BLKÖ:Kolletschka, Jacob

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 12 (1864), ab Seite: 352. (Quelle)
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Kolletschka, Jacob (Arzt, geb. zu Deutsch-Biela im Chrudimer Kreise Böhmens 24. Juli 1803, gest. zu Wien 13. März 1847). Seinen Vater, Ortsrichter in Deutsch-Biela, verlor K., als er erst drei Jahre zählte. K. besuchte das Piaristengymnasium zu Mährisch-Trübau, die Philosophie beendete er 1824 auf dem Lyceum zu Brünn. Darauf begab er sich nach Wien, wo er dem medicinischen Studium oblag und nach dessen Vollendung 1830 in die pathologisch-anatomische Anstalt des allgemeinen Krankenhauses als zweiter Praktikant eintrat. Im Jahre 1836 erwarb er die Doctorwürde. Einige Jahre diente er als Assistent der pathologischen Anatomie, bis er 1840 sich als praktischer Arzt in der Leopoldstadt niederließ und zugleich die Stelle eines Primarius in dem kurz zuvor eröffneten Filial-Spitale der barmherzigen Schwestern erhielt. Im Herbste 1843 trat er die durch Bernt’s Tod [Bd. I, S. 331] erledigte Lehrkanzel für Staatsarzneiwissenschaft an der Wiener Hochschule an und bekleidete sie bis an seinen Tod. Als dessen Ursache wird das mittelst des Secirmessers, als er bei einer Section von einem der Zuhörer aus Versehen unter dem Nagel des linken Zeigefingers unmerklich verwundet wurde, empfangene Leichengift angesehen. Dieß sind die einfachen Umrisse seines Lebens, das nicht in geschriebenen Werken Spuren seiner großen geistigen Thätigkeit hinterlassen; aber einen Umschwung in der Wissenschaft, der er huldigte, anbahnen geholfen hat, und der seinem Namen eine ehrenvolle Erwähnung sichert, so lange in der Arzeneikunde der Ausdruck „Wiener Schule“ maßgebend bleiben wird. Um seine Bedeutung nach dieser Seite vollends zu würdigen, lassen wir seinen Nekrologisten reden, der ihm eine ergreifende Standrede in dem in den Quellen citirten „Deutschen Nekrolog“ gehalten hat. „Die Leichenkammer“, schreibt Dr. Fesl, „wurde die Großmeisterin des ärztlichen Lehrstuhles; mit unbezähmbarer Gewalt stürzte sie die ältesten, verwickeltsten, scharfsinnigsten Theorien und Systeme der bisherigen Kunst. Es entstand eine neue Schule, die in der [353] unbefangenen Jugend täglich mehr Anerkennung und Vertrauen erwarb. Ein lebhafter hartnäckiger Kampf entbrannte, und die Verkünder der entdeckten Wahrheit, für welche augenscheinlich und ganz überwältigend das Heer der Thatsachen zeugte, liefen mehr als einmal Gefahr, äußerlich unterliegen zu müssen. Die eifrigen Jünger der menschenfreundlichen Wissenschaft, den Werth dieser Anschauungen für die Erweiterung der Heilkunde ahnend, und die hierdurch erworbene Ueberlegenheit am Krankenbette fühlend, drängten sich zu dem schauerlichen Todtentempel, um hinter Isis schwerverhängten Schleier zu blicken. Durch sie verbreitete die Kunde von den unerwarteten Aufschlüssen sich allmälig zu ihren Bekannten auch in den heimatlichen Provinzen, dann selbst in das Ausland und über die Meere. Fremde kamen herbei, alte Lehrer reihten sich in den Kreis der Studirenden und bald begnügte man sich nicht mehr mit den zufälligen abgerissenen Weisungen, man wünschte zusammenhängenden vollständigen Unterricht. Hier war es der schnell entschlossene Assistent Dr. Kolletschka, der mit seinem Eifer und lebhaften Wesen den Gedanken faßte und sofort ausführte, ordentliche Curse in der Leichenkammer zu halten, die nach einigen Wochen sich stets erneuerten und selbst in den Ferien fortsetzten. Sein gründliches Verfahren, die zutrauliche vielseitige Mittheilsamkeit, die feurige fortstürmende Rede fesselten die Zuhörer an Person und Sache. Kolletschka und kurz darauf die großen Nachfolger seines Beispiels, die Gleiches betreibenden Collegen, waren bald in Aller Mund, ihre bewunderten Namen erschollen in den Gesprächen, Zusammenkünften und Berichten der heranschwellenden Lehrlinge. Vornehmlich in Prag fand der Eifer für die Sache und ihren Fortschritt den fruchtbarsten Boden, die einschlagenden spärlichen Schriften wurden ihrer wenig einladenden Form ungeachtet wie Fundgruben geschätzt und gegenwärtig ist diese Richtung der Medicin allenthalben die herrschende. Womit K. zumeist Staunen erregte, war das ausgebreitete Wissen in oft sehr weit auseinanderliegenden Fächern, sein gesundes Urtheil über menschliche Dinge, sein durchgebildeter Geschmack und die Leichtigkeit, mit der er überhaupt und beharrlich sich Kenntnisse anzueignen pflegte. „Auf schriftstellerischem Gebiete war K. eigentlich nicht thätig; denn es ist von ihm nur die Inaugural-Dissertation „De arrosionibus membranae mucosae tubi intestinalis“ (Wien 1836) im Drucke erschienen. Wohl gedenkt der Nekrolog des „Leipziger Repertoriums“ (1847, S. 80) einer mit Dr. Jos. Škoda gemeinschaftlich herausgegebenen Schrift über „Die Perikarditis in pathologischer und diagnostischer Hinsicht“, die im Jahre 1839 erschienen sein soll; aber diese Schrift wurde wohl lange beabsichtigt, jedoch als nicht mehr an der Zeit endlich aufgegeben. Hingegen war K. auf anderem Gebiete rastlos thätig. Er arbeitete bei der um jene Zeit angeordneten Hofcommission zur Reform des Studienwesens in der ihn betreffenden medicinischen Abtheilung angestrengt mit, und suchte den Umtausch der alten Formen mit dem heutigen Bedürfnisse, durch seine in freisinnigster Weise beantragten Reformen zu fördern. Auch hatte er sich einige Aufgaben zur künftigen Bearbeitung zurecht gelegt: z. B. die Erforschung der Hundswuth, das Studium der Pest in ihren Geburtsstätten, zu welchen er eine Reise in den Orient vorhatte. Großes Gewicht legte er auf Abfassung zweckmäßiger [354] medicinischer Volksbücher und einer tüchtigen Gesundheitslehre (Diätetik). Besonders bemerkenswerth war die Universalität seiner Kenntnisse; keinem Gebiete des Wissens war er fremd. Vornehmlich Arzt, liebte er doch die schöne Kunst in allen ihren Zweigen, als Musik, Malerei, Poesie, und ehrte Wissenschaft in Toga, Rocquet und Talar. Auf einer durch ganz Italien im Jahre 1844 und durch Deutschland im Jahre 1845 unternommenen Reise erweiterte er auch nach dieser Seite hin seine Gesichtspuncte. Für gute Bücher, werthvolle Kupferstiche gab er manche Summe aus. Den medicinischen Theil seiner reichhaltigen Bibliothek widmete er den Studirenden im allgemeinen Krankenhause, während er für die übrigen Werke die Vertheilung unter Freunde bestimmte. Seine Leichenfeier war ein Trauerfest. „Der Friedhof neben St. Marcus, schreibt Fesl, „empfing die Ueberreste des „Unersetzlichen“[WS 1].“

Neuer Nekrolog der Deutschen (Ilmenau, B. Fr. Voigt, kl. 8°.) XXV. Jahrg. (1847), S. 205–216: Nekrolog von Dr. M. J. Fesl [eine mit wahrer Pietät und gerechter Würdigung der Verdienste des zu früh Verblichenen geschriebene Lebensskizze]. – Wiener Zeitung (gr. Fol.) 1847, Nr. 124 u. f. – Leipziger Repertorium 1847, S. 80.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „Unersetzchen“.