BLKÖ:Müller, Johann Heinrich Friedrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 19 (1868), ab Seite: 382. (Quelle)
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40. Müller, Johann Heinrich Friedrich (k. k. Hofschauspieler und dramatischer Schriftsteller, geb. zu Halberstadt 20. Februar 1738, gest. zu Wien 8. August 1815). Sein wahrer Familienname soll Schröter gewesen sein, und aus welcher Ursache er denselben mit Müller vertauscht, ist nicht bekannt. Müller selbst bemerkt in seiner selbstverfaßten Lebensgeschichte, die aber eigentlich mehr eine Geschichte des Wiener Theaters ist, nichts über diesen Umstand. Den angenommenen Namen Müller behielten nicht nur er, sondern auch seine Nachkommen bei. Nachdem er den ersten Unterricht an der Domschule seiner Vaterstadt erhalten, kam er im Jahre 1749 auf die Universität nach Halle, um dort seine Studien fortzusetzen. Seine Vorliebe für das Schauspiel hatte ihn schon als Knaben in manche Unannehmlichkeit verwickelt und empfindliche Strafen zur Folge gehabt, aber dessen ungeachtet war sie nicht zu bannen und nahm vielmehr zu, wenn er Gelegenheit hatte, Darstellungen tüchtiger Schauspieler zu sehen. Bei einer Ferienreise nach Magdeburg, im Jahre 1755, wurde er mit dem Schauspieldirector Schuch bekannt, der das Privilegium besaß, in allen größeren Städten der preußischen Staaten sein Theater zu eröffnen. Da Schuch eben für seine drei Knaben einen Privatlehrer suchte, so bot sich ihm M. an, und als Lehrer der Kinder eines Theaterdirectors begann M. das Schauspielerwanderleben. Bald sollte aus dem Lehrer ein Schauspieler werden; schon in Potsdam betrat M. in einer kleinen Rolle die Bühne, und nun ging es in der selbstgewählten Kunst stufenweise weiter. Mit der Gesellschaft seines Directors kam M. nach Stettin, Berlin, Breslau, Frankfurt an der Oder, Cüstrin. In vorletzter [383] Stadt lernte M. einen Kaufmann aus Hamburg kennen, der ihm die damals so trefflichen Kräfte der dortigen Bühne in lebendigster Weise schilderte und ihn zuletzt überredete, die Schuch’sche Gesellschaft zu verlassen und bei dem Hamburger Theater, das Schönemann leitete, einzutreten. An derselben wirkten damals Eckhof, Stacke, Fabrizius, Kirchhof mit. Aber nicht lange blieb die Gesellschaft Schönemann’s beisammen. Als dieser einen Civildienst, den er bereits seit längerer Zeit gesucht, erhalten hatte, wurden die Mitglieder entlassen und waren brotlos. Während Müller sich um ein Unterkommen bei einem anderen Director bekümmerte, lud ihn ein Baron Wittorf, ein Schlesier, zu einem Besuche ein. Als Müller dieser Einladung Folge geleistet, eröffnete ihm Wittorf, daß Graf Hoditz [Bd. IX, S. 83], der auf seinen Gütern in Wittorf’s Nähe lebe, die Absicht habe, ein eigenes Theater zu errichten und einen jungen Mann für das Fach der Liebhaber suche. Er (Wittorf) reise in wenigen Tagen, und da er wisse, daß Müller für den Augenblick über sich verfügen könne, biete er ihm an, mit ihm zu reisen. Da sich keine anderen Aussichten zeigten, nahm M. diesen freundlichen Antrag an. Mit seinem neuen Beschützer machte M. nun die Reise über Neisse, Neustadt nach Roswalde, wo Graf Hoditz hauste. Dieser nahm Müller in seine Dienste; bald wurde Müller des Grafen erklärter Liebling, und nicht nur erster Liebhaber seines Theaters, sondern sein Factotum, Müller selbst schreibt in seiner 1802 erschienenen Lebensgeschichte: es leben gegenwärtig noch verdienstvolle Krieger und würdige Staatsmänner, denen es bekannt ist, daß ich Director seiner Theater, Bibliothekar, Oberjägermeister, Sonnenpriester, Professor seiner ihm unterthänigen Jugend in der Geographie, Historie, Numismatik, Heraldik und sein Sekretär zugleich zu sein die Ehre hatte“. Vier Jahre war M. in diesen vielfachen Diensten in Roswalde thätig, als ein Heirathsantrag, durch den M. nach einer damals in Schlesien noch üblichen, erst später aufgehobenen Sitte leibeigen und unterthänig geworden wäre, ihn veranlaßte, sein Glück anderwärts zu suchen. M. begab sich, 1761, zunächst nach Linz, wo es ihm gelang, die Aufmerksamkeit des damaligen Landeschefs Grafen Schlik auf seine Person zu richten, der während einer kurzen Anwesenheit in Wien M. dem damaligen Hoftheater-Director Grafen Durazzo empfahl. So kam Müller im Jahre 1763 nach Wien an das Hoftheater, an welchem er bei seinem ersten Auftreten am 13. September 1763 als Sever in P. Corneille’s Trauerspiel: „Polieukt“ einen glänzenden Erfolg feierte. Von 1763 bis 1801, also durch volle 39 Jahre, war M. an dieser Bühne in wahrhaft verdienstlichster Weise thätig. Eine Reihe von Jahren spielte M. alle ersten Charakterrollen, komische und rührende Bedienten, Pedanten, Petitsmaitres und erfreute sich immer der vollen Gunst des Publicums. Im Jahre 1776, als sich der Kaiser Joseph II. ernstlich mit dem Gedanken beschäftigte, ein deutsches Nationaltheater in seiner Reichshauptstadt zu gründen, ein Gedanke, der ihn auch dann nicht verließ, als er im Lager dem Feinde gegenüber stand, gab der Kaiser M. den Auftrag, die ersten Theater Deutschlands zu besuchen, ihm über den Zustand des Theaterwesens ausführlichen Bericht zu erstatten und mehrere gute Schauspieler für sein Hoftheater zu gewinnen. Im September 1776 trat M. seine Reise an, [384] besuchte Dresden, Leipzig, Hamburg, Berlin, Braunschweig, Wolfenbüttel, Halberstadt, Gotha, Mainz und kehrte am 18. Jänner 1777 nach Wien zurück. Der Bericht Müller’s über seine Reise, welcher in seiner Selbstbiographie S. 97 bis 225 umfaßt, ist ebenso lehrreich, als ein interessanter Beitrag zur deutschen Theatergeschichte. M. besuchte und lernte auf seiner Reise kennen die Dichter und Schriftsteller Ramler, Engel, Madame Karschin, Lessing, über den uns M. ausführlich (S. 132–143) berichtet, Canonicus Gleim, Klinger, Gotter; über die Bühnen der oberwähnten Städte gibt er eingehende Berichte, und für die Hofbühne waren Brockmann [Bd. II, S. 152], den Kaiser Joseph ausdrücklich gewünscht, Schütz, Madame Stierle u. A. gewonnen worden. Das Ergebniß dieser Reise war im Ganzen ein so glückliches, daß der Kaiser Müller’n als einen Beweis seiner Allerh. Zufriedenheit ein Gnadengeschenk von 200 Stück Ducaten ausfolgen ließ. Als Früchte dieser Reise sind unter anderen zunächst anzusehen die Gründung einer Pflanzschule junger Talente für die Bühne (S. 236 bis 245) und die Gründung einer Theater-Bibliothek (S. 247–249). Ein anderes Verdienst erwarb sich M. durch sorgfältige Ausbildung jugendlicher Talente für seine Kunst, in welcher manche seiner Zöglinge später zu Bedeutung gelangten. Ferner gründete er im J. 1779 auf eigene Kosten eine theatralische Pflanzschule für das Kärnthnerthor-Theater, hatte aber mit dieser Schöpfung wenig Glück, Cabalen aller Art erschwerten ihm die Leitung der Art, daß er die Anstalt bereits nach drei Jahren aufzugeben genöthigt war. Auch die Einführung der Ballete war sein Werk, und mehrere derselben, wie „Medea und Jason“, „Die Horatier“, „Agamemnon“, „Adelheid von Ponthieu“ u. a. wurden unter seiner Leitung mit solchem Glanze und kostbarer Ausstattung aufgeführt, wie dergleichen Wien früher nicht gesehen hatte. Nachdem M. 39 Jahre in vorbeschriebener Weise an diesem Kunstinstitute thätig gewesen, trat er am 17. December 1801 auf dem k. k. Theater am Kärnthnerthore zum letzten Male in Kotzebue’s „Bruderzwist“ auf. Die ungeheure Einnahme dieses Abends, die über 6000 Silbergulden betrug, gibt einen Maßstab von der Theilnahme des Publicums. Von Sr. Majestät dem Kaiser erhielt er 1000, von der Königin von Neapel mit einer prächtigen goldenen Dose 600 fl. Müller war zur Zeit, als er die Hofbühne verließ, 63 Jahre alt. Er übernahm nun die Leitung einer Schauspielergesellschaft, welche von dem regierenden Fürsten Alois von Liechtenstein unterhalten wurde und während der Sommermonate Vorstellungen in dem nächst Wien, gegenüber Hietzing und Schönbrunn gelegenen Penzing gab. Als aber der Fürst im Jahre 1805 starb, wurde auch diese Gesellschaft aufgelöst. M. war auch als dramatischer Schriftsteller und als Historiograph der Bühne, welcher er angehörte, thätig. Von seinen dramatischen Arbeiten sind im Drucke erschienen: „Der Ball oder der versetzte Schmuck“, Lustspiel in zwei Aufzügen (Wien 1770, 8°.); – „Stirbt der Fuchs, so gilt’s den Balg“, ein ländliche Gemälde in einem Aufzuge (ebd. 1770, 8°.); – „Vier Narren in einer Person“, Vorspiel in einem Aufzuge (ebd. 1770, 8°.); – „Die unähnlichen Brüder“, ein Lustspiel in fünf Aufzügen (ebd. 1771, 8°.); – „Gräfin Tarnow“, ein Drama in fünf Aufzügen (Wien 1771); – Die Insel der Liebe, oder Amor, Erforscher der Herzen“, ein Lustspiel in zwei Aufzügen (ebd. 1773); – [385] „Präsentirt das Gewehr“, ein Lustspiel in zwei Aufzügen (ebd. 1775). Außerdem schrieb M.: „Genaue Nachrichten von den beyden k. k. Schaubühnen und anderen öffentlichen Ergötzlichkeiten in Wien“ (1772, 8°.), die Fortsetzung davon für das Jahr 1773 (ebd.); – ein „Tagebuch von beyden k. k. Theatern in Wien“ (ebd. 1775, 8°.) – und in seinem Buche: „J. H. F. Müller’s Abschied von der k. k. Hof- und National-Schaubühne“ (Wien 1802, Wallishausser, 8°.), neben einer kurzen Darstellung seine Lebens, wie schon erwähnt, eine gedrängte Geschichte des Wiener Hoftheaters. –