Ein Atelier im Irrenhause

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Textdaten
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Autor: E. P.
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Titel: Ein Atelier im Irrenhause
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 14–16
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Der Maler August Richter in Sonnenstein (Pirna)
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Ein Atelier im Irrenhause.


Heut’ erhielt ich einen Brief aus Dresden, ein kleines Blatt, die Buchstaben groß und unsicher, denn die einst so hellen Augen, die über diesen Schriftzügen hingen, sind trübe und müde geworden. Und eine Stelle dieses Briefes war es, die mich so tief ergriff; sie lautete:

„Mein armer unglücklicher Bruder, August Richter, für den Sie sich so warm interessiren[1], lebt noch immer auf unserer Landesirrenanstalt, dem Sonnenstein. Jahre sind vergangen, seit ich, seine arme Schwester, zu Ihnen von seinem Geschick gesprochen. Aber er ist jetzt ruhiger geworden, er zeichnet wieder, ohne das Vollendete zu zerstören. Man hat ihm ein besseres Zimmer gegeben und sogar noch ein Dachstübchen zur Verfügung gestellt, wo er sich eine Art Atelier eingerichtet. Der gütige Professor L … zeigte mir wunderbare Blätter von ihm, Entwürfe voller Kraft und Schönheit, römische Erinnerungen, Klosterhöfe, Refectorien, Mönche, dazwischen wieder Schlachtenscenen, großartige Gruppirungen, gefangene Griechen von Türken geführt, Alles gewaltig und kühn, wie in seiner besten Zeit. Und darüber der arme Kopf und die Stirn mit dem Schatten des Wahnsinns, die zerstörte Schönheit und – ein Atelier auf dem Sonnenstein!“

Ein tiefes Dunkel ruht auf der Ursache des Wahnsinns dieser wunderbar begabten Künstlernatur. Vor vielen, vielen Jahren, so erzählte man mir, 182*, zog ein junger Zeichner, dessen auffallendes Talent ihm ein Reisestipendium verschafft, von Dresden nach Rom. Die damaligen Professoren der Akademie entsetzen sich mehr vor dieser sich ihnen enthüllenden Titanenkraft, als daß sie sich ihrer freuten, und waren im Grunde froh, den August Richter, dem die königliche Huld eine Stelle als Zeichenlehrer in Aussicht gestellt, los zu werden auf ein Jahr. Vielleicht kam er nicht zurück, vielleicht ließ er sich anderswo halten, zwölf Monate sind eine lange Zeit. Ein junger Maler, der Alles anders machte, als sie selber es seit Jahren lehrten und ausführten, war ein gefährliches Beispiel für folgsame Schüler. Man nahm ihm heimlich das Versprechen ab, künftighin genau nach den alten vorgeschriebenen Regeln Unterricht zu ertheilen, und ließ ihn ziehen. So ging er denn, den Kopf voller Ideale, das Herz voller Seligkeit den „schlimmen Weg“ – er pilgerte nach Rom.

Seine Ankunft dort fiel in die letzte Zeit des Aufenthalts Thorwaldsen’s daselbst. Der Adlerblick des großen Meisters erkannte sofort das eminente Talent jenes jungen Deutschen, der ihm bescheiden und doch voll edlen Künstlerbewußtseins allerlei Blätter vorlegte, Köpfe, Kindergruppen, Erntezüge, Cartons in mächtigen Zügen hingeworfen: Es war etwas in diesen Zeichnungen, das an die Hand Michel Angelo’s erinnerte, jene Hand die mit dem Hammer an das Knie des steinernen Moses schlug, während er, der Schöpfer der eben vollendeten Riesenstatue, in die Worte ausbrach: „Nun sprich!“ Thorwaldsen soll damals über August Richter geäußert haben: „In ihm steckt mehr als ein Maler!“ Der junge Künstler begann auch mit Eifer und Erfolg in der Werkstatt des nordischen Meisters zu arbeiten, und wer weiß, ob nicht die Blume dieses seltenen Talents in solcher Atmosphäre sich leuchtend entfaltet haben würde, wenn Thorwaldsen damals nicht von Rom geschieden wäre. Das war ein schmerzlicher Abschied, wenn auch voll Wiedersehenshoffnung. August Richter hatte sich in voller Begeisterung nur diesem Einen, Größten angeschlossen, und alle anderen Künstler waren ihm fremd und fern geblieben. Nun sah er sich ohne Halt und Führer. Dies erregbare Herz, diese empfängliche Seele erschrak plötzlich vor der Fluth von Eindrücken, wie sie in Rom heranrollt und aufschwillt wie ein Meer.

So stand er denn fortan einsam in aller Kunst- und Schönheitsfülle der ewigen Stadt, einsam vor der Wunderkuppel des St. Petersdomes, einsam vor der Götterschönheit, wie sie die Statuen des Alterthums enthüllen, einsam in der Sixtinischen Capelle vor der Majestät der Gestalten Michel Angelo’s, wandelte einsam in den Zaubergärten der Villen Ludovisi und Borghese. Da arbeitete er dann, wie Andere vielleicht ein Tagebuch schreiben, um das Erlebte oder Geschaute zu fixiren, oft halbe Tage lang ohne aufzuschauen, und am Abend streifte er umher, bis tief in die Nacht hinein; das Rom im Mondlicht war doch erst das eigentliche Wunder-Rom.

Länger als ein Jahr blieb August Richter in Rom, aber über der letzten Hälfte seines römischen Lebens hängt ein undurchdringlicher [15] Schleier. Seine Briefe an die treue Schwester waren anfangs voll trunkener Freude, die Künstlerseele schwelgte in dem Reichthum der Schätze, die ihm alle gewissermaßen gehörten; dazwischen freilich kamen oft Ausbrüche von jener Schwermuth, die das wahre Talent so oft beschleicht, wenn es sich den unvergänglichen Meisterwerken des Genius gegenüber sieht. Später schlich sich ein fremder Farbenton in diese Blätter, ein flammendes Roth, ein glühendes Licht, es stieg wie betäubender Orangenblüthenduft auf aus den seltsam räthselhaften, abgerissenen Zeilen, der das zärtliche Schwesterherz beängstigte. „Frage nicht,“ schrieb er einmal, „warte geduldig, bis ich komme um Dir zu erzählen und Dich mitzunehmen nach Rom. Hier nur ist der Himmel blau, hier nur blühen die Rosen, weiße und rothe, aber die rothen sind doch die schönsten!“

Was bedeuteten diese Worte? War ihm ein Götterglück geworden, von dem zu reden den Tod brachte? Hatte die Venus von Milo warme Menschengestalt angenommen, um ihn in ihre Arme zu ziehen? Wer weiß es?!

Es flogen nun lange, lange keine Briefblätter nach Deutschland mehr, aber der deutsche Maler selbst trat an einem Winterabend in das stille Stübchen der Schwester. Sie schrie auf, als sie ihn sah, und warf sich an seine Brust. Wie verändert er erschien, wie bleich und abgezehrt und doch wie hastig und unruhig in allen seinen Bewegungen! Die Augen glühten wie im Fieber und die Wangen waren eingefallen. Die Freude der Schwester, die bei seinem unerwarteten Erscheinen so hell ausgeflammt, sank rasch zusammen. Sie sah, der Bruder war krank, sehr krank.

„Ich muß rasch an die Arbeit, um Geld zu verdienen für Dich und mich,“ sagte er, „denn ich will im Herbst zurück nach Rom. Nur den ersten Cursus will ich abhalten, dann gehe ich fort. Aber frage mich nicht, frage erst, wenn wir Beide zusammen auf dem Wege sind.“

Und die treue Schwester fragte nicht, ob ihr auch schier das Herz brach vor Weh, wohl aber umsorgte sie ihn mit unermüdlicher Geduld und Liebe. Von seinen Arbeiten hatte er nichts mitgebracht, als ein Skizzenbuch voll loser Blätter, die andern waren verweht und zerstreut, wohin, sagte er nicht. Ueberall aber hatte er Rosen hingezeichnet, jedes Eckchen war verziert mit Knospen und Blumen oder verschlungenen Guirlanden. Keine anderen Blüthen – nur Rosen, nichts als Rosen mit ihren Blättern und Dornen. Der Arzt schüttelte den Kopf über ihn, die Herren Professoren der Akademie flüsterten miteinander über sein seltsames Wesen, aber als er sich zur Stelle eines Unterlehrers meldete, wagten sie nicht, ihr Versprechen zurückzunehmen; es stand etwas so Drohendes, Furchtbares in den einst so wunderschönen, schwärmerischen Augen. „Schnell! schnell!“ murmelte er oft, mit sich selber redend, sich selber antreibend, und dabei saß er doch müßig da, die blassen Hände lässig ineinander gefügt, den starren Blick in die Ferne gerichtet. „Glaubst Du wohl, daß wir genug Geld haben zur Reise?“ fragte er zuweilen unruhig.

Unter den Schülern wurde er lebendiger. Sie staunten ihn an, fürchteten sich aber nicht vor ihm, er war mild und geduldig mit ihnen. Nur daß er zuweilen ruhig sagte: „Raphael selbst hat mich’s so gelehrt, also müssen Sie es auch so machen,“ oder: „diese Verkürzung hat Giulio Romano mir gezeigt,“ oder: „Michel Angelo würde diese Linie mir nicht erlaubt haben, also kann ich sie Ihnen auch nicht erlauben.“

Zuweilen erzählte er ihnen, völlig klar, doch mit dem Ausdruck höchster Begeisterung, von Rom, von den Wundern des Colosseums, von dem Vatican, von dem Palast Farnese und der Farnesina des Chigi mit den Raphaelischen Fresken zu der Geschichte des Amor und der Psyche, von dem Garten der Villa Belrespiro und der Wiese der Anemonen, von feinen Feigen- und Orangenbäumen und dem Blick auf Rom und die sanften Linien des Sabinergebirges. Nur wenn er die Gluth der Farben schilderte, wie sie über den Bergen hing und vom Himmel strömte und auf der Erde zitterte, dann verwirrten sich seine Gedanken und Worte plötzlich, er fuhr mit der Hand über die Stirn – „es kann sie Keiner mehr festhalten,“ sagte er und brach ab.

Daheim aber hörte ihn die Schwester wieder und immer wieder murmeln: „Schnell! schnell!“ An einem Sommertage war es, als sie leise in sein Zimmer trat und ihm einen Strauß weißer Rosen brachte. Aber sein Gesicht wandelte sich in so erschreckender Weise bei diesem Anblick, daß das Herz der Schwester still stand vor Angst. Hastig griffen seine Hände nach dem Strauß, im ersten Augenblick war es, als wolle er die Blumen zerreißen und zertreten, dann aber preßten sich die feinen Lippen zusammen, die blasse Stirn neigte sich über die Blumen, in langen, tiefen Athemzügen sog er ihren Duft ein. Der Kampf löste sich, die Züge wurden mild, schwere Thränentropfen fielen auf die weißen Rosen.

„Woran denkst Du, Theurer?“

„An das Fest in der Kirche Maria Maggiore, das schönste Rosenfest der Erde.“

„Willst Du mir davon erzählen?“

„Ich will mich besinnen.“

Und halblaut, wie im Traum, mit der einen Hand den Strauß fest umschließend, die andere in die Schwesterhände versenkend, erzählte er, als ob er von einem Fremden redete:

„Es war auch an einem Sommertage, als der deutsche Maler wieder einmal, wie so oft, das Grab des Salvator Rosa besuchte in der Kirche des Michel Angelo bei den Thermen des Diocletian, die man Maria degli Angeli nennt. Dort sann er am liebsten nach über das Geheimniß der Farbe und wie der Meister es wohl angefangen, daß er sie mit seinem Pinsel so fest gehalten und warum es dem armen Deutschen nicht gelingen sollte. Und die Mönche des Karthäuserklosters neben der Kirche grüßten freundlich herüber, denn sie kannten den Fremden und hatten ihm erlaubt, ihren schönen Hof mit den dorischen Säulen und den Cypressen, die Michel Angelo’s Hand gepflanzt, zu zeichnen. An der Mauer des Klostergartens rankten weiße Rosen empor, und solch’ eine weiße Blume in der Hand und sein Skizzenbuch unter dem Arm, ging er an dem Tage des fünften August fort aus seinem Friedensversteck, mit dem Vorsatz, einmal eine Osteria zu besuchen und ein Glas feurigen Orvieto’s zu trinken. Als er aber an der Fontana de’ Termini vorüber kam, schnitten ihm die steinernen Fratzen des Prosper da Brescia allerlei seltsame Gesichter und streckten ihre Riesenarme aus, ihn festzuhalten. Er eilte jedoch nur um so schneller vorwärts, der lieblichen Kirche Maria Maggiore zu, deren Pforten eine Schaar Frauen und Männer eben belagerte. Immer mehr Menschen strömten herzu, und der junge Maler fragte endlich einen Mönch, der eben daher schritt, ob man dort ein Fest feiere. Die Antwort lautete: ‚Man begeht heut das Fest ad nives, – das Schneefest der Maria!‘ Aber Schnee im hohen Sommer, Schnee in Rom?! Der Deutsche vergaß seinen Orvieto und trat in die heiligen Hallen. Weihrauchduft wallte ihm entgegen, eine süße Dämmerung füllte die drei Schiffe, nur die Marmorsäulen schimmerten in blendender Weiße. Am Altar leuchteten aber zahllose Kerzen neben der Gestalt der Himmelskönigin und die reiche Decke des San Gallo mit den Arabesken des Giotto hing wie ein golddurchwirkter Schleier über ihm. Er trat an die herrliche Capelle der Sforza, die fast im Dunkeln lag, kaum unterschieden seine Augen die Umrisse einer Frauengestalt, die vor dem Seitenaltar kniete. Ein greiser Priester erzählte eben der andachtsvollen Menge die Entstehung der Kirche Maria Maggiore in schlichter Rede.

‚Ein reicher Patricier Rom’s, dessen einzige wunderschöne fromme Tochter von einer gefährlichen Krankheit erstanden war, auf besondere Fürbitte des Papstes Liberius, bat die Gebenedeite von ihm ein Opfer zu verlangen, zum Dank für die Errettung seines Kindes. Und ein ähnliches Gebet schickte zu derselben Stunde Liberius zum Himmel, er dankte unserer lieben Frau, daß sie seine Fürbitte angenommen und erhört, und flehte sie an, ihm ein Zeichen zu geben, welches Dankopfer ihr wohlgefällig. Beiden Betern aber erschien die Mutter Jesu in strahlendem Glanze im Traum und befahl ihnen eine Kirche zu errichten auf jener Stelle, wo sie am Morgen den ersten Schnee finden würden. Sie begegneten einander an einem großen Platze, woselbst der Wind in vergangener Nacht von dem Gemäuer rings umher die Blätter weißer Rosen in dichten Massen zusammengeweht, daß sie fußhoch den Boden bedeckten. Und die Kirche Maria Maggiore wurde genau dort errichtet durch die reichen Gaben eines dankbaren Vaters und eines frommen Papstes, und sie erstand in nie gesehener Pracht. An einem fünften Augustustage wurde sie eingeweiht und alljährlich fällt von der Decke herab auf die Menge der Gläubigen der Schnee aus der Hand unserer lieben Frau.‘

So redete der Priester, und als er verstummte, rieselten aus der Höhe der Kirche tausend und aber tausend weiße Rosenblätter auf die Schaar der Beter nieder. Alles war im Nu bedeckt von [16] dem Schnee der Maria, und ein wundersüßer Duft strömte berauschend durch die Kirche. Wie im Traum fühlte der deutsche Maler die Blätter niedergleiten an seinen Wangen, er fühlte ihre Kühle an seiner Stirn und sank auf seine Kniee nieder. Wie lange er so lag, wußte er nicht – er schrak empor, als eine Frauengestalt aus der Capelle der Sforza schritt und langsam aus der Dämmerung in den Glanz der Kerzen trat. Die schwarze Mantille, die sie nach der Art der spanischen Frauen trug, war zurückgefallen, der Kopf trat frei aus der Umhüllung hervor wie ein Stern aus einer Wolke. Das Antlitz zeigte die göttlichen Linien der Venus von Milo, aber Colorit und Ausdruck war der einer Sibylle des Dominichino. Einzelne weiße Rosenblätter hingen in ihren schwarzen Haaren. Wie ein Blitz traf ihn plötzlich der volle Strahl ihrer Augen. Ihre Hände umschlossen einen Strauß rother Rosen. Warum rothe – und keine weißen Blumen, wie sie zum Feste ad nives paßten? Ein Diener stand hinter ihr – der deutsche Maler war bald an ihrer Seite und verließ mit ihr den Klosterhof. Seitdem habe ich die weißen Rosen vergessen – ich sah nur rothe – sie liebte die andern nicht – ich pflückte nur rothe – aber frage nicht, wo sie blühten.“

August Richter’s Wahnsinn, der sich täglich steigerte, blieb bald kein Geheimniß mehr; er trat heftig und immer heftiger auf. Man entsetzte ihn seines Lehreramts „bis zu seiner Genesung“, wie die Form lautete. Seit dieser Mittheilung beschäftigte er sich meist damit, Geld zu zählen, ob es wohl zur Reise nach Rom reiche, bald versuchte er seine Sachen zusammenzupacken, und ermahnte dabei seine Schwester dringend ein Gleiches zu thun. Dazwischen saß er wieder tagelang in dumpfem Hinbrüten nur dann und wann jenes schreckliche, angstvolle „Schnell! schnell!“ murmelnd. Er zeichnete wieder Rosen, Guirlanden, Kronen, Arabesken, aber immer nur Rosen. Man brachte ihn endlich nach dem Sonnenstein, wo königliche Gnade und mitleidige Freunde für den Unglücklichen die Kosten eines Stilllebens im Irrenhause bezahlten und – bis zur Stunde bezahlen. Jahrelang tobte der arme Gefangene und versuchte seinen Wächtern zu entfliehen – dann wurde er ruhig, mischte blaue Farbe und strich blau an, was ihm unter die Hände kam. Später formte er wieder großartige Modelle aus Gyps und bat und flehte immer und immer wieder um Marmor, damit er sie „lebendig“ machen könne, und da kein Marmor kam, zerschlug er seine Formen. Jetzt endlich hat er, wie die arme treue Schwester schreibt, in einem Dachstübchen sich wieder ein Atelier errichtet und zeichnet, und liebevolle Hände bringen die werthvollen Skizzenblätter in Sicherheit. Der Hof des friedvollen Karthäuserklosters in Rom mit dem Brunnen und den Cypressen des Michel Angelo ist vielleicht wieder aufgetaucht unter seinem Stift – aber Rosen zeichnet er nicht mehr – nie mehr.
E. P.

  1. S. meine Erzählung: Ein Vergessener. Leipzig.