Ausgewählte Abhandlungen des Bischofs Aphraates/Abhandlung über die Liebe

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Textdaten
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Autor: Aphrahat
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Titel: Abhandlung über die Liebe
Untertitel:
aus: Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 33–51.
Herausgeber: Gustav Bickell
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 3./4. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[033]

Abhandlung über die Liebe.




Für den der Wahrheit Zugänglichen, mein Freund, hangen das ganze Gesetz und die Propheten an zwei Geboten, wie unser Erlöser sagt; Denjenigen freilich, welcher sich nicht belehren lassen will, sind selbst Gesetz und Propheten nicht im Stande zu überzeugen.[1] Denn unser Heiland spricht:[2] „An diesen zwei Geboten hängt das Gesetz und die Propheten, daß der Mensch liebe den Herrn seinen Gott von ganzer Seele, aus allen Kräften und nach all’ seinem Vermögen, und ferner, daß der Mensch seinen Nächsten liebe wie sich selbst.“ Wenn wir nun diese beiden Gebote, an welchen die ganze Kraft des Gesetzes und der Propheten hängt, betrachten, so finden wir, daß die Aufzeichnung des Gesetzes und der Propheten nicht nöthig gewesen wäre, wenn diese Gebote sich dem Herzen und Gewissen der Menschen fest eingeprägt hätten. Denn es steht geschrieben:[3] „Für die Gerechten ist das Gesetz nicht gegeben, sondern für die Sünder. Wäre aber die Gerechtigkeit unter den Menschen geblieben, so wäre kein Gesetz [034] nothwendig geworden. Jedoch wenn das Gesetz nicht gegeben worden wäre, so würde die Kraft Gottes in allen Generationen und in allen von ihm gewirkten Wunderthaten nicht erkannt worden sein. Wegen der Gebotsübertretung Adams ist der Tod über die Welt verhängt worden; aber die Allmacht Gottes wird dadurch um so sichtbarer, indem am Ende der Welt, wann dem Tode seine Gewalt genommen wird, die Menschen wieder auferstehen werden. Wegen der Gottlosen zur Zeit Noe’s zeigte sich die Macht Gottes in den Wassern der Fluth. Weil Abraham die im Gesetze vorgeschriebene Gerechtigkeit beobachtete, bevor noch das Gesetz gegeben war, so zeigte sich in seiner Gerechtigkeit die Macht Gottes, als er durch die göttliche Kraft die Gefangenschaft Sodoma’s wendete, aber von der Beute Nichts anrührte. Nach diesem Tage sprach Gott zu ihm:[4] „Du wirst einen sehr großen Lohn für deine Gerechtigkeit erhalten.“ Er, welchem kein Gesetz gegeben war, übte die Werke des Gesetzes aus, und seine Gerechtigkeit bedurfte keines Gesetzes. Ebenso hatten auch seine Nachkommen Isaak und Jakob nicht nöthig, daß ihrer Gerechtigkeit ein Gesetz gegeben werde. Denn ihr Vater wies sie an, Gerechtigkeit und Gericht zu üben, wie wir ja finden, daß der Herr von Abraham aussagte:[5] „Ich weiß, daß er seinen Söhnen nach ihm aufträgt, alle meine Gebote zu beobachten.“ Auch Joseph bewahrte die gesetzliche Gerechtigkeit, als er seiner Herrin kein Gehör schenkte. Denn er sprach: „Wie sollte ich ein so großes Übel thun und gegen Gott sündigen?“ Ebenso beobachtete Moyses die Gerechtigkeit des Gesetzes, als er nicht mehr ein Sohn der Tochter Pharao’s genannt werden wollte. Deßhalb würdigte ihn der Herr, daß durch seine Vermittlung seinem Volke das Gesetz gegeben werde. Alle Diese übten die Werke des Gesetzes, obgleich ihrer Gerechtigkeit kein Gesetz gegeben war; denn sie waren sich selbst ein Gesetz. Als aber die Zeit des Gesetzes kam, wurde es [035] hinzugefügt um der Übertretung willen.[6] Hierdurch zeigt er, daß das Gesetz eine Hinzufügung war. Weßhalb aber fand wohl diese Hinzufügung statt, wenn nicht wegen der Berufung der Völker, welche schon vor dem Gesetze verheissen war? Das Gesetz nun war ein Hüter und Erzieher, bis daß der Same kam, durch welchen die Völker gesegnet werden sollten. Denn jener Eid, durch welchen Gott mit Abraham den Bund der Verheissung schloß, indem er sprach: „Durch deinen Samen sollen alle Völker gesegnet werden“; dieses Wort des Bundes wurde vierhundert und dreissig Jahre vor der Verkündigung des Gesetzes ausgesprochen. Denn es war dem Abraham verheissen worden, daß die Völker durch seinen Samen, nämlich durch Christum, gesegnet werden sollten; das Gesetz aber wurde erst vierhundert und dreissig Jahre später gegeben. Denn als Abraham diese Verheissung empfing, war er fünf und achtzig Jahre alt. Von jener Zeit bis zu Jakobs Wanderung nach Ägypten waren zweihundert und fünf Jahre. Von da an bis zum Auszug des Volkes unter Moyses verfloßen weitere zweihundert fünfundzwanzig Jahre. Es steht geschrieben, daß der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten vierhundert und dreissig Jahre gedauert habe. Warum nun, mein Lieber, werden hier vierhundert und dreissig Jahre genannt, da das Volk doch nur zweihundert und fünfundzwanzig Jahre in Ägypten gewohnt hatte?[7] Dieß kommt daher, weil seit jener Zeit, als Gott zu Abraham sagte[8] „Du sollst wissen, daß dein Same ein Fremdling sein wird in einem Lande, welches nicht sein eigenes ist, [036] und man wird sie dienstbar machen und unterdrücken vierhundert Jahre lang,“ diese ihm gegebene Verheissung, daß er einen Sohn erhalten werde, sich durch den Glauben in sein Herz eingeprägt hatte, wie geschrieben steht: „Abraham glaubte Gott, und Dieß wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Ebenso nahm Abraham auch jenes Wort von der Gefangenschaft seiner Kinder in Ägypten in sein Herz auf und begann kummervoll darüber nachzusinnen, wie seine Nachkommenschaft unterdrückt sein würde, so daß gleichsam sein eigenes Herz in Ägypten bedrückt war. Desgleichen dachten auch Isaak und Jakob über diese Bedrückung nach, und ihr Geist war unterdrückt in Ägypten. So war der Nachkommenschaft Abrahams ihre Dienstbarkeit angekündigt, ehe sie noch geboren war. Denn diese Weissagung fand fünfzehn Jahre vor Isaaks Geburt statt. Die Weissagunge von der Knechtschaft war mithin zweihundert und fünf Jahre älter als die Einwanderung Israels nach Ägypten, und die Verheissung, daß durch Abrahams Samen alle Völker gesegnet werden sollten, wurde vierhundertunddreissig Jahre vor dem Gesetze gegeben. Diese Verheissung konnte durch das Gesetz nicht ungiltig gemacht werden. Das Gesetz ist also nur eine Hinzufügung zu diesem Worte der Verheissung, welche so lang dauern sollte, bis daß die Zeit der Erfüllung der Verheissung kam, 1794 Jahre, nachdem sie dem Abraham gegeben war. So ist also ein Zwischenraum von 1364 Jahren zwischen der Ertheilung des Gesetzes und der Erfüllung der Verheissung, und die Verheissung ist um vierhundertdreissig Jahre älter als das Gesetz. Als sie erfüllt wurde, hob sie die Beobachtung des Gesetzes auf und führte das Gesetz und die Propheten wieder auf jene zwei Gebote zurück, von denen unser Herr geredet hat. Denn es steht geschrieben:[9] „Das ganze Gesetz und die Propheten weissagen bis auf Johannes den Täufer.“ Und unser Herr sprach:[10] „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die [037] Propheten aufzulösen. sondern sie zu erfüllen.“ Ferner heißt es:[11] „Die Wahrheit des Gesetzes ist durch Jesum geworden.“ Weßhalb sonst waren wohl Gesetz und Propheten unvollständig und bedurften der Erfüllung, wenn nicht deßhalb, weil in ihnen das Testament verborgen war, welches das Wort der Verheissung ist? Denn das Testament, welches dem Moyses gegeben war, wurde nicht eher abgeschlossen und versiegelt, bis jenes letzte Testament kam, welches zugleich das erste ist, indem es im Anfang verheissen und am Ende versiegelt wurde. Durch den Tod der Testatoren wurden beide Testamente rechtskräftig. Christus aber machte aus den zweien eins und hob das Ceremonialgesetz durch Seine Gebote aus. Denn die gesetzlichen Bräuche wurden durch die Ankunft unseres Erlösers ihrer Bedeutung entleert. Er opferte sich selbst statt der Opfer des Gesetzes. Er wurde wie ein Lamm zur Schlachtung geführt statt der Sühnungslämmer. Er wurde für uns getödtet wie ein Stier, damit man hinfort nicht mehr Kälber darzubringen brauche. Er ließ sich an das Kreuz heften, damit von uns keine Schlachtopfer mehr verlangt werden sollten. Er gab sein Blut für alle Menschen, damit wir des Blutes der Thiere nicht mehr bedürften. Er ist eingetreten in den nicht mit Händen gemachten Tempel und Priester und Diakon im Heiligthum geworden. Von der Zeit seiner Ankunft an hat er die Bräuche des Gesetzes aufgehoben. Von der Zeit an, da ihn die Juden banden, wurde der Kreislauf ihrer Festzeiten mit Ketten festgebunden. Weil sie ihn, den Schuldlosen, richten wollten, nahm er die Gerichtsbarkeit von ihnen hinweg. Weil sie seine Herrschaft verworfen hatten, entzog er ihnen die Königswürde. Denn es kam der, welchem die Königswürde gebührte, und brachte sich selbst als ein lebendiges Opfer für uns dar. Hierdurch schaffte er die Opfer der Israeliten ab, und diese sitzen nun da ohne Opfer und Altar, ohne Ephod und Weihrauch.[12] Gesichte und Prophezeiungen [038] haben für sie aufgehört, weil sie nicht gehört hatten auf den großen Propheten. So ist der erste Bund durch den letzten erfüllt worden, und die Werke des Gesetzes sind veraltet und untergegangen. Denn von der Zeit an, da der neue Bund geschlossen wurde, hat der alte aufgehört. Jedoch sind die Opfer nicht erst seit der Ankunft unseres Erlösers verworfen worden, sondern schon lange zuvor hatte Gott kein Wohlgefallen an den Opfern Israels, wie geschrieben steht:[13] „Ich esse nicht Fleisch der Stiere und trinke nicht Blut der Böcke; aber opfere Gott Lob und bezahle dem Höchsten deine Gelübde!“ Ferner heißt es:[14] „Ein zerschlagenes Herz verwirfst du nicht, o Gott.“ Auch sagte er:[15] „Euere Schlachtopfer will ich nicht, und an eueren Brandopfern habe ich kein Wohlgefallen. Ein gottgefälliges Opfer ist ein gedemüthigter Geist.“[16] Auch der Prophet Isaias[17] sagt: „Ich verlange nicht die Menge euerer Opfer, spricht der Herr.“ Auch sprach er zu ihnen: „Ich hasse und verwerfe euere Feste, und euere Versammlungen sind mir widerwärtig.“

Jenes Wort unseres Erlösers nun, daß an der Liebe Gottes und des Nächsten Gesetz und Propheten hangen, ist durchaus schön, gut und angemessen. Denn unser Herr hat auch gesagt:[18] „Es wird nicht ein Iota vom Gesetz und den Propheten vergehen, bis daß Alles geschehe.“ Er nahm nämlich Gesetz und Propheten und hing sie an jene zwei Gebote, ohne irgend Etwas von ihnen abzuschaffen. Denn wenn du die Sache genau erwägst, so wirst du in der That finden, daß die Beobachtung des ganzen Gesetzes und Alles, was darin geschrieben steht, sich unter diesen Ausspruch begreifen läßt: „Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, von ganzer Seele, aus allen Kräften und von ganzem Herzen.“ Und Alles, was nach dem Gesetze gethan werden mußte, sollte die Menschen dazu bringen, den Herrn, ihren [039] Gott, über Alles und ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben. Diese zwei Gebote stehen über dem ganzen Gesetze. Wenn du das Gesetz mit Aufmerksamkeit betrachtest, so wirst du an der Spitze des Ganzen diese Worte finden: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten herausgeführt habe; du sollst dir nicht machen irgend ein Bildniß oder Gleichniß neben mir!“ Der Mensch also, welcher sich keinen anderen Gott neben dem wahren macht, unterwirft sich jenem Gebote, an welchem Gesetz und Propheten hängen. Erinnere dich aber, mein Lieber, dessen, was ich dir vorher geschrieben habe, daß nämlich für die Gerechten kein Gesetz gegeben ist. Denn wer die Gerechtigkeit beobachtet, ist über Gebot, Gesetz und Propheten erhaben. So bleibt also das Wort unseres Herrn wahr, daß kein Iota vom Gesetz und den Propheten vergehen werde; denn er hat sie ja versiegelt und an jenen zwei Geboten aufgehangen.

Höre aber, mein Lieber, was dagegen zu bemerken ist, wenn Jemand fragt, weßhalb geschrieben stehe, daß der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten vierhundertunddreissig Jahre gedauert habe, da doch dem Abraham geweissagt worden sei, es würden vierhundert Jahre sein. Weßhalb wurden ihnen also die dreissig überschüssigen Jahre noch hinzugefügt? Ich will dir nun zeigen, mein Lieber, wie es sich hiermit verhält. Als diese vierhundert Jahre zu Ende gegangen waren, wurde Moyses geschickt, um die Israeliten zu erlösen; denn damals tödtete er den Ägypter. Sie aber verwarfen ihren Erretter, und Moyses floh nach Madian. Da erging über sie der göttliche Zorn, so daß sie noch dreissig Jahre länger in Ägypten bleiben mußten. Denn sie hatten zu Moyses gesagt:[19] „Wer hat dich zum Herrscher und Richter über uns eingesetzt?“ Weil sie also ihren Erretter verworfen hatten, hielt sie der Zorn Gottes noch dreissig Jahre in Ägypten zurück, während Moyses in [040] Madian blieb. Als darauf ihre Drangsal überaus groß geworden war, führte er sie aus Ägypten heraus. Diesen Aufschub ordnete Gott an, einmal, um die Israeliten dafür zu züchtigen, daß sie den Moyses verworfen hatten, dann aber auch, damit die Sündenschuld der Amoriter voll werde.[20] Dem Volke fügte er dreissig Jahre ägyptischen Aufenthaltes zu der dem Abraham verkündigten Zeit hinzu; den Amoritern aber gewährte seine Langmuth noch eine siebenzigjährige Frist, dreissig Jahre in Ägypten und vierzig in der Wüste. Als nun nach Verlauf der vierhundertunddreissig und vierzig Jahre die Schuld der Amoriter übervoll geworden war, führte er sein Volk in das Land der Verheissung. Wisse aber, mein Lieber, daß Gott an keine Festsetzung gebunden ist. Zuweilen verkürzt er eine Frist, und zuweilen verlängert er sie. So hatte er zur Zeit Noe’s wegen der Gottlosigkeit der Menschen verkündigt, daß ihnen eine Frist von einhundertundzwanzig Jahren gesetzt sein solle, und dennoch vertilgte er sie schon im sechshundertsten Lebensjahre Noe’s.[21] Denn er sprach: „Hundertundzwanzig Jahre sollen noch sein auf Erden,“ und dennoch wurden die Menschen im sechshundertsten Lebensjahre Noe’s ausgerottet und so ihre Frist um zwanzig Jahre verkürzt. Ferner als das sündhafte Reich Ephraim seinen Frevel arg trieb, jenes Reich, über welches Jeroboam, der Sohn Nabat’s, herrschte, der selbst sündigte und Israel sündigen machte; als, sage ich, die Ephraimiten sündigten, verkündete ihnen Gott in der Weissagung des Propheten Isaias:[22] „Nach [041] fünfundsechzig Jahren wird Ephraim untergehen und kein Volk mehr sein.“ Im ersten Jahre des Achaz erging dieser Ausspruch; aber schon im vierten Jahre des Ezechias zog Salmanasar, welcher nach Theglath Phalasar über Assyrien herrschte.[23] gegen die Ephraimiten und führte sie aus ihrem Lande gefangen hinweg. Achaz herrschte nämlich sechszehn Jahre. und im vierten Jahre des Ezechias wurden sie von dem König von Assyrien überwältigt, so daß also Ephraim schon nach zwanzig Jahren aufhörte, ein Volk zu sein. So hat er also jene vorher von ihm angesetzte Frist um fünfundvierzig Jahre verkürzt und die Zeit, welche er ursprünglich bestimmt hatte, nicht zu Ende gehen lassen. Er hat aber nicht etwa aus Unkenntniß eine bestimmte Anzahl von Jahren angekündigt und sie nachträglich verkürzt oder verlängert, sondern in seiner Allwissenheit hat er also gehandelt. Denn er wußte wohl, daß sie sich dieses Strafmaßes würdig gemacht hatten; deßhalb gewährte er ihnen aus Barmherzigkeit eine Frist zur Buße, damit sie keine Entschuldigung hätten. Jene aber verachteten die Langmuth Gottes; denn da sie hörten, daß noch lange Zeit bis zum Eintreffen des angedrohten Strafgerichtes verfließen würde, so sündigten sie nur um so frecher gegen ihn, indem sie dachten: Was die Propheten androhen, bezieht sich auf eine ferne Zukunft. Als daher ein derartiger Gedanke auch zur Zeit des Ezechiel unter den Juden aufkam, daß sie meinten, das angedrohte Unheil werde erst in ferner Zukunft eintreffen, da sprach Gott zu Ezechiel[24]: „So wahr ich lebe, spricht der Herr der Herren, künftig sollen meine Worte nicht mehr aufgeschoben werden; denn das Wort, das ich rede, will ich bald ausführen.“ Die ursprüngliche Zeitbestimmung hatte er also den Menschen als eine Frist zur Buße verliehen, ob sie sich wohl bekehren würden; sie aber verachteten die Langmuth Gottes und bekehrten sich nicht. [042] Deßhalb widerrief er die Frist, welche er ihnen Anfangs bestimmt hatte. So handelte er aber nicht aus Unwissenheit, sondern wie geschrieben steht:[25] „Wehe euch, die ihr raubet; werdet ihr nicht selbst beraubt werden? Und ihr Lügner, werdet ihr nicht selbst verleugnet werden? Denn wenn ihr rauben wollet, werdet ihr beraubt werden; und wenn ihr lügen wollet, werdet ihr verleugnet werden.“ Ferner sagt Gott bei Jeremias:[26] „Wenn ich über ein Volk oder Königreich Zerstörung, Verderben, Sturz und Vertilgung ausspreche, dieses Volk bekehrt sich aber alsdann von seiner Bosheit, so werde auch ich mein Wort zurücknehmen und das, was ich ihnen angedroht habe, von ihnen abwenden.“ Ebenso sagt Jeremias: „Wenn ich über ein Volk oder Reich Aufbau und Pflanzung verkündige, aber dieses Volk begeht alsdann Frevel vor mir, so werde auch ich mein Wort zurücknehmen und das Heil, welches ich ihnen versprochen hatte, ihnen entziehen.“

Dieses alles, mein Lieber, habe ich dir geschrieben, um dir in der vorhergehenden ersten Abhandlung über den Glauben zu zeigen, daß durch den Glauben das Fundament zu dem Bunde, in welchem wir stehen, gelegt werden kann, während ich dich in dieser zweiten Abhandlung daran erinnern will, daß das ganze Gesetz und die Propheten an den beiden von unserem Erlöser genannten Geboten hangen. In diesen beiden Geboten ist das ganze Gesetz und die Propheten eingeschlossen. Denn im Gesetz ist der Glaube eingeschlossen, und durch den Glauben wird die wahre Liebe befestigt, welche jene beiden Gebote in sich faßt. Denn wenn der Mensch seinen Gott liebt, so liebt er auch seinen Nächsten wie sich selbst.

Höre nun, mein Lieber, über die Liebe, welche aus diesen zwei Geboten besteht! Als unser Erlöser kam, zeigte er, wie viel ihm auf die Liebe ankomme. Denn er sprach zu seinen Jüngern:[27] „Dieß ist mein Gebot, daß ihr euch [043] unter einander lieben sollet.“ Ferner sprach er zu ihnen:[28] „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet.“ Ebenso ermahnte er sie, als er sie über die Liebe belehrte:[29] "Liebet euere Feinde; segnet, die euch fluchen; bittet für die, welche euch bedrängen und verfolgen!“ Auch Dieses sprach er zu ihnen: „Wenn ihr die liebet, welche euch lieben, was erweiset ihr damit für eine besondere Wohlthat? Denn wenn ihr nur die liebet, welche euch lieben, so thuen ja auch die Heiden Dasselbe.“ Deßgleichen sprach unser Erlöser: „Wenn ihr denen Gutes vergeltet, die euch wohlthuen, was thuet ihr dann Besonderes? Sehet, so handeln ja auch die Zöllner und Sünder. Ihr aber, weil ihr Kinder Gottes, der im Himmel ist, genannt werdet, ahmet ihm nach, der sich auch der Undankbaren erbarmt!“ Auch sprach unser Erlöser:[30] „Vergebet, so werdet ihr Vergebung erlangen; erlasset, so wird euch erlassen werden; gebet, so wird euch gegeben werden!“ Ferner sprach er, um uns Furcht einzuflößen:[31] „Wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen gegen euch nicht vergebet, so wird der Vater auch euch nicht vergeben.“ Denn also ermahnte er:[32] »Wenn sich dein Bruder gegen dich verfehlt, so vergib ihm; selbst wenn er an einem Tage siebenmal gegen dich fehlt, vergib ihm!“ Als Simon Kephas dieses Wort hörte, fragte er unseren Herrn:[33] „Wie vielmal soll ich meinem Bruder. der gegen mich sündigt, verzeihen? Siebenmal?“ Da erwiderte ihm unser Herr: „Nicht nur siebenmal, sondern siebenmal siebenzigmal. Wenn sich also dein Bruder auch vierhundert und neunzigmal an einem Tage gegen dich vergehen sollte, so vergib ihm dennoch!“ Hierdurch ahmte er die Güte seines Vaters nach, welcher Jerusalem so viel vergeben hatte. Denn nachdem er die Israeliten in die babylonische Gefangenschaft hatte abführen lassen, züchtigte er sie daselbst siebzig Jahre [044] lang. Als sich aber sein Erbarmen über sie regte, versammelte er sie wieder in ihr Land durch Esdras, den Schriftgelehrten, und schenkte ihnen reichliche Vergebung während der Hälfte eines seiner Tage, nämlich während der siebzig Jahrwochen[34] oder vierbundertundneunzig Jahre. Nachdem sie aber das unschuldige Blut[35] vergossen hatten, verzieh er Jerusalem nicht wieder, sondern überlieferte es seinen Feinden, welche es zerstörten und darin keinen Stein auf dem anderen ließen. Dießmal wurden seine Fundamente nicht verschont zu einem Neubau für den Herrn, auch wurde den Edomitern nicht mit rächender Vergeltung gedroht,[36] weil sie über Jerusalem gerufen: „Zerstöret, zerstöret gänzlich bis auf den Grund!“ Gott hatte während seines halben Tages, nämlich während der vierhundertundneunzig Jahre, ihre Sünden vergeben und ertragen. Darauf aber zerstörte er Jerusalem und überlieferte es in die Gewalt der Fremdlinge. Deßhalb also befahl unser Erlöser, daß man an einem Tage seinem Bruder vierhundertundneunzigmal vergeben solle. Stoße dich aber nicht, mein Lieber, an dem Worte, welches ich dir geschrieben habe, daß nämlich Gott während einer Hälfte seines Tages Jerusalem vergeben habe. Denn so sagt David[37] im neunzigsten Psalme: „Tausend Jahre sind vor dem Herrn, wie der Tag, der gestern vergangen ist.“ Auch unsere weisen Lehrer behaupten, daß die Welt, gleichwie sie in sechs Tagen von Gott erschaffen worden ist, so auch nach Vollendung von sechs Jahrtausenden zu Ende geben und alsdann der Sabbath Gottes eintreten werde, entsprechend dem auf das Sechstagewerk folgenden Sabbath. Diesen Sabbath hat uns auch unser Erlöser deutlich [045] angezeigt. indem er sagte:[38] „Bittet, daß euere Flucht nicht stattfinde im Winter oder am Sabbath!“ Ebenso sagt auch der Apostel:[39] „Noch steht bevor der Sabbath Gottes; lasset uns also streben, daß wir zu seiner Ruhe eingehen!“

Ferner, als unser Herr seine Jünger beten lehrte, sprach er zu ihnen:[40] „So sollt ihr beten: Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ Auch sagte er:[41] „Wenn du ein Opfer darbringen willst und erinnerst dich, daß du Etwas gegen deinen Bruder hast, so laß dein Opfer vor dem Altar und geh, um dich mit deinem Bruder auszusöhnen; alsdann komm und opfere deine Gabe!“ Sonst würde der Mensch, indem er betet: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ durch seine eigenen Worte gefangen werden und von dem Empfänger der Gebete zur Antwort erhalten: „Da du deinen Schuldigern nicht vergibst, so kann dir auch nicht vergeben werden und muß dein Gebet auf der Erde zurückbleiben.“ Ferner zeigt uns unser Herr ein Beispiel an jenem Manne, welcher anfing, von seinen Knechten Rechenschaft zu fordern.[42] Als da ein Knecht vor ihn trat, der ihm zehntausend Talente schuldete, und seine Schuld, zu deren Erstattung er von seinem Herrn angehalten wurde, nicht zahlen konnte, da befahl sein Herr, daß er freigelassen und die ganze Schuld ihm geschenkt werden solle. Dieser Knecht aber war in seiner Bosheit nicht eingedenk, wie viel ihm sein Herr erlassen hatte, sondern als er beim Hinausgehen seinen Mitknecht antraf, der ihm hundert Denare schuldete, ergriff er denselben, würgte ihn und sprach zu ihm: „Gib mir, was du mir schuldig bist!“ Und er nahm das Bitten und Flehen seines Mitknechtes nicht an, sondern ließ ihn in das Gefängniß einschließen. Weil er also, obgleich [046] ihm doch so viel erlassen war, seinem Mitknechte nicht einmal dieses Wenige erlassen wollte, so wurde er den Gerichtsdienern übergeben, damit sie ihn züchtigten, bis daß er Alles, was er schuldete, zurückerstatten würde. Darauf sprach er: „So wird euch mein Vater im Himmel thun, wenn ihr nicht vergebet, ein Jeglicher seinem Bruder.“

Betrachte weiter, mein Lieber, wie sehr auch der selige Apostel die Liebe verherrlicht, indem er sagt:[43] „Wenn ihr den vorzüglicheren Geistesgaben nacheifert, so will ich euch zeigen, welche Gabe die vorzüglichste ist.“ Alsdann fährt er fort: „Wenn ich Weissagungen hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Wissenschaft hätte und allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich Nichts nütze. Ja, wenn ich alle meine Habe zur Ernährung der Armen hingäbe und meinen Leib zur Verbrennung darböte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich Nichts nütze.“ Weiter spricht er also: „Die Liebe ist geduldig und sanftmüthig, sie eifert nicht, sie ist nicht ruhmredig oder übermüthig, sie sucht nicht ihre eigene Bequemlichkeit, sondern den Nutzen Vieler; die Liebe hofft Alles, sie trägt Alles, die Liebe hört niemals auf.“ Ferner sagt der Apostel, daß die Liebe größer als alles Andere ist, und zeigt deutlich, daß die Liebe nach dem Glauben das Vorzüglichste ist, und daß das wahre Gebäude durch sie aufgerichtet wird. Auch zeigt er, daß die Weissagung durch die Liebe bestätigt wird, die Geheimnisse durch sie offenbar werden, die Erkenntniß durch sie ergänzt und der Glaube durch sie befestigt wird. Wenn Jemand solchen Glauben hätte, daß er Berge versetzen könnte, so wäre ihm Dieß ohne Liebe nutzlos. Wenn Jemand alle seine Habe den Armen gäbe, theilte aber seine Almosen nicht in der Liebe aus, so hätte er keinen Nutzen durch dieselben. Wenn er sogar für den Namen des Herrn seinen Leib dem Feuertode preisgäbe, so würde er keinen Vortheil [047] davon haben. Ferner zeigt er hier, daß zur Vollkommenheit der Liebe auch Langmuth, Geduld und Sanftmuth gehören, sowie, daß man keine gehässige Gesinnung gegen seinen Mitbruder hege. Denn auch Geduld, Demuth und Verträglichkeit werden durch die Liebe aufrecht erhalten. Der Glaube wird als Fundament auf den Grundstein des Baues gelegt. aber die Liebe vertritt das Gebälke des Gebäudes, durch welches die Wände des Hauses zusammen gehalten werden. Wenn sich in den Balken des Hauses ein Schaden vorfindet, so stürzt der ganze Bau ein. Ebenso stürzt der ganze Glaube ein, wenn in der Liebe ein Riß entsteht. Der Glaube kann Streit und Zwietracht nicht überwinden, bevor die Liebe Christi zu ihm hinzukömmt, ebensowenig wie ein Gebäude sich schön emporheben kann, bevor die Wände durch das Gebälke zusammengehalten werden.

Weiter will ich dir zeigen, daß die Liebe vorzüglicher als alles Andere ist, und daß die gerechten Vorväter durch sie vollendet worden sind. Dieß zeigt sich an Moyses, welcher für seine Volksgenossen sich darbot, daß seine eigene Seele aus dem Buche des Lebens ausgetilgt werde, damit nur das Volk nicht vertilgt würde.[44] Obgleich Jene sich erhoben hatten, um ihn zu steinigen, brachte er dennoch sein flebendes Gebet um die Erhaltung ihres Lebens vor Gott. Auch David bewies seine Liebe, als er von Saul verfolgt wurde; zur Zeit, als man ihm selbst nachjagte, um ihn zu tödten, that David in überreicher Liebe Barmherzigkeit an seinem Verfolger Saul, der ihm nach dem Leben trachtete. Zweimal war dieser in Davids Hände geliefert; aber er tödtete ihn nicht, sondern vergalt ihm Böses mit Gutem. Deßhalb schwand das Heil nicht aus seinem Hause, und ihm wurde vergeben. weil er vergeben hatte. Von dem Hause Sauls aber wich das Unheil nicht, weil er Gutes mit Bösem vergolten hatte. Er rief zu Gott und ward nicht erhört, sondern fiel im Kampfe gegen die Philister. David aber [048] weinte bitterlich über ihn und erfüllte so im Voraus dieses Gebot unseres Erlösers:[45] „Liebet euere Feinde; vergebet, so wird euch vergeben werden!“ So erbarmte sich David und fand Erbarmen; vergab und erlangte Vergebung. Auch Elisäus zeigte diese Liebe, als seine Feinde zu ihm kamen, um ihn zu greifen und ihm ein Leid anzuthun. Denn er erwies ihnen Gutes, setzte ihnen Brod und Wasser vor und entließ sie im Frieden. So erfüllte er das Wort der Schrift:[46] „Wenn dein Feind hungert, so speise ihn; durstet er, so tränke ihn!“ Auch der Prophet Jeremias betete zu Gott für Diejenigen, welche ihn in die Grube gefangen gesetzt hatten und ihn fortwährend mißhandelten.

Gemäß diesen Beispielen der Väter hat uns also unser Erlöser gelehrt, unsere Feinde zu lieben und für unsere Hasser zu beten. Wenn er uns nun befohlen hat, sogar unsere Feinde zu lieben und für unsere Hasser zu beten, welche Entschuldigung können wir dann am Gerichtstage vorbringen, wenn wir unsere Brüder und Glieder hassen? Denn wir gehören zu dem Leibe Christi und sind Glieder von seinen Gliedern. Wer also eins von den Gliedern Christi hasset, wird von seinem ganzen Leibe abgeschnitten; und wer seinen Bruder hasset, wird aus der Zahl der Kinder Gottes ausgeschlossen.

Dieses nun, was uns unser Erlöser gelehrt hat, beweist wie eifrig er auf die Liebe dringt. Denn zuerst übte er sie in der vollkommensten Weise selbst aus, und alsdann lehrte er sie seinen Hörern. Weil er uns geliebt hat, hat er uns, die wir zuvor Feinde waren, mit seinem Vater ausgesöhnt und sich, den Unschuldigen, für uns Schuldige dahingegeben. Der Gute hat sich für die Bösen der Schmach unterzogen, der Reiche ist für uns arm geworden; der Lebendige ist für die Todten gestorben und hat durch seinen Tod unsere Sterblichkeit belebt; der Sohn des Allherrn hat für uns Knechtsgestalt angenommen: er, dem Alles unterworfen ist, hat sich [049] selbst zum Diener gemacht, um uns aus der Knechtschaft der Sünde zu befreien. In seiner großen Liebe hat er die geistlich Armen selig gepriesen, den Friedfertigen versprochen, daß sie seine Brüder sein und Kinder Gottes genannt werden sollen, hat er den Sanftmüthigen verheissen, daß sie das Land des Lebens ererben, und den Trauernden, daß sie getröstet werden sollen, hat er den Hungernden Sättigung in seinem Reiche zugesichert und die Weinenden durch seine Verheissung erfreut, hat er den Barmherzigen versprochen, daß sie Barmherzigkeit erlangen würden, denen, die reines Herzens sind, daß sie Gott schauen sollen, den um der Gerechtigkeit willen Verfolgten Aufnahme in das Himmelreich, den wegen seines Namens Verfolgten selige Ruhe in seinem Reiche. Aus unserer Staubesnatur hat er uns umgewandelt in das Salz der Wahrheit; er hat uns von der Nahrung der Schlange befreit und uns zu seinem ewigen Lichte berufen, um uns von der Herrschaft des Todes zu erlösen. Aus Bösen hat er uns zu Guten gemacht und aus Hassenswerthen zu Wohlgefälligen. Er hat uns Liebe statt des Hasses verliehen und uns mit dem guten Manne vereinigt, welcher Gutes aus seinem Schatze hervorbringt aber uns von Jenem erlöst welcher Böses aus den Vorräthen seines Herzens hervorbringt. In seiner überströmenden Liebe hat er die Wunden der Kranken geheilt, gleichwie er den Sohn des Hauptmanns wegen dessen Glauben geheilt hat. Durch seine Allmacht hat er die Meereswogen vor uns besänftigt und durch seine Gnade die Teufel Legions von uns ausgetrieben. In seinem Erbarmen hat er die Tochter des Synagogenvorstehers geheilt, das blutflüssige Weib gereinigt und den beiden Blinden, welche ihm nahten, die Augen geöffnet. Auch seinen zwölf Aposteln gab er Gewalt und Vollmacht über alle Seuchen und Krankheiten, und durch ihre Hände auch uns. Er hat uns von dem Wege der Heiden und Samaritaner abgebracht und uns durch seine Barmherzigkeit Kraft gegeben, daß wir uns nicht fürchten, wenn wir vor die Mächtigen dieser Welt gebracht werden. Durch seinen großen Frieden hat er Versöhnung [050] in die Welt gebracht. Der Sünderin erließ er aus Erbarmen ihre vielen Schulden. Aus Gnade hat er uns gewürdigt, daß wir auf seine Kosten den Thurm erbauen können. Die unreinen Geister hat er aus uns ausgetrieben und uns zur Wohnstätte seiner Gottheit gemacht. Er hat in uns den guten Samen gesäet, auf daß er Frucht bringe hundertfältig und sechzigfältig und dreissigfältig. Er ist in dieser Welt niedergelegt, wie ein im Acker verborgener Schatz. Er zeigte die Allmacht seiner Gottheit, als man ihn von der Höhe zur Tiefe hinabstürzte, ohne daß er verletzt wurde. Mit fünf Broden und zwei Fischen sättigte er die nothleidenden Hungernden, fünftausend Männer, ohne die Frauen und Kinder, und zeigte so die Größe seiner Glorie. In seiner großen Liebe erhörte er das kanaanäische Weib und heilte die Krankheit ihrer Tochter. In der Macht dessen, der ihn gesandt hatte, machte er die Zunge des Taubstummen geläufig. Die Blinden sahen das Licht und priesen durch ihn seinen Sender. Als er auf den Berg stieg, um zu beten, wurde der Glanz der Sonne von seinem Lichte überstrahlt. und er that seine höhere Macht kund an dem Knaben, in welchem ein feindseliger Geist war, indem er den Mondsüchtigen durch sein Wort wieder herstellte. Er gab uns ein Vorbild und Muster, indem er uns aufforderte, den Kindern ähnlich zu werden, um in das Himmelreich einzugehen. Er warnte uns, die Kleinen nicht zu verachten, weil ihre Engel allezeit den Vater im Himmel schauen. Er zeigte seine vollkommene Heilkraft an dem Manne, welcher achtunddreissig Jahre krank gelegen hatte, indem er ihm die Fülle seiner Gnade verlieh und ihn heilte. Er hat uns auch das Gebot gegeben, daß wir die Welt verlassen und uns ihm zuwenden sollen; und er hat uns offenbart, daß, wer die Welt liebt, Gott nicht wohlgefallen kann, an dem Beispiele des Reichen, welcher auf seinen Reichthum vertraute, sowie an dem Beispiele jenes Mannes, welcher in seinem Glücke üppig lebte und in die Hölle hinweggerafft wurde, wo er vergeblich verlangte, daß man die [051] Spitze des Fingers in Wasser tauche und ihm reiche. Er wird uns unseren Lohn ertheilen, wie jenen Arbeitern, wenn wir in seinem Weinberge arbeiten, welcher der Weinberg der Wahrheit ist. Dieses alles hat unser Heiland wegen seiner großen Liebe an uns gethan. Darum wollen auch wir, mein Lieber, an der Liebe Christi Antheil haben, indem wir einander lieben und jene beiden Gebote erfüllen, an welchen das ganze Gesetz hanget und die Propheten.




  1. Vgl. Luk. 16, 31.
  2. Matth. 22, 37.
  3. I. Timoth. 1, 9.
  4. Gen. 15, 1.
  5. Gen. 18, 19.
  6. Vgl. Galat. 3, 19.
  7. Aphraates befolgt also das auch im samaritanischen Text und der Septuaginta angenommene chronologische System, welches die Exod. 12, 40 erwähnten 430 Jahre gegen den klaren Wortlaut nicht nur auf die Dauer des Aufenthalts der Israeliten in Ägypten, sondern auf die ganze Zeit von der Einwanderung Abrahams in Kanaan bis zum Auszuge des Volkes aus Ägypten rechnet.
  8. Genes. 15, 13.
  9. Matth. 11, 13.
  10. Matth. 5, 17.
  11. Joh. 1, 17.
  12. Vgl. Osee 3, 4.
  13. Ps. 49,13—14.
  14. Ps. 50, 17.
  15. Jerem. 6, 20.
  16. Ps. 50, 17.
  17. Is. 1, 11.
  18. Matth. 5, 20.
  19. Exod. 2, 14.
  20. Vgl. Genes. 15, 16.
  21. Aphraates nimmt an, daß die Genes. 6, 3 angekündigte Frist von 120 Jahren bei Gelegenheit der im Folgenden erzählten Mittheilung an Noe festgesetzt worden sei. Unter dieser Voraussetzung würde die Frist in Wirklichkeit nur 100 Jahre betragen haben, da Noe zur Zeit jener Unterredung (6, 18) schon Söhne hatte, welche ihm nach 5, 31 erst in seinem fünfhundertsten Jahre geboren worden waren, die Fluth aber bereits in seinem sechshundertsten Lebensjahre eintrat.
  22. Is. 7, 8.
  23. Im Text des Aphraates wird Theglath Phalasar irrig als Nachfolger des Salmanasar bezeichnet.
  24. Ezech. 12, 28.
  25. Is. 33, 1.
  26. Jer. 18, 7.
  27. Joh. 15, 12.
  28. Joh. 13, 34.
  29. Matth. 5, 44.
  30. Luk. 6, 37.
  31. Matth. 6, 15.
  32. Luk. 17, 3.
  33. Matth. 18, 21.
  34. Welche nach der Weissagung Daniels von Nehemias bis Christus verfließen sollten.
  35. Christi.
  36. Vgl. Ps. 136, 7; Ezech. 25, 12; Abd. 10.
  37. Eigentlich Moyses, Ps. 89, 4.
  38. Matth. 24, 20.
  39. Hebr. 4, 9. 11.
  40. Matth. 6, 12.
  41. Matth. 5, 23.
  42. Matth. 18, 23.
  43. I. Kor. 12, 31.
  44. Vgl. Exod. 32, 32.
  45. Luk. 6, 35. 37.
  46. Prov. 25, 21.