Aus der Menschenheimath/Dritter Brief

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Textdaten
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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Aus der Menschenheimath. Dritter Brief. Die Vulkane
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 28–30
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 3 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
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[28]

Aus der Menschenheimath.

Briefe
Des Schulmeisters emer. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Dritter Brief. Die Vulkane.
Die Gartenlaube (1853) b 028.jpg

Ich darf wohl voraussetzen, mein lieber Freund, daß Du in den Zeitungen von dem Spektakel gelesen hast, den seit einiger Zeit der feuerspeiende Berg Aetna auf der Insel Sicilien gemacht hat und vielleicht bis diesen Augenblick noch macht. Das bringt mich auf die Idee, Dir über die feuerspeienden Berge, oder wie man sie mit dem, wenn auch fremdländischen Worte richtiger und bezeichnender nennt, die Vulkane etwas zu schreiben. Es kann nicht leicht einen gewaltigeren Gegenstand auf der Erde für unsere kleinen Unterhaltungen geben. Du wirst sehen, daß sich daran auch außerordentlich wichtige Betrachtungen über die Entstehung unserer Erdkugel knüpfen; denn sie sind die Ueberreste einer früheren grausenhaften Thätigkeit der Erde, gegen welche die jetzige, so gewaltig ihre Erscheinung auch sein mag, Kinderspiel genannt werden kann.

[29] Ich sagte eben, daß es richtiger sei, die feuerspeienden Berge Vulkane zu nennen. Manche Berge oder andere Stellen des Erdbodens speien auch Wasser, oder Schlamm, oder Gas, d. h. besondere von unserer gewöhnlichen Luft verschiedene Luftarten aus. Daher müßte man solche zum Unterschied wasserspeiende, oder schlamm- oder luftspeiende Berge nennen. Darum ist besser, wir nennen sie alle zusammen Vulkane, und unterscheiden sie in Schlammvulkane, Wasservulkane und verstehen unter Vulkanen schlechthin die feuerspeienden.

Alle zusammen deuten bestimmt darauf hin, daß die Erde noch die Eigenschaft besitzt, geschmolzene, oder schlammige, oder wässrige, oder luftartige Massen mehr oder weniger gewaltsam aus geringer oder beträchtlicher Tiefe auf ihre Oberfläche emporzutreiben. Diese Eigenschaft und die dadurch hervorgebrachten Erscheinungen nennt man Vulkanismus. Wir wollen uns dieses Wort merken, weil es kürzer ist, als wenn wir es deutsch umschreiben wollten. Der Vulkanismus unserer Erde bringt also alle vorher bezeichneten Erscheinungen hervor. Daß auch die Erdbeben dazu gehören, wirst Du Dir leicht selbst sagen.

Ohne Zweifel hast Du schon einmal etwas von einem sogenannten Centralfeuer gehört. Von ihm muß ich Dir erst Einiges erzählen, ehe wir uns von den Vulkanen selbst unterhalten können.

Einer der wichtigsten, man möchte sagen der ehrwürdigsten und ernstesten Zweige der Naturwissenschaft beschäftigt sich mit der Frage: wie ist unsere Erde entstanden, und was hat sie seit ihrer ersten Entstehung bis jetzt für Umänderungen und Umwälzungen erfahren? Diesen Zweig der Naturwissenschaft nennt man Geologie, zu deutsch etwa Lehre von der Erdbildung. Diese Wissenschaft darf sich nun freilich nicht einbilden, und thut es auch nicht, daß sie einstmals über diese Frage unumstößliche Gewißheit erlangen werde. Aber soweit sie darüber in’s Klare kommen kann, thut sie es; denn es ist Grundsatz der Naturforschung, über die natürlichen Dinge ohne Unterlaß zu forschen, bis sie die Wahrheit erforscht hat.

Die Geologie, die mit der Chemie und Physik natürlich Hand in Hand geht, ist darüber jetzt vollkommen gewiß, daß die feste Erdrinde, so weit sie bisher an hohen Bergen und in tiefen Schachten zu untersuchen gewesen ist, theils durch Schmelzung, theils durch Absetzen aus großen Wasserfluthen entstanden ist.

Es würde uns jetzt zu weit von unserem Ziele abführen, wenn ich hierauf näher eingehen wollte. Davon einmal später. Jetzt genüge uns, zu wissen, daß unter den Geologen beinahe Einstimmigkeit darüber herrscht, daß die Erde in ihrem Innern jetzt noch in feurigem Fluß ist. Du darfst wohl glauben, daß das nicht blos so eine aus der Luft gegriffene Vermuthung ist. Dieses Centralfeuer, so nennt man bekanntlich das noch feuerflüssige Erdinnere, ist mit vielem Scharfsinn fast bis zur Gewißheit erwiesen. Da ich Dir heute natürlich nicht alle dafür vorgebrachten Gründe mittheilen kann, so nenne ich Dir nur die Vulkane und die heißen Quellen als zwei der hauptsächlichsten Beweismittel. Nur das will ich hier noch einschalten, daß man Grund hat, zu vermuthen, daß bei weitem der größte Theil der Masse unserer Erde noch feuerflüssig ist. Die Erde mißt von der Oberfläche bis in den Mittelpunkt, also im Halbmesser, ungefähr 860 Meilen; davon ist nach den neuesten, auf großer Wahrscheinlichkeit beruhenden Vermuthungen der Naturforscher erst der siebzehnte Theil, etwa 50 Meilen, fest. Wenn wir also einen funfzig Meilen tiefen Schacht niedertreiben könnten, so würden wir auf den furchtbaren Schmelzheerd des Erdinnern kommen. Wenn Du Dir dies Verhältniß recht deutlich machen willst, so vergleiche unsere Erde mit einer Citrone. Das Fleisch der Citrone ist das feuerflüssige Erdinnere und die Citronenschale ist die feste Erdrinde. Das kommt Dir vielleicht unglaublich vor, und Du glaubst, da müßten Dir ja am Ende die Schuhsohlen warm werden. Aber bedenke, daß eine Schicht von 50 Meilen Dicke zwischen Dir und dem Centralfeuer liegt! Brenne ganz Deutschland an und dann ziehe eine 50 Meilen dicke Mauer darum, ich wette, man wird sie auswendig auch nicht warm finden. Du meinst vielleicht, daß es also in unsern tiefen Schachten wohl schon bedeutend wärmer sein müsse, als oben. Allerdings nimmt in denselben um jede 100 Fuß die Wärme um einen Grad zu. Du mußt aber bedenken, daß unsere tiefsten Schachten sich zu dem 800 Meilen betragenden Erdhalbmesser sehr winzig verhalten. Wenn Du mit der Stecknadel durch den Papierüberzug eines Erd-Globus von acht Fuß Durchmesser stichst, so kommt die Tiefe dieses Stiches den tiefsten Schachten unseres Bergbaus ungefähr gleich!

Obgleich nun Erdbeben schon fast überall auf der Erde wahrgenommen worden sind, so sind verhältnißmäßig die noch thätigen Vulkane, mit denen die Erdbeben doch ohne Zweifel in ursächlicher Verwandtschaft stehen müssen, nicht eben sehr zahlreich, und auf großen Strecken der Erdoberfläche finden sich gar keine. Dennoch ist die Zahl derselben nicht so gering, da man bereits über 160 zählt. Noch viel größer ist die Zahl der erloschenen Vulkane, von denen manche erst seit der geschichtlichen Zeit ausgetobt haben. Das sogenannte Mittelgebirge Böhmens, zwischen Teplitz und Lobositz, ist eine große Gruppe erloschener Vulkane. Die Unterscheidung zwischen erloschenen und noch thätigen Vulkanen ist aber sehr trügerisch. Im Jahre 79 n. Chr. galt der Vesuv für einen erloschenen Vulkan. Sein ehemaliger Krater bildete einen mit wildem Wein bewachsenen Thalkessel; an den Seiten seines Gipfels grünten üppige Getreidefelder und unmittelbar an seinem Fuße lagen die beiden blühenden Städte Herculanum und Pompeji in sorgloser Ruhe. Da lebte in dem genannten Jahre der für abgestorben gehaltene von Neuem wieder auf und begrub jene beiden Städte so spurlos unter seinem Auswurfe, daß man sie erst in wenigen Jahrhunderten zufällig beim Brunnengraben wiederfand. Der Epomeo auf der, Neapel gegenüberliegenden, Insel Ischia hat seinen letzten Ausbruch im Jahre 1302 gehabt und scheint vor diesem 17 Jahrhunderte lang ruhig gewesen zu sein. Vielleicht treibt ihn einstmals eine innere Macht wieder zu neuer Thätigkeit.

Um es glaublich zu finden, daß die Vulkane nichts anderes sind, als Ausführungskanäle des feuerflüssigen Erdinnern, müßte ich Dir hier eigentlich aus der Geologie nachweisen, daß die meisten unserer höchsten Berge nichts anderes sein können, als ungeheure geschmolzene Massen, welche in den früheren Zeiten der Erdbildung, wo die sogenannte Erstarrungsrinde jedenfalls noch viel dünner, als 50 Meilen war, emporgetrieben worden sind und dann zu Felsenbergen erstarrten. Dies gilt namentlich von alten [30] Granitbergen, zu denen z. B. die Berge des thüringer Waldes gehören. Unsere höchsten Gebirgszüge, die Alpen, die Anden, das Himalaja-Gebirge, sind nicht nur in ihrer Gesteinsmasse ebenfalls dieses Ursprungs, sondern sie sind, nachdem sie Millionen von Jahren als niedrigere Gebirge bestanden hatten, später durch neue Kampfbewegungen des Erdinnern zu ihrer gegenwärtigen Höhe emporgehoben worden. Daß man Ereignisse, die vor so unendlich langer Zeit stattgefunden haben, heute noch nachweisen kann, das ist eben das Verdienst und der Triumph der Geologie.

Eine wichtige Erscheinung in der Vertheilung der Vulkane auf der Erdoberfläche ist die, daß in mehreren Erdtheilen dieselben reihenweise geordnet sind. Man nennt dies Vulkan-Reihen. Zwischen Yanteles und dem Aconcagua[WS 1] in Chile sind 24 Vulkane in einer fast ganz geraden 165 Meilen langen Reihe geordnet, so daß eins in’s andere gerechnet zwischen je 2 Vulkanen ein Zwischenraum von 7 Meilen liegt. Diese Reihe folgt genau dem Zuge der Anden. Längs der Westküste von Nordamerika, von den Costarica-Staaten beginnend bis an das nordöstliche Ende von Guatemala, folgt den Biegungen der Küste in dem Zuge der Cordilleras eine Reihe von 40 noch thätigen Vulkanen, auf welcher die einzelnen Vulkane allerdings in sehr ungleichen Abständen liegen und an einigen Stellen gruppenweise gehäuft sind. Solche Vulkangruppen kommen anderwärts auch für sich vor, und zwar meist aus haufenförmigen Inselgruppen. Dahin gehören unter anderm die Galapagos-, die Sandwich- und die Societäts-Inseln.

Wenn nun diesen Thatsachen gegenüber anderwärts auf großer Ausdehnung gar keine thätigen Vulkane zu finden sind, wie z. B. in dem Centrum von Europa, so liegt die Vermuthung wohl nahe genug, daß jene Vulkanreihen und Vulkangruppen unter sich in Verbindung stehen; und es gewinnt die Erklärungsweise sehr viele Wahrscheinlichkeit, daß die zu einer Reihe gehörenden Vulkane alle zusammen mit einem Spalte in Verbindung stehen, welcher unter ihnen die feste Erdrinde auf ihrer innern Seite hat. Durch diesen Spalt mag die Verbindung des Centralfeuers mit der Oberfläche der Erde erleichtert sein und ihr überhaupt dadurch näher als anderwärts liegen. Einstmals mochten die Spalten mehr oder weniger durchgehends bis herauf gehen, wodurch eben z. B. jene genannten Bergketten emporgethürmt wurden. Mehrere zwischen den noch thätigen Vulkanen liegende erloschene beweisen, daß die Verbindung zwischen dem Erdinneren und der Oberfläche früher beträchtlich war. Heute ist nur die genannte Zahl übrig geblieben. Für diese Erklärungsweise der Vulkanthätigkeit und der reihenweisen Anordnung derselben spricht auch noch der Umstand, daß sich auf dem Punkte, wo sich zwei Vulkanreihen durchkreuzen, gewöhnlich eine Vulkangruppe befindet. Denn es ist leicht zu begreifen, daß auf dem Durchkreuzungspunkte zweier Spalten in der Erstarrungsrinde die vulkanische Thätigkeit sich am erfolgreichsten entfalten konnte.

Nun bitte ich Dich, mein kleines Bildchen zur Hand zu nehmen. Ich brauche wohl kaum vorauszuschicken, daß das Dargestellte keines Menschen Auge gesehen hat, noch jemals sehen wird. Es ist eben eine Veranschaulichung des in Uebereinstimmung mit den Naturgesetzen und andern ähnlichen Erscheinungen übereinstimmend Gedachten. Eine solche Darstellung nennt man deshalb ein Schema. Das vorliegende stellt Dir den senkrechten Durchschnitt eines Stückes der Erstarrungsrinde unserer Erde dar, von der Oberfläche derselben, a, bis an ihre innere Grenze, b, über dem Heerde des Centralfeuers e, e, e. Die Entfernung von a bis b beträgt also 50 Meilen, die angenommene Dicke der Erstarrungsrinde. Was über der Linie a, a, liegt ist also ein Stück Erdoberfläche. Auf demselben siehst Du rechts das Meer, dicht daneben einen Vulkan, von dem sich in einer etwas gekrümmten Linie nach links eine Bergkette, d, d, d, hinzieht. Auf dieser zeichnen sich noch 3 andere Vulkane aus. Mein in Gedanken gemachter senkrechter Durchschnitt geht von der Spitze des ersten Vulkans durch dessen Eruptionskanal abwärts; dieser wird unten immer weiter und mündet unten in einen weiten Spalt c, der einen innern Seite der Erstarrungsrinde aus. Darunter liegt nun der furchtbare Heerd des Centralfeuers, e, e, e, der in der Wirklichkeit freilich nicht so schwarz aussehen wird, wie auf meinem Schema. Du wirst Dich nach meiner Zeichnung leicht hinein finden, wenn ich nur hinzufüge, daß wie oben die Bergkette sich unten in derselben Richtung, wie es die Punktlinie c, c, andeutet, der Spalt fortsetzt, dessen Querschnitt wir bei c sehen. Von dem 2. 3. und 4. Vulkane ausgehende senkrechten Punktlinien, die auf die Punktlinie c, c, fallen, zeigen Dir den Zusammenhang dieser Vulkane mit demselben Spalte der Erdrinde, mit dem wir bei c den ersten Vulkan zusammenhängen sehen.

Wo der Eruptionskanal des ersten Vulkans die verschiedenen Schichten der Erdrinde durchbrochen hat, zeigen sie sich geklüftet und gehoben, und namentlich die oberen weithin von Spalten durchzogen. Diese Spalten sind ohne Zweifel die Fortpflanzungsorgane, durch welche sich heftige Ausbrüche von Vulkanen zuweilen auf weiten Umkreis erdbebenartig ausbreiten.

Doch von diesen, wie von einigen näheren Beziehungen der Vulkane ein andermal.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Aconcagna