BLKÖ:Biedermann, Michael Lazar

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 1 (1856), ab Seite: 386. (Quelle)
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Biedermann, Michael Lazar (Großhändler und k. k. Hofjuwelier, geb. zu Preßburg 13. Aug. 1769, gest. zu Baden bei Wien 21. August 1843). Ist der Sohn mittelloser Eltern; dem Trödel abgeneigt, der einst fast die ausschließliche Beschäftigung der Bekenner israelitischen Glaubens bildete, widmete er sich dem Handwerke. 15 Jahre alt kam er nach Wien um die Graveurkunst zu erlernen. 1787 erhielt er den zweiten Preis im Wachspoussiren, 1789 denselben in der Graveurkunst. Einige Zeit fristete er sein Dasein von dem kleinen Verdienste eines Petschaftstechers; da erhielt er mit einem Male den Auftrag, die kaiserlichen Siegel zu graviren, und entledigte sich desselben so glücklich, daß seine Arbeit höchsten Ortes Beifall fand, und ihm die Ausübung seiner Kunst in Wien gestattet wurde. Nun kam sein Geschäft in Ruf, und schon 1800 hatte er das des Petschaftstechers in jenes eines Juwelenhändlers umgestaltet. Mit der Zunahme seiner Glücksgüter erweiterte er seinen Geschäftskreis; er begann den Wollhandel, der ihm großen Gewinn und dem Staate in anderer Weise Nutzen brachte. B. errichtete nunmehr das erste Wollassortirungs-Etablissement in Oesterreich, und gab somit den Impuls zur Veredlung der Schafheerden, hauptsächlich in Ungarn; er trug dadurch zur Emporbringung dieses nun so wichtigen Ausfuhrartikels in Oesterreich bei, denn schon 1807 verkaufte er an ein englisches Haus um 600,000 fl. C. M. sortirte Wolle. In seiner Wollsortirungs-Anstalt beschäftigte er fortwährend 300 Menschen. Mehrere Züge seiner hochsinnigen Denkungsart verdienen in der Erinnerung fortzuleben, namentlich in einer Zeit, die an dergleichen Handlungen so arm ist. Blos aus Menschenfreundlichkeit, um nicht 5–600 Menschen mit einem Schlage brodlos werden zu lassen, übernahm er die große Wollwaaren- und Tuchfabrik zu Teltsch in Mähren, die er alsdann [387] mit großen Opfern zu einer der ersten Manufacturen Oesterreichs erhob. Bei Gelegenheit einer Banknotenfälschung in Deutschland wurde B. von dem damaligen Finanzminister Graf Zichy zum Commissär gewählt. Er löste die Bankozettel für eigenes Geld ein, obschon er an den Grafen Wallis in Prag gewiesen war. In den Kriegs- und Mißjahren und insbesondere zur Zeit der Hungersnoth stellte er große Vorräthe von Getreide und baaren Geldes der Regierung für wohlthätige Zwecke zur Verfügung und verzichtete nicht allein auf allen Gewinn, sondern auch auf die Zinsen der ansehnlichen Capitalien. Zur Zeit des französischen Krieges lieh er dem Staate neuerdings 300,000 fl. ohne Interessen. Schon 1808 hatte er das Befugniß als Großhändler. 1830 wurde er k. k. Hofjuwelier. Zu den obigen seltenen Verdiensten, die er sich als Staatsbürger erworben hatte, gesellte B. noch die nicht geringeren um die israelitische Cultusgemeinde. Seit 1806 war er fast ununterbrochen Vertreter derselben. Durch ihn, in Verbindung mit I. L. Edlen von Hofmannsthal (siehe diesen) entstand im J. 1812 die israelitische Religionsschule. Auch waren es die Genannten, die am eifrigsten den Bau des gegenwärtigen Tempels (April 1826 eingeweiht) bewerkstelligen halfen. Auch ist wesentlich ihm das Emporkommen des israelitischen Spitals zu verdanken; er war einer der ersten Begründer eines Fondes für sieche Kranke und eines Pensionsfondes für Witwen und Waisen der Religionsbeamten und Lehrer. Er stiftete schon im Jahre 1812 ein Stipendium von 6500 fl. C. M. für drei arme Schüler und endlich an seinem 70. Geburtstage ein Capital von 7000 fl. C. M. zu einem Waisenfonde. Endlich ward durch Biedermanns Vermittlung der ausgezeichnete Kanzelredner Mannheimer (siehe diesen) als Prediger der israelitischen Cultusgemeinde in Wien gewonnen; die Anstalten und Einrichtungen des Wiener israelitischen Gotteshauses wurden mustergiltig für den ganzen Kaiserstaat und wirkten auch über denselben hinaus. Biedermanns Tod wurde tief von seiner Gemeinde betrauert. Die herrlichen Worte seines Nekrologs verdienen hier eine Stelle, da sie den Ehrenmann zeichnen, wie er war: „Biedermann ist nicht mehr. Er führte diesen Namen nicht nur, er war es auch. Gott hatte ihn mit großen Reichthümern gesegnet, aber er benützte diese nur um seinen Hang zu edlen Handlungen aus voller Seele zu befriedigen. Er war nicht nur der Vater unzähliger armer Glaubensgenossen, er wies auch keinen Unglücklichen von seiner Thüre, ob dieser nun Christ oder Jude gewesen. Er prunkte nicht mit seinen Edelthaten, aber alle Unglücklichen kannten ihn u. nannten segnend seinen Namen. Er hat wohl die größte Sammlung der edelsten Steine besessen, allein sein Herz war der schönste Brillant. Es erschien im Feuer für alles Gute und es brach in Thränen des edelsten Wassers aus bei fremder Noth. Eilf Kinder umstehen sein Grab mit thränenfeuchtem Blick, aber der Gedanke, daß sie die Kinder eines Mannes sind, dessen Hintritt Tausende betrauern, daß sein Name und seine Tugenden in ihnen fortleben werden, dieser Gedanke gewährt ihnen einigermaßen Trost über den herben Verlust.“ Echte Bürgertugend ist denkwürdig genug, um eine Stelle in diesem Lex. einzunehmen.

Allgemeine Theater-Zeitung (Wien 1843, gr. 4°.) 36. Jhrg. Nr. 205, S. 898 u. Nr. 204, S. 896. – Theils nach handschr. Mittheil. von G. Wolf.