BLKÖ:Kołłontay Graf von Sztumberg, Hugo

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 12 (1864), ab Seite: 365. (Quelle)
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Kołłontay Graf von Sztumberg, Hugo (Gelehrter und Staatsmann, geb. in der Wojwodschaft Sandomir am 1. April 1750, gest. am 28. Februar 1812). Entstammt einer lithauischen Adelsfamilie. Die ersten Schulen besuchte er im Städtchen Pinczow, die höheren an der Universität zu Krakau. Von dort, da er in den geistlichen Stand treten sollte, begab er sich nach Rom. wo er auf das Eifrigste Theologie und Kirchenrecht, nebenbei aber auch schöngeistige und kunsthistorische Studien betrieb. Als im Jahre 1774 ein Canonicat in Krakau erledigt war, dessen Besetzung dem Papste zustand, unterließ K., der eben zu Rom und am päpstlichen Hofe gern gesehen war, nichts, um diese Stelle zu erlangen. Und in der That, obgleich der Krakauer Bischof Cajetan Soltyk gegen ihn war, erhielt er sie dennoch. Als Canonicus von Krakau kehrte er heim, und zwar zu einer Zeit, als in Polen die Unterrichtscommission in’s Leben trat. Kołłontay, nachdem er einige Zeit in Krakau mit der Uebernahme seiner geistlichen Würde beschäftigt gewesen, begab sich nun nach Warschau, wo der König auf den jungen und geistvollen Theologen alsbald aufmerksam und in Folge dessen von der obengenannten Unterrichtscommission bei der Section, welche die Abfassung der Elementarbücher besorgte, eingetheilt wurde. Die Reform der einst so berühmten und nun ganz in Verfall begriffenen Krakauer Universität, damit sie zu der einstigen Bedeutung wieder gelange, lag K. zunächst am Herzen, und nach dieser Richtung entwickelte er bei der Unterrichtscommission eine energische Thätigkeit. Sein Unternehmen blieb nicht erfolglos; im Jahre 1777 wurde er von der Commission nach Krakau entsendet, um vorerst an den sogenannten Nowodworskischen Schulen die neue Schulreform durchzuführen. K. löste mit großem Geschicke seine Aufgabe. Nun aber sollte zur Reform der Universität selbst geschritten werden. Dabei ergaben sich schon bedeutendere Hindernisse und Schwierigkeiten, und was das Schlimmste war, die Commission konnte Niemanden finden, der das Amt des Visitators und Reformators übernehmen mochte. K., obgleich jung, aber nach Kenntnissen und Energie ganz befähigt, diese wichtige Angelegenheit zu einem gedeihlichen Ende zu führen, wurde endlich von der Commission für diesen Posten ernannt. Mit der Reform der theologischen Facultät sollte der Anfang gemacht werden. Eine schwierige Aufgabe war es. als K. 1778 diese Mission und die Vorschrift, wie er sich dabei zu verhalten habe, übernahm; aber er hatte den Erwartungen, die man auf ihn gesetzt, vollkommen entsprochen und den Reformplan, alle Hindernisse überwindend, die Rechte aus der Vergangenheit wie den Geist der Zeit scharfsinnig berücksichtigend, in so musterhafter Weise entworfen, daß einer seiner Biographen wörtlich sagt: „Wenn K. nichts sonst durchgeführt hätte, als diesen in der Theorie eben so schönen als in der Ausführung höchst einfachen Plan, so erwüchse ihm das volle Recht, auf bleibenden Ruhm in der Geschichte des Unterrichts in Polen und auf den Dank der Nation“. Nachdem er in zweijähriger angestrengter Arbeit sein Werk zu Stande gebracht, wurde am 1. October 1780 von K. selbst die nach seinem Plane organisirte Universität feierlich eröffnet. Daß es dabei an Intriguen und Hinterlisten schlimmster Art nicht fehlte, daß die geheimen und offenen Feinde K.’s nichts unversucht ließen, theils ihm das Werk zu erschweren, theils ihn in der öffentlichen [366] Meinung herabzusetzen und ihm, wie und wo sie nur konnten, einen bösen Streich zu spielen, braucht nicht erst versichert zu werden; ja es kam zu gemeinen Gehässigkeiten, welche K.’s Ehre bedrohten und ihn zwangen, Schutz bei dem bischöflichen Gerichte zu suchen, der ihm auch gewährt wurde. Dankbarer bewies sich die Universität selbst, welche den um sie so verdienten Priester zu ihrem ersten Emeriten und auf 3 Jahre zum Rector erwählte. Unaufhörlich blieb K.’s Augenmerk auf diese Hochschule gerichtet; es galt noch manches Andere umzugestalten oder neu zu schaffen; die so dringend gewordene Reform der medicinischen und chirurgischen Schulen, die Gründung eines mineralogischen Cabinets, die Durchführung des Unterrichtes in der Landessprache in allen Fächern und Abtheilungen, die neue Aufstellung des ganz zerstreuten, in vollster Ordnungslosigkeit befindlichen Archives, die Ausscheidung und chronologische Zusammenstellung aller auf die Universität zunächst bezüglichen Urkunden und Privilegien, das alles waren die Aufgaben, die des schöpferischen und ordnenden Geistes Kołłontay’s harrten und denen er sich mit allem ihm angebornen Eifer unterzog. Als aber im letzten Jahre seines Rectorates K. mehrere wohl nicht zu entschuldigende Eigenmächtigkeiten sich erlaubt und dadurch seinen Gegnern neue und dieses Mal treffende Waffen gegen sich in die Hand gegeben hatte, sah sich die Commission gezwungen, K. von seinem Posten abzurufen und die Wahl eines neuen Rectors zu gestatten. K., der nun zum Referendar von Lithauen und bald darauf zum Vicekanzler der Krone ernannt wurde, stürzte sich, wie vordem auf die Reformen im Unterrichtswesen, nun mit aller Gluth auf die Politik. Diesen letzten Posten eines Kanzlers der Krone bekleidete K. bis zum Untergange Polens und entwickelte als solcher eine gewaltige politische Thätigkeit. Auf dem constituirenden Reichstage förderte er seine politischen Gesinnungsgenossen durch Rath und That, suchte durch anonyme Flugschriften zu wirken und namentlich auch die dringend gebotenen Reformen in der Regierung anzubahnen. König Stanislaus August ehrte hoch K.’s Verdienste und schmückte ihn mit dem nach ihm benannten Orden und mit jenem des weißen Adlers. Als nach dem Sturze der Verfassung, am 3. Mai 1791, im folgenden Jahre die Conföderation von Targowice sich bildete, und K. mit noch vielen Patrioten von ihr geächtet und verfolgt wurde, mußte er aus dem Lande fliehen und begab sich nach Dresden, wo er so lange blieb, bis Kosciuszko sich erhob. Nun, 1794, kehrte er in das Vaterland zurück, trat neuerdings in Dienste der Regierung und wurde zuerst im Schatz-, später aber im auswärtigen Amte verwendet. Als aber Praga von den Russen genommen, der Aufstand niedergedrückt und die Verfolgung der Urheber begonnen wurde, floh K. über die Grenze nach Galizien, wo er aber unweit Sandomir von österreichischen Soldaten aufgegriffen und auf die Festung Olmütz gebracht wurde, auf welcher er bis zum Jahre 1803 9 Jahre in enger Haft verblieb. Nach seiner durch Vermittlung einflußreicher Freunde erfolgten Freigebung in die Heimat zurückgekehrt, ließ er sich zu Krzemieniec nieder, wo er im befreundeten Verkehre mit T. Czacki diesem bei der Schulreform mit Rath und That an die Hand ging. Im Jahre 1807 begab er sich nach Warschau und lebte bald dort, bald in Krakau ausschließlich den Wissenschaften. Noch [367] wohnte er dem im Jahre 1811 berufenen Landtage bei, war aber schon sehr gebrechlich und leidend, und in der That, kurze Zeit darauf schloß er, 62 Jahre alt, sein inhaltreiches und sehr bewegtes Leben. K., ein Gelehrter von ausgebreiteten und tiefen Kenntnissen, war auch literarisch thätig, und zwar als Geschichtschreiber und Publicist. Seine Schriften sind in chronologischer Folge: „Listy Anonyma do Stanisława Małachowskiego Referendarza koronnego“, 3 częsci, d. i. Briefe eines Anonymus an Stanislaus Malachowski, Referenten der Krone u. s. w., 3 Theile (Warschau 1788, 8°.); – „Prawo polityczne narodu polskiego“, d. i. Staatsrecht des polnischen Volkes (ebd. 1790, 8°.); – „Uwagi nad pismem Seweryna Rzewuskiego o prawie tronu dziedzicznego“, d. i. Betrachtungen über die Schrift des Severin Rzewuski über das Erbrecht des Thrones in Polen (ebd. 1789); von dieser Schrift erschien auch zwei Jahre später eine französische Uebersetzung unter dem Titel: „Observations sur un ouvrage intitulé: Essai sur le droit de succession au tronc de Bologne etc.“ (Varsovie 1791, 8°.), mit Anmerkungen, welche im Originale nicht enthalten sind; – „Uwagi o sukcessye tronu w Polscze“, d. i. Betrachtungen über die Thronfolge in Polen (ebd. 1790), K. erörtert darin die Nothwendigkeit einer erblichen Thronfolge für Polen im Gegensatze zu dem bisherigen Wahlreiche; – „Ostatnia przestroga dla Polski“, d. i. Letzte Mahnung an Polen (ebd. 1790), erschien ohne K.’s Namen; – „Uwagi nad teraźniejszém położenièm tej części ziemi polskiej, która od pokoju Tylżyckiego zaczęto zwać księztwem Warszawskim“, d. i. Betrachtungen über den gegenwärtigen Zustand jenes Theiles von Polen, der seit dem Tilsiter Frieden das Fürstenthum Warschau genannt wird (ebd. 1808, 8°.); – „Porzadek fizyczno moralny, czyli nauka o należytościach i powinnosciach człowieka, wydobytych z praw wiecznych i t. d.“, d. i. Die physisch-moralische Ordnung, oder die Lehre von den Rechten und Pflichten des Menschen, genommen aus den ewigen unveränderlichen und nothwendigen Rechten der Natur. I. Theil (Krakau 1810); der II. Theil dieses Werkes, dessen man sich einige Zeit als eines Handbuches des Naturrechtes bediente, ist nicht erschienen. Von seinen bei verschiedenen Gelegenheiten gehaltenen Reden sind mehre einzeln im Drucke erschienen, als z. B. jene bei Einführung der Schulreform im Jahre 1772 gehaltene, eine zweite im Jahre 1791, in welcher er die Nothwendigkeit der Errichtung eines Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten begründet, eine dritte über das Bedürfniß einer Sammlung von Civil- und Criminalrechten u. dgl. m. Nach Chodynicki waren seine auf dem Landtage 1791 gehaltenen Reden unter dem Titel: „Mowy Ks. Hugona Kołlontaja podkanclerza Koronnego na Sejmie 1791“ (Warszawa, 8°.) im Drucke erschienen; – „O ustanowieniu i upadku Konstytucyi 3. Maja“, 2 tomy, d. i. Von Verleihung und Aufhebung der Constitution vom 3. Mai. 2 Theile (Metz 1793, 8°.). Chodynicki schreibt dieses anonym erschienene Werk Kołłontay zu. Nach seinem Tode sind aus den von ihm hinterlassenen Handschriften durch den Druck veröffentlicht worden: „Pamiętnik o stanie duchowieństwa katolickiego i innych wyznań wpołowie XVIII. wieku“, d. i. Denkschrift über den Stand der katholischen Geistlichkeit und anderer Bekenntnisse in der [368] Hälfte des 18. Jahrhunderts (Posen 1840); – „Stan oswiecenia w Polszcze w ostatnich latach panowania Augusta III.“, d. i. Zustand der Geistesbildung in Polen in den letzten Regierungsjahren August’s III. Herausgegeben von Ed. Raczyński. 2 Thle. (Posen 1841); – Badania historyczne. Rozbiór krytyczny zasad hystoryi o początkach rodzaju ludzkiego, 3 tomy“, d. i. Historische Forschungen. Kritische Untersuchung der historischen Ansichten über den Ursprung des Menschengeschlechtes. 3 Theile (Krakau 1842); – „Hugona Kołłontaja. Korrespondencyja listowna z Tadeuszem Czackim przedsięwzięta w celu urządsenia instytutów naukowych i t. d.“, d. i. Briefwechsel K.’s mit Thaddäus Czacki, unternommen in Hinblick auf Gestaltung der Lehranstalten u. s. w. Herausgegeben von Ferdinand Koisiewicz (Krakau 1844). Manches und mitunter Werthvolles ist aber bisher ungedruckt, als: „Badania nad historyą pierwszych wieków rodu ludzkiego“, d. i Bemerkungen über die Geschichte der ersten Jahrhunderte des Menschengeschlechtes, und „O Skitach, o Słovianach, o dawny jeografi krajów w których ta narody mieszkały“, d. i. Von den Scythen, Slavoniern und der alten Geographie jener Gegenden, welche diese Völker bewohnt haben. Diese Werke hat K. während seiner Haft in Josephstadt und Olmütz 1795–1803 verfaßt. Kołłontay zählt nicht nur zu den ersten Schriftstellern. sondern auch zu den bedeutendsten Männern seines Volkes, und hat sein Einfluß bis heute mächtig nachgewirkt. Wie man sieht, war er in verschiedenen wissenschaftlichen Disciplinen, als auf dem Gebiete der Rechtsphilosophie, des Staatsrechtes, der Gesetzgebung, des Unterrichtswesens schriftstellerisch thätig. Seine Sprache wird von den polnischen Literaturhistorikern als rein, kernig und wohlklingend bezeichnet. Er verbindet, wie Bentkowski ihn charakterisirt, die Kraft und Gründlichkeit eines Naruszewicz, mit der Klarheit Zaborowski’s, der Schönheit Gornicki’s im Periodenbau und dem natürlichen Flusse Krasicki’s. Durch und durch Patriot, hat er in einem bewegten Leben die höchsten und edelsten Zwecke seines Volkes fördern geholfen. An höheren Blödsinn grenzt es aber, wenn ihn Einzelne den „Robespierre Polens“ nennen.

Kołłontay erscheint bald als Kołłątay, auch Kołłątaj und Kolontai geschrieben. Wie er in der letzteren Schreibart erscheint, wird er in der ersteren ausgesprochen, denn das polnische ą lautet wie ein gequetschtes on. – List do przyjaciela odkrywający wszystkie czyności Kołłataja, d. i. Schreiben eines Freundes, das alle Arbeiten Kołłontay’s darstellt (1792, 8°.). – Bentkowski (Felix), Historya literatury polskiej, d. i. Geschichte der polnischen Literatur (Warschau und Wilna 1814, Zawadzki, 8°.) Bd. I, S. 494, 660; Bd. II, S. 36, 97 u. 778. – Chodynicki (Ignacy), Dykcyonarz uczonych Polaków, zawierający krótkie rysyich życia i t. d., d. i. Lexikon gelehrter Polen, ihre kurzen Lebensabrisse enthaltend (Lemberg 1833, 8°.) Bd. I, S. 304. – Katalog biskupów, prałatów i kanoników krakowskich, d. i. Verzeichniß der Bischöfe, Prälaten und Domherren von Krakau (Krakau 1852, Universitäts-Druckerei, 8°.) Bd. III, S. 136. – Woycicki (K. Wl.), Historyja literatury polskiej w zarysach, d. i. Geschichte der polnischen Literatur in Umrissen (Warschau 1845, Sannwald, gr. 8°.) Bd. I, S. 208; Bd. III, S. 306. – Wiszniewski (Michał), Historya literatury polskiej (Kraków 1840, Gieszkowski, 8°.) Tom I, S. 96. – Gazeta Warszawska 1812, Nr. 20. – (Hallische) Allgemeine Literatur-Zeitung 1812, Nr. 183, und dieselbe, Ergänzungsblätter 1812, Nr. 118. – Auch hat Sniadecki Kołłontay’s Biographie geschrieben und diese befindet sich im 1. Bande der von Baliński besorgten Gesammtausgabe seiner Werke.