BLKÖ:Ehrlich, Johann Nepomuk

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 4 (1858), ab Seite: 9. (Quelle)
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Ehrlich, Johann Nepomuk (philosophischer Schriftsteller). Zeitgenoß.[BN 1] Trat in den geistlichen Stand und zwar in den Orden der Piaristen, widmete sich nach beendeter Theologie dem Studium der Philosophie, sich zugleich um eine Lehrkanzel derselben bewerbend. Er erhielt eine solche und trug diesen Gegenstand an mehreren Facultäten vor. Gegenwärtig ist er Professor der Fundamental-Theologie und Religionswissenschaft an der Prager Hochschule. – Seine Schriften sind: „Grundzüge der Religionswissenschaft“ (Krems 1850, VIII, 141 S., gr. 8°.); – „Randglossen zu Jul. Fröbels System der socialen Politik“, 2 Hefte (Ebenda 1849 und 50, VI und 196 S., gr. 8°); – und „Die neuesten Vorschläge zur Reform der philosophischen Ethik und empirischen Psychologie in vier Aforismen besprochen“ (Bonn 1847, Marcus, IV und 128 S., gr. 8°.).

Kayser (Christian Gottlob), Vollständiges Bücher-Lexikon (Leipzig 1834, 4°.) XI. Bd. S. 259.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Ehrlich, Johann Nepomuk (gelehrter Piarist, geb. zu Wien 21. Februar 1810, gest. zu Prag 23. October 1864). Der Sohn eines unbemittelten Wiener Bürgers. Unter Mühsal und Entbehrungen machte er die Volksschule durch, dabei übte nicht geringen Einfluß auf ihn der ältere Bruder, der, in einer Druckerei beschäftigt, nach des Vaters Tode (1821) nicht bloß die ganze Last des [435] Hauswesens auf sich nahm, sondern auch als Erzieher dessen Stelle mannhaft ersetzte und sein ganzes Leben hindurch unserem Johann Nepomuk der treueste hilfreichste Freund blieb. Als Gymnasiast hatte Johann schon eine seltene Begabung für das Lehrfach gezeigt und daher suchte er die Aufnahme in den Piaristenorden nach, zu dessen Hauptfunctionen das Lehramt gehört. Die Bezüge eines Priesters der frommen Schulen sind sehr eng bemessen; sie bestanden noch im Jahre 1848 in einem mäßigen Mittag- und Abendmahl, einmaliger sparsamer Beheizung selbst im strengsten Winter, zwölf Pfund Kerzen, einem Ordenskleid und zwei Hemden jährlich, dann in drei Abstufungen 30, 40 oder 50 fl. Jahresremuneration und monatlich sechs freien Messen auf Beischaffung der übrigen Bedürfnisse, wozu auch der Bücherbedarf zu rechnen war, da kein Collegium mehr als 25–30 fl. jährlich auf seine Bibliothek zu verwenden hatte. Dabei gab es aber vom Eintritt in das Noviciat angefangen unausgesetzte angestrengte Geistesarbeit. Schon die Theologiestudirenden mußten sich auf eine künftige Professur vorbereiten oder gar wohl eine solche suppliren. Nichtsdestoweniger trat Ehrlich in diesen Orden, dem er bis zum Tode angehörte, und der ihm so sehr am Herzen lag, daß er dessen Feind für seinen eigenen hielt. Anfangs hatte ihn sein Provincial für eine physikalische Lehrkanzel bestimmt. Allein die Beschäftigung mit der Philosophie zog ihn mehr an, und er bewirkte, daß, nachdem er 1834 zum Priester geweiht und als Doctor in die philosophische Facultät aufgenommen worden war, ihm die Professur der Philosophie an der Lehranstalt in Krems übertragen wurde. Als Student konnte er sich eigentliche „Gottesgelehrtheit“ nicht erwerben; er war wohl christlich von Haus aus, aber wissenschaftlich hatte er sich darüber nicht Rechenschaft gegeben, da wurde ihm der Sonntagsgottesdienst in Rohrdorf bei Krems übertragen. Gewohnt, nichts halb oder oberflächlich zu machen, benützte E. die reichen Anregungen, die er im Beichtstuhl und durch seine übrigen seelsorgerlichen Functionen erhielt, zu den gründlichsten Erwägungen und Studien; das Leben des Geistes bot sich ihm in seinen tiefsten Geheimnissen dar und gab ihm so Gelegenheit, seine psychologischen Forschungen in der Praxis selbst zu erproben und weiter zu führen zu dem großen unantastbaren Ergebniß aller christlichen Philosophie, daß alle Weisheit nur in der Harmonie zwischen Wissen und Glauben bestehe, und setzte nun die Aufgabe seines Lebens daran, diese wissenschaftlich darzuthun. In ein Näheres kann hier nicht eingegangen werden, da philosophische Erörterungen nicht die Aufgabe dieses Werkes sind. Ungeachtet einer schwächlichen Gesundheit lag E. doch mit musterhafter Pünctlichkeit seinen Pflichten als Lehrer und Seelsorger ob. Bei den geringen Mitteln, über die er verfügen konnte, muß hier zweier Namen gedacht werden, die ihn in seinem Streben wesentlich förderten. Abt Arigler von Göttweih stellte dem armen Piaristen mit edler Liberalität die Stiftsbibliothek zur Verfügung, und noch mehr, der Buchdruckergehilfe Ehrlich kaufte dem noch ärmeren Bruder-Professor vom ersparten Lohne theure Bücher! Nur dadurch war er in den Stand gesetzt, sich stets auf der Höhe der Wissenschaft zu erhalten und jene Werke zu liefern, welche entweder selbstständig oder im Wege der Kritik anderer die Wahrheit entwickeln. Diese sind: „Metaphysik [436] als rationale Ontologie“ (Wien 1841, Beck, gr. 8°.); – „Lehre von der Bestimmung des Menschen als rationelle Theologie. I. Analytischer Theil“ (Wien 1842, Beck, gr. 8°.); – „II. Synthetischer Theil. Pflichtenlehre. Tugendlehre. Glückseligkeitslehre. Anhang“ (ebd. 1845, gr. 8°.); – „Das Christenthum und die Religionen des Morgenlandes. Eine Kerze für den Christbaum“ (ebd. 1843, gr. 12°.), worin er nachzuweisen sucht, daß das christliche Princip der Gesellschaft keiner neuen Grundlage, sondern nur der gründlichen Kenntniß und Entwickelung der durch das Christenthum gegebenen, auf welcher der ganze sociale Bau der Gegenwart ruht, bedürfe; – „Die neuesten Vorschläge zur Reform der philosophischen Ethik und empirischen Psychologie, in vier Aphorismen besprochen“ (Bonn 1847, Marcus, gr. 8°.); – „Randglossen zu Jul. Fröbel’s System der socialen Politik“, 2 Hefte (Krems 1849 und 1850, gr. 8°.), aus welchem angeblich rein humanen Systeme Ehrlich prophetisch eine Blutsaat aufgehen sieht und das sein Urheber nun selbst verläugnet; – „Grundzüge der Religionswissenschaft“ (ebd. 1850, Meyer, gr. 8°.); – „Ueber das christliche Princip der Gesellschaft. Vierzehn Vorlesungen“ (Prag 1856, gr. 8°.). Alle diese Arbeiten gingen neben manchen anderen hervor, zu deren Abfassung ihn seine amtliche Aufgabe veranlaßte. Als Professor in Krems hatte er nämlich, nebst einem in Salzburg anonym erschienenen Lehrbuch über Logik und Psychologie[WS 1], noch ein philosophisches Handbuch, dessen Titel ich nicht auffinden gekonnt, geschrieben. Als er nach Aufhebung der philosophischen Lehrkanzel in Krems, dem Rufe als Professor der Moral zuerst (1850) nach Gratz und bald darauf nach Prag gefolgt, hier aber wieder bald zu einem Wechsel der Lehrkanzel bewogen und gleichzeitig in der philosophischen Facultät mit den Vorträgen über Religionswissenschaft, in der theologischen aber mit jenen über Fundamental-Theologie betraut worden war, hielt er an diesen beiden Universitäten zahlreich besuchte außerordentliche Vorlesungen, aus denen mehrere der oben genannten Schriften entstanden. Diese Arbeiten haben in der gelehrten Welt Aufsehen erregt, ihrem Verfasser das Ehrendiplom eines Doctors der Theologie von der Universität in Tübingen, die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, und die Berufung in den österreichischen Unterrichtsrath eingetragen. Von Jugend auf schwächlich, konnte er sich nie an die Stadtluft gewöhnen und sehnte sich in Gratz wie in Prag nach der idyllischen Ruhe seines armen Collegiums in Krems zurück, wohin er nach einer brieflichen Aeußerung aus dem Jahre 1850 „in strenger Winterszeit zu Fuß pilgern wollte, fände er dort einen angemessenen Wirkungskreis, so sehr liebe er diese Stadt, deren Bewohner und Umgebung“. Die Anstrengung aber, mit der er sich auf die Vorlesungen über Fundamental-Theologie vorbereitete, zog ihm eine höchst gefährliche Gehirnentzündung zu, von der er zur Freude seiner vielen Freunde wieder genas. Sein älterer Freund, der Philosoph Dr. Günther [s. d. Bd. VI, S. 10, und Bd. XI, S. 423], der überdieß nie gewillt war, mit Ehrlich über obwaltende Meinungsdifferenzen zu rechten, freute sich innig auf das Wiedersehen „des von einem großen Schmerzenslager Erstandenen, der sich nach Claudius Worten wie ein Unsterblicher anfühlen lasse, weil er“, wie Günther erklärend beifügt, „von der Frühlingsluft einer besseren Welt bereits angeweht worden“. Genesen, setzte E. seine Arbeiten fleißig fort; und noch in den [437] Ferien des J. 1864, welche er wie seit mehreren Jahren auf des ihm voll Liebe zugethanen Cardinals Schwarzenberg Besitzung Břežan zubrachte, beschäftigte er sich lebhaft mit dem Entwurfe zu Vorlesungen über Religionsphilosophie. Diese ewige Frische des Geistes täuschte Alle und verleitete die nächste Umgebung Ehrlich’s zu der Meinung, er sei weniger krank als hypochondrisch. Allein die Körperkraft war aufgezehrt, und, erst 54 Jahre alt, starb er zu Prag, von Allen, die ihn kannten, hochverehrt. Weit über die Mauern der Säle, in denen sein Herz und Geist mächtig erfassender Vortrag in Oesterreich, Steiermark und Böhmen die edelsten Kräfte wachgerufen, ertönte die Klage aller Kreise um den Mann, der die Theologie als Wissenschaft zu Ehren gebracht, der die Harmonie zwischen Glauben und Wissen dargethan hat. Ueber seinen Mund war nie ein intolerantes Wort gekommen; so sehr er der erkannten Wahrheit überall beredtes Zeugniß gab, hatte er doch die Engherzigkeit und Einseitigkeit verachtet, welche da glaubt, der Religion einen Dienst zu erweisen, indem sie die albernsten Schriften, gingen sie nur von Glaubensgenossen aus, mit Lob überschüttet oder gar wohl die politische Wiedergeburt des theuern Vaterlandes mißachtet, weil statt des ohnmächtigen Schutzes durch Censur oder andere geistbeengende, alte Staatshausmittel der Wettkampf der Geister eröffnet ist. Einer seiner vieljährigen Freunde und Ordensbrüder, der hochw. P. Augustin Schwetz, entwirft von E. folgende Charakteristik: „Seiner Aufmerksamkeit entging keine bedeutende Erscheinung, auf was immer für einem Felde wissenschaftlicher Thätigkeit, und, was die Hauptsache ist, Ehrlich gehörte zu einer Gattung Philosophen, wie sie eben nicht häufig anzutreffen sind, die nämlich nach den Grundsätzen, die sie lehren und verfechten, auch ihr Leben einrichten. Er war vor Allem ein gediegener Charakter, und was sein Eigenname in der Sprache bedeutet, das war er durch und durch, in seiner Seele war nicht das Geringste falsch, stets waren die Motive bei all’ seinem Thun und Lassen, wie der Grund eines klaren Gewässers schon an der Oberfläche erkennbar. Uneigennützig, mit Wenigem zufrieden, hielt er, obwohl feinfühlend und mit ästhetischem Blicke begabt, so viel wie nichts auf äußeren Prunk und Luxus, desto mehr jedoch auf Sittlichkeit und Anstand. Nichts war ihm verhaßter als Gemeinheit. Stets freundlich und höflich im Umgange und von feinen ungezwungenen Manieren, nahm der hochgewachsene, schlanke Mann, von edler Stirne und sprechenden Augen, mit seinen angenehmen Gesichtszügen und seiner interessanten Persönlichkeit Jedermann für sich ein. Seine Schüler insbesondere, die ihn zu gleicher Zeit ehrten, liebten und fürchteten, waren immer für ihn begeistert. Auf’s Imponiren, wo es Noth that, verstand er sich meisterlich. Gewöhnlich war sein Antlitz mild ernst, ohne daß es den Philosophen zur Schau trug.“ An seinem Orden hing er mit treuer Liebe und unter allen Auszeichnungen, die er später erhielt, machten ihm keine eine größere Freude, als diejenigen, welche ihm die Liebe und das Vertrauen seiner Brüder und Vorstände verliehen, wie er denn das Amt eines Provincial-Consultors, Directors der Cleriker und Vice-Rectors der Ordensfamilie zu Krems, mit ungemeiner Berufsfreudigkeit geführt hat. Niemals hat er nach Würden gestrebt, die mit seinen Gelübden in Widerspruch gerathen konnten. Sein Herzenswunsch, allenfalls nach [438] seiner Pensionirung in einem Collegium von angenehmer und gesunder Lage, böhmischer oder österreichischer Provinz, fern von dem Getümmel einer Hauptstadt, den Rest seiner Tage unter Piaristen friedlich zu verleben, ging nicht in Erfüllung. Ein bleibendes Denkmal seiner innigen Zuneigung aber besitzt der Orden an seinen „Briefen eines Piaristen an seine Ordensbrüder, 1848“, in welche er die ganze Fülle seiner Liebe und Einsicht ausströmen ließ und die einen kostbaren Schatz von Tröstung für den Orden in schlimmen Tagen enthalten.
    Schwetz (Augustinus), Nekrolog des Dr. Johann Nepom. Ehrlich, Priesters des Piaristenordens u. s. w. (Wien 1864, Druck von C. Finsterbeck, gr. 8°.). – Oesterreichische Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und öffentliches Leben. Beilage zur amtlichen Wiener Zeitung (Wien, gr. 8°.) Jahrgang 1864, Nr. 47, S. 1494 [ein mit dem obigen besonders erschienenen Nekrologe gleichlautender Abdruck, von dem auch Separatabdrücke ausgegeben wurden]. – Literarisches Centralblatt für Deutschland, herausgegeben von Zarncke (Leipzig, 4°.) Jahrgang 1864, Sp. 1100. – Oesterreichischer Volks- und Wirthschafts-Kalender (Wien, gr. 8°.) Jahrg. 1866, S. 52. – Vierteljahrschrift für katholische Theologie. Herausgegeben von Wiedemann (Wien, 8°.) Jahrg. 1865. – Prager Zeitung 1864, Nr. 254. [Band 14, S. 434–438]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Phychologie.