Börne in der letzten Zeit

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ignaz Kuranda
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Börne in der letzten Zeit
Untertitel:
aus: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jg., Band 1, S. 101–112
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1841
Verlag: Herbig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Band 1: SUUB Bremen = Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Grenzboten 1-1841.pdf
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


Börne in der letzten Zeit.
Ein Nachtrag von I. Kuranda.


Die Debatten über Börne sind geschlossen. — Die verschiedenen Gegensätze und Abstufungen der öffentlichen Meinung, von dem glühendsten Enthusiasmus auf der einen Seite bis herab zum tiefsten Haß auf der andern, haben sich allmählig zu einem harmonischen Gesammturtheile verschmolzen; das Standbild des edlen deutschen Tribunen ist in festen Umrissen rein und geläutert aus dem Gusse hervorgegangen und hat seinen unverrückbaren Platz in der Geschichte unserer nationalen Entwicklung erhalten.

Bei dem offenen Charakter, der aus seinem Leben wie aus seinen Schriften spricht, war eine längere Verkennung oder ein Hin- und Herdeuten, wie etwa bei Göthe, unmöglich und die einzelnen Schattirungen und Uebergänge, die dem vollständigen Portraite etwa noch fehlten, hat Gutzkow’s Buch mit Scharfsinn und einer fast wissenschaftlichen Genauigkeit herausgestellt und ergänzt.

Vergessen wir auch das denkwürdige Buch Heine’s nicht. Ich sage denkwürdig, weil eine Manifestation der deutschen Gesinnung ihm auf dem Fuße folgte, die wir als einen der merkwürdigsten Momente der letzten Jahre betrachten.

Der deutsche Charakter, an und für sich zäh und in sich gekehrt, wird durch die äußeren Hindernisse, die er durch Censurhemmung und Polizeiüberwachung erfährt, noch mehr von jenen öffentlichen und lebhaften Aeußerungen des Nationalgefühls, wie man sie in England und Frankreich findet, zurückgehalten. Wenn bei unsern Nachbarn jede innere nationale Strömung sogleich ihre Wirbel bis auf die Oberfläche treibt, und man an dem Schäumen und Branden der Presse und der Tribüne sogleich beurtheilen kann, was in dem Schooße der Nation keimt, gährt, oder aufgerieben wird, so bietet Deutschland im Gegensatze oft Jahrelang den Anblick eines stillen geheimnißvollen Meeres, von dem man nicht weiß, welche Vegetation oder vulcanische Umänderung es in seinen Tiefen verbirgt. Nur selten spaltet sich diese Tiefe und gönnt einen Blick in seinen Schooß, der in geheimnißvoller Keuschheit die Geburt einer neuen Zeit in sich reifen zu lassen scheint.

In dem letzten Jahre waren es zwei Gelegenheiten, wo die öffentliche Stimme in Deutschland mit einer gewissen eclatanten Heftigkeit zum Durchbruch kam. Die Veranlassung dazu gab das Rheinlied und Heine’s Buch über Börne.

Die vielstimmige Abwehrung, welche Heine’s Buch von allen Partheien erlitt, die Protestationen und Verdammungsurtheile, die von allen Seiten chorartig sich erhoben, geben wohl am besten den Standpunkt an, den Börne in Mitte der Nation erhalten hat.

Und grade hier ist es am Orte einige versöhnende Worte über Heine’s Buch zu sagen. Grade, indem wir den edlen Namen Börne als Überschrift dieser Zeilen brauchten, glauben wir ein würdiges Erinnerungsopfer ihm zubringen, indem wir über den Mann, den die Welt seinen Feind nennt, einige mildernde Worte schenken.

Deutschland hat seine Moden so gut wie Frankreich. Es gab eine Zeit wo man es nicht wagen durfte den mindesten Tadel gegen Heine auszusprechen, ohne von der ganzen deutschen Journalistik gesteinigt zu werden. Heute ist es grade umgekehrt; der schöne Zorn und die vielleicht zu entschuldigende Leidenschaftlichkeit, mit welchen einige Führer unserer Literatur bei dem Erscheinen des Heinischen Buches über Börne, den Bannstrahl dagegen schleuderten, ist zum guten Tone geworden; jeder Geck von Zeitungsschreiber, jeder obscure literarische Gamin glaubt sich an Heines Namen seine Sporen zu erobern. Es ist Brauch geworden, jeden Tag einige Injurien auf Heine zu werfen, wie es Brauch ist, jeden Tag ein Paar gewichste Stiefel anzuziehen, und es giebt Literaten, die jener Mode sorgfältiger nachkommen als dieser. Indem wir hier zu Gunsten Heine’s sprechen, was treibt uns dazu? Es ist wenig Popularität damit zu holen. Aber uns drängt unser inneres Gefühl, das sich empört, wenn es das Haupt eines Dichters, dem wir und mit uns alle Genossen unserer Jugend so viele wunderbar erregte Stunden danken, ohne Aufhören als Zielscheibe sehen, nach welcher jede vandale Feder ihre gemeinen Bolzen schießt.

Der Zorn, der unsere Literatur im vorigen Jahre beseelte, hat ihr wohl angestanden; aber die affenartige Manier, mit welcher unser literarischer Nachtrab, die Splitter und Waffentrümmer, welche den Händen der Führer entfallen, aufrafft, um sich damit zu brüsten, gleichfalls zu der Zahl der Kämpfenden zu gehören, dieser vandalische Affenkampf ist gemein und empörend. Heine’s Buch, wenn Ihr es denn wissen wollt, ist trotz aller Flecken, Verirrungen und Grausamkeit immer noch ein Kunstwerk, welches Ihr mit all’ Eurer Gesinnungsprahlerei dennoch nie erreichen werdet.

Ueber die Vergehungen, die sich Heine gegen eine würdige Dame, die Vergehungen die er sich gegen sich selbst zu Schulden kommen ließ, ist bereits abgeurtheilt worden, mit Gerechtigkeit und mit Uebertreibung, mit Unparteilichkeit und mit Bosheit, mit edler Entrüstung aber auch mit höhnischer Schadenfreude. Der äußeren Ehre eines beleidigten Gatten ist nach den conventionellen Anforderungen der Gesellschaft, Genugthuung geschehen. Warum aber ist es allen[WS 1] diesen Unpartheiischen, Gerechten, Entrüsteten, noch nicht eingefallen, auch die Lichtseite des Heine’schen Buches zu würdigen. Heine hat gegen die Umgebung Börne’s, gegen viele Nebenpersonen schwer gesündigt; aber über den Haupthelden seines Buches hat er die schönsten Lichter seiner Poesie geworfen. Und Heine ist ein Poet! Wenn Gutzkows Buch das ganze Leben Börne’s zu seiner Aufgabe machte und es einheitlich und in seinem organischen Zusammenhange schilderte, so nahm Heine einige novellistische Momente und Züge, und vergoldete sie mit allem Reiz seiner phantastischen, von der gefühlreichsten Poesie und dem lebhaftesten Witz durchzuckten Darstellung. Gutzkow schilderte als Kritiker und Denker, er schilderte den historischen Börne; Heine schilderte als Dichter, willkührlich launenhaft, wie ein dramatischer Poet, der die Geschichte und ihre Helden nach seiner Anschauung modelt. Hierin liegt die Ursache der herrlichen unübertrefflichen Glanzseiten dieses Buches und der abscheulichen unübertrefflichen Schattenseite desselben. Heine’s Börne ist wie Göthe’s Egmont, schwächer und beschränkter als der wirkliche historische es war, aber poetischer und die Phantasie aufstachelnd durch das Genie eines großen Dichters.

In so fern haben die beiden Bücher Heine’s und Gutzkow’s zur Verherrlichung dieses edlen Tribunen deutscher Freiheit beigetragen; wenn auch jedes auf verschiedenem Wege.

Einen dritten wesentlichen Beitrag zur Charakteristik Börne’s lieferte die neue in Stuttgart erschienene mit einem Supplementbande vermehrte Gesammtausgabe seiner Schriften.

Wir sind eben kein großer Freund von jenen literarischen Aufkläubereien die jeden Dintenklex den ein berühmter Schriftsteller auf die Wand oder auf den Boden spritzte, sorgfältig abkratzen und ihn als einen kostbaren Schatz der Gesammtausgabe seiner Schriften anhängen. Der größte Schriftsteller, der größte Poet war am Ende doch nur ein Mensch, und er hat seine schwachen Stunden, wie wir andern Staubgebornen. Auch das schönste Weib darf sich in ungekämmten Haaren, in zerknittertem Nachtgewande und verschobener Haube nicht sehen lassen, ohne zu verlieren. Warum soll man den Schriftsteller grade in seinem Schlafrock der Welt vorführen? All die vergilbten Blätter, die man in neuerer Zeit aus den Papierkörben Schillers und Göthes hervorgekratzt hat, haben nicht im mindesten dazu beigetragen, den Glanz unsrer beiden großen Dichter zu erhöhen. Und wäre Jean Paul rücksichtsvoller gegen sich selbst und ökonomischer gegen seinen Schreibpult gewesen, hätte er nicht den ganzen Wust von Papieren, Zetteln und Notizen, die sein stets erregter Witz und sein unbegrenztes Gedächtniß thurmhoch gehäuft, mit unwählerischer Hand ins Publikum geworfen, dann würden seine Bücher die treuesten Begleiter des deutschen Volkes sein, wie Schillers Bücher es sind, dann würde es nicht einer so langen Reihe von Jahren bedurft haben, ehe die zweite Ausgabe seiner Gesammtwerke nöthig wurde, dann würde er nicht nur mehr bewundert, sondern auch mehr gelesen sein.

Börne, dessen heißgeliebtes Ideal Jean Paul Richter war, trat in dieser Beziehung keineswegs in die Fußstapfen seines Herrn und Meisters, im Gegentheile, wir kennen kaum einen Schriftsteller, der strenger gegen sich selbst, ehrfurchtsvoller gegen das Publikum und mißtrauischer gegen seinen eigenen Werth gewesen ist, als er. Die neue Ausgabe von Börne’s Schriften mit ihren Supplementen und Zusätzen ist daher eine wahrhaft schöne Gabe, welche Deutschland der Pietät einiger dem Verstorbenen näher stehenden Freunde dankt, die mit Eifer aber mit umsichtsvoller Zurückhaltung eine Menge von Aufsätzen und Glanzstellen, die Börnes allzu strenge Selbstkritik aus der ersten von ihm selbst besorgten Ausgabe seiner gesammelten Schriften ausgelassen und gestrichen hatte, wieder restaurirten. Hierzu gehören die Aufsätze: „Zwangsgottesdienst“, „Ernsthafte Betrachtungen über den Frankfurter Comödienzettel“, „Für die Juden“, „Ein Gulden und etwas mehr“ und namentlich die vielen schlagenden Urtheile über die Schauspieler seiner Zeit, die er in seiner großen Gewissenhaftigkeit seinen dramaturgischen Blättern nicht beifügte, weil er den Personen nicht nahe treten wollte.

Aber die Bereicherung mit einer Reihe werthvoller Aufsätze und glänzender Bemerkungen, mit welchen diese Ausgabe das Publikum beschenkt, gilt uns nur als secondärer Werth derselben. Was uns vorzüglich dieselbe bedeutend und hochwillkommen macht, das ist das Licht, welches sie auf Börne in seinem Verhältnisse zu sich selbst wirft. Der Schriftsteller Börne erklärt uns den Politiker Börne. Wer mit solcher Abnegation gegen sich selbst verfahren, wer so viele reiche Gedanken aus so weitausgedehnter Ehrfurcht vor der Oeffentlichkeit unterdrücken konnte, wer so stark war, lieber sich selbst zu kasteien, als die Gesammtheit mit einem unreifen Gedanken zu sättigen, wer solche Hochachtung für den Beruf der Presse hatte, daß er ihr nur das Geläutertste zu übergeben wagte, wer solche Selbstbeherrschung besitzt, wie der Schriftsteller Börne, der kann auch solche Ansprüche an die Welt machen, wie der Politiker Börne. Ja, Börne war ein Republikaner, Er durfte es sein, denn er war tugendhaft, frei von Egoismus, frei von persönlichem gemeinen Ehrgeiz, er liebte die Gesammtheit tausendfach mehr als sein eigenes Ich, er war bereit, sich zu opfern, wo es der Allgemeinheit galt, er konnte und durfte eine Republik sich träumen, denn er war streng gegen sich, mild gegen Andere, sich nur als Ziffer, nicht als Summe zählend; ein Charakter wie die Geschichte der griechischen Republiken keinen reineren zu nennen weiß. Börne hat viel Liebe und viel Haß erfahren. Die neueste Ausgabe seiner Schriften ist ein Denkmal, welches das Herz seiner nächsten Freunde ihm errichteten. Wochenlang wurde im Kreise derselben darüber discutirt, ob diese oder jene Stelle zuläßlich sei oder nicht, und ob der Geist des Verstorbenen nicht darüber zürnen könne, daß man diesen oder jenen Aufsatz aus der Vergessenheit wieder hervorruft, zu der er selbst ihn verdammt hatte. Möchte es doch jener treuen und würdigen Freundin Börnes, welche die Redaktion dieser neuen Ausgabe mit solcher Pietät leitete, jener Dame, an welche er seine Briefe richtete, und die in neuester Zeit, wider ihren Willen auf den großen Markt der Oeffentlichkeit gezogen wurde, möchte es ihr doch gefallen, aus dem reichen und kostbaren Briefschatz, den sie noch von ihm in Händen hat, das Zweckmäßigste zu veröffentlichen. Bei dem scharfen geistigen Stempel, der fast jeder Zeile aufgeprägt ist, die Börne geschrieben, müssen wir noch einen ganzen blühenden Gedankengarten in dem Hintergrunde vermuthen, zu welchem Mad. W. S. allein den Schlüssel hat.

Ueber Eins können wir unsere Verwunderung hier nicht unterdrücken. Wie kömmt es daß die neueste Ausgabe nicht mit den Aufsätzen bereichert wurde, welche der letzten Lebenszeit Börnes entsproßen, wir meinen jene wundersamen Artikel der Balance, welche in Frankreich Aufsehen erregten, und in Deutschland unbekannt geblieben sind? Allerdings wäre man hiermit auf Censurhindernisse gestoßen, welche der Verbreitung der ganzen Ausgabe entgegen gewesen wären, auch hat ein Theil dieser Balance-Artikel das Material zu dem „Franzosenfresser“ geliefert. Immerhin aber blieb noch so viel übrig, um die Möglichkeit zu geben, dem deutschen Publikum einige Fragmente vorzuführen, die vielleicht das Schönste bilden, was der Feder des gefeierten Schriftstellers entflossen.

Die Balance hat nur in sehr wenigen Exemplare über die deutsche Grenze sich geschlichen. In Frankreich selbst ist dieselbe bloß in die Hände der Literaten gekommen. Das größere Publikum ist auf die, auf grauem Papier gedruckte, im Selbstverlag und in unregelmäßigen Lieferungen erschienene Publication, nicht aufmerksam geworden. So sind diese merkwürdigen Blätter versickert und zerstreut worden, und eine deutsche Bibliothek hat unlängst eins der drei Hefte (mehr sind nicht erschienen), als eine Rarität, mit einer bedeutenden Summe bezahlt.

Der Zufall hat uns vor Kurzem eins dieser merkwürdigen und seltenen Blätter in die Hände gespielt, und, um unsern Lesern zu beweisen, mit welchem jugendlichen Geiste, mit welcher Fülle und Frische Börne noch kurz vor seinem Tode schrieb, übersetzen wir den reizenden Artikel über Victor Hugo, indem wir wiederholt das Bedauern ausdrücken, daß derselbe nicht dem Supplemente der neuen, mit so vieler Sorgfalt und Einsicht redigirten und bereicherten Ausgabe beigegeben wurde.


* * *


„Die Dämmerungsgesänge von Victor Hugo.“


Was Ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln,

Faust.


„Wenn die Dichtkunst die allgemeine Weltgeschichte des menschlichen Herzens ist, so ist die lyrische Dichtkunst seine Chronik und sein Tagebuch. Sie umfaßt nicht die Zeitabschnitte und die großen Bewegungen der Seele, sie berechnet nicht die planetarischen Umwälzungen der menschlichen Geschicke, aber sie beobachtet die Witterungsveränderungen der Gefühle, sie besingt des Morgens Hoffnungen, des Mittags Ermatten und des Abends Täuschungen. Sie zählt die Pulsschläge des Herzens, diese Nadelstiche und überirdischen Augenblicke, welche oft zwischen Athemzug und Athemzug das Leben umgestalten aus einem Paradiese in eine Hölle, und aus einer Hölle in ein Paradies. Vom lyrischen Dichter verlangt man keine ruhig erhabene Stetigkeit, keine immer heitere Stirn, keine unerbittliche Lehre, keine Beständigkeit der Ansichten, keine feste Gesichtspuncte. Nein, er sei der Genosse jeder Thorheit, offen sei seine Seele den Schwächen, den Leiden und Freuden des kindischen Menschen, er irre umher mit dem Irrenden, er weine mit dem Traurigen, er theile ihre Furcht und ihre Hoffnungen alle! Aber indem er die Hand reicht, denen, die da wanken, verliere er nicht selbst das Gleichgewicht und gebe seine Freiheit nicht auf, indem er sich unter diejenigen mischt, die Sclaven sind ihrer Leidenschaften. Er mache sich klein, wie eine Mutter, die ihr Kind, das ihr entgegenläuft, auf den Arm nimmt und dann aufsteht und es an ihr Herz drückt. Aber er darf sich nicht niederkauern und in dieser Stellung bleiben, um den Verhältnissen als Zwerg gegenüberstehen zu können. Der wahre Dichter, der mehr ist als ein blos poetisches Gemüth, ist unberührt von den Uebeln, die er heilen, von dem Herzeleid, das er lindern will. Aelter als die Vergangenheit, und jünger als der Tag, der heute ist, ein Ebenbild Gottes und Zeiger der Ewigkeit, ist er niemals in Unruhe und verzweifelt nimmer. Unterliegt er selbst den Schwächen,von denen er Andere erlösen will, so wird er vergeblich die Seinigen zu erklären oder zu entschuldigen suchen. Könige und Dichter, die sich erklären oder sich entschuldigen, legen ihre Würde nieder und unterwerfen ihre Krone und ihren Lorbeer dem launenhaften Richterspruche der Menge.

Aber, in der That, ich schäme mich Angesichts des herrlichsten Genius, den Frankreich besitzt, also zu reden, dessen, den ich selbst in seinen Fehlern liebe und bewundere. Kann ich, ein armer Mann der Prosa, die erstarrte Einbildungskraft eines großen Dichters aufrütteln, der die Wirkungen des Morgens nach einem trunkenen Abend verspürt? Gewiß nicht. Aber es ist weder vom Dichter die Rede, noch von mir, sondern von etwas ganz anderem. Diese „Gesänge der Dämmerung“ sind Kinder der letzten Revolution und haben die Züge ihrer Mutter; die Wirklichkeit aber war stärker als die Phantasie, der Dichter unterlag dem Menschen, und der Mensch seiner Zeit. Herr Victor Hugo saß über seine Zeit zu Gericht, ich richte über sein Urtheil. Darum handelt es sich.

Was erblicken wir in diesem neuen Werke Victor Hugo’s? Wir sehen die Flamme des Genius oft verdunkelt durch den Rauch des Schmerzes; wir nehmen eine ungeduldige Hast wahr, als ob das nahe Ende der Welt die Strophe zwischen zwei Versen abzubrechen drohte. Der Dichter erscheint uns unschlüssig, als ob er nicht wisse, wohin er gehe, noch woher er komme, noch was er bezwecke; da ihm der eine Grundgedanke fehlt, so hat er für viele Gesänge keine Ueberschrift gefunden, die, dadurch namenlosen Findelkindern gleichen. Seine Phantasie erscheint uns erschöpft, gähnend vor Langerweile, schwankend zwischen Schlafen und Wachen, zwischen Dichtung und Prosa; Worte und Gedanken, an die poetische Disciplin gewohnt, reihen sich, da das Commando ausbleibt, von selbst in metrische Reihen. Wir sehen einen in düsterem Zorne auf einen unglückseligen Selbstmord geschleuderten wilden Fluch, der uns mehr entsetzt hat, als der scheußliche Leichnam, über den er sich entladet. Wer den Todten nicht verzeihen kann, wird er den Lebenden verzeihen?


Le poète, en ses chants ou l’amertume abonde
Reflétait, écho triste et calme cependant,
Tout ce que l’ame rève et tout ce que le monde
Chante, béguaíe ou dit dans l’ombre en attendant!

Wie aber, wenn der Dichter voll Bitterkeit, wenn er krank war? Wenn er die Welt heilte, indem er sich selbst Heilung schaffte? Von trüber Schwermuth erfüllt über den sonderbaren Dämmerungszustand der Seele und des Zeitalters, worin wir leben, erklärt er nicht zu wissen, ob jetzt ein Tag ist, der beginnt, oder ein Tag, der scheidet. Aber im Reiche der Dichtung geht die Sonne niemals unter, die Welt der Dichtung ist von Kristall und durchsichtig, der Dichter braucht sie nicht zu umsegeln um aus der andern Halbkugel anzukommen, um in der Zukunft zu leben. Der gewöhnliche Mensch begnügt sich mit der Hoffnung, der Mutter der Verzweiflung, Gewißheit ist nur die Gefährtin des Dichters und des Sehers.

Wir müßen unsern Dichter an eine Lehre erinnern, die er uns gegeben, die er aber selbst nicht benutzt hat:


Marchons les yeux toujours tournés vers le soleil,
Nons ne verrons pas l’ombre!

Wir machen ihn auf folgende Verse aufmerksam, ob er sie gleich ganz anders angewendet hat


Ils tombent comme nous, malgré leur fol orgueil
Et leur vaine amertume;
Les flots les plus hautains, dès qu'il vient un écueil,
S’écroulent en écume.

Ehemals Gefangene der classischen Schule, habt Ihr jetzt als Kerkermeister der romantischen bedeutend an Unbefangenheit verloren und wenig an Freiheit gewonnen.

Wäre die Poesie wirklich eine Krankheit der Seele, so wären die classischen Schmerzen den romantischen immer noch bei Weitem vorzuziehen. Jene sind einfach, wenig verwickelt, leicht zu erkennen, und leicht zu heilen. Liebe, Haß, Eifersucht, Ehrgeiz, Fanatimus, das ist beinahe das vollständige Krankheitsregister eines Hospitals des Classicismus. Wo aber ein Heilmittel finden, für ein Uebel, das in jeder Viertelstunde nach allen Weltgegenden hinstreift? Woher Linderung nehmen, wenn Ihr selbst nicht wisset, was Euch fehlt und worüber Ihr klagt. Nein, die Dichtung ist die Gesundheit der Seele, Ihr glaubt krank zu sein, seid es aber doch nicht, Ihr leidet an Hypochondrie. Davon laßt uns ein wenig reden. Wir Deutsche können davon ein klein Wörtchen mitsprechen.

Euch fehlt die Uebung; Ihr macht Eurem Gemüthe zu wenig Bewegung. Ihr verlaßt die Chaussee d’Antin um nach dem Palais royal und auf den Tuillerien zu gehen, Ihr verlaßt die Tuillerien, um auf demselben Weg nach dem Palais royal zurückzukehren. Was tiefer liegt in Euren Innern, seid Ihr an Eure hübsche niedliche Sprache gebunden, welche Euch lächelnd an einen seidnen Faden hält. Davon hüpft Ihr denn hin und wieder und macht Euch über die ganze andere Welt lustig, die so hart ist und so holprig, ganz von Stein und Holz. Wagt es, Euch frei zu machen, sucht das Wörterbuch der französischen Academie zu vergessen und fremde Sprachen zu erlernen. Verlaßt Paris; macht Reisen, aber nicht so, wie Ihr gewohnt seid, Reisen zu machen, rückwärts gehend. Das Angesicht immer nach Paris gerichtet. Wenn Ihr aus dem Mittelmeer blos Begeisterung schöpfen wollt, um damit die Steinplatten an der Porte St. Martin zu begießen, wenn Ihr auf der Spitze des Oelbergs und am Rande des Kraters des Vesuvs nur an Euch zu denken wagt, dann wäre es vernünftiger Ihr bliebt zu Hause.

Ich, der ich vorgerückt bin an Jahren und doch noch die Menschheit liebe und achte, bin erstaunt über diese jungen Poeten, Romanzensänger und Philosophen, die in ihrem dreißigsten Jahre schon den Winter im Herzen haben und sich einwickeln in ihren Menschenhaß wie in einen Pelz. Nein, diese drei Arrondissements von Paris, die Ihr für die Welt haltet, sind nicht Paris, Paris ist nicht Frankreich und Frankreich nicht die Welt. Ich, nicht gefesselt an die Scholle dieses oder jenes Quartiers, der ich der Vasall keiner von Euren Revüen und keines Feuilletons bin, ich weiß, daß es unter den Menschen noch Tugend und Sitte, Uneigennützigkeit, Aufrichtigkeit, Rechtlichkeit, Treu und Glauben, Ueberzeugungsfestigkeit, Freundschaft und Glückseligkeit giebt. Auch ich zweifle oft, aber ich betrachte den Zweifel nicht wie einen widrigen Bodensatz den die Ueberzeugung in den Herzen zurückläßt; ich betrachte ihn als eine Wolke, die zuweilen den Glanz des Tages verdunkelt, dann aber als Regen niederfällt um den Boden der Wahrheit zu befeuchten und zu befruchten. Ihr verzweifelt in unsern ruhigen Zeiten, wie werdet Ihr Euch verhalten, wenn der Sturm einmal losbricht? Wenn Ihr das Glück nicht ertragen könnt, wie wollt Ihr das Unglück bestehen? Das gesellschaftliche Leben vergiftet Euer häusliches Glück; was aber ist gesellschaftliches Leben? Was ist der Staat? Die Familienväter bilden die Gemeinde, die Häuser die Straßen, und Ihr sagt es ja selbst:


Il est plus difficile et c’est d’un plus grand poids
De relever les mœurs que d’abattre les rois.

Wenn Ihr mit dem Erbtheil nicht zufrieden seid, das Eure Väter Euch hinterlassen haben, so seid Ihr sehr undankbar. Dieses Erbgut, das Euch im Schlaf überkommen ist, ist reich genug. Reicht es Euch nicht hin, so arbeitet, wie Eure Väter gethan haben, und weigert Euch der Himmel den Lohn, dann und blos dann habt Ihr das Recht mit ihm zu grollen.

Wenn Ihr, mit Euren Gedanken allein, Euch fragt, warum ist uns nichts geglückt? Warum waren so große Anstrengungen ohne Erfolg? Warum so viele getäuschte Hoffnungen? dann wird die Stimme des Gewissens, die das Gewühl der Welt lange übertäuben und zum Stillschweigen nöthigen kann, die aber, wenn sie ertönt, immer Wahrheit verkündet, Euch antworten. Ihr beklagt Euch mit Unrecht. Nein, alle Versprechungen sind erfüllt, keine Eurer Hoffnungen ist betrogen worden. Ihr habt das Ziel erreicht, das Ihr Euch bei der Abreise vorgesteckt hattet. Aber Ihr habt auf dem halben Wege Eure Pläne geändert ohne zugleich einen andern Weg einzuschlagen, und seid Ihr irre gegangen, so dürft Ihr nicht das Geschick sondern nur Euch selbst anklagen. Ein bloßer Wunsch ist noch kein Wille. In der Kraft liegt der Wille. Jeder Mensch und mehr noch jedes Volk kann, was es will. Bettler weist das Glück von sich, es bewilligt alles, was man ihm gebieterisch abverlangt.

Das achtzehnte Jahrhundert hat dem neunzehnten nichts vorgelogen, es hat alle seine Verpflichtungen erfüllt, Ihr habt keine Forderung mehr an es zu machen. Sein riesenhaftes Programm hat sich vor Euren Augen bis zum letzten Gemälde feierlich entrollt. Die damalige Literatur hat ihre Wirkung hervorgebracht. Was sie gesäet hat, das habt Ihr geerndtet. Wollt Ihr andere Früchte, so bedürft Ihr andere Saaten und neue Arbeit. Die voltairische Philosophie, diese Quelle der damaligen Zeitgeschichte, ist erschöpft und vertrocknet. Die Schüler des Dichters der Pucelle haben gesiegt, die Actionnäre der Encyklopädie haben gute Geschäfte gemacht; was hat man da zu klagen? Giebt es Unbehaglichkeiten, die nicht blos von heute, sondern älter sind, so hat das darin seinen Grund, daß es auch ältere Täuschungen giebt. Wahr ist es, manche sociale Nothwendigkeiten erwarten noch heute ihre Befriedigung und sind schon in den ersten Zeiten der Revolution tief gefühlt worden, aber damals, wie heute, nur in der erhöhten Stimmung einzelner hellsehender und prophetischer Geister, in der Aufwallung edler Gemüther, es war dieß nur Schaum und hohles Luftgebilde. Die wahrhafte Begeisterung, welche Hindernisse überwindet, ist das Hervortreten der Ueberzeugung der ganzen Welt. Es bedarf aber eines langen Wachsthumes bis aus den Meinungen der Einzelnen die einer Nation sich entwickeln, ehe diese Meinungen zu Ueberzeugungen werden und ehe diese ihre Dämme überschreiten.

Wieviel Anhänger zählt jede Meinung, die dem gegenwärtigen Zustande der Dinge vorauseilt? Sehr wenige, und sind es viele, — um so schlimmer; dann wäre der Beweis leicht zu führen, daß die Anhänger dieser Meinungen die Anzahl und die Stärke ihrer Partei selbst nicht kennen, weil sie unter sich nicht einig sind und sich nicht gezählt haben. Wären sie einig und fühlten sie ihre Stärke, warum sind sie so muthlos? Mit Schmerz mußten wir uns also verschiedene jetzige Zustände erklären.

Der Stand der Literatoren war früher ein Priesterthum, jetzt ist er ein Handwerk. Die des achtzehnten Jahrhunderts jagten nicht nach Glücksgütern, das Glück suchte sie auf. Als die Erzieher der Menschheit noch in Dachstübchen wohnten, wurden sie von Königen besucht, seitdem sie wie Stutzer einquartirt sind, kommen nur noch Bediente zu ihnen, um ihnen Einladungskarten zu bringen, die für Jedermann lithographirt sind und nach Willkühr so oder anders ausgefüllt werden. Indem die Litteratoren Stockwerke heruntersteigen, steigen sie auch vom Gipfel ihres Ruhmes herunter. Als sie noch arm waren, bettelten die Könige um ihren Beifall und kauften ihn nicht. Wenn ein ausgezeichneter Mann des Wissens und der Kunst in eine Gesellschaft der großen Welt trat, so war dieß ein Ereigniß, wodurch die Unterhaltung und die Vergnügungen eine andere Wendung nahmen; heute wendet keine Dame ihre Blicke um, wenn ein berühmter Dichter angemeldet wird, und Niemand läßt sein Löffelchen Gefrornes sinken um die weisen Reden des ersten Philosophen des Landes zu vernehmen. Im achtzehnten Jahrhunderte nahmen die Schriftsteller einen so hohen Rang ein in der Achtung der Mitwelt, daß sie ihre Meinungen nur fallen zu lassen brauchten, und alles eilte hin um die Wette, sie aufzulesen. Heute wo sie sich auf die Oberfläche der Welt gestellt haben, werden ihre Meinungen langsam von Haus zu Haus umhergetragen, und kommen nur mühsam zu den höheren Classen, die ihnen, ihrer Stellung gemäß nicht gewogen sein dürfen, und sie gewöhnlich mit Verachtung von sich weisen. Ehemals riß man sich die neuesten Geisteserzeugnisse ausgezeichneter Schriftsteller aus den Händen, heute bedarf er einer Prämie von 75000 Franken, um die Leute zu ermuthigen, ein Meisterwerk zu lesen. – Der Schriftstellerruhm ist Lotterie, und das ist eine Demüthigung und eine bezeichnende Strafe für Menschen, die hinter dem Wagen Fortuna’s herlaufen.

Die Litteratoren sollen daran denken, ihre ehemalige Unabhängigkeit wieder zu erobern, um ihre ehemalige Macht wieder zu erlangen. — Kann man seine eignen Leidenschaften nicht beherrschen, so ist es lächerliche Heuchelei, sich anzustellen, als sei man der Meister von Königen. Ueberlaß daß Feld der Politik dem bösen Willen der Feinde des Fortschritts. Sie sind stark, weil sie einig sind, und einig, weil Ihr ihnen Widerpart haltet. Seit zwanzig Jahren hat Eure drohende Stellung diejenigen, welche die Menschheit ausbeuten, gezwungen mit einander im Frieden zu leben, sich zu schonen und in Betreff ihrer gegenseitigen Ansprüche eine in der Geschichte beispiellose Nachgiebigkeit zu zeigen.

Zieht euch zurück, um sie sich einander Preis zu geben, und die gute Sache wird ohne Kampf den Sieg davon tragen. Verjünget Eure Herzen mit frischen Hoffnungen, härtet Eure verweichlichten Gemüther durch ernste und gewissenhafte Studien. Der Geist kann sich bilden im Umgange der Welt, die Seele nur in der Einsamkeit. Die Philippiken der neuern Demosthenesse riechen nicht nach der Lampe, aber sie bleiben auch ohne Wirkung. –

Glaubet, arbeitet, und hoffet, und wenn Euch die bessere Zukunft zu lange ausbleibt und Ihr unfähig seid, zu glauben, so liebet unterdessen. –


Heureux qui peut aimer et qui dans la nuit noire
Tout en cherchant la foi, peut rencontre l’amour;
Il a du moins la lampe en attendant le jour.
Heureux le cœur; aimer c’est la moitié de croire.
[1]

L. Börne.



Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Von den drei Heften der Balance, die Börne im Jahre 1836 herausgab, erschien das erste im Januar, das zweite im März und das dritte und letzte erst im Juni. Von Börne’s eigener Feder befinden sich darin: Introduction – Béranger et Uhland – Gallophobie de M. Menzel. Diese drei Aufsätze wurden später für das bekannte Buch: „Menzel der Franzosenfresser“ benutzt. Ferner Les Chants du Crépuscule den wir so eben in der Uebersetzung lieferten, und: Wally, roman par Ch. Gutzkow. Das erste Heft enthält drei, das zweite einen und das dritte gar keinen Aufsatz von Börne selbst. Dieß mag wahrscheinlich der Grund gewesen sein, warum diese merkwürdige Revue so rasch endigte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: alle