Ausgewählte Abhandlungen des Bischofs Aphraates/Abhandlung über den Glauben

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Textdaten
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Autor: Aphrahat
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Titel: Abhandlung über den Glauben
Untertitel:
aus: Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 17–32
Herausgeber: Gustav Bickell
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 3./4. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[017]

Abhandlung über den Glauben.




Deinen Brief, mein Lieber, habe ich empfangen und mich, nachdem ich ihn gelesen, sehr darüber erfreut, daß du deinen Sinn auf solche Untersuchungen gerichtet hast. Denn Dasjenige, was du von mir verlangst, wird umsonst gegeben und umsonst empfangen. Wer es besitzt und es dem, welcher ihn darum bittet, verweigern will, dem wird zur Strafe eben das, was er anderen abschlägt, selbst hinweggenommen. Denn wer es aus Güte erhalten hat, soll es auch aus Güte wieder Anderen schenken. So will ich dir denn, mein Lieber über das, wonach du mich befragt hast, gemäß meiner geringen Fassungskraft schreiben; aber auch in Betreff anderer Gegenstände, nach welchen du mich nicht gefragt hast, will ich Gott um Erleuchtung bitten und dich belehren.

Höre also, mein Lieber, und öffne die verborgenen Augen des Herzens und die geistigen Sinne des Verstandes für das, was ich dir sagen werde! Der Glaube wird durch viele Dinge geformt und durch viele Farben ausgeschmückt. Denn er gleicht einem Gebäude, welches aus verschiedenem Material erbaut ist und bis in den Himmel emporragt. Wisse, mein Lieber, daß zum Fundament eines Hauses [018] Grundsteine gelegt werden, über welchen sich dann der ganze Bau bis zu seiner Vollendung erhebt. Ebenso ist auch das Fundament unseres ganzen Glaubens der wahre Grundstein, nämlich unser Herr Jesus Christus. Auf diesen Grundstein wird der Glaube errichtet, und über dem Glauben erhebt sich dann das ganze Gebäude bis zu seiner Vollendung. Das Fundament ist aber der Anfang des ganzen Gebäudes. Denn wenn der Mensch zum Glauben gelangt, so wird er auf den Felsen gegründet, welcher ist unser Herr Jesus Christus. Alsdann kann sein Bau weder von den Wellen erschüttert, noch von den Stürmen beschädigt, noch von den Wogen umgestürzt werden, weil er sich auf der Grundlage des wahren Felsen erhebt. Daß ich Christum einen Felsen nenne, ist nicht meine eigene Erfindung, sondern die Propheten haben ihn schon in der Vorzeit so genannt, und Dieß werde ich dir beweisen. Für jetzt aber höre zunächst in Betreff des Glaubens, welcher auf dem Felsen gegründet ist, und in Betreff des Gebäudes, welches sich über dem Grundstein erhebt. Zuerst glaubt der Mensch; nachdem er glaubt, liebt er; nachdem er liebt, hofft er; nachdem er hofft, wird er gerechtfertigt;[1] nachdem er gerechtfertigt ist, wird er vollkommen; nachdem er vollkommen geworden ist, wird er vollendet[BN 1]. Wenn dann sein ganzes Gebäude aufgeführt, vollendet und vollkommen ist, so wird es ein Haus und Tempel, darin Christus wohnet, wie der Prophet Jeremias sagt:[2] „Ein Tempel des Herrn, ein Tempel des Herrn, ein Tempel des Herrn seid ihr, wenn euere Wege und Werke Gott gefällig sind.“ Ferner sagt Er durch den Propheten: „Ich will in ihnen wohnen und unter ihnen wandeln.“[3] [019] Auch der selige Apostel spricht also: „Ihr seid ein Tempel Gottes, und der Geist Christi wohnt in euch.“[4] Deßgleichen sprach unser Herr also zu seinen Jüngern: „Ihr seid in mir, und ich bin in euch.“[5] Wenn dann so das Haus zu einer Wohnstätte geworden ist, so muß der Mensch beginnen, für die Beschaffung derjenigen Dinge zu sorgen, welche der Bewohner des Hauses verlangt, wie wenn ein König oder sein hoher Würdenträger in einem Hause, über welchem der Name des Königs genannt ist, einkehren würde. Denn für den König werden alle der königlichen Würde gebührenden Huldigungen und Dienstleistungen erfordert. Aber in einem von allen Gütern entblößten Hause kann der König weder einkehren noch wohnen; sondern er verlangt ein vollkommen ausgeschmücktes Haus, in welchem es an Nichts fehlt. Und wenn in dem Hause, welches der König bewohnt, Etwas fehlt, so wird der Hüter des Hauses dem Tode überliefert, weil er den königlichen Dienst vernachlässigt hat. Ebenso muß auch der Mensch, welcher ein Haus und Wohnort Christi ist, darauf Acht haben, was zum Dienste des in ihm wohnenden Christus gehört, und wodurch er sich dessen Wohlgefallen erwerben kann. Zuerst erbaut er sein Haus auf dem Grundstein, welcher Christus ist; auf diesen Grundstein wird der Glaube gegründet, und über dem Glauben erhebt sich dann das ganze Gebäude. Damit das Haus bewohnbar sei, wird heiliges Fasten erfordert, und durch den Glauben wird es verdienstlich; es wird reines Gebet erfordert, und durch den Glauben wird es erhörbar. Es bedarf der Liebe, und durch den Glauben wird sie geordnet. Es sind Almosen nothwendig, und im Glauben werden sie gegeben. Christus verlangt Demuth, und durch den Glauben wird sie ausgeschmückt. Er hat Wohlgefallen an der Jungfräulichkeit, und um des Glaubens willen wird sie geliebt. Er läßt die Heiligkeit sich ihm nahen, und durch den Glauben wird sie eingepflanzt. Er ist auch besorgt um die Weisheit, [020] und durch den Glauben wird sie gefunden. Er verlangt auch Gastfreundschaft, und durch den Glauben wird sie reichlich geübt. Er verlangt Einfalt, und durch den Glauben wird sie eingeprägt. Er verlangt Geduld, und durch den Glauben wird sie vollendet. Er hat Wohlgefallen an der Sanftmuth, und durch den Glauben wird sie erworben. Er liebt die Abtödtung, und durch den Glauben wird sie errungen. Er verlangt die Reinheit, und durch den Glauben wird sie bewahrt. Alle diese Dinge verlangt der Glaube, welcher auf Christum, den wahren Grundstein, gegründet ist, und diese Werke verlangt der König Christus; denn er wohnt nur in Denjenigen, welche aus diesen Werken auferbaut sind.

Wenn du aber fragst: „Wie kann Christus, da er ja schon als Fundament gelegt ist, wiederum in dem vollendeten Gebäude wohnen?“, so antworte ich, daß sich beide Aussagen bei dem seligen Apostel finden. Denn er sagt:[6] „Ich habe wie ein kundiger Baumeister das Fundament gelegt.“ Alsdann erklärt und zeigt er die Beschaffenheit dieses Fundamentes mit folgenden Worten: „Ein anderes Fundament kann Niemand legen, ausser dem, welches gelegt ist, welches ist Jesus Christus.“ Daß aber Christus auch in dem Gebäude wohnt, beweist die oben von mir angeführte Stelle des Jeremias, wo er die Menschen Tempel nennt, in welchem Gott wohne. Ebenso sagt der Apostel: „Der Geist Christi wohnet in euch,“ und unser Herr[7]: „Ich und mein Vater sind Eins.“ So vereinigen sich also diese beiden Aussagen, daß Christus in den Menschen wohnt, die an ihn glauben, und daß er selbst das Fundament ist, über dem sich der ganze Bau erhebt.

Nun will ich aber auf meine vorige Behauptung zurückkommen, daß Christus von den Propheten Grundstein genannt werde. Vor Zeiten hat nämlich David über ihn geweissagt[8]: „Der Stein, welchen die Bauleute verworfen [021] haben, ist zum Eckstein geworden.“ Wo sonst aber haben wohl die Bauleute diesen Stein, welcher Christus ist, verworfen, als damals, da sie vor Pilatus ausriefen: „Dieser soll nicht über uns herrschen“? Hierauf bezieht sich auch folgendes Gleichniß unseres Herrn[9]: „Ein vornehmer Mann zog aus, um ein Reich einzunehmen und alsdann nach seiner Rückkehr über die Seinigen zu herrschen. Da schickten ihm Diese Boten nach, welche sagen sollten: Dieser soll nicht König über uns sein.“ Hierdurch verwarfen sie den Stein, welcher ist Christus. Wodurch anders aber ist er zum Eckstein geworden, als dadurch, daß er zum Aufbau der Völkerkirche diente, und deren ganzes Gebäude sich über ihm erhebt? Wer anders sind die Bauleute, als die Priester und Pharisäer, welche nicht das wahre Gebäude aufrichteten, sondern vielmehr das von Jenem erbaute zerstörten, wie beim Propheten Ezechiel geschrieben steht: „Er hatte die Wand aufgebaut, und Jene stießen daran, auf daß sie einfalle“?[10] Ferner steht geschrieben[11]: „Ich suchte unter ihnen einen Mann, welcher den Zaun ausbessere und sich in den Riß stelle zum Heil des Landes, auf daß ich es nicht verderbe; aber ich fand keinen solchen.“ Auch Isaias[12] hat also über diesen Stein geweissagt: „So spricht der Herr: Siehe, ich lege in Sion einen auserwählten Stein in dem kostbaren Winkel, als Eckstein des Fundaments.“ Ebendaselbst fügt er hinzu: „Jeder, der an ihn glaubt, wird ohne Furcht sein. Wer auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden, und Jeden, auf den der Stein fällt, wird er zermalmen.“[13] Das Volk Israel ist auf ihn gefallen und deßhalb für immer zerschmettert worden. Umgekehrt ist er auf die Bildsäule[14] gefallen und hat sie zermalmt; dadurch sind die Völker zum [022] Glauben an ihn gekommen und furchtlos geworden. Über diesen Stein hat der Prophet uns belehrt, daß er als Eckstein und Grundstein gelegt worden sei. Wenn er nun als Grundstein gelegt worden ist, wie kann er dann zugleich Eckstein[15] sein? Aber als unser Herr zu uns kam, errichtete er seinen Glauben auf Erden, wie ein Fundament. Er selbst aber erhob sich über alle Himmel wie ein Eckstein. So hat er sein ganzes Gebäude oben und unten durch Steine vollendet.

Was ich aber vom Glauben gesagt habe, daß der Herr nämlich seinen Glauben auf Erden gegründet habe, das hat schon David mit diesen Worten von Christo vorausverkündigt[16]: „Der Glaube wird aus der Erde hervorsprossen.“ Daß Christus aber in der Höhe sein wird, lehrt er ebendaselbst durch die Worte: „Und die Gerechtigkeit blickt vom Himmel herab.“

Auch Daniel[17] spricht von diesem Steine, welcher Christus ist. Indem er nämlich sagt: „Der Stein, welcher sich vom Berge ablöste ohne Hände, zerschlug die Bildsäule und erfüllte die ganze Erde,“ verkündigte er im Voraus Christum, von welchem die ganze Erde erfüllt ist. Denn von dem Glauben Christi sind alle Enden der Erde erfüllt, wie David[18] sagt: „Über die ganze Erde ist ausgegangen die Stimme des Evangeliums von Christo.“ Ferner sprach er also zu seinen Jüngern, als er sie aussandte[19]: „Gehet aus, lehret alle Völker, daß sie an mich glauben!“ Auch der Prophet Zacharias[20] hat Folgendes über diesen Stein, welcher Christus ist, geweissagt: „Ich sah einen Stein, [023] den Anbeginn der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit.“ Aus welchem Grunde ist wohl hier vom Anbeginne die Rede, als deßhalb, weil Er vom Anbeginne an bei dem Vater war? Die Barmherzigkeit aber ist deßhalb erwähnt, weil Er, als er in die Welt kam, zu seinen Jüngern sprach[21]: „Dieß ist mein Gebot, daß ihr euch einander liebet.“ Deßgleichen sagt er[22]: „Ich habe euch meine Freunde genannt.“ Der selige Apostel schreibt also: „Gott liebt uns um der Liebe seines Sohnes willen.“[23] „Christus hat uns in Wahrheit geliebt und sich selbst für uns hingegeben.“[24] Dieser Stein ist auch von Gott vorherverkündigt und bezeichnet durch die Worte[25]: „Auf diesem Stein grabe ich sieben Augen ein.“ Denn was bedeuten diese sieben auf dem Steine eingegrabenen Augen anders als den Geist Gottes, welcher mit seinen sieben Wirkungen auf Christo ruhte? Denn also spricht der Prophet Isaias[26]: „Auf ihm wird ruhen und verweilen der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und der Einsicht, des Rathes und der Stärke, der Wissenschaft und der Furcht des Herrn.“ Dieß sind die sieben auf dem Steine eingegrabenen Augen. Auch, daß jene sieben Augen des Herrn auf die ganze Erde schauen, bezieht sich auf Christus. Denn es heißt, daß er zum Licht gesetzt sei für alle Völker, wie der Prophet Isaias[27] sagt: „Ich habe dich gesetzt zur Erleuchtung aller Völker, damit du werdest meine Erlösung bis zu den Enden der Erde.“ Auch David sang[28]: „Dein Wort ist eine Leuchte für meine Füße und ein Licht für meine Wege.“ Christus ist auch das Wort und die Rede des Herrn, wie geschrieben steht im Anfang des Evangeliums unseres Erlösers: „Im Anfang war das Wort.“ Daselbst bezeugt er über das Licht: „Das Licht schien in die Finsterniß, und die Finsterniß hat es nicht begriffen.“ Wer kann nun hiermit, daß das Licht in [024] die Finsterniß geschienen und die Finsterniß es nicht begriffen habe, anders bezeichnet sein, als Christus, dessen Licht unter das Volk Israel schien, aber von diesem Volke nicht begriffen wurde, weil sie nicht an ihn glaubten? Denn es steht geschrieben: „Er kam in sein Eigenthum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ Unser Herr Jesus selbst nannte Jene eine Finsterniß; denn er sprach zu seinen Jüngern[29]: „Was ich euch in der Finsterniß sage, das sollt ihr im Lichte verkündigen;[30] nämlich unter den Völkern sollt ihr euer Licht leuchten lassen!“ Denn diese haben das Licht Christi aufgenommen, welches ein Licht für die Völker ist. Ferner sprach er zu seinen Aposteln: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Deßgleichen sagte er ihnen: „Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie euere guten Werke sehen und eueren Vater im Himmel preisen!“ Ebenso bezeichnete er sich selbst als das Licht, indem er zu seinen Jüngern sprach[31]: „Wandelt, so lange das Licht noch bei euch ist, bevor euch die Finsterniß überrascht!“ Ferner: „Glaubet an das Licht, damit ihr Kinder des Lichtes seiet“, und[32]: „Ich bin das Licht der Welt.“ Auch sprach er[33]: „Niemand zündet ein Licht an und stellt es unter einen Scheffel, oder unter das Bett, oder an einen verborgenen Ort, sondern er stellt es auf einen Leuchter, damit Jeder den Glanz des Lichtes schaue.“ Dieses helle Licht ist Christus, wie David sagt: „Dein Wort ist ein Leuchte für meine Füße und ein Licht auf meinen Wegen.“

Auch der Prophet Osee[34] sagt: „Zündet euch eine Leuchte an und suchet den Herrn!“ Und unser Herr Jesus Christus sprach[35]: „Welches Weib, das zehn Goldstücke besitzt und eins derselben verliert, zündet nicht ein Licht an und durchsucht [025] das Haus, um das verlorene Goldstück wiederzufinden?“ Wer ist nun wohl anders dieses Weib, als die israelitische Volksgemeinde, welcher die zehn Gebote gegeben worden waren? Denn sie haben das erste dieser Gebote verloren, welches ihnen einschärfte: „Ich bin der Herr, euer Gott, der ich euch aus dem Lande Ägypten herausgeführt habe.“ Nachdem sie aber dieses erste Gebot verloren hatten, konnten sie auch die neun folgenden nicht mehr beobachten. Die neun hängen nämlich von dem ersten ab. Denn es war nicht möglich, daß sie die neun Gebote beobachten konnten, während sie den Baal anbeteten. Sie hatten also das erste Gebot verloren, gleich jener Frau, welche eins ihrer zehn Goldstücke verloren hatte. Deßhalb rief ihnen der Prophet zu: „Zündet euch eine Leuchte an und suchet den Herrn!“ Gleicherweise spricht auch der Prophet Isaias[36]: „Suchet den Herrn, und wenn ihr ihn gefunden habt, so rufet ihn an, und wenn er nahe ist, so verlasse der Sünder seinen Weg und der Gottlose seine Gesinnung!“ Das Licht hat ihnen zwar geleuchtet, aber sie wollten nicht in ihm den Herrn, ihren Gott, suchen. Das Licht schien in die Finsterniß, und die Finsterniß hat es nicht begriffen. Das Licht wurde auch auf den Leuchter gestellt, aber die, welche im Hause waren, sahen seinen Glanz nicht. Dieß aber, daß das Licht auf den Leuchter gestellt wurde, was bedeutet es anders, als seine Erhöhung an das Kreuz, durch welche sein ganzes Haus über ihnen verfinstert wurde? Denn als sie ihn kreuzigten, ward ihnen das Licht verfinstert, um statt ihrer den Heiden aufzugeh’n. Von der sechsten Stunde an, in welcher sie ihn kreuzigten, bis zur neunten Stunde war nämlich eine Finsterniß im ganzen Lande Israel; die Sonne schwand am Mittage, und die Erde verfinsterte sich am hellen Tage, wie geschrieben steht beim Propheten Zacharias[37]: „Es wird geschehen an jenem Tage, [026] spricht der Herr, daß ich untergehen lasse die Sonne am Mittag und verfinstere das Land am hellen Tage.“

Nun will ich wieder auf das zurückkommen, was ich zu Anfang über den Glauben bemerkt habe, nämlich, daß sich auf ihm alle guten Werke des Gebäudes erheben. Was ich aber über das Gebäude gesagt habe, ist nicht etwa eine fremdartige Rede, sondern ebenso schreibt auch der selige Apostel in dem ersten Briefe an die Korinther[38]: „Ich habe wie ein verständiger Baumeister das Fundament gelegt; und ein Jeder baut darauf weiter. Einige bauen darauf Gold, Silber und Edelsteine, andere Stroh, Heu und Stoppeln. Am jüngsten Tage wird das Gebäude durch Feuer erprobt werden: Gold, Silber und Edelsteine werden im Feuer bewahrt bleiben, weil sie ein fester Bau sind; aber über Heu, Stroh und Stoppeln erhält das Feuer Gewalt und verbrennt sie.“ Was bedeutet nun Gold, Silber und Edelsteine, aus denen sich das Gebäude erhebt, anders, als die guten Werke des Glaubens, welche im Feuer bewahrt bleiben, weil Christus in diesem festen Baue wohnt und ihn vor dem Feuer schützt? Laßt uns Dieß einsehen und erkennen an dem Vorbilde, welches uns Gott schon in diesem Leben gezeigt hat, damit wir um so fester von den auf jenes Leben bezüglichen Verheissungen überzeugt sein möchten! Betrachten wir also jene drei gerechten Männer, welche in das Feuer fielen, ohne zu verbrennen, Ananias, Azarias und Misael, über welche das Feuer keine Gewalt erhielt! Denn sie hatten ein festes Gebäude erbaut, das Gebot des Königs Nabuchodonosor verachtet und die von ihm errichtete Bildsäule nicht angebetet. Diejenigen aber, welche das Gebot Gottes übertreten hatten, ergriff das Feuer alsbald und verbrannte sie schonungslos. Auch die Sodomiter wurden gleich Heu, Stroh und Stoppeln verbrannt: ebenso Nadab und Abiu, weil sie das göttliche Gebot verletzt hatten; [027] ferner[39] die zweihundertundfünfzig Männer, welche Weihrauch darbrachten, und die zwei Hauptleute mit den ihnen untergebenen Schaaren von je hundert Soldaten, weil sie sich dem Berge genähert hatten, auf welchem Elias saß, welcher später in einem feurigen Wagen gen Himmel auffuhr. Auch jene Verleumder wurden verbrannt, weil sie dem Gerechten eine Grube gegraben hatten. Die Gerechten, mein Lieber, werden also im Feuer erprobt, wie Gold, Silber und Edelsteine; die Gottlosen aber verbrennen im Feuer, wie Heu, Stroh und Stoppeln, über die das Feuer Gewalt hat. So sagt ja der Prophet Isaias[40]: „Der Herr richtet im Feuer und prüft darin alles Fleisch.“ Und wiederum[41]: „Ihr werdet hinausgehen und die Leichname derer sehen, welche gegen mich gesündigt haben, deren Wurm nicht stirbt, und deren Feuer nicht erlischt, und sie werden allem Fleische zum Entsetzen sein.“ Auch der Apostel belehrt uns über dieses Gebäude und sein Fundament, indem er sagt: „Niemand kann einen anderen Grund legen, als den, welcher gelegt ist, der da ist Jesus Christus.“ Ferner spricht der Apostel also über den mit der Hoffnung und der Liebe verbundenen Glauben[42]: „Diese drei bleiben, Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Er beweist aber auch, daß der Glaube zuerst auf das wahre Fundament gelegt werden muß. Denn das Opfer Abels wurde wegen seines Glaubens angenommen. Henoch wurde, weil er durch seinen Glauben Gott wohlgefällig war, hinweggenommen, so daß er den Tod nicht sah. Noe wurde, weil er glaubte, vor der Fluth geschützt. Abraham wurde wegen seines Glaubens gesegnet und ihm derselbe zur Gerechtigkeit angerechnet. Wegen seines Glaubens wurde Isaak verschont und Jakob bewahrt. Auch Joseph wurde wegen seines Glaubens zwar durch das Wasser der Widerwärtigkeiten geprüft, aber nachher aus den Prüfungen errettet; [028] und sein Herr legte Zeugniß für ihn ab, wie David[43] sagt: „Er legte für Joseph Zeugniß ab.“ Durch den Glauben that auch Moyses viele staunenswerthe Wunder und schlug die Ägypter mit den zehn Plagen. Durch den Glauben theilte er das Meer, führte sein Volk hindurch und versenkte die Ägypter in dasselbe. Durch den Glauben warf er ein Holz in das bittere Wasser, um es zu versüßen, ließ Manna vom Himmel regnen, um das Volk zu sättigen, und breitete seine Hände zur Besiegung Amaleks aus, wie geschrieben steht[44]: „Seine Hände waren im Glauben erhoben, bis daß die Sonne unterging.“ Im Glauben bestieg er auch den Berg Sinai, indem er zweimal je vierzig Tage fastete. Im Glauben besiegte er ferner den Seon und Og, die Könige der Amorrhäer. Staunenswerth, mein Lieber, und groß war jenes Wunder, welches Moyses am Schilfmeere wirkte, als durch Glauben die Wasser getheilt wurden und gleich hohen Bergen oder gewaltigen Felsen dastanden. Durch göttlichen Befehl zurückgehalten, blieben sie unbeweglich, wie in Schläuche festgebunden, in der Höhe und in der Tiefe eingeschlossen. Trotz ihrer flüssigen Beschaffenheit überschritten sie nicht die ihnen angewiesene Grenze und veränderten ihre anerschaffene Natur. Die leblose Kreatur gehorchte dem Gebot, und die Wellen richteten sich auf, um die Erlösung abzuwarten, bis das Volk hindurchgezogen sein würde. Die Wogen harrten wunderbarer Weise aus und blickten auf den Befehl und die Errettung. Der seit der Urzeit verborgene Meeresgrund ward aufgedeckt, und das vom Anbeginne an Feuchte ward plötzlich trocken. Die Thore erhoben ihre Häupter, und es wurden erhöht die ewigen Thore.[45] Die Lichtsäule richtete sich auf und erleuchtete das ganze Lager. Das Volk zog im Glauben hindurch, aber über Pharao, sein Heer und seine Wagen erging ein gerechtes Gericht. So spaltete auch Josue, der Sohn des [029] Nun, im Glauben den Jordan, auf daß die Israeliten hindurchzögen, wie in den Tagen Moysis. Wisse aber, mein Lieber, daß der Jordan dreimal auf diese Weise getheilt und durchschritten worden ist; zum erstenmal durch Josue, den Sohn Nun’s, zum zweitenmal durch Elias, zum drittenmal durch Elisäus. Denn die hl. Schrift lehrt uns ausdrücklich, daß Elias nach jener Überschreitung des Flusses bei Jericho gen Himmel auffuhr. Als darauf Elisäus zurückkehrte und den Jordan bei seinem Durchzug theilte, da kamen ihm die Prophetenjünger aus Jericho entgegen und sprachen: „Der Geist des Elias ruht auf Elisäus.“ Auch von dem Durchzuge des Volkes zur Zeit Josue’s, des Sohnes Nun’s, steht geschrieben, daß das Volk Jericho gegenüber hindurchzog. Ferner stürzte Josue, der Sohn Nun’s, durch den Glauben die Mauern Jerichos, so daß sie ohne Mühe einfielen. Im Glauben besiegte er auch die einunddreissig Könige und nahm ihr Land für das Volk Israel in Besitz. Im Glauben erhob er seine Hände zum Himmel und hielt an die Sonne zu Gabaon und den Mond im Thale Ajalon, so daß sie inne hielten und in ihrem Kreislaufe stillstanden. Kurzum alle Gerechten, unsere Väter, haben in allen ihren Thaten durch den Glauben den Sieg davon getragen, wie auch der selige Apostel von ihnen allen bezeugt, daß sie durch den Glauben große Thaten vollbracht haben.[46] Deßgleichen sagt Salomon[47]: „Viele Männer werden barmherzig genannt; aber einen treuen Mann, wer findet ihn?“ Und Job[48] sagt also: „Meine Unschuld soll nicht weichen von mir, und an meiner Gerechtigkeit will ich festhalten.“ Auch unser Erlöser sprach zu Jedem, der ihm nahte, um geheilt zu werden: „Dir geschehe nach deinem Glauben!“ Als der Blinde ihm nahte, fragte er ihn: „Glaubst du, daß ich dich heilen kann?“ Der Blinde antwortete: „Ja, Herr, ich glaube.“ Und sein Glaube öffnete ihm die Augen.[49] Auch [030] Jenen, dessen Sohn krank war, fragte er: „Glaube, so wird dein Sohn genesen!“ Jener erwiderte: „Ich glaube, Herr, hilf meiner Glaubensschwäche!“ Und wegen seines Glaubens ward sein Sohn geheilt.[50] Auch jener königliche Diener, welcher zu Christo hinzutrat, erlangte durch seinen Glauben die Heilung seines Sohnes, als er zu unserem Herrn sagte: „Sprich nur ein Wort, so wird mein Sohn genesen!“ Über diesen seinen Glauben staunte unser Herr, und es geschah ihm nach seinem Glauben.[51] Auch zu jenem Synagogenvorsteher sprach er, als dieser ihn wegen seiner Tochter bat: „Glaube nur, so wird deine Tochter gesund werden!“ Und er glaubte, alsbald wurde seine Tochter lebendig und stand wieder auf.[52] Als Lazarus gestorben war, sprach unser Herr zu Martha: „Wenn du glaubtest, so würde dein Bruder auferstehen.“ Da erwiderte Martha: „Ja, Herr, ich glaube.“ Und er erweckte ihn, nachdem er vier Tage im Grabe gelegen hatte. Auch Simon, welcher Kephas genannt ist, wurde wegen seines Glaubens der wahre Fels genannt. Als ferner unser Herr seinen Aposteln das Sakrament der Taufe auftrug, sprach er zu ihnen also[53]: „Wer da glaubet und getauft wird, wird selig werden; wer aber nicht glaubt, wird verurtheilt werden.“ Auch sprach er zu seinen Aposteln[54]: „Wenn ihr glaubet, ohne zu zweifeln, so ist euch Nichts zu thun unmöglich.“ Als unser Herr auf den Wellen des Meeres wandelte, wandelte auch Simon im Glauben mit ihm. Als er aber in seinem Glauben wankend wurde und deßbalb unterzusinken begann, nannte ihn unser Herr einen Schwachgläubigen.[55] Als die Apostel an unseren Herrn eine Bitte richteten, erbaten sie nichts Anderes von ihm, als daß er ihren Glauben vermehren möge.[56] Er sprach zu ihnen[57]: „Wenn ihr Glauben habt, so wird sich sogar ein Berg vor [031] euch versetzen“. Auch sprach er zu ihnen[58]: „Zweifelt nicht auf daß ihr nicht in der Welt versinket,“ wie Simon, welcher, als er zweifelte, im Meere unterzusinken begann. Ferner sagte er: „Diese Zeichen werden denen, welche glauben, verliehen werden; sie werden mit neuen Zungen reden, Teufel austreiben und die Kranken durch Auflegung ihrer Hände heilen.“[59] Laßt uns also, mein Lieber, zum Glauben hinzutreten, da dessen Wunderkräfte so vielfältig sind!

Denn der Glaube ließ zum Himmel aufsteigen, überwand die Fluth, ließ die Unfruchtbarkeit gebären, errettete vom Schwerte, befreite aus der Grube, bereicherte die Armen, erlöste die Gefangenen, errettete die Verfolgten, dämpfte das Feuer, zertheilte das Meer, spaltete den Felsen, tränkte die Dürstenden, sättigte die Hungernden, belebte die Todten, erweckte aus dem Grabe, stillte die Wogen, heilte die Kranken, überwand Heere, stürzte Mauern ein, stopfte die Rachen der Löwen, löschte die Flammen, demüthigte die Hochmüthigen und brachte die Demüthigen zu Ehren.

Alle diese Wunderkräfte sind durch den Glauben gewirkt worden.[60] Der Glaube besteht aber darin, daß der Mensch glaubt an Gott, den Herrn über Alles, welcher geschaffen hat Himmel und Erde, das Meer und Alles, was darinnen ist, welcher Adam nach seinem Bilde erschaffen, dem Moyses das Gesetz gegeben und von seinem Geiste den Propheten mitgetheilt hat, und welcher alsdann seinen Christus in die Welt gesandt hat, ferner, daß der Mensch glaubt an die Auferstehung der Todten und an das Sakrament der [032] Taufe. Dieß ist der Glaube der Kirche Gottes. Hierzu gehört aber auch, daß sich der Mensch lossage von der Beobachtung der Zeiten, Sabbathe, Neumonde und Feste, von Zauberei und Wahrsagerei, von chaldäischem Aberglauben und dämonischem Trug, von Unkeuschheit und Schwelgerei, von den falschen Lehren der Teufelswerkzeuge und von der Schmeichelei süßer Täuschungsreden, von Lästerung und Ehebruch, von falschem Zeugniß und Zweizüngigkeit. Dieß sind die Werke des Glaubens, welcher auf Christo, dem wahren Felsen, ruht, über dem sich das ganze Gebäude erhebt. Noch viel mehr, mein Lieber, ist in den heiligen Schriften die Rede vom Glauben; aber dieses Wenige aus dem Vielen habe ich zur Ermahnung deiner Liebe aufgeschrieben, damit du wissest und zu wissen thuest, glaubest und Glauben findest. Wenn du nun die Werke des Glaubens gelesen und gelernt hast, so werde jenem Ackerlande gleich, auf welches der gute Same fiel, und welches Frucht brachte, hundertfältig, sechzigfältig und dreissigfältig! Wenn du alsdann zu deinem Herrn kommen wirst, so wird er dich einen guten, eifrigen und getreuen Knecht nennen, welcher wegen seiner großen Treue in das Reich seines Herrn eintreten soll.




  1. Die Rechtfertigung wird also nicht schon durch den Glauben ergriffen, sondern erst verliehen, nachdem der Glaube durch die Liebe zu einem lebendigen gemacht ist.
  2. Jerem. 7, 4–5. Der ursprüngliche Sinn der prophetischen Stelle ist aber mißverstanden.
  3. Vgl. Levit. 26, 12; Ezech. 43, 9; II. Korinth. 6, 16.
  4. I. Korinth. 3, 16.
  5. Joh. 14, 20.
  6. I. Kor. 3, 10.
  7. Joh. 10, 30.
  8. Psalm 117, 22.
  9. Luk. 19, 14.
  10. Ezech. 13, 10–11 (in sehr ungenauer Weise angeführt).
  11. Ezech. 22, 30.
  12. Isajas 28, 16.
  13. Matth. 21, 44.
  14. Das Symbol der heidnischen Weltmacht, welches Nabuchodonosor im Traume sah.
  15. Die syrischen Worte, welche wir in den Citaten aus Psalm 117, 22 und Isaias 28, 16 mit „Eckstein“ übersetzt haben, heissen wörtlich „Haupt des Baues“ und „Haupt der Mauer“. Aphraates denkt also weniger an einen eigentlichen Eckstein, als an einen das Gebäude krönenden Stein.
  16. Psalm 84, 12.
  17. Dan. 2, 34.
  18. Psalm 18, 4.
  19. Matth. 28, 19.
  20. Zach. 4, 7.
  21. Joh. 15, 12.
  22. Joh 15, 15.
  23. Röm. 5, 8. 10.
  24. Eph. 5, 2.
  25. Zach. 3, 9.
  26. Is. 11, 2.
  27. Is. 49, 6.
  28. Psalm 118, 105.
  29. Matth. 10, 27.
  30. Die folgenden Worte des Citats scheinen einen Anklang an Matth. 5, 16 zu enthalten.
  31. Joh. 12, 35.
  32. Joh. 8, 12.
  33. Matth. 5, 15.
  34. Os. 10, 12.
  35. Luk. 15, 8.
  36. Is. 55, 6. 7.
  37. Irrthümlich statt Amos 8, 9.
  38. I. Kor. 3, 10.
  39. Vgl. Num. 16; 4. Kön. 1.
  40. Is. 66, 16.
  41. Is. 66, 24.
  42. I. Kor 13, 13.
  43. Psalm 80, 5
  44. Exod. 17, 12.
  45. Psalm 23, 7. 9.
  46. Vgl. Hebr. 11.
  47. Proverb. 20, 6. (Das Wort „treu, zuverlässig“ kann im Syrischen auch „gläubig“ bedeuten.)
  48. Job 27, 5.
  49. Matth. 9, 28.
  50. Mark. 9, 23.
  51. Matth. 8, 8.
  52. Mark. 5, 36.
  53. Mark. 16, 16.
  54. Matth. 21, 22.
  55. Matth. 14, 31.
  56. Luk. 17, 5.
  57. Matth. 17, 20.
  58. Diese Äußerung findet sich nicht in dem Evangelium.
  59. Mark. 16, 17.
  60. Die folgende Stelle ist deßhalb wichtig, weil sie eine Begriffsbestimmung des Glaubens zu geben beabsichtigt. Wir sehen daraus, daß Aphraates den Glauben nicht als „die die Rechtfertigung ergreifende absolute Gewißwerdung der Sündenvergebung und Zurechnung des Verdienstes Christi“ definirt, sondern als gehorsame Annahme alles dessen, was uns Gott durch seine Kirche geoffenbart hat.

Berichtigungen und Nachträge

  1. S. 18, Z. 23 lies: gekrönt statt: vollendet. Berichtigungen und Nachträge, S. 409