BLKÖ:Lippich, Franz Wilhelm

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Lippert, Podiwin
Band: 15 (1866), ab Seite: 229. (Quelle)
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Lippich, Franz Wilhelm (Arzt, geb. zu Igló, einer der 16 Zipser Städte, 13. Juni 1799, gest. zu Wien 12. December 1845). Die Familie soll aus Venedig und Cattaro stammen und im Wechsel der Zeiten nach Ungarn verschlagen worden sein. Sein Vater Joseph war Provinzialarzt der oberwähnten 16 Zipser Städte und der Sohn erhielt eine sorgfältige Erziehung im Elternhause. Das Gymnasium besuchte er zu Podolin, später zu Leutschau und Kaschau, an welch letzterem Orte er auch die philosophischen Studien beendete. Neben den gewöhnlichen Unterrichts-Gegenständen wurde auch auf Erlernung von Sprachen und auf Unterricht im Zeichnen, Malen und Musik, wofür er ungewöhnliche Talente beurkundete, Rücksicht genommen. Freilich boten für letztere Künste die Städte, in welchen der Jüngling lebte, nur Mittel ganz untergeordneter Art. Im Alter von 18 Jahren bezog er die Universität zu Pesth, um sich, obwohl das Zipser Domcapitel ihn für das pazmaneische Institut in Wien ausersehen hatte, der ärztlichen Laufbahn seines Vaters zuzuwenden. Von Pesth, wo er mit besonderer Vorliebe Botanik getrieben, begab er sich nach Wien, wohin ihn der Ruf des berühmten Philipp Karl Hartmann [Bd. VIII, S. 11] zog, und dort nahmen die klinischen Studien seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Im Jahre 1823 beendete er die Fachstudien, [230] erlangte am 26. Mai d. J. die medicinische Doctorwürde und betrat mit der, von einem Fachmann als classisch bezeichneten Dissertation: „Observata de metritide septica in puerperas grassante“ die schriftstellerische Laufbahn. Noch im nämlichen Jahre wurde er zum zweiten Stadtarzt in Laibach ernannt, wo er durch eilf Jahre wirkte. In den Jahren 1832 und 1833 war er auch als provisorischer Kreisarzt und Spitalsdirections-Adjunct thätig. Bereits waren mehrere fachwissenschaftliche Abhandlungen, vornehmlich medicinisch-klinischen und staatsarzeneilichen Inhalts, in den medicinischen Jahrbüchern des österreichischen Kaiserstaates und in anderen Fachblättern erschienen; nun aber trat er mit mehreren selbstständigen Werken auf, und zwar: „Grundzüge zur Dipsobiostatik oder politisch-arithmetische, auf ärztliche Beobachtung gegründete Darstellung der Nachtheile, welche durch den Missbrauch der geistigen Getränke in Hinsicht auf Bevölkerung und Lebensdauer sich ergeben. 1. und 2. Hundert der Beobachtungsfälle“, mit 3 Tabellen (Laibach 1834, Korn, gr. 8°.) und „Medicinische Topographie Laibachs“ (ebd. 1834, 8°.). Ein Fachmann und zugleich sein Nekrologist bezeichnet beide Werke als Resultate der gewissenhaftesten, der detaillirtesten Forschung wie eines großen medicinischen Ueberblickes. Lippich’s hier niedergelegte nummerische Untersuchungen über den Einfluß des Mißbrauches geistiger Getränke auf die Krankenstatistik der Bevölkerung, sind ähnlichen preisgekrönten Arbeiten zu Grunde gelegt werden. In der medicinischen Topographie Laibachs ist von der Statistik bis zu den „Geisteskrankheiten“ kein Gebiet der Medicin unberührt geblieben, letzteres mit tiefem Wissen erörtert worden. „Früh, schreibt Dr. Seligmann, betrat er dieses geheimnißvolle Gebiet, dem er sich später mit Leidenschaft ergab, das Gebiet, welches wir anstatt mit dem banal gewordenen Ausdrucke des „Hereinragens der Geister in die Körperwelt“, umgekehrt als ein „Hineinragen des Körperlichen in die Geisterwelt“, bezeichnen möchten, das Gebiet des Irreseins, leider nicht minder oft der Aerzte als der Kranken. Diese Werke, wie mehrere bei Bewerbung um Lehrkanzeln geschriebene Concurselaborate, hatten höheren Orts die Aufmerksamkeit auf den gelehrten Arzt gerichtet und im Jahre 1834 wurde er zum Professor der medicinischen Klinik an der Universität in Padua ernannt. Daselbst mußte er sich langsam Bahn brechen, aber um so nachhaltiger waren seine Erfolge. L. hatte der Erste das Sthethoskop nach Padua gebracht, und wie sein Biograph erzählt, wie Friedrich Müller, als er es in Wien einführte, anfänglich nur Spott dafür geerntet. Aber nach und nach siegte er. Seine Güte überwand, wo seine Ueberlegenheit aufreizte. In diese Periode fallen auch mehrere namhafte Arbeiten, darunter außer zahlreichen Abhandlungen in Journalen, aus welchen sein stetiges Fortschreiten mit der Wissenschaft sich kundgab, die Werke: „Nosographologia, sive methodus empirico-rationalis historias morborum concinnandi“ (Patavii 1836, gr. 8°.) und „Adversaria medico-practica“ (ebd., 8°.), worin L. die Ergebnisse seiner ärztlichen Erfahrungen sammelt und darstellt. Im Jahre 1841 wurde L. an Hildenbrand’s [Bd. IX, S. 14] Stelle nach Wien berufen. Bereits hatte er sich aber auf einen Gegenstand in seiner Wissenschaft geworfen, der so wichtig, weil geheimnißvoll, doch ihn hinderte, in der kurzen, ihm gegönnten Frist so erfolgreich wie bisher zu wirken. Die neue [231] Zeit in der medicinischen Wissenschaft, schreibt Dr. Seligmann, drängte zur ausschließlich physikalischen Anschauungsweise, zur speciellen exclusiven Richtung. Lippich war Synthetiker im weitesten Sinne des Wortes. In dem ungeheuren Bereiche seines Wissens suchte dieser rastlose Geist nach Gesetzen für Alles, nach Regeln auch für das regellos Phantastische, nach Bestimmungen für das Unbestimmbare. Es genügte ihm nicht das Wissen allein, ihm war die Krankheit nicht ein latenter Tod, der Kranke nicht bloß ein ungeöffneter Körper, der Körper nicht das allein Vorhandene, ihn trieb es unwiderstehlich zu helfen, zu helfen nicht nur aus allen, sondern auch mit allen Kräften, seien es auch noch so problematische Kräfte. Daher seine Neigung zum animalischen Magnetismus, darum wollte er, wie er sich ausdrückte, das Auflassen aller Schranken des ärztlichen Wirkens, das Gestatten jener phantastischen Methode. Aber an der überhaupt höchst problematischen Verwirklichung dieser Idee hinderte ihn der Tod durch eine, seit Jahren den Organismus unterwühlende schleichende Krankheit herbeigeführt. L. starb im schönsten Mannesalter von 46 Jahren. „Es war ein kurzes Dasein, aber reich an Güte und arm an Gütern“, heißt es in seinem Nachruf. Die Elemente seines Ursprungs vereinten sich in seinem Innern zur üppigsten Entfaltung; der künstlerische Sinn des Südländers und dessen Trieb zur exacten mathematischen Forschung. mit der beweglichen Phantasie des Slaven und dessen hohen Sprachgewandtheit, mit dem philosophischen Geiste und der religiösen, ja mystischen Richtung des Deutschen. Sein äußeres Leben war still, in sich gekehrt, wie seine äußere Erscheinung. Ein Werk: „Die biomagnetische Heilmethode in ihren naturgesetzlich sich entwickelnden Grundzügen und in ihren naturrechtlich sich gestaltenden Verhältnissen“, hat sich in seinem Nachlasse vorgefunden. Das von seiner Schwester Therese [s. d. Folg.] gemalte Bildniß des zu früh Hingeschiedenen wurde am 13. April 1850 im klinischen Hörsaale des k. k. allgemeinen Krankenhauses zu Wien feierlich aufgestellt und bekränzt, und bei dieser Gelegenheit von Dr. Romeo Seligmann in einer begeisterten Gedächtnißrede der wissenschaftlichen und humanistischen Verdienste des Todten gedacht.

Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1850, in einem der Feuilletons des Monats April ist der Vortrag abgedruckt, den Dr. Romeo Seligmann hielt, als Lippich’s Bild im klinischen Hörsaale des k. k. allgemeinen Krankenhauses zu Wien feierlich enthüllt wurde. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Bd. XIX, Abtheilung 2, S. 517. – Hirschel (Bernhard Dr.), Compendium der Geschichte der Medicin von den Urzeiten bis auf die Gegenwart, mit besonderer Berücksichtigung der Neuzeit und der Wiener Schule (Wien 1862, W. Braumüller, gr. 8°.) S. 499. –