonderten sich ab, ebenso blieben die Haare auf dem Kopfkissen liegen. Auf dem Rücken fand man die Haut abgelöst.

Diese auffälligen Erscheinungen an der Leiche riefen große Bestürzung hervor. In Rom war nur eine Stimme darüber, der Papst sei vergiftet worden, man wollte wissen, er habe die Aqua tofana erhalten. Als Saliceti, der päpstliche Leibarzt, in einem Bericht die Krankheit des Papstes als Scorbut bezeichnete, glaubte dies Niemand.

Diese Erscheinungen an der Leiche waren es besonders, welche die Zeitgenossen glauben ließen, Ganganelli sei an Gift gestorben; allein sie haben gar keine Bedeutung. Die schwärzliche Färbung des aufgedunsenen Gesichts, die Blasen auf den Händen, das Sichablösen der Oberhaut und das Abfallen der Haare sind lauter Fäulnißerscheinungen, deren Grund in keinem dem Verstorbenen gereichten Gift zu liegen braucht. Unbegreiflich ist es nur, daß die Professoren behaupteten, die Einbalsamirung nach aller Kunst vollzogen zu haben. Bei gelungener Einbalsamirung sind diese Erscheinungen unmöglich. Doch schon das so feste Zubinden des die Eingeweide enthaltenden Gefäßes zeigt, was für Pfuscher da thätig waren.

Aber etwas Anderes ist bedenklich. Der Sectionsbefund und die Krankheitsgeschichte sind nicht miteinander in Einklang zu bringen. Wir sehen die Krankheit, den constatirtesten Berichten gemäß, mitten bei vollem Wohlsein nach einer Mahlzeit beginnen. Heiserkeit stellt sich ein, also Entzündung der Stimmbänder; Ganganelli glaubt einen Katarrh zu haben. Nun beginnt eine heftige Entzündung der Rachenhöhle und des Schlundes; es ist, als hätten wiederholte Versuche, ihm eine sehr ätzende, corrosive Flüssigkeit beizubringen, stattgefunden. Die sogenannte krebsige Entartung der Speiseröhre und des Magens muß aber sehr bezweifelt werden, und war jedenfalls nicht krebsiger Art.

Uebrigens fühlten auch die Jesuiten und deren Anhänger, daß dieser Krankheits- und Todesfall gar zu exceptionell sei, um medicinisch erklärt werden zu können, und da das kein natürlicher Tod sein konnte, mußte es ein übernatürlicher sein. Es war ein göttliches Strafgericht. Ein göttliches Strafgericht ist souverain und braucht sich nicht an die für alle Wochentage und alle andern Erdenkinder geltende Pathologie zu halten. Höchst interessant ist in dieser Hinsicht die Aeußerung des französischen Hofpredigers, des Abbé Bonaventura Proyart, wie er sie in seinem Buche „Louis XVI détrôné avant d’être roi“ darlegt.

„Der Tod Ganganelli’s,“ sagt er, „trug den Stempel der göttlichen Rache klar an sich. Umstände, welche sichtlich aus dem Kreis der natürlichen Ordnung der Dinge heraustreten, begleiteten ihn. So wurden die Prophezeiungen erfüllt. Bernhardine Ranzi [11] hatte zu Montefiascone verkündigt, daß die Gläubigen diesmal die Füße des heiligen Vaters nicht küssen würden. Diese Verheißung war sehr kühn! Doch ging sie in Erfüllung, da der Papst schon bei lebendigem Leibe zu verfaulen schien.“

Auf die Beschreibung der Krankheit des Papstes übergehend, spricht Proyart wie folgt:

„Gewissensbisse verfolgten ihn seit der Unterdrückung des Ordens Jesu und ließen ihn nicht mehr los. Gegen sein sonstiges Naturell von einer finstern Melancholie erfüllt, trat er aus dieser nur heraus, um sich Ausbrüchen der Wuth zu überlassen. Er beleidigt, zankt, droht, steigt dann wieder zu Entschuldigungen und einer unziemlichen Familiarität herab. Er verbringt die Tage in Unruhe, die Nächte schlaflos. Er wacht plötzlich auf, ruft die Wachen und läßt sechs Wochen lang Niemand vor. Sein Kopf ist offenbar wirr (weil er die Jesuiten beschuldigt?), er glaubt sich verfolgt von den frömmsten der Menschen! Dieser Geist der Unruhe, dieser verfolgende Dämon, der erste Richter strafbarer Herzen, macht ihn blind und verläßt ihn selbst im Tode nicht.“

So Proyart, mit echt jesuitischer oder vielmehr teuflischer Kniffigkeit. Die hülflose Verzweiflung des gemarterten Opfers, welches fühlt, wie es wiederholter Giftdarreichung unterliegt, das unbestimmte Mißtrauen, der sichere Verdacht des Unglücklichen, dann wieder die Reue des edlen Herzens, das vermeint, Dem oder Jenem Unrecht gethan zu haben – das Alles wird gegen das Opfer selbst gewendet. Und die Reue, die der Henker empfinden sollte, wird dem Opfer zugeschoben!

Es wäre seltsam zugegangen, wenn die Hände, welche Clemens dem Vierzehnten Speise und Trunk mischten, nicht auch dafür gesorgt hätten, daß sich nach seinem Hingang ein Papier finde, in welchem Ganganelli seine Reue über die Maßregel der Aufhebung kundgethan. Dies war auch wirklich der Fall. Es zeigte sich, daß der Todte, der jetzt freilich nichts mehr desavouiren konnte, in den Händen seines Beichtvaters einen bestimmten und motivirten Widerruf des Breves vom 16. August 1773 niedergelegt, in welchem er erklärte, daß er das Breve nur gezwungen erlassen.[1] Es ist wirklich merkwürdig, wie oft sich schon im Laufe der Zeiten Documente, besonders Testamente und Schenkungsbriefe fanden, welche dem Orden der frommen Väter zu statten kamen. In solchen Dingen hatten sie von jeher ein ganz besonderes Glück gehabt.…

Das ist die Geschichte vom Ende Clemens’ des Vierzehnten. Bei der Mangelhaftigkeit der vorhandenen Krankheitsberichte und der Unvollständigkeit des Sectionsbefundes ist aus ihr ein juridischer Beweis des Giftmordes nicht zu liefern. Der stärkste Grund des Verdachts wird aber stets in der Ueberzeugung Ganganelli’s selbst und seiner Umgebung zu finden sein. Wer, muß man fragen, hatte die Prophezeiungen in Scene gesetzt? Wer konnte sich einen Nutzen von seinem Tode versprechen als die, welche von seinem Nachfolger die Aufhebung des Breves hoffen konnten? Wenn man früher meinte: Ereignisse treten ein, weil sie prophezeit wurden, so sagt man jetzt: Ereignisse wurden prophezeit, weil sie eintreffen sollten und es für gerathen galt, die Gemüther darauf vorzubereiten. An ein göttliches Strafgericht, welches so schnell bei der Hand ist, wenn man einer Gesellschaft nahe tritt, welche in religiösen Gewändern politische Zwecke verfolgt, glaubt jetzt Niemand, und so wird man denn wohl die Ueberzeugung gelten lassen müssen, daß Clemens des Vierzehnten Ende ein gewaltsames war und von den Vätern der Gesellschaft Jesu, die eine so unheilvolle Rolle in der Geschichte gespielt haben, oder ihren Helfershelfern herbeigeführt wurde.


  1. Der angebliche Widerruf datirt vom 29. Juni, dem Feste St. Peter’s 1774, lateinisch abgefaßt, findet sich in Wolf’s Geschichte der Jesuiten. Zürich 1791. 3. Theil. S. 296.