Aus unserem papiernen Zeitalter

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Autor: Apianus
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Titel: Aus unserem papiernen Zeitalter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 730, 732–734
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Herstellung und Verwendung von Papier
hierzu Ergänzung in Heft 46, S. 750: Fässer aus Papier
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Aus unserem papiernen Zeitalter.


Fabrikation von Briefcouverts und Düten. – Die Cartonnagen, Attrapen und Papierlaternen. – Kleider aus Papier. – Papier-Gardinen. – Erzeugnisse des Buntdrucks: Pathenbriefe und Luxusbriefbogen. – Bouquet-Manschetten und Torten-Unterlagen. – Die Herstellung des Papiers und Surrogate für den Stoff desselben.


Ob die Alten, welche von einem goldenen, silbernen und eisernen Zeitalter der Menschheit zu sprechen pflegten, sich wohl etwas von einem „papiernen“ hätten träumen lassen? Gas- und Wasserleitungsröhren, die bei nur einem Centimeter Wandstärke fünfzehn Atmosphären Ueberdruck aushalten, Eisenbahnräder, welche sich durch geringe Abnutzung und Elasticität auszeichnen, ganze Wohnhäuser und Kirchen werden aus Papier hergestellt, ja die Japaner tragen sogar aus ihren vorzüglicher Papieren gefertigte Kleider, Taschentücher und Schirme und ihre Papierfächer haben sich, so häßlich sie sonst sein mögen, seit der Wiener Weltausstellung, wo sie rasend gekauft wurden, einen Markt in Europa geschaffen.

Obwohl die Papierwaaren-Fabrikation bei uns verhältnißmäßig neuen Datums ist – abgesehen von der Futteralmacher- und Buchbinderkunst – hat sie doch schon eine nicht geringe Bedeutung im Binnen- und Exporthandel erlangt.

Der einfachste und nicht unbedeutendste Zweig derselben ist unstreitig die Maschinen-Couvertfabrikation, aus England zu uns gelangt, welche ihre deutsche Wiege in Elberfeld gefunden hat. Großartige Etablissements mit Dampfbetrieb und vielen Arbeitern sind dort Jahr aus, Jahr ein beschäftigt, dem Verkehre diese so bequemen Briefhülsen in den verschiedensten Formaten und Papiersorten zu Preisen zu liefern, welche eine Concurrenz der Hausindustrie gänzlich ausschließen. Das linksrheinische, nicht zu entfernte Düren, berühmt durch den Erfolg, mit welchem es die den deutschen Markt früher fast ausschließlich beherrschenden feineren englischen und französischen Briefpapiere zu ersetzen, ja zu übertreffen gewußt hat, liefert die feinen Couvertpapiere, während die westphälische blühende Papierfabrikation in Stadtberg, Osnabrück, Hemer etc. sowie belgische Fabriken den überwiegend größern Bedarf in mittleren und billigen Papieren decken, der bei einer Jahresproduction von circa tausend Millionen Stück immerhin ein bedeutender genannt werden kann.[WS 1]

Wie aus früheren Jahrgängen der Gartenlaube ersichtlich, ist die Anpreisung dieses verhältnißmäßig neuen Fabrikationszweiges als sehr ergiebiges Erwerbsmittel von speculativen Köpfen benutzt worden. Wer sich durch solch eine Annonce verführen ließ, seinen Thaler einzusenden, bekam eine sauber gedruckte Anweisung „Couverts zu machen“, worin wenig genug von der Fabrikation, desto mehr aber von dem voraussichtlichen Nutzen gesprochen wurde.

Die Fabrikationsvortheile beruhen im Wesentlichen auf mit der Handhabung von Papier eingeschulten Leuten und guten, correct arbeitenden Maschinen, welche der Handarbeit wenig zu thun übrig lassen, also das Umbrechen, Kleben, Stempeln und Zählen selbst besorgen. Die Papierstücken müssen in ausgestanztem Zustande der Maschine aufgelegt werden, und kann eine gute Couvertmaschine achtundzwanzig- bis dreißigtausend Stück täglich liefern. Begreiflicher Weise sind die Anforderungen, die das vielköpfige Publicum an die Couverterzeugung stellt, sehr verschieden, zunächst betreffs der Formate. Es giebt deren, welche groß genug sind, um ein Zwanzigmarkstück gerade zu umhüllen, es giebt aber auch solche von der Größe umfangreicher Actenstücke. Die gebräuchlichsten können natürlich am billigsten hergestellt werden, und gilt dies namentlich von dem gewöhnlichen Postcouvert, welches einen Briefquartbogen einmal quer, zweimal lang gebrochen aufnimmt. Die unverhältnißmäßige Billigkeit dieses Couverts wird auf Kosten der Güte durch den Umstand erzielt, daß man die gewöhnlichen Gebrauchssorten fast nur noch mit sparsamem Zuschnitt der Couvertklappe in den Handel bringt. Das große Postcouvert, zur Aufnahme eines über’s Kreuz gefalteten Quartbriefbogens, unterliegt diesem Uebelstande weniger. Das Damencouvert, für dreimal auf der Langseite gebrochene Octavbriefbogen, wird aus ein- und zweiseitig gefärbtem Briefpapiere vom schönen Geschlechte besonders stark benutzt, während das Kartencouvert, für über’s Kreuz gefaltete Octavbriefbogen, sich besonders zu Festeszeiten einer starken Verwendung erfreut. Die Geldcouverts haben, trotz der Concurrenz der Postanweisungen, sich in der Gunst des Publicums erhalten, zunächst als allerdings zu tadelndes Mittel, sich des an Ort und Stelle nicht cassenfähigen Papiergeldes kostenlos zu entledigen, dann aber auch als billigeres Beförderungsmittel für größere Papiergeldsendungen auf kürzere Entfernungen. Die neuen Zweisiegelcouverts mit hochgeschlossenen Seitenklappen, deren oberer Theil zugleich mit der Schlußklappe umgefaltet wird, bieten, obgleich sie nur zwei Siegel tragen, doch größere Beförderungssicherheit, als die frühern Fünfsiegelcouverts.

Durch Einführung der Packetbegleitadressen ist das Couvert als Packetbegleiter dem großen Publicum zwar entbehrlich gemacht worden, allein es hat bei der zahlreichen Beförderung mancher Firmen nunmehr seinen Platz auf der Außenseite der Sendung selbst, zur Aufnahme des Begleitbriefes gefunden. Für letztere Zwecke werden meist starke, gröbere Papiersorten verwendet; für Geldcouverts kommt zuweilen stoffunterklebtes Papier (Papyrolin) zur Anwendung. Die amerikanisch-gelben Couverts, in den billigsten Sorten dem Strohpapier sehr ähnelnd, in den bessern Arten die feinsten Lederfarben mit hohem Glanze zeigend, haben für das correspondirende Publicum den Vortheil, daß, ebenso wie bei blauen Couverts, die Einlage nicht durch das Papier hindurch von Unberufenen gelesen werden kann. Die neuerdings stark, zuerst von Oesterreich aus in Gebrauch gekommenen Hanfcouverts zeichnen sich durch große Festigkeit bei geringem Gewichte aus, ein wesentlicher Vortheil bei überseeischer oder nach Frankreich gerichteter Correspondenz.

Im Gegensatze zur Couvertfabrikation ist die Dütenfabrikation meist Hausindustrie. Die früher und hier und da noch heute übliche Anfertigung durch die Lehrlinge der Colonialwaarenkaufleute in deren wenigen Mußestunden hat jetzt meist vor der Erkenntniß weichen müssen, daß die mit Hülfe der Papierschneidemaschine hergestellten Düten besser und billiger ausfallen und für ein Geringes mehr gleich mit einer Empfehlungskarte bedruckt werden können.

Mit der riesigen Entwickelung der Maschinenpapierfabrikation in Deutschland (von zwölf Maschinen im Jahre 1840 auf etwa [732] dreihundert gegenwärtig), womit die englischen Papiermaschinen an Zahl, wenn auch nicht an Production überflügelt worden sind, ist aber noch eine ganze Reihe von Industrieen entstanden.

Hierher gehört die Papierdecorations- und Cartonnagenindustrie, erstere in Dresden, letztere im sächsischen Erzgebirge (Adler in Buchholz), sowie in Lahr, der Heimath des „hinkenden Boten“, zur Hauptblüthe gelangt. Was nur die kühnste Phantasie zu erdenken vermochte, ist hier in Farbe und papierner Gestalt schon verkörpert worden, besonders aber hat sich Karl Wenzel in Dresden nicht nur die Herzen der Kinderwelt durch seine gelungenen Papphelme und Rüstungen, sowie seine prächtigen Christbaumverzierungen und Ostereier alljährlich auf’s Neue erobert; er hat auch im Bereiche der Balldecorationen, durch die prächtigsten Orden und Cotillonstouren, zu denen er immer noch Neues hinzuschafft, die ausgebreitete Verwendbarkeit des Papiers auf’s Schlagendste nachgewiesen. Wahrhaft großartig hat besonders die Phantasie bei den „närrischen“ Kopfbedeckungen gewaltet, und hat zum Aufblühen dieses Industriezweiges namentlich der Leipziger Carneval beigetragen. Es unterscheiden sich diese Kopfbedeckungen von den seidenpapiernen, komischen Einlagen der bekannten Knallhülsen (Knallbonbons mit Kopfbedeckungen, sowie ganzen Anzügen etc.), welche nur als Attrape dienen sollen, durch dazu verwendetes festes Naturpapier in lebhaften Farben, mustergültige Erfindung, reiche Verzierungen und eine über den Augenblick hinausreichende Dauer bei ihrer Benutzung.

Für die Cartonnagenfabrikation Lahrs und anderer Orte, welche den Schachtelbedarf der Apotheken, Parfümeriefabriken und Etikettendruckereien decken, ist die Verwendung des geschliffenen Holzstoffes zur Pappenfabrikation nicht ohne bedeutenden Einfluß geblieben, obgleich die Strohpappe ihres längeren Faserstoffes wegen zu vielen Cartonnagensorten immer noch vorgezogen wird. Die reizendsten Producte dieses Industriezweiges werden aber unstreitig in Wurzen hergestellt. Die Herren Zimmermann und Breiter beschäftigen in ihrem sehr gut geleiteten Etablissement meist Mädchen mit Herstellung der saubersten, zierlichsten Sächelchen (Nippes) aus Papier.

Die so beliebten Attrapen dagegen liefert der Thüringer Wald (Ilmenau) vermittels seiner dort heimischen Papiermachéfabrikation, und mancher biedere Deutsche, der, an den reich aufgeputzten Schaufenstern unserer Großstädte vorüberwandelnd, die ausgestellten Gerichte, Eßwaaren etc. bewundert, läßt es sich nicht träumen, daß diese Schaustücke häufig nur Copieen der wohlschmeckenden Originale sind, welche dem Thüringer Walde ihren Ursprung verdanken. Im Schaufenster verdarb früher so manches, z. B. die Handschuhe, die wohl in den meisten Läden jetzt, aus Papier täuschend nachgemacht, ausliegen, da auch das Leder wie die Eßwaaren höchst empfindlich gegen Licht und Luft ist.

Einen besonders starken Aufschwung erlebte seit 1870 die Papierlaternenfabrikation, stark in Leipzig und Umgegend blühend.

Endlich einmal hatten die Deutschen Ursache, alle vereint zu illuminiren und Lichtfeste in Scene zu setzen, die wahrscheinlich denen unserer darin besser bewanderten italienischen Nachbarn (siehe Gartenlaube 1867) nahe gekommen sind.

Die Papierlaternen, in Ballons-, Zug- und Formlaternen unterschieden, verlangen nicht zu steifes, festes, gutgeleimtes Papier von blendender Weiße als Material. Das Gerippe, beziehentlich Deckel und Boden, wird jetzt meist aus Holzpappe gefertigt; die Farben sind mit Schablone nicht zu dick aufgetragen, um das Licht auch an den farbigen Stellen durchdringen zu lassen. Die japanischen und chinesischen Laternen zeichnen sich vor den deutschen besonders durch die Güte des dazu verwandten Papiers aus, freilich auf Kosten des Preises, da die bezopften Bewohner Ostasiens nicht auf die durch den Export vorgeschriebenen billigen Preise angewiesen sind und in China der Papier- und Laternenverbrauch überhaupt zum religiösen Bedürfnisse gehört.

Bedenkt man, daß in China und Japan die Papierbereitung aus einer in ihrer Wirkung unserer Flachsröste ähnlichen Behandlung aller möglichen Stoffe (nur nicht Lumpen) besteht, deren Fasern, um einer Verkürzung, wie bei unsern Holländern, vorzubeugen, durch hölzerne Stampfen zerquetscht werden, so wird man die Güte des chinesischen Papiers und dessen mannigfache Verwendungsfähigkeit zur Papierwaarenfabrikation, wenn der hohe Preis dem nicht entgegenstände, begreifen. Aus derartigem Papiere gemachte Kleider, wie in China häufig, würden jedoch in Deutschland auf unüberwindliche Hindernisse stoßen, die in Sitte und Klima begründet sind, wie die in Darmstadt erfundenen, den grauen Herrenfilzhüten täuschend ähnlichen Papierhüte bei ihrer versuchten Einführung 1869 bis 1870 dargethan haben. Die ungemeine Leichtigkeit dieser Kopfbedeckung (60 bis 100 Gramm), die Wasserdichtigkeit, welche durch einen Schellacküberzug der wollpapiernen Kopfform, sobald sie dem Holzmodell angepaßt war, erzielt wurde, die vollständig den feinsten Filzhüten gleiche Garnirung der aus Preßspahn (lederartige Pappe) bereiteten Krempe und endlich die ungemeine Billigkeit (circa ein Viertel des Filzhutpreises) konnten nicht das Vorurtheil gegen Papierkleidung in diesem Stücke überwinden. Bessere Erfolge hat die Papierwäsche zu verzeichnen, deren Fabrikation außer in Leipzig (siehe Nr. 23 der Gartenlaube „Ueberwundenes Vorurtheil in einer Bagatellsache“) auch in Berlin eine große Rolle spielt, und werden getollte Unterrockbesätze, sowie Ballwesten aus piquéartigem Papiere mit Zeugrücken zum Anknöpfen zunächst den Kampf gegen dieses Vorurtheil zu bestehen haben.

Ein dem japanischen Papier sehr ähnlicher Stoff wird neuerdings in Chilworth (England) aus Halfa oder Espartogras, welches in kolossalen Massen aus Spanien, Algerien und Tunis nach England eingeführt wird, in Verbindung mit allen möglichen pflanzlichen und thierischen Abfällen fabricirt. Der Preis der Halfa bis an Bord der Schiffe ist nicht höher als der des Heues in Deutschland. Die zu Halbzeug vorbereiteten Rohmaterialien werden nach vorgenommenem alkalischem Waschproceß chemisch gebleicht und gleichzeitig in einen Brei verwandelt, welcher durch verschiedene Bottiche mit Rührapparaten hindurch auf die Papiermaschine gelangt. Aus dieser in Form eines dichten Filzes hervorgehend, wird das nun fertige Erzeugniß einer starken Pressung unterworfen, welche dem Papier eine piquéartige Textur verleiht. Dies ist das Material für die neuerdings von A. und E. Kaufmann in Berlin in den Handel gebrachten prachtvollen japanischen Gardinen von Pavy und Pretto, diesen für den großen Consum berechneten Imitationen jener kostbaren orientalischen Stoffe, die, weil sie oft ganze Menschenalter zu ihrer Herstellung fordern, nur den Reichen und Großen zugänglich sind.

Auf gedeckter Grundfarbe erscheinen, der orientalischen Phantasie entsprechend, die herrlichsten Zeichnungen von Vögeln, Blumen und Arabesken in den lebhaftesten Farben und der geschmackvollsten Zusammenstellung. Diese Stoffe machen denselben Eindruck, wie die schwersten Gobelins, Damaste und Seidenportièren, ohne der Vergänglichkeit derselben in Folge von Staub und Licht unterworfen zu sein. Auch Muster einfacherer Art, bis zur Nachahmung Elsässer Kattune herab, werden, natürlich entsprechend billiger, auf’s Geschmackvollste hergestellt. Der Faltenwurf ist in Folge der Weichheit und Schmiegsamkeit dieses Papieres dem gewebter Stoffe völlig gleich; statt des umständlichen, kostspieligen Waschens bedarf es nur öfteren Abstäubens, und betragen die Herstellungskosten höchstens ein Zehntel des Preises der Damastgardinen. Die Rückseite der Papiergardinen kann der Vorderseite entsprechend hergestellt werden, besteht aber meist nur aus einem Futter gleichen Stoffes mit hellen Kattundruckmustern.

In das Bereich der Papierwaarenfabrikation gehören auch die mannigfaltigen Erzeugnisse des Buntdrucks, welche wir in Form von Gratulationskarten, ausgeschlagenen Blümchen und Figürchen für Kinder, Pathenbriefen, decorirten Briefbogen und Papeterien jetzt allgemein in den Handel kommen sehen, und welche man insgesammt mit dem Ausdrucke Luxuspapier bezeichnet. Abgesehen von den zahlreichen Lithographen und Druckern, welche die vielen Fabriken dieser Branche, behufs Herstellung der nöthigen Buntdruckbogen (zugleich Decorationsmaterial für Cartonnagenfabriken, sowie verkehrt gedruckt als Abziehbilder zum Malereiersatz dienend) beschäftigen, bedarf die Gratulationskartenfabrikation in Berlin allein einige Tausend Arbeiterinnen. Hervorragende Künstler sind stets mit Lieferung auf’s Beste bezahlter Originalarbeiten beschäftigt, und die Fabrikanten überbieten sich beim Beginn jeder Saison (Weihnachtszeit) gegenseitig in überraschenden Neuheiten einfacher und zusammengesetzter Art. Auch der verwöhnteste Geschmack findet hier Befriedigung, da die Mechanik bei Zusammensetzung dieser Karten durch Hebelvorrichtungen, [733] Federkraftbenutzung etc. das Ihrige geleistet, um eine überraschende Wirkung hervorzubringen.

Auch in reich ausgestatteter Couvertform mit wohlriechender Einlage finden diese Karten ihren Weg in außerdeutsche und überseeische Länder, und durch die mit Krepp und Seide verzierten, ähnlich fabricirten Pathenbriefe haben sich in streng protestantischen Gegenden unter gewissen bunten Heiligenbildern sogar eine wächserne Art derselben eingebürgert. In Folge der hierbei nöthig gewordenen mannigfaltigen Buntdruckreliefs zur Fabrikation dieser Karten haben sich in neuerer Zeit die meisten dieser Fabriken auf massenhafte Herstellung zum Verkauf geeigneter billiger Reliefs geworfen. In der Verbreitung und Beliebtheit derselben bei der Kinderwelt dürfte das beste Gegenmittel gegen die oft zweck- und sinnlose Briefmarkenmanie um so mehr zu finden sein, als auch der Anschauungsunterricht und der Sinn für Formenvollendung und Schönheitsgefühl wesentlich dadurch gefördert werden. Wer zumal die reizenden deutschen Märchen mit Versen in ihrer knappen Form und höchst künstlerischen Ausführung im Verhältniß des kleinen Raumes je gesehen, der wird das obige Urtheil nur unterschreiben können. Daß der Export in diesen Reliefs ein bedeutender ist, ja der bei weitem größte Theil des englischen Weltmarktes in Deutschland gedeckt wird, das beweisen die zahlreichen Auflagen in fremden Sprachen und die leider häufig vorkommende englische Grossistenmarke. Anerkennung in dieser Richtung verdient das renommirte chromolithographische Etablissement von Meißner und Buch in Leipzig, welches trotz bedeutenden Exports sich nie zur Anwendung anderer als seiner eigenen Herstellungsmarke herbeigelassen hat.

Der Verbrauch von Luxusbriefbogen und Papeterien ist seit einigen Jahren durch die in Aufnahme gekommene Papierconfection etwas in den Hintergrund gedrängt worden, welche auf Papier und Couverts dem jeweiligen Bedürfniß entsprechende Initialen, Figuren, Blumen etc. reichverziert, mittels Handprägepresse in beliebig kleinen Auflagen herstellt.

Eine Abzweigung der Luxuspapierfabrikation bildet noch die Fabrikation der Spitzenstreifen, Bouquetmanschetten und Tortenunterlagen, welche meist eigene Fabrikwerkstätten besitzt. Auch hier hat Berlin unstreitig in Bezug auf Größe der Production und Schönheit der Formen den Vorrang, sogar vor dem früher hierin dominirenden Paris. Die mit Bleihämmern entweder streifen- oder tellerförmig ausgeschlagenen, zarten Muster finden ihre Verwendung zunächst zum Decoriren der zu exportirenden Manufactur- und Weißwaaren, besonders aber zum Ausputz von Puppen, Schachteln, Kästchen, Schränken, Blumentöpfen und – Särgen. Der wahrhaft großartige Aufschwung, den seit einigen Jahren die Zierblumencultur durch die üblich gewordenen riesigen Bouquets genommen hat, ist, so sehr letztere Unsitte von ästhetischem Standpunkte aus zu tadeln sein mag, doch von gewaltigem Einflusse auf diese Branche geworden. Es kommen Bouquetmanschetten im Preise bis zu zehn Thalern zur Verwendung, deren Herstellung eine geübte Arbeiterin Tage lang beschäftigt, bei denen das kostbarste Material an Sammt, Krepp, echten Seidenstoffen und echten Spitzen in Verbindung mit künstlichen Blumen nicht gespart wird, und wo das Papier häufig nur das Gerippe bildet. Der große Consum hält sich jedoch an die sauberen Bogendüten von Spitzenpapier, welche allen Anforderungen des guten Geschmacks entgegenkommen, indem sie zu einem mäßigen Preis eine höchst anmuthige Umhüllung der Blumenspende darbieten. Die dafür angewendeten Muster bestehen entweder aus Blattwerk oder aus Spitzennachahmung. Der Buntdruck ist gleichfalls zur Decorirung dieser Spitzen thätig gewesen, ohne, mit Ausnahme der zu Gedenkhochzeiten verwendbaren Blattmetallverzierung, irgend welche nennenswerthe Resultate erzielt zu haben. Ein ähnliches Fabrikationsverfahren wird zur Herstellung von Goldborden und papierenen Sargverzierungen, welche letzteren die zinnernen fast allgemein verdrängt haben, sowie von Lampenschirmen, Lampenschleiern und Patentpapierbuchstaben (zur Anfertigung von Firmen und Schildern) angewendet.

Begreiflicherweise sind bei dieser Ausdehnung der Papierwaarenfabrikation der vermehrte Papierverbrauch und die dadurch hervorgerufene Preissteigerung der verwendbaren Rohmaterialien vom höchsten Einflusse auf alle Schreib- und Druckpapier verbrauchenden Unternehmungen. Da die Zunahme der allgemeinen Volksbildung offenbar von der billigen Herstellbarkeit letzterer Papiersorten abhängig ist, so hat sich von jeher die technische Wissenschaft mit der Aufsuchung billiger, leicht zu beschaffener Faserstoffe beschäftigt. Natürlich war von vornherein von der Benutzung spinnfähiger Faserstoffe wegen deren lohnenderer Verwendung zu Geweben aller Art abzusehen, umsomehr, da deren unbedingt erforderliche Eigenschaft, die Kräuselungsfähigkeit der Fasern, nicht zum Erforderniß der Papierbereitung gehört. Letztere verlangt nur eine Verfilzungsfähigkeit der Fasern, am besten so, daß die Fasern, mikroskopisch betrachtet, an den Enden spitz zulaufen. Wenn nun auch durch die heutzutage so billigen Transportwege besonders geeignete Faserstoffe (wie oben die Halfa) zum Zwecke der Papierbereitung unschwer zu importiren sind, so wird sich doch im Allgemeinen die Nothwendigkeit für billige Papierbereitung herausstellen, die jedem Klima entsprechenden billigen Faserstoffe an Ort und Stelle aufzufinden, respective zu erzeugen.

Die von den Alten benutzten Palmenblätter, auf denen nach Virgil das Buch der cumanischen Sibylle geschrieben war, ferner die innere, Liber genannte, leicht ablösbare, zum Gebrauch mit einem Mehlüberzug zu versehende Rinde der am Ausflusse des Nil und Euphrat massenhaft wachsenden Papyrusstaude, sowie der Pappeln, Eschen, Ulmen und Linden, letztere nach Quintus Septimius zur ältesten Niederschrift der Iliade benutzt, waren bereits zu Augustus Zeiten durch eine Papiersorte (empirotica), welche aus Lumpen gemacht wurde, vermehrt; es wurden in der Folge, nachdem sich dieses ursprünglich schlechteste Papier durch die Erfindung der nassen Stampfmühlen etwas vervollkommnet hatte, alle erstgenannten Materialien, insoweit nicht Pergament zur Anwendung kam, durch das Lumpenpapier ersetzt.

In Folge Einführung des Holländers, eines drehbaren Messers zum Zermalmen der Lumpen, mußte auch das Pergament dem nunmehr allen Anforderungen entsprechenden Papiere weichen. Nachdem jedoch die Lumpen immer mehr im Verhältnisse des Verbrauchs zu mangeln anfingen, war man gezwungen, auf die Materialien der Alten zurückzugehen und Blätter- sowie Holzfasern für die Fasergewinnung heranzuziehen. So bereitet man in Italien aus von Seidenraupen abgefressenen Maulbeerbaumzweigen seit neuerer Zeit ein sehr festes und feines Cigarrettenpapier. In Deutschland war durch die von Völter vor einem Jahrzehnt erfundene Holzschleifmaschine, welche allerdings im Verhältnisse der Leistung einen beträchtlichen Kraftaufwand erfordert (drei und eine halbe Pferdekraft produciren täglich nur einen Centner Holzstoff), der Weg zur billigen Faserstoffbereitung gefunden. Leider unterliegt die geschliffene Holzfaser sehr der Veränderung durch Luft und Licht, welche bei starkem Holzstoffgehalte des Papiers nach einiger Zeit zum Braunwerden, ja zum gänzlichen Zerfallen des weißesten Papiers führen kann. Dieser Uebelstand, der von der Verwendung von stark holzstoffhaltigem Papiere für andere als Tagesliteratur absehen läßt, rührt wahrscheinlich von der Entwickelung von Holzsäure bei der auf mechanischem Wege gewonnenen Faser her. Bessere Resultate hat die Chemie in der Fasergewinnung sowohl aus Holz wie aus Stroh erzielt. Letzteres war bisher überhaupt schon vielseitig zu groben Packpapieren verwendet worden und der Export darin nicht unbedeutend gewesen; der bedeutende Kieselsäuregehalt, welcher derartige Papiere hart und brüchig machte, ist, Dank der Chemie, nunmehr mit Vortheil dazu zu verwenden, den beispielsweise bei Schreibpapieren nöthigen, durch Talk- und Infusorienerde (Paperclay) erzielten Angriff des Papiers gleich durch das Fasermaterial selbst mit zu erlangen.

Dieses chemische Verfahren nach Sinclair, Ungerer, Lee u. A. besteht im Wesentlichen in der Anwendung von Dampfdruck auf die der Einwirkung einer starken Lauge ausgesetzten Holzspähne, Strohhäcksel oder sonstigen Fasermaterialien, worauf ein chemischer Bleichproceß mit der erlangten Cellulose vorgenommen wird. Andere basiren ihr Verfahren auf die Eigenschaft der Kohlenwasserstoffverbindungen (z. B. Benzin), den Faserstoffen ihr Gummi und Harz unter hoher Temperatur und starkem Drucke zu entziehen, während z. B. Keegan, erst nachdem er die Laugenflüssigkeit auf kaltem Wege durch Wassersäulendruck in die Faserbündel getrieben, das so getränkte Holz einer großen Hitze aussetzt und dann durch Waschen die Harze etc. entfernt. Den feinsten, sehr weichen und am meisten begehrten Faserstoff ergab bis jetzt das Sinclair’sche Verfahren (von Firmin Didot in Paris [734] mit sieben Maschinen angewendet). Unter dem Mikroskope zeigten derartige ziemlich lange Fasern eine bandartige, innerhalb der Bandränder häufig unterbrochene Structur, wahrscheinlich die Folge der diesem Verfahren eigenthümlichen starken Laugen- und Chloranwendung. Die Wissenschaft hat jedoch ihre Versuche hierüber noch nicht abgeschlossen, während die Praxis der Papierfabrikanten durch Zusammensetzung ihres Büttenmaterials aus verschiedenartigen und verschieden zubereiteten Faserstoffen unter Zusatz von Lumpen den für jetzt richtigsten Weg eingeschlagen hat.

Schließlich bleibt noch die Verwendung der chemisch erzeugten Cellulose zu Ivorittafeln als Ersatz der zerbrechlichen beim Schreiben kreischenden Schiefertafeln, zu Billardbällen, Messerschalen und Elfenbeingriffen, zu Wurstdärmen ohne Naht, zu künstlichem Pergament und zu wasserdichten, sehr tragfähigen Booten zu erwähnen. Die Eigenschaft des Papiers, sich unter Einwirkung von Kupferoxyd-Ammoniak und anderen Säuren in eine hornartige Substanz zu verwandeln, ermöglicht die Verwendung zu so auseinander liegenden Zwecken.

Apianus.



Anmerkungen (Wikisource)