Ein großer Mann im niedern Stande

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein großer Mann im niedern Stande
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 26-28
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[26]

Ein großer Mann im niedern Stande.

Mögen Andere, wenn sie es nicht lassen können, von Verbrechern erzählen, von deren Thaten man ohne Grauen und Hautschauern nicht hören kann; ich meines Theils will Ihnen gelegentlich von Männern oder Frauen berichten, von welchen unseres Bürger’s Worte auch gelten:

Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang.

Ich will Ihnen von solchen Edeln aus unsern Tagen erzählen, wäre es auch nur, damit die Leser erkennen und bekennen: es giebt doch noch brave, ja große Menschen! [27] Man hört leider so oft die traurigen Worte: die Welt wird schlimmer, die Menschen werden schlechter.

Die Reihe eröffne ein armer Mann, der zwölf Stunden täglich arbeiten, schwer arbeiten muß, um für sich und die Seinigen Brot zu verdienen, trotzdem aber seit vierzehn Jahren Zeit gefunden hat, für das Wohl seiner Mitmenschen so viel zu thun wie selten Einer. Dieser Mann ist Thomas Wright in Manchester. (Ausgesprochen wird der Name: Reit.)

„Von dem haben wir noch niemals etwas gehört.“

Das glaube ich wohl; die Welt spricht von ihren besten Bürgern am wenigsten.

Dieser Thomas Wright ist ein Mann von dreiundsechszig Jahren; er hat siebenundvierzig davon in einer großen Eisengießerei gearbeitet, in welcher er jetzt Werkführer ist. Täglich beginnt seine Arbeit früh um fünf Uhr und dauert bis sechs Uhr Abends, und so anstrengend hat er siebenundvierzig Jahre gearbeitet, um sich und seine Angehörigen zu erhalten. Dieser Angehörigen sind nicht Wenige; er hat neunzehn Kinder gehabt und bisweilen erwarteten auch Enkel ihr Brot von ihm. Wie groß sein Verdienst sein mag, kann man sich leicht denken.

Ein Mann, der so arbeitet und dabei in seinem Hause ein exemplarisches Leben führt, hat wohl Anspruch, nach der Anstrengung an Ruhe und Schlaf zu denken. Was kann er auch noch thun, dem so wenig freie Stunden übrig bleiben? Nun, Thomas Wright, der arme Mann, der Mann der harten Arbeit, der bescheidene stille Mann von niederer Herkunft, der nichts besaß als die wunderbare Kraft des ernsten Willens und ein Herz voll ächter Menschenliebe, hat es in seinen wenigen freien Stunden möglich gemacht, dreihundert verurtheilte Verbrecher zur Tugend zurückzuführen, die Schande von ihren Namen zu tilgen und ihnen ein ehrliches Auskommen unter ehrlichen Menschen zu geben.

Wer neigt vor einem solchen Manne nicht ehrfurchtsvoll sein Haupt?

Vor vierzehn Jahren besuchte Wright einmal an einem Sonntage ein Gefängniß in Manchester und was er da sah, machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er wußte recht wohl, daß die Gefangenen, wenn sie entlassen worden, mit dem Zuchthausflecken an sich überall vergeblich Beschäftigung suchen, daß die Menschen ihnen die Möglichkeit der Besserung entziehen und sie zwingen würden, den Weg des Verbrechens wiederum zu betreten, – um nicht zu verhungern. Lange beschäftigten sich seine Gedanken mit diesem Unglück, bis er endlich sich entschloß, so viel er vermöchte, ein Freund derer zu werden, die keinen Helfer hätten.

Der Hausgeistliche erkannte sehr bald, wen er in dem einfachen Manne vor sich habe und nach einiger Zeit wurde demselben ein Verurtheilter überwiesen, an welchem er einen Versuch machen durfte. Wright ergriff mit Ernst die ihm gegebene Gelegenheit. Er hatte allerdings den Vortheil, als Arbeiter mit dem Arbeiter sprechen zu können. Er stellte ihm den Vorzug eines ehrlichen Lebens vor und sagte ihm, daß der Himmel bereuete Schuld aus der Rechnung streiche. Warm kamen seine Worte aus warmen Herzen und der Verurtheilte mußte fühlen, daß sie nicht bloße Lippentheilnahme waren, er mußte in dem Arbeitsmanne, der zu ihm in den Kerker kam und also mit ihm sprach, einen ungewöhnlichen Menschen erkennen. Als Wright sich überzeugt hatte, daß seine Worte Eindruck gemacht, verpflichtete er sich, seinem Freund beizustehn, ihm Arbeit zu verschaffen und im Nothfalle für seine gute Aufführung Bürgschaft zu leisten. Er hielt sein Versprechen und der ehemalige Gefangene ist seitdem ein fleißiger Arbeiter und redlicher Staatsbürger gewesen.

So begann die Arbeit, in so bescheidener Stille, mit so redlichem Ernst und gleich jedem bescheidenen ernsten Mühen mit dem Segen des Gedeihens. Und so sind durch diesen einzigen Mann in einer Zeit von vierzehn Jahren Hunderte dem Frieden ihres Gewissens wiedergegeben und zu braven Bürgern gemacht worden. Wright führte reuige Ehemänner ihren Frauen, gebesserte Väter den verlassenen Kindern zu. Ohne sich in Schulden zu stecken, obwohl er eine große Familie von kleinem Verdienst zu erhalten hatte, vermochte er von dem Wenigen zu ersparen, indem er sich mit dem Allerunentbehrlichsten begnügte, damit er da, wo ein Ausgestoßener in die Gesellschaft wieder einzuführen war, Kleider und etwas Geld für den Anfang zu geben habe.

Wright gehört nicht der englischen Hochkirche an, ist also nicht bigott; mit so ächter allgemeiner Menschenliebe kann auch Frömmelei nicht bestehen. Er bemüht sich in dem Verurtheilten im Kerker nur das religiöse Gefühl wieder zu wecken; er spricht nur von den einfachsten Lehren des Christenthums – keiner besondern Kirche – er verlangt nichts weiter, als daß die, welche ihm vertrauen, einmal in der Woche irgend eine Kirche besuchen. In der Kirche, in welche er selbst geht, erblickt er überall, wohin sein Auge sich wendet, Familien, die durch ihn da sind, Männer, die er von den schlimmsten Wegen mit sanfter Hand zurück geführt und die nun andächtig neben ihren Kindern und Frauen knien. Sind diese Familien nicht lebendig und sichtbar gewordene Gebete?

Alles dies ist ganz in der Stille geschehen. Wegen eines jeden Ausgestoßenen hatte Wright mit seinem Arbeitsherrn oder mit andern besonders zu unterhandeln; viele arbeiten jetzt unter ihm und sein Wort ist nun überall eine Empfehlung selbst für entlassene Zuchthäusler. Sonst wurde er wohl oft abgewiesen, aber er ging unverdrossen von Einem zu dem Andern, er gab seinen eigenen Wochenlohn als Bürgschaft, er unterstützte die Unbeschäftigten so weit als möglich aus eigenen Mitteln und bestrebte sich mit unermüdlichem Eifer, durch Wort und Brief sie mit verletzten Verwandten oder Freunden wieder auszusöhnen. Freilich sieht man es dem Mann an, der noch täglich zwölf Stunden für seine Familie, sechs oder acht für unglückliche Mitmenschen arbeitet, daß er seinem eigenen Körper nur die nöthigste Nahrung und vier Stunden Schlaf nach schwerer Arbeit gönnt. Dreiundsechszig Jahre ist er alt geworden und unverdrossen, unermüdet geht er seinen Weg weiter.

Kein öffentlicher lauter Beifall hat sein Ohr erfreut und er suchte keinen. Das Gelingen seiner Mühen war sein Lohn. Einige Frauen nur sind zusammengetreten und haben ihm eine kleine Summe zur Verfügung gestellt, von der er gelegentlich für seine Armen Gebrauch macht. Gefängnißaufseher erwähnten ihn allmälig in ihren Berichten an die Regierung; endlich haben sie anerkannt, daß die Arbeiten des einfachen Mannes „über alles Lob erhaben sind“. Sie sammelten Aussagen von solchen, die durch [28] ihn gerettet wurden. „Vor fünf Jahren,“ sagte Einer, „wurde ich verurtheilt. Als ich meine Strafe gelitten hatte, konnte ich keine Arbeit finden. Ich ging zu meinem früheren Principal, um ihn zu bitten, mich wieder anzunehmen. Vergebens. Da lernte mich Wright kennen; er sah, daß ich ernstlich mich bessern wollte und er verschaffte mir Arbeit. Jetzt habe ich eine Frau und vier Kinder; ohne Wright wäre ich verloren gewesen.“

Ein anderer schließt seine traurige Geschichte mit den Worten: „ich befinde mich jetzt so, daß ich jedem Armen ein ähnliches Loos wünsche; ich trinke nicht und fluche nicht; ich habe Ruhe in meinem Gewissen und Frieden in meinem Hause. Sonst war ich so schlecht als der Schlechteste in Manchester. Mein Weib kann ihr Glück kaum begreifen; meine Jungen geben in die Schule, meine Mädchen auch. Das Alles verdanke ich Wright. Gott segne ihn!“

Wäre der Geist eines Wright allgemeiner verbreitet, so würde die Zahl der Gefallenen um vieles geringer sein; wir Alle tragen durch unsere Trägheit die Schuld, daß die Zuchthäuser so reichlich gefüllt sind; denn was ein Mensch mit ernstem Willen vermag, lehrt uns der edle Wright.

Aber, fragen die Leser, thut denn das reiche England gar nichts für einen Mann, der für dasselbe so viel gethan? Hm! Zu solchen Zwecken hat es auch kein Geld; es muß ja eine Million für den Begräbnißpomp Wellington’s geben, es muß Leuten, die ein halbes Jahr Minister waren, für ihr ganzes übriges Leben eine jährliche Pension von 5000 Pfd. St. zahlen. Manchester, das reiche, indeß fängt an sich zu schämen. Es sind einige Männer dort zusammengetreten, die dem armen Wright für die wenigen Jahre, welche er noch zu leben haben mag, die Summe zahlen wollen, die er jetzt mit schwerer Arbeit verdiente, damit er ausruhe und sich allein seinen Unglücklichen widme. Was man aber auch thun möge, vergelten kann man dem Manne nicht was er gethan und doch – nicht wahr?

Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang.