Vom alten Pfuel

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Textdaten
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Autor: Franz Wallner
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Titel: Vom alten Pfuel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 11–14
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf Ernst von Pfuel
Charakterzüge aus dem Leben eines Veteranen
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[11]
Vom alten Pfuel.
Charakterzüge aus dem Leben eines Veteranen. Nacherzählt von Franz Wallner.


      „Sie haben
Einen braven Mann begraben,
Und mir war er mehr.“


Es sind jetzt ungefähr zehn Jahre her, da ließ sich in meiner Wohnung eines Tages der „General von Pfuel“ anmelden. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir dieser hochverdienstvolle Name des ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten und Kriegsministers noch ganz fremd an’s Ohr schlug, obgleich ich hätte wissen müssen, welche Bedeutung Ernst von Pfuel für Preußen besaß. Mein Lebelang hatte ich mich mehr um die Helden der Bühne, als um die der europäischen Kriegsschauplätze und Cabinete bekümmert, daher wußte ich nicht, daß der mir gemeldete Besucher bei der Schlacht von Belle-Aliance Oberst in Blücher’s Hauptquartier gewesen und nach dem zweiten Einzuge der Verbündeten in Paris Commandant der französischen Hauptstadt war, um nachmals Gouverneur von Neuchâtel und später von Berlin zu werden. Ja, ich wußte sogar nicht, wie volksthümlich den alten Pfuel die Errichtung seiner Schwimmschule gemacht hatte und welche wichtige Rolle ihm im Jahre 1848 zugefallen war, wo er als Kriegsminister und Ministerpräsident das Ruder des preußischen Staates in die Hand nahm, bis er den Verhältnissen und dem Ministerium Brandenburg-Manteuffel weichen mußte und sich nun in die Stille des Privatlebens zurückzog.

Es war damals eine peinliche Zeit für mich. Ich war dem Verpächter der Concession, auf welche hin ich in Berlin Vorstellungen gab, in dem vorher ganz werthlosen, vollständig bankerotten Geschäft zu sehr gewachsen; er hatte damals schon die Absicht, das jetzige Victoriatheater zu bauen; eine Concurrenz, selbst in dem winzigen, aber von der Gunst der Berliner getragenen Hause, das ich bereits gekauft hatte und in welchem ich waltete, wäre ihm sehr unbequem gewesen, und so wollte er mit mir keinen neuen Contract in Bezug auf das Concessionsrecht abschließen, obgleich ihm derselbe die ganz annehmbare Summe von ungefähr dreitausend Thalern pro Jahr einbrachte. Eine neue selbstständige Concession zu geben, weigerte sich der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, der in Potsdam residirte, die Theater nie besuchte und dem die Bühnenverhältnisse Berlins vollständig unbekannt geblieben. Man wollte dem künftigen Erbauer eines neuen, Berlin zur Zierde gereichenden Theatergebäudes nicht wehe thun, lieber sollte ich mit Sack und Pack Berlin verlassen. Darauf war ich denn auch vollständig gefaßt, obgleich mein Vermögen in dem Hause steckte, welches ohne Concession für mich ganz werthlos geworden wäre. Man wird also begreifen, daß meine Situation damals nicht zu den beneidenswerthesten gehörte; die Früchte jahrelanger, rastloser Bemühung sollten im Winde zerstieben, weil mir eine Unterschrift fehlte, die mir die Erlaubniß gab, meine Saat reifen zu lassen und meine Ernte einzuheimsen!

Ich bin diesmal genöthigt von mir selbst zu sprechen und muß das oben Erwähnte als Einleitung meiner Bekanntschaft mit dem „alten Pfuel“ vorausschicken, denn ich war damals nicht wenig erstaunt, als mir der Diener meldete: „Se. Excellenz General von Pfuel wünsche mich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen.“

Der Mann hatte nichts Kriegerisches in seiner äußeren Erscheinung; auf einem schmächtigen Körper saß einer jener Charakterköpfe, die in ihrer Aehnlichkeit mit Rauch, Oehlenschläger, Thorwaldsen uns sofort für sie einnehmen und gewinnen. Ein Wald von langem, blüthenweißem Haar umrahmte das schmale, intelligente Gesicht. Gutmüthige, geistreiche Augen blickten uns freundlich entgegen, diese Augen pflegte aber Pfuel, ob aus Schwäche oder Gewohnheit, im Gespräche meistens halb zu schließen, und nur, wenn die Debatte lebhaft wurde, schossen dieselben lebhaftes Wetterleuchten in die Umgebung. Er trug ein einfaches schwarzes Kleid, von allen Orden und Auszeichnungen nur das eiserne Kreuz. So fand ich ihn am ersten Tag unserer Bekanntschaft, bis wenige Tage vor seinem Tode, unverändert, liebenswürdig, ein treuer Freund meines Hauses, eine durch und durch noble Natur, offen, stets mit Rath und That bei der Hand, im Umgang mehr als bescheiden, anregend und belehrend.

[12] „Man will Ihnen, wie ich von Varnhagen höre, keine Concession geben und Sie sollen Ihr Theater schließen? Ist das wahr?“

Mit diesen Worten trat der „alte Pfuel“ bei mir ein, polternd, wie ein gutmüthiger Alter in der Komödie, indem er sich, als sei er mein jahrelanger Gast, in den Lehnstuhl niederließ.

„Leider, Euer Excellenz, ist dies die Wahrheit.“

„Dummheit! Was werden Sie anfangen?“

„Das weiß ich noch nicht gewiß. Ich habe eine Offerte zur Führung eines größeren Hoftheaters, da ich aber mein Vermögen in dem Geschäft stecken habe, so kann ich mich nicht so schnell von Berlin losreißen.“

„Dummheit! Sie müssen in Berlin bleiben! Ihre hübsche Schöpfung darf nicht zerrissen werden. Wollen lachen, die Berliner, ohnehin wenig Veranlassung dazu. Auch Varnhagen ist derselben Ansicht. Hat mir da einen Brief für Sie an den Oberpräsidenten mitgegeben, worin er ihm die Sachlage auseinandersetzt. Wird wirken! Der Oberpräsident ist ein Schulcamerad und alter Freund von Varnhagen. Die Empfehlung dringend. Uebergeben Sie selbe persönlich.“

Bei diesen Worten legte er ein zierliches Briefchen, dessen Adresse die überaus elegante Handschrift Varnhagen’s trug, vor mich hin. Ich glaubte zu träumen: zwei einflußreiche Gönner erwuchsen mir in einem Augenblick, wo ich fast im Begriff stand, die Flinte in’s Korn zu werfen. Zwar hatte ich mich an die Gnade des Prinzregenten gewendet, da aber alle diese Immediatgesuche den Instanzenweg gehen mußten, so hing der günstige Erfolg desselben doch größtentheils wieder von dem Entschluß und Bericht des Oberpräsidenten ab.

Ohne Weitläufigkeit will ich nur noch berichten, daß mein Gnadengesuch an unseren jetzigen König und mein Briefchen Varnhagen’s an den Oberpräsidenten die günstigste Wirkung für mich hatten und daß in kurzer Zeit die Cabinetsordre für eine neue selbstständige Theaterconcession in Berlin in meinen Händen lag, welche meinem und meiner Familie Schicksal eine sichere Basis gab und mich nicht mehr abhängig machte von den Launen meines Vorgängers. Von da ab datirt das „Wallnertheater“ in Berlin.

Von dem Tag an, als ich dem braven Pfuel meinen Dank aussprach für seine Güte für mich, war ich bei ihm, war er bei mir ein gern gesehener Gast, dem ich wohl auch oft in anderen befreundeten Cirkeln, am meisten aber in dem gastlichen Hause der Frau Professorin Mundt begegnete, deren erfolgreiche Wirksamkeit als deutsche Schriftstellerin (Louise Mühlbach) es ihr möglich macht, ihrem Hang zur liebenswürdigsten Gastfreundschaft in ausgedehntester Weise zu genügen. Was ich daher in den nachstehenden Zeilen erzählen werde, habe ich theils von Augenzeugen, theils aus dem Munde Pfuel’s selber, obwohl letzterer sehr schwer und nur in den seltensten Fällen zu bewegen war, über sich selbst zu sprechen.

Pfuel, ein Mann der Wissenschaft, war namentlich in seinen jüngeren Jahren mit vielen literarischen Größen befreundet, unter andern auch mit Heinrich von Kleist, mit dem er einst in Thun in einem Hause wohnte. Abends kam Kleist gewöhnlich mit mehreren Cameraden bei Pfuel zum frugalen Abendbrod zusammen. Eines Tages warteten die Freunde stundenlang vergebens auf Kleist, erst, als die Gesellschaft schon im Begriffe war auseinanderzugehen, trat der Dichter stumm und sichtlich verstört ein. Nach langem Andringen endlich nahm er des theilnehmenden Pfuel Hand in seine beiden, drückte sie krampfhaft, ein Strom von Thränen entstürzte Kleist’s Augen, und mit bebender Stimme würgte er schluchzend die Worte heraus: „Sie ist todt!“ Entsetzt sprangen Alle in die Höhe, um zu erfahren, wem die Schreckenskunde gelte, und waren nicht wenig enttäuscht, als sie erfuhren, das; die „sie“, welche gerade gestorben war, die Heldin des heute vollendeten Trauerspiels „Penthesilea“ sei, von welchem Kleist soeben die letzten Scenen geschrieben hatte. Das brüllende Gelächter, welches dieser Mittheilung folgte, verletzte den Dichter so tief, daß er sich längere Zeit nicht mehr im Freundeskreis sehen ließ.

Zur Zeit des ersten Kaiserreichs lebte Pfuel ein halbes Jahr lang auch in Paris mit Kleist zusammen. Schon damals trug sich letzterer mit Selbstmordgedanken, und machte Pfuel eines Tages allen Ernstes den Vorschlag: „ob er sich mit ihm zusammen tödten wolle?“ Mit seinem gewohnten Phlegma meinte dieser: „Nun, wir können uns die Sache ja überlegen, bis wir nach Berlin zurückkommen.“ In Dresden besuchte Pfuel mit Kleist die Vorstellungen einer Somnambulen. Der sie begleitende Magnetiseur erklärte, daß selbe gegen alle Berührung mit Metallen einen unüberwindlichen Abscheu habe. Nach einer Weile flüsterte Kleist seinem Freunde zu, daß er den Nacken der Hellseherin mit seinem Schlüssel heimlich berührt habe, ohne daß sie irgend Abscheu geäußert. „Nun,“ meinte Pfuel, „so drücke ihr einen harten Thaler in die Hand, dagegen wird sie wohl noch weniger Aversion haben.“

General Pfuel war noch im höchsten Alter der ausdauerndste, kühnste Schwimmer, den man finden konnte. Ich erinnere mich noch meiner Angst, als er – damals hatte er schon zweiundachtzig Sommer hinter sich – in Ostende einst vor mir in die Wellen stürzte, sein Wald von weißen Haaren zuerst wie ein abgezogener Scalp auf dem Wasser trieb, dann untertauchte und lange Zeit jede Spur des alten Herrn verschwand. Als meine Frau, ein Unglück befürchtend, zitternd seinen Namen rief, tauchte in weiter, weiter Ferne ein dürrer, musculöser Fuß grüßend aus den Wellen in die Höhe. Ich fand diese Art, mit den Beinen zu salutiren, ungeheuer komisch. Noch jetzt bewähren sich übrigens die nach seinem System im ganzen preußischen Staat eingerichteten Schwimmanstalten, so wie die von Pfuel erfundenen künstlichen Wellenbäder als mustergültig in ganz Europa.

Als Hauptmann in Coblenz hatte sich unser ritterlicher Pfuel in eine junge, schöne Bäckerstochter verliebt, die lange Zeit seinen heißen Bewerbungen widerstand. Ernst ging der junge Krieger in voller Uniform mit seiner Flamme lustwandelnd an den Ufern des Rheins. Lebhafter als je klangen seine Liebesworte, kälter als früher wurden sie erwidert. Leidenschaftlich gab Pfuel sein Ehrenwort, er wolle sich jetzt vor ihren Augen in die Fluthen des Stromes stürzen, wenn ihn das Mädchen nicht erhöre. Ein spöttisches Lächeln, mit den höhnischen Worten: „Das werden Sie wohl bleiben lassen,“ war die Antwort. Wer beschreibt aber das Entsetzen der Maid, als ihr Begleiter lautlos, „mit Sack und Pack“ in den Rhein stürzte und in den um ihn zusammenschlagenden Wogen verschwand! Schreiend und schluchzend lief sie am Ufer entlang: „Pfuel hat sich in’s Wasser gestürzt,“ rief sie verzweiflungsvoll, „um meinetwillen! – Rettet – rettet!“

Rasch waren eine Menge Menschen versammelt, die Unglücksnachricht ging von Mund zu Munde, einige Officiere machten einen Kahn los, um die Leiche des Selbstmörders zu suchen, als dieser, frisch und wohlgemuth am anderen Ufer auftauchend, an’s Land stieg, sich wie ein nasser Pudel schüttelnd, und seine besten Grüße herüber sandte. Die stolze Schöne aber soll, von dieser Heldenthat gerührt, ein gut Theil ihrer Sprödigkeit verloren haben. Später soll Pfuel, nahe am Greisenalter, als heiße Liebesflammen unter dem Schnee seines Hauptes glühten, diese Leanderfahrt über den Rhein, unter sehr ernsten Verhältnissen, noch oft wiederholt haben.

Pfuel gehörte in den Augen Blücher’s zu den sogenannten „gelehrten Officieren“, gegen welche dieser eine Antipathie hatte, da Gelehrsamkeit kein Fehler war, der den alten “Vorwärts“ drückte. Vor Lützen erging er sich in bitteren Stichreden, die offenbar dem seinem Generalstabe zugetheilten Pfuel galten, „über die gelehrten Soldaten, denen es in der Regel, wenn es gälte, an persönlichem Muthe fehle; er möge diese Sorte nicht leiden und mache kein Hehl daraus.“ Als die Schlacht ihren Höhepunkt erreicht hatte, hielt Pfuel auf seinem Schimmel in der nächsten Nähe des Heerführers, der sich tollkühn jeder Gefahr aussetzte. Da stürzte eine Granate gerade vor das Pferd Pfuel’s. Alles rief ihm entsetzt zu, sich zu retten, während dieser, wie aus Erz gegossen, ruhig stehen blieb. Jetzt explodirte die Granate; der Gaul stürzte tödtlich getroffen zu Boden, seinen Reiter unter sich begrabend. Mit Mühe wurde dieser unter dem verendenden Thiere hervorgezogen. Blücher sprang von seinem Gaul herab; sein Auge suchte in überquellender Rührung das seines wackeren Officiers, er streckte ihm die Rechte entgegen und rief mit schallender Stimme: „Pfuel, die Hand: Sie sind ein braver Kerl!“

Während der Barricadenkämpfe in den Märztagen des Jahres 1848 sah man einen Greis mit Gefahr seines Lebens im dicksten Kugelregen die verwundeten Soldaten in Sicherheit bringen, während er selbst, vom erbitterten Pöbel bedroht, nur durch die Bemühungen des Abgeordneten Jung gerettet wurde. Der silberlockige Greis war Pfuel.

[13] Eine kleine Geschichte, die unsern Lesern im Allgemeinen vielleicht schon bekannt ist, finde, da ihre Einzelnheiten meist unrichtig erzählt werden, hier noch einen Platz:

Während Pfuel Gouverneur von Paris war, besuchte ihn einst ein französischer Officier, als ersterer eben im Begriff stand, das Haus zu verlassen. Die Beiden trafen sich auf der Treppe. Der Officier trug ihm sein Anliegen vor. Pfuel, sehr pressirt, ersucht ihn artig, in einigen Stunden wieder zu kommen. Dieser wird zudringlich und besteht in brutaler, ungezogener Weise darauf, gleich abgefertigt zu werden. Pfuel, dem das Blut zu Kopfe steigt, schlägt dem Franzosen den Hut vom Kopf, mit dem dieser bedeckt geblieben, und macht ihn aufmerksam, daß er als Bittender vor dem „Gouverneur von Paris“ stehe. „Das wagen Eure Excellenz nur,“ entgegnete ihm der Geschlagene, „weil Sie wissen, daß Sie mir in Ihrer Stellung keine Satisfaction zu geben brauchen.“ „Meinen Sie?“ entgegnete Pfuel, rasch den Degen ziehend, „kommen Sie in den Hof. Ziehen Sie!“ – Vergebens alles Widerreden, Pfuel dringt auf ihn ein, der Franzose vertheidigt sich, aber der Deutsche, ein gewandter Fechter, schlägt ihm nach einigen Gängen die Klinge aus der Hand, worauf sich der Entwaffnete schnell hinter ein großes, im Hofe stehendes Wassergefäß retirirt. Mit dem Worte „Lâche!“ (Feigling) steckt Pfuel den Degen ein, dreht dem Gegner achselzuckend den Rücken und verläßt das Haus.

Und dieser Mann, in jeglicher Gefahr ein Held, hatte ein Gemüth wie ein Kind, jeder weichen Empfindung zugänglich. Die Schriftstellerin Mühlbach, von der oben die Rede war, hatte ein paar indische Vögelchen, von denen das Weibchen eines Tages todt im Käfig lag. Pfuel kam eben dazu, als Frau Mühlbach vergebens Versuche anstellte, das niedliche Thierchen wieder zu beleben. Während der Zeit flatterte das Männchen mit ängstlichem Gekreisch unruhig im Bauer hin und her, und als die betrübte Professorin die kleine Leiche vor ihm hin legte, stürzte das arme Thier, wie vom Blitz getroffen, todt neben dem Weibchen hin. Die beiden Zeugen dieses rührenden Stückes Seelenleben der Thierwelt konnten sich der Thränen nicht erwehren, und nie erzählte der alte General diese von ihm oft wiederholte Geschichte eines „treuen Ehepaares“, ohne Wasser in den Augen zu haben. Oft blieb er vor den ausgestopften Lieblingen der Hausfrau stehen, um einige Worte des Lobes zu Ehren des „braven Ehepaares“ vor sich hin zu murmeln. Auf seinem Gute wurden zahllose zahme Kanarienvögelchen gepflegt, die, im Sommer in den Park frei gelassen, beim Einbruch der rauhen Witterung größtentheils in die schützenden Räume des Schlosses zurückkehrten. Alle Thiere fanden an Pfuel einen warmen Freund und treuen Beschützer.

Eine rührende Eigenschaft des alten Kriegsmannes war sein felsenfestes Gottvertrauen und sein unverbrüchlicher Glaube an ein Fortbestehen nach dem Tode. Stundenlang konnte er an diesem Thema festhalten und es mit allen Gründen des Glaubens [14] und der Philosophie vertheidigen. Mit tiefem Unwillen wandte er sich von jedem Spötter ab, wenn er es nicht vorzog, denselben mit soldatischer Derbheit recht tüchtig abzukanzeln.

In Kellner’s Hotel in der Taubenstraße, welches er in seine besondere Protection genommen und das er bis an sein Ende bewohnte, pflegte er von Zeit zu Zeit auf seinen Zimmern kleine ausgesuchte, mit allem Comfort ausgestattete Herrendiners zu geben. Selten über acht, meistens nur sechs Personen, noch seltener einer der Geladenen unter siebenzig Jahren. Ich figurirte in diesen kleinen Cirkeln als „der junge Herr“. Hofrath Förster, der künftige Biograph Pfuel’s, war stehender Gast. Es gehören diese kleinen Diners zu meinen frohesten, lehrreichsten Erinnerungen.[1] Manchmal kam ich mir unter den alten Herren wirklich vor, als säße ich im Kyffhäuser und längst begrabene Menschen und Dinge würden vor meinen Augen lebendig. Wenn z. B. der geistreiche Fürst Pückler-Muskau, dem der heiße Wüstensand in Afrika das Herz eben so wenig verdorrt hat, wie das Eis der Beresina das des alten Pfuel zu erstarren vermochte, wenn da die beiden Greise mit jugendlichem Feuer ihre Erlebnisse mit dem alten Napoleon erzählten, oder der Letztere vom alten Fritz Geschichten vorbrachte, die er mit angesehen; wenn beide Herren in eine lebhafte Debatte über die Vermählung oder Krönung des großen Corsen geriethen, der sie beigewohnt: da horchte ich, „der junge Herr“, hoch auf; die Stunden bekamen Flügel, die aufgetragenen feinen Schüsseln wurden Schaugerichte, denn Ohr und Gemüth nahmen den ganzen Menschen so in Anspruch, daß die ausgesuchteste Naturalverpflegung vollständig zur Nebensache wurde.

Im Sommer pflegte Pfuel regelmäßig seine weitern Ausflüge zu machen; er verschwand da alljährlich von Berlin, und man begegnete ihm in London, in Paris, in Ostende, in Italien oder in der Schweiz. Während der Ausstellung in London traf ich ihn ganz zufällig, wo er mit unermüdlicher Rüstigkeit gleichen Schritt mit mir hielt, früh Morgens bis Mitternacht rastlos auf dem Straßenpflaster, in den Theatern, der Ausstellung, im Krystallpalast, kurz, wo es Merkwürdiges zu bewundern gab.

Während seiner letzten Abwesenheit von Berlin ereilten ihn doppelte Schreckensnachrichten; ein Sohn, bereits General, war an der Cholera gestorben, der Andere, schlimmer als todt, als Betrüger steckbrieflich verfolgt. Wir zitterten vor dem Augenblick, wo wir ihn wiedersehen würden, zerschmettert, gebrochen, unter dem Eindruck der furchtbaren Familien-Ereignisse. Er kam zurück – in gehobener Stimmung, äußerlich wenigstens. Die große Zeit, welche für Preußen herangebrochen sei, die Glorie des Vaterlandes, die über alle Begriffe großartigen Erfolge desselben müßten auf jeden guten Patrioten einen so überwältigenden Strom des Glückes ausgießen, daß alle Familien-Misère des Einzelnen nicht in Betracht kommen könne. Er wollte es nicht zur Schau tragen, wie tief und heimlich der Schmerz an seinem gebrochenen Herzen sich fressend eingewühlt; gewaltsam übertäubte er sich selbst, das Vaterland, den Ruhm desselben hatte er an Kindes Statt adoptirt. Aber im Stillen nagte der Wurm, im Stillen bezahlte er den Schaden, der den Betrogenen durch die Handlungsweise seines ungerathenen Sohnes erwachsen, im Stillen grämte er sich zu Tode. Ein anfangs unbedeutendes Uebel breitete sich mit ungeahnter Schnelle aus; trotz der aufmerksamsten Sorgfalt seines tüchtigen, vieljährigen Arztes war der alte Herr in wenigen Tagen eine Leiche. Auf dem Tische des Verblichenen lag ein offener Brief mit der Nachricht von der steckbrieflichen Verfolgung seines Sohnes! Friede seiner Asche! Segen seinem Andenken! –


  1. Die Memoiren, die Pfuel der Nachwelt hinterlassen wollte, sind bei einer Feuersbrunst zu Grunde gegangen. Vergl. Gartenl. 1865, Nr. 48.